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6 Underground

Originaltitel: 6 Underground__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2019__Regie: Michael Bay__Darsteller: Ryan Reynolds, Mélanie Laurent, Manuel Garcia-Rulfo, Ben Hardy, Adria Arjona, Dave Franco, Corey Hawkins, Lior Raz, Payman Maadi, James Murray, Yuri Kolokolnikov u.a.
6 Underground

In der Netflix-Produktion “6 Underground” schickt Michael Bay seinen Hauptdarsteller Ryan Reynolds und dessen Team auf eine actionreiche Mission

Es ist ja bekannt, dass Netflix seine erste Prestige-Produktion, die Serie „House of Cards“, auf Basis von Nutzerdaten und Konsumentenvorlieben plante. Es wäre nicht verwunderlich, wenn auch ein Algorithmus für die Genese von „6 Underground“ verantwortlich wäre, demzufolge die Nutzer wohl episodische Over-the-Top-Action im Stile der „Fast & Furious“- und „Mission: Impossible“-Reihen, Michael Bays Filme und Ryan Reynolds‘ „Deadpool“-Plappereien mochten.

So sind die sind die Drehbuchautoren von „6 Underground“, Rhett Reese und Paul Wernick, mit „Deadpool“, dessen Sequel und „Life“ nicht nur so etwas wie Reynolds‘ derzeitige Stammautoren, sondern haben mit „G.I. Joe – Die Abrechnung“ genau jene Form von Popcorn-Action in ihrer Vita. Auch strukturell blitzt ihre „Deadpool“-Erfahrung durch, denn wie ebenjener Erfolg steigt auch „6 Underground“ mit einer Actionszene, einer Verfolgungsjagd durch Florenz, ein und liefert eventuelle Erklärungen erst durch Flashbacks. Alle Helden tragen nur Codenamen, angefangen bei One (Ryan Reynolds), einem Milliardär, der seinen Tod vortäuschte und das Team zusammenstellte. Dieses besteht aus der Spionin Two (Mélanie Laurent), dem Auftragsmörder Three (Manuel Garcia-Rulfo), dem Parkour-Spezialisten Four (Ben Hardy), der Ärztin Five (Adria Arjona) und dem Fahrer Six (Dave Franco). Wobei das Team direkt eingedampft wird, denn schon zu Beginn des Auftakts erwischt es überraschenderweise einen aus der Truppe.

Um das halbe Dutzend wieder vollzumachen, rekrutiert One als Neuling der Scharfschützen Seven (Corey Hawkins), der nach vorgetäuschtem Selbstmord nun in das Leben als Geist und die Mission eingeführt wird. Die besteht darin all jene Schurken und Kriegsverbrecher, denen auf anderem Wege nicht beizukommen ist, aus dem Verkehr zu ziehen. Ihr erstes Ziel ist der Diktator Rovach Alimov (Lior Raz), der trotz Giftgasangriffen auf die eigene Bevölkerung bisher von der internationalen Staatengemeinschaft unbehelligt regieren konnte. Es hängen noch mehr potentielle Ziele am Whiteboard im Hauptquartier der Spezialtruppe, denn Netflix hat hier eine potentielle Franchise im Auge und butterte immerhin 150 Millionen Dollar in das Projekt – sein bisher zweitteuerstes nach „The Irishman“.

Um den Diktator abzusetzen, wollen One und seine Kollegen einen Coup in dessen Heimatland Turgistan anzetteln, wofür sie wiederum Rovachs im Exil festgehaltenen, an Demokratie glaubenden Bruder Murat (Payman Maadi) als Alternative installieren wollen. Um dessen Aufenthaltsort zu erfahren, müssen sie wiederum erst einmal Rovachs wichtigste Generäle ausquetschen…

