Actionfilme, Actionstars und einfach Action satt

Thor – Tag der Entscheidung

Originaltitel: Thor: Ragnarok__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2017__Regie: Taika Waititi__Darsteller: Chris Hemsworth, Tom Hiddleston, Cate Blanchett, Idris Elba, Jeff Goldblum, Tessa Thompson, Karl Urban, Mark Ruffalo, Anthony Hopkins, Tadanobu Asano, Ray Stevenson, Benedict Cumberbatch, Rachel House, Sam Neill, Luke Hemsworth, Matt Damon, Scarlett Johansson u.a.
Thor - Tag der Entscheidung

Marvel Donnergott wandelt auf den Spuren von „Guardians of the Galaxy“ in Taika Waititis „Thor – Tag der Entscheidung“

Gerüchten zufolge empfand Chris Hemsworth seine bisherige Rolle als edler, an Erdengebräuche nicht gewöhnter Göttersohn etwas eintönig, bat um Neuausrichtung und holte den komödienerfahrenen Neuseeländer Taika Waititi („5 Zimmer Küche Sarg“) als Regisseur für den dritten „Thor“-Film ins Boot.

Nun hatten bereits „Thor“ und das Sequel „Thor: The Dark Kingdom“ ironische bis komödiantische Züge um die Figur des heldenhaften Donnergottes goutierbar zu machen und in den Avengers-Kosmos einzufügen. In „Thor: Ragnarok“ geht Marvel allerdings einen Schritt weiter: Thor ist hier ein Sprücheklopfer, auf den der Kontakt mit Tony Stark abgefärbt zu haben scheint (während Stark im Gegenzug seit „Iron Man 3“ nachdenklicher ist). Wenn Thor sich also scheinbar dem Feuerriesen Sutur (im Original von der markigen Stimme Clancy Browns gesprochen) ausliefert, dessen pathetische Vorträge unterbricht und selbst kurz auf die Rettung durch seinen Hammer Mjölnir warten muss, dann ist die neue Stoßrichtung klar. Noch bevor Thor sich zu den Klängen von Led Zeppelins „Immigrant Song“ in einen Kampf stürzt, bei dem das gimmickhafte 3D den Achterbahncharakter dieses Sequels zum Ausdruck bringt.

Zurück in Asgard kriegt Thor in Windeseile spitz, dass sein Bruder Loki (Tom Hiddleston) es sich dort in der Gestalt von Göttervater Odin (Anthony Hopkins) auf dem Thron bequem gemacht hat – lässt dieser doch pathetische Theaterstück über die Vergangenheit aufführen. Dabei ist Cameo-Zeit: Im intradiegetischen Stück spielt Matt Damon („Jason Bourne“) Loki, Sam Neill („Escape Plan“) Odin und Chris‘ Bruder Luke Hemsworth („The Osiris Child“) – wie könnte es anders sein – Thor. Es folgt ein kurzes Intermezzo mit der Suche nach Odin, bei dem ein paar begrenzt witziger und auf die Dauer enervierender Gastauftritt von Dr. Steven Strange (Benedict Cumberbatch) angesagt ist, der leider eher unnötig erscheint, selbst wenn man die Post-Credit-Sequenz aus „Doctor Strange“ nun einmal aus anderer Sicht erlebt.

Kaum hat man den Göttervater gefunden, trabt bereits die mächtige Todesgöttin Hela (Cate Blanchett), Odins Erstgeborene, an, besetzt Asgard, wobei Thor machtlos ist, denn noch nicht einmal eine mächtige Waffe wie Mjölnir kann Hela etwas entgegensetzen. Nach dem verlorenen Gefecht landet Thor auf dem Planeten Sakaar, wo ihn die Gefolgsleute des Grandmaster (Jeff Goldblum) gefangen nehmen und bei Gladiatorenspielen antreten lassen. Doch auch als Gladiator arbeitet Thor darauf hin Hela aus Asgard zu vertreiben und Verbündete für den Kampf zu suchen…

Thor - Tag der Entscheidung

Die Avengers Thor (Chris Hemsworth) und Hulk (Mark Ruffalo) müssen nun als Gladiatoren antreten

