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Ein ferpektes Verbrechen

Originaltitel: Crimen Ferpecto__Herstellungsland: Spanien/Italien__Erscheinungsjahr: 2004__Regie: Álex de la Iglesia__Darsteller: Guillermo Toledo, Mónica Cervera, Luis Varela, Fernando Tejero, Kira Miró, Enrique Villén, Alicia Andújar, Eduardo Gómez, Javier Gutiérrez, Montse Mostaza, Gracia Olayo, Isabel Osca u.a.

Ein ferpektes Verbrechen

Ein ferpektes Verbrechen

Mediabook Cover B von “Ein ferpektes Verbrechen”

Fer·pek·ti·o̱n: Illusion der höchsten Vollendung in der [technischen] Beherrschung oder Ausführung von etwas; Trugbild einer vollkommenen Meisterschaft
– Duden (Abwandlung)

Die Welt des Damenmoden-Verkaufsleiters Rafael (Guillermo Tolido) ist nach klarem Regelwerk geschneidert: Sein ganzer Raum besteht aus Requisiten wie Kleiderständern und der Kasse, nützlichen Instrumenten bei der Eroberung der weiblichen Welt, in der er sich heimisch fühlt. Die Objekte seiner Begierde sind die hübschen Kolleginnen ebenso wie konsumwillige Kundinnen der bevorzugt betagten und manipulierbaren Sorte. Beide nimmt sein ausgebildetes Adlerauge aus denkbar unterschiedlichen Gründen ins Visier. Witterung wird wahlweise durch den Geruch von Sex oder Cash-Ins aufgenommen. Dies sind die beiden Konstanten in seinem durchstrukturiertem Leben, das sich vollständig im begrenzten Mikrokosmos der Abteilung eines Madrider Kaufhauses abspielt.

„Ein ferpektes Verbrechen“ eröffnet dementsprechend mit komplett weißem Hintergrund, der alles im Unsichtbaren lässt, was nichts mit den Interessen des Verkäufers zu tun hat. Man wähnt sich in einer der Konstruktszenen aus „Matrix“, in denen Morpheus Neo mit der Nutzung der Programme vertraut macht. Rafael bezweckt das Gleiche wie Morpheus, sein Neo ist eine Gruppe neuer Angestellter, die er in der hohen Kunst seines Berufs unterrichtet. Álex de la Iglesia lässt seinen Hauptdarsteller im folgenden mit quirliger Sprache, schnellem Schritt und flotten Überleitungen seine oberflächliche Welt vorstellen. Spricht er über seine Kolleginnen, werden rassige Schönheiten per Zeitlupe ins Bild gerückt und der Hintergrund verschwimmt zum funkelnden Farbenspiel; überquert er in einer der wenigen Außenszenen eine belebte Fußgängerpassage, verblasst die Menschenmasse zum bedeutungslosen Strom, aus dem nur wieder eine weitere Schönheit hervorragt. Verkäuferin Lourdes (Mónica Cervera) dagegen gehört als weniger attraktives Geschöpf in dieser Phase noch dem unsichtbaren Bereich an – bis Rafaels Welt wegen eines Unfalls zu bröckeln beginnt…

Weshalb man dem spanischen Regisseur nachsagt, er gehöre zu jener Generation von Filmemachern, die ganz direkt von der poststrukturalistischen Methodik Quentin Tarantinos beeinflusst seien, wird in diesem Auftakt mehr als deutlich. Die schwarze Komödie erinnert in ihrer klassischen Machart optisch an die späten 90er und nimmt mit ihrem Kaufhaus-Setting sogar direkten Bezug auf eine wichtige Plansequenz aus „Jackie Brown“. Durchgängig bewahrt sich „Ein ferpektes Verbrechen“ eine aufreizende Schnelligkeit, die sich von der prinzipiellen Ereignisarmut des Drehbuchs abhebt. Dieses beinhaltet zwar im Geiste Hitchcocks Mord, Eskalation und Folgewirkung, es treibt das lustvolle Spiel mit dem Verbotenen aber nicht insoweit auf die Spitze, dass am Ende völlige Irreversibilität herrschen würde, so wie in vielen amerikanischen Kleinkriminellen-Balladen, die nach Tarantino entstanden. Interessierter zeigt sich der Regisseur daran, wie gesellschaftlicher Status und unmittelbare Umgebung das Denken des Menschen formen und was geschieht, wenn man durch ungeplante Ereignisse aus der selbst errichteten „perfekten Welt“ gerissen wird.