6 Underground

One (Ryan Reynolds) finanziert das Team und führt es an

Eines kann man sicher sehr klar über „6 Underground“ sagen: Der monetäre Aufwand, der hinter dem Ganzen steckt, ist ungleich größer als die Arbeit, die Reese und Wernick in das Script steckten. So bleiben alle Figuren trotz diverser Rückblenden und kleinerer Subplots (z.B. Threes Besuche bei seiner dementen Mutter) nur oberflächliche Chiffren, die kaum mehr als ihre Teamfunktionen sind. One erhält etwas mehr Profil, ist letzten Endes aber auch nur ein Tech-Entrepreneur, der sein Milliardenvermögen für Gutes einsetzen will, nachdem er einmal Leid aus nächster Nähe sah. Dafür stellt er strikte Regeln auf, arbeitet bewusst als Outlaw, der nicht lange fackelt und Schurken ohne jeden Prozess ausknipst, und erwartet von seinem Team, dass es seinen Regeln genauso folgt. Dem gegenüber wird Seven als Gegenpol aufgebaut, der mehr Menschlichkeit möchte, mehr Sorge der Teammitglieder um- und untereinander, was zu Konflikten mit One führt – die natürlich in Hälfte zwei überwunden werden, damit nun als Team und Ersatzfamilie nun füreinander durchs Feuer geht.

Auch in Sachen Plot vollbringen Reese und Wernick ganz sicher keine Wundertaten. Der Schurke ist ein 08/15-Diktator, dessen absolute Schurkigkeit durch ein paar Einzelszenen etabliert wird: Giftgasangriffe auf die eigene Bevölkerung, PR-technische Ausschlachtung der eigenen Grausamkeit, Exekution eigener Leute durch Vom-Hochhaus-Werfen. Sonst hat er aber wenig Profil, wenig echte Bedrohlichkeit, und ist nur dafür da, dass die Helden jemanden haben, am dem sie sich abarbeiten können. Auch die Jagd auf den Schurken ist Standard nach „Mission: Impossible“- bzw. „Fast & Furious“-Bauart: In mehreren großen Set-Pieces müssen eben bestimmte Informationen, Gegenstände oder Personen gesichert werden, dazwischen gibt es etwas Teamgeplänkel und Hintergrundinfos, wobei „6 Underground“ recht linear verläuft: Es gibt kaum Rückschläge, kaum neue Pläne, sondern jedes Puzzleteil für zum nächsten Coup.

6 Underground

Hier ist Bayhem angesagt: Die Handschrift des Regisseurs ist nicht nur in der Action unverkennbar

Und auch bei manchen Coups fehlt etwas, was die „Mission: Impossible“-Filme besser hinbekommen: Eine Etablierung der Schauplätze, anhand derer man versteht, welche Figur wo ist, welche Aufgabe sie wahrnimmt und welche Gefahren wo lauern. Gerade der Penthouse-Heist und das Finale auf der Yacht hätten hiervon profitiert und eigentlich kann Regisseur Michael Bay („13 Hours – The Secret Soldiers of Benghazi“) sowas ja auch: Man denke an das Flughafen-Shoot-Out in „Bad Boys“, die Duschraumszene in „The Rock“ oder die finale Straßenschlacht in „Transformers“, die durch klare Rauminszenierung beeindrucken. Das ist schade, denn sonst fährt Bay in seinem bewährten Videoclipstil alles auf, wofür man ihn kennt: Komplex aufgebaute Shots, schnelle Schnitte, stylischer Videocliplook, akzentsetzende Zeitlupen, Stadtpanoramen von Florenz, Las Vegas und Hongkong. Damit sieht „6 Underground“ wesentlich mehr nach Kino aus als viele andere Actionfilme, die es ins Lichtspielhaus schaffen, man denke an Millennium-Films-Produktionen wie „The Mechanic: Resurrection“, „The Hitman’s Bodyguard“ oder „Rambo: Last Blood“, die über weniger Budget und merklich schwächere Effekte verfügen.