Die Trailer deuteten die Neuausrichtung bereits an, die bei Marvel sicher auch durch den hauseigenen Erfolg von „Guardians of the Galaxy“ und dessen Sequel befürwortet wurde. Ähnlich wie die beiden James-Gunn-Filme ist „Thor: Ragnarok“ besonders bunt und bezieht sich auf die 1980er: Science-Fiction- und Abenteuerfilme wie „Flash Gordon“, „Battle Beyond the Stars“ und der von Waiti als offenes Vorbild genannte „Big Trouble in Little China“ kommen dem Zuschauer schnell in den Sinn. „Thor: Ragnarok“ sieht aus wie ein buntes Sci-Fi-Comicheft, wobei Ausstattung und Make-Up-Department kräftig mitarbeiten: Sakaar ist ein bunt zusammengestoppelter Müllplanet zwischen „Star Wars“ und Endzeitfilm, das Publikum der Gladiatorenspiele feiert farbenfroh wie die Geistesbrüder in „The Hunger Games“ und schräge Kreaturen gibt es unter den Gladiatoren, Schrottsammlern und Glücksrittern einige – das Steinwesen Korg wird von Regisseur Taika Waititi im Originalton selbst gesprochen.

Waititi mag zwar aus dem Bereich der gering budgetierten Komödie kommen, beweist aber auch bei der Inszenierung eines derart dicken Mainstream-Schlachtschiffs inszenatorisches Geschick, gerade was die Bildkompositionen angeht. Dabei besonders eindrucksvoll: Die Rückblende zur Schlacht zwischen Hela und den Walküren. Eine abtrünnige Walküre (Tessa Thompson), die nun als saufende Schrottsammlerin ihr Geld verdient, gehört überdies zum Kreis der potentiellen Verbündeten oder Rivalen ebenso wie der ebenfalls auf Sakaar gestrandete Loki und der dort als Gladiator kämpfende Hulk (Mark Ruffalo), der ja nach den Ereignissen von „Avengers: Age of Ultron“ lost in space war und sich zwei Jahre lang nicht in Bruce Banner zurückverwandelte. Insofern wird Teamspirit hier großgeschrieben, ähnlich wie bei den Guardians und den Avengers, was auch dadurch ironisch betont wird, dass Thor sein Team als Revengers bezeichnen möchte.

Thor - Tag der Entscheidung

Loki (Tom Hiddleston) und die abtrünnige Walküre (Tessa Thompson) kriegen sich in die Haare

Ironisch bis komödiantisch ist hier sowieso fast alles, was manchmal einen seltsamen Mix abgibt: Ragnarok als anstehende Götterdämmerung, die meuchelnde Hela und Unmenge tote Asen beißen sich stellenweise doch mit dem bunten Sci-Fi-Quatsch-Abenteuer, das „Thor: Ragnarok“ mit Leib und Seele ist. Viele von Thors Mitstreitern werden sang- und klanglos dahingemeuchelt, andere, wie Lady Sith, tauchen gar nicht auf und das Beziehungsende mit Jane Foster wird nur kurz erwähnt. Hier wird Tabula rasa mit den meisten Altlasten gemacht, stilistisch wie inhaltlich. Jedoch hat Waititi die Mischung aus Heldenabenteuer und dessen komödiantischer Brechung nicht ganz so stilsicher drauf wie James Gunn: Manchmal wirken die Sprüche und Witzeleien etwas zu gewollt, etwas zu aufgesetzt, auch wenn es nur einige Szenen sind, in denen der Film strauchelt.

Auch schreiberisch ist „Thor: Ragnarok“ nicht ganz fehlerfrei: Die Hela-Bedrohung läuft über weite Strecken nebenher, damit es am Ende was zu bekämpfen gibt, während der Rest für Wortgefechte, Actionszenen und Buddy-Komik zwischen Thor und dem Hulk ausgenutzt wird. Dank des hohen Tempos sieht man allerdings auch gerne darüber hinweg, dass hier die Einzelszene mehr zählt als die Gesamtgeschichte. Und noch dazu gelingen Waititi und dem Autorentrio Eric Pearson, Craig Kyle und Christopher Yost memorable Dinge, die über den flüchtigen Gag hinausgehen: Gerade die Geschichte der rivalisierenden Brüder Thor und Loki wird hier gelungen weiter, vielleicht sogar bis zu einem Ende erzählt. Wobei das mit dem Ende bei einem notorischen Opportunisten und Seitenwechsler wie Loki nun schwer sagen ist.