So schwungvoll die Präsentation auch sein mag, meist fehlt ihr die letzte Pointe oder auch einfach ein Puzzleteil, um vollständigen Sinn zu ergeben. So spielt Guillermo Tolido das glatte Arschloch mit Charme zwar so überzeugend, dass man Schlittschuh auf ihm laufen könnte, in Anbetracht seines Selbstverständnisses fragt man sich aber doch, wie er als jemand mit derart beschränkten Ambitionen („ich lebe hier und ich werde hier sterben“) solche Anbetung von ausnahmslos allen Frauen der Stadt erfahren kann.

Schaut in “Ein ferpektes Verbrechen” hinein

Der Unfall, der dann für die Wendung im Plot sorgt, ist im Grunde eine Variation aus „Very Bad Things“ und zieht ein abstruses Versteckspiel nach sich, aber auch hier gilt: Das mit Kunden und Kollegen gefüllte Kaufhaus hätte grundsätzlich noch schrillere Möglichkeiten für einen Eiertanz mit Timing, Zufall und Glück geboten. Dass schließlich das Todesopfer, ein ungeliebter Kollege, als grün geschminkter, halb durchsichtiger Geist bzw. Ausgeburt der Fantasie immer mal wieder auftaucht, um gemeinsam mit seinem Mörder eine Analyse der Situation vorzunehmen, gehört zu den typischen Zutaten, die der Regisseur gerne verwendet; zu besonderem Scharfsinn oder Wortwitz führen die Dialoge mit dem Besucher aus dem Jenseits allerdings nicht, allenfalls zu einem aufreizenden Bruch mit der profanen Tarantino-Realität.

Erst als Mónica Cervera in die Handlung eingreift, gewinnt „Ein ferpektes Verbrechen“ wieder seine Balance zurück, die er im Prolog mit viel Effet ausspielte. Als unsichere und doch besitzergreifende Psychopathin mit ebenso vielen Widersprüchen belegt wie der Hauptcharakter, ergänzt sie diesen „ferpekt“, indem sie immer gerade das tut, was ihm gerade nicht in den Kram passt. Es entsteht eine Komplizenschaft, die ihre Spannung daraus bezieht, dass man nicht sagen kann, zu welchem Anteil sie symbiotisch ist und wo sie ins Parasitäre übergeht.

Während sie den ehemaligen Hahn im Korb langsam erpresserisch um den Finger wickelt und die Modellierung einer Zweckgemeinschaft ihren Lauf nimmt, wird der Ausdruck etwas harscher und der Humor zunehmend bitterer. Auch ohne beispielsweise das Zersägen der Leiche mit übertriebenen Ekeleffekten zu garnieren, gelangen schließlich doch die Züge einer Groteske an die Oberfläche, was kurz vor dem Ende dann auch visuell mit Chaos, Feuer und Zerstörung untermauert wird. Allerdings fällt immer wieder auf, wie akribisch de la Iglesia auf harte Brüche hinarbeitet, nur um dann den letzten Schritt nicht zu wagen. Stellvertretend sei der Jahrmarktsbesuch mit gleich zwei Szenen dieser Art erwähnt (Geisterbahn, Riesenrad), nicht zuletzt aber auch das große Finale im Kaufhaus. Das hat in gewisser Weise mit der Handlungsunfähigkeit zu tun, die den anfangs noch so selbstbewussten Rafael mit Auftreten seiner Nemesis befällt, geht aber weit über seine Figur hinaus.

So gesehen stellt sich „Ein ferpektes Verbrechen“ trotz seiner unterhaltsamen Erzählweise und seines gut aufgelegten Hauptdarstellergespanns mit der inkonsequenten Handhabung seiner Pointen selbst ein Bein. Immerhin bereitet der mit beißender Modekritik ausgestattete Epilog innerlich schon mal auf seinen übernächsten Film „Mad Circus“ vor, der die Konsequenz dann endlich ausspielen und seinem Regisseur dadurch zu einem kleinen Geniestreich verhelfen würde.

6 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von “Ein ferpektes Verbechen”

An Veröffentlichungen mangelt es Álex de la Iglesias’ siebtem Film hierzulande nicht. In der zweiten Hälfte der 00er Jahre veröffentlichte e-m-s diverse DVDs zum Film, darunter auch eine „Special Edition“ mit Audiokommentar, Making Ofs, gelöschten Szenen und mehr. Wicked-Vision legte Anfang 2018 dann noch einen drauf und sorgte für die deutsche Blu-ray-Premiere.