Abgesehen von den etwas vergeigten Set-Ups kann man über die Actionszenen aber kaum meckern, denn Bay beweist sich hier mal wieder als begnadeter Formalist mit ordentlich Budget zum Kaputtmachen im Rücken. Neben anfänglichen Autojagd, bei der diverse Verfolger, deren Fahrzeuge und Teile von Florenz zu Bruch gehen, gibt es ein kurzes Shoot-Out in Las Vegas, ein ausgiebiges Shoot-Out in und um eine Luxuswohnung in Hongkong sowie den Showdown, der größtenteils aus Kampfhandlungen in und um eine Yacht besteht. Dabei setzt sich „6 Underground“ von gängigen PG-13-Mainstream-Actionfilmen ab, präsentiert durchbohrte Körper, blutige Einschüsse und einen herausgetrennten Augapfel. Das ist alles kinetisch inszeniert, besitzt ein paar nette inszenatorische Einfälle (etwa ein Einschussloch in einem gläsernen Swimmingpool als Atemhilfe oder die Magnetisierung einer Yacht), und weist ähnlich wie etwa „Ronin“ daraufhin, dass es bei Verfolgungsjagden und Schießereien in der Stadt auch durchaus zu toten Zivilisten kann, allerdings ohne so voyeuristisch draufzuhalten wie David Ayer in einer ähnlichen Szene in „Sabotage“.

6 Underground

One und sein Team auf dem Weg zur Erfüllung der nächsten unmöglichen Mission

Garniert wird das Ganze mit Gags und Onelinern, die an das bisherige Schaffen von sowohl Regisseur als auch Hauptdarsteller erinnern: Trocken vorgetragene Dialoge über Tod und Verderben, Schwanzwitze, Filmzitate zur passenden wie unpassenden Zeit (u.a. aus „Einer flog über das Kuckucksnest“, „Taxi Driver“ und „The Sixth Sense“) und dergleichen. Damit ist „6 Underground“ Teil jener modernen, übercoolen Actionreißer, gegen welche selbst die lockersten Genrevertreter der 1980er und 1990er noch regelrechte Gravitas ausstrahlen. Als solcher bietet sich „6 Underground“ als härtere Variante von „The Losers“ an, ohne dessen präzisere Figurenzeichnung. Nur manchmal knarzt das Rezept, etwa wenn ein Kriegsverbrechen, eingefangen als ästhetischen Bildern, als Basis für Ones Pläne zur Schaffung des 6-Underground-Teams dienen soll. Da versucht der sonst so lockere Filme auf einmal einen auf ernst zu machen, was nicht so ganz funktioniert.

Von seinen derzeitigen Hausautoren werden Film und Hauptrolle ganz auf Ryan Reynolds („The Voices“) zugeschnitten, der seine Plappermaulcharme und seine spätestens mit „Deadpool“ zum Markenzeichen gewordene Scheißegalattitüde mehr als brauchbar zu Markte trägt, aber nicht verhehlen kann, dass sich diese Routine langsam etwas abnutzt. Mélanie Laurent („Enemy“), Corey Hawkins („Kong: Skull Island“) und Manuel Garcia-Rulfo („Widows“) können trotz schwach gezeichneter Figuren noch Akzente setzen, Dave Franco („Fright Night“), Adria Ajorna („Das Belko Experiment“) und Ben Hardy („X-Men – Apocalypse“) gelingt das weniger, wirken sie doch sehr beliebig. Beliebig ist auch Lior Raz („Operation Finale“) als wenig präsenter Schurke, da mag seine Rolle noch so verachtenswerte Taten vollbringen – „6 Underground“ bräuchte einen stärkeren Antagonisten.

Trotz einer Laufzeit von etwas mehr als zwei Stunden ist „6 Underground“ dennoch ganz spaßiges Action-Fast-Food mit flotten Sprüchen, edler Bay-Optik und fetzigen Krawallszenen, auch wenn deren Set-Ups besser sein könnten. Dagegen ist der Plot doch etwas überdeutlich episodisch, der Bösewicht egal und die Figuren etwas profilarm gezeichnet. Für den Fall eines Sequels oder einer ganzen Reihe müsste man dort noch mehr Sorgfalt walten lassen, aber „6 Underground“ lässt nicht nur budgetmäßig manchen Kinoactionfilm des Jahres 2019 (etwa „Angel Has Fallen“, „Rambo: Last Blood“ oder „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“) hinter sich, auch wenn er nur auf Netflix und nicht auf der großen Leinwand läuft.

Seit dem 13. Dezember 2019 kann man „6 Underground“ als Netflix-Eigenproduktion bei dem Anbieter streamen. Eine offizielle FSK-Prüfung ist bisher noch nicht bei der Behörde gelistet, Netflix gibt ihn als freigegeben ab 16 Jahren an.

© Nils Bothmann (McClane)

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