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Der Grandmaster (Jeff Goldblum) herrscht über Sakaar, ist aber ein aufgeblasener Popanz, kein ernstzunehmender Schurke

Sichtlich angetan von der Frischzellenkur erscheinen die Darsteller: Chris Hemsworth („The Cabin in the Woods“) wirkt sehr elanvoll, darf er doch hier sein komödiantisches Talent vollends ausspielen, wobei er mit Mark Ruffalo („Collateral“) und Tom Hiddleston („Kong: Skull Island“) zwei hervorragende Partner fürs verbale Sparring bekommt. Tessa Thompson („Creed“) als Neuzugang fügt sich launig ins Team ein, während alte Bekannte wie Idris Elba („Bastille Day“), Anthony Hopkins („Solace“), Zachary Levy („Chuck“) und Ray Stevenson („Die etwas anderen Cops“) zu besseren Stichwortgebern degradiert werden. Waititi-Weggefährtin Rachel House („Wo die wilden Menschen jagen“) hat Spaß in einer Nebenrolle als rechte Hand des Grandmasters – und als dieser hat Jeff Goldblum („Independence Day – Wiederkehr“) noch viel mehr Vergnügen, wenn er den Planetenherrscher als kindischen wie impulsgetriebenen Popanz anlegt. Das ist natürlich kein Schurke, dafür muss Cate Blanchett („Knight of Cups“) ran, die zwar Charisma als Totengöttin hat, dies aber viel zu selten ausspielen kann und vom Film zu wenig genutzt wird. Wirklich schlecht hat es allerdings nur Karl Urban („Dredd“) getroffen: Als potentieller Heimdall-Ersatz und Lebemann Skurge, der hier mehrere Wendungen durchläuft, wirkt er stets etwas bemüht, kommt nie so richtig im Film an und erscheint damit leider etwas überflüssig.

Ein Punkt, in dem „Thor: Ragnarok“ seine Vorgänger überflügelt, ist die Action. Natürlich sind Sci-Fi-Kloppereien und Götterschlachten vor allem eine Aufgabe für den Rechner, das ändert auch der dritte „Thor“ nicht. Denn auch hier werden Blitze geschleudert, Thor fliegt hammergetrieben durch Gegnerhorden, während Hela ein unendliches Klingenarsenal aus ihrem Mantel abfeuert und der Hulk mit einem Riesenwolf ringt. Doch zum einen setzt der Film manchmal auf erfreulich gut choreographierte (wenn auch meist kurze) Nahkampfszenen, zum anderen nutzt er die Fähigkeiten seiner Kontrahenten für visuell kreative Konfrontationen: Thor wirbelt durch die Gegnerhorden, dynamische Zeitlupen fangen die Anflüge der Angreifer stimmig ein (gern werden Bildkader hier diagonal durchquert), Hela setzt Felsnadeln als gigantische Waffen ein, zwei Asen springen von Raumschiff zu Raumschiff um Verfolger auszuschalten usw. Und wenn im Showdown zum zweiten Mal der „Immigrant Song“ zur Actionuntermalung eingesetzt wird, dann hat das Gänsehautpotential.

Sicher, der Plot hat manchmal Alibifunktion, mancher Witz ist etwas bemüht und in Sachen Schurkin hat „Thor: Ragnarok“ das gleiche Problem wie manche Superheldenfilm-Kollegen. Aber auf dieser Basis baut Taika Waititi ein charmantes, witziges und temporeiches Sci-Fantasy-Abenteuer auf, das sein blendend aufgelegtes Ensemble fast durchweg grandios zu nutzen weiß, mit kreativer Bombast-Action aufwartet und die Thor-Loki-Geschichte stimmig weitererzählt. Damit lässt er Alan Taylors zweiten Teil auf jeden Fall hinter sich und ist sogar der vielleicht beste „Thor“-Film. Auf jeden Fall der mit dem offenherzigsten Pulp-Appeal und das macht ihn durchweg sympathisch.

„Thor – Tag der Entscheidung“ läuft seit dem 31. Oktober 2017 in den deutschen Kinos und ist ungekürzt ab 12 Jahren freigegeben. Man kann den Film in 2D und 3D bestaunen, wobei sich die 3D-Fassung in diesem Falle lohnt.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Walt Disney__FSK Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 31.10.2017 in den deutschen Kinos

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