Zur Auswahl stehen wieder drei limitierte Mediabooks. Das mit 288 Exemplaren am strengsten limitierte Cover C zeigt das „Hochzeitsmotiv“, das auch schon auf den DVDs von e-m-s zur Anwendung kam. Für die jeweils auf 555 Stück limitierten Varianten A und B verwendete man jeweils neue Artworks von Ralf Krause bzw. Darly Joyce, denen man vorwerfen könnte, sich bei der Motivwahl auf die reißerischen Aspekte des Films konzentriert zu haben, die aber mal wieder äußerst schick anzusehen sind. Im Inneren wartet ein 24-seitiges Booklet, das erfreulicherweise alle drei Motive in der ein oder anderen Weise noch einmal abbildet. Manu Magno liefert darin außerdem einen Text, der Inhaltsangabe, Filminterpretation und biografische Einordnung des Regisseurs miteinander vereint. Weiterhin folgt die Tracklist des Soundtracks, eine Vorstellung der drei wichtigsten Figuren sowie ein ausführliches Interview mit dem Regisseur.

Moment, Tracklist? Richtig, anstatt der obligatorischen DVD liegt der Blu-ray diesmal eine CD bei, die den 55-minütigen Soundtrack beinhaltet, eine wilde Mischung aus Funk, Klassik, Orchester und Zirkusmusik. Eine immer wieder wünschenswerte Zugabe, gerade wenn sie wie in diesem Fall vorbildlicherweise auf einen Datenträger gepresst wird. Mehr davon, bitte!

Der Film liegt in 2,35:1 mit 1080p vor; deutsche Synchronisation und spanischer Originalton sind jeweils in DTS-HD 5.1 oder wahlweise auch 2.0 verfügbar, wobei letzteres nicht von außen auf der Verpackung angegeben ist. Audiovisuell erinnert die Scheibe auf angenehme Weise an die Anfänge des DVD-Zeitalters. Das Bild ist zwar wesentlich schärfer und genügt den heutigen Ansprüchen vollauf, gerade die Farbgebung reflektiert aber authentisch die Entstehungszeit. zum Ton ist zu sagen, dass die 2.0-Spur erste Wahl sein sollte, möchte man das Original genießen, da die 5.1-Spur offenbar nachträglich konvertiert wurde; schön, dass man die Wahl hat.

“Ein ferpektes Verbrechen” im Tonvergleich (2004 vs. 2017)

Die Extras unterscheiden sich mutmaßlich nicht allzu sehr von der „Special Edition“ aus dem Hause e-m-s: An Bord ist ein Audiokommentar von Regisseur Álex de la Iglesia und Drehbuchautor Jorge Guerricaechevarría, weiterhin Interviews mit Regisseur und Hauptdarstellern, ein Making-Of und eine kurze B-Roll, gelöschte Szenen mit Einleitung des Regisseurs sowie Trailer, Teaser, Bildergalerien und Storyboards. Das gesamte Material – ohne die Laufzeit des Soundtracks und des Audiokommentars – bringt es auf rund eine Stunde. Gegenüber der alten DVD verpasst man also offenbar nichts an Extramaterial, allerdings wurden die Untertitel allesamt komplett neu erstellt (Deutsch und erstmals ist auch Englisch dabei). Hauptverkaufsargument ist also neben dem technischen Update die hübsche Aufmachung samt Booklet, die aufgepeppte Präsentation sowie der Soundtrack auf CD.

Sascha Ganser (Vince)

Bildergalerie von “Ein ferpektes Verbrechen”

Ein ferpektes Verbrechen

Rafael (Guillermo Tolido) durchbricht gerne die Vierte Wand, um den Zuschauer unmittelbar zu erreichen.

Ein ferpektes Verbrechen

Und das ist es, was er uns zu vermitteln versucht.

Ein ferpektes Verbrechen

Woraufhin er uns seine Fähigkeiten direkt an einem Beispiel demonstriert.

Ein ferpektes Verbrechen

Doch dann führt ihn das Schicksal mit Lourdes (Mónica Cervera) zusammen.

Ein ferpektes Verbrechen

Behandelt man sie gut, ist Lourdes eine echte Frohnatur.

Ein ferpektes Verbrechen

Sie kann aber auch ganz anders!

Ein ferpektes Verbrechen

In “Ein ferpektes Verbrechen” dreht sich das Rad der Liebe so schnell…

Ein ferpektes Verbrechen

…dass man darüber auch mal den Kopf verlieren kann.

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