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Anarchie

Originaltitel: Cymbeline__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2014__ Regie: Michael Almereyda__Darsteller: Dakota Johnson, Ethan Hawke, Milla Jovovich, Anton Yelchin, Ed Harris, Penn Badgley, John Leguizamo, Bill Pullman, Spencer Treat Clark, James Ransone, Delroy Lindo u.a.
Anarchie

Shakespeare im Biker-Milieu: “Anarchie” basiert auf dem Theaterstück “Cymbeline”.

Wohlan ihr Lieben: Vorhang auf für „Anarchie“. In diesem Film dreht sich alles um Posthumus und Imogen. Ein heimliches Liebespaar, das ebenso heimlich heiratete. Als Cymbeline, der Vater von Imogen und Chef einer Biker-Gang, davon erfährt, verbannt er Posthumus aus der Stadt. Eigentlich sollte Imogen nämlich Cloten ehelichen. Den Sohn von Cymbelines neuer Frau…

Posthumus? Cymbeline? Cloten? Freeman, mich dünkt, du sprichst im Wahn!? Nein, lieber Leser, diese Ahnung kann ich dir leider nicht bestätigen. Vielmehr gehen die seltsamen Namen zurück auf die Originalvorlage des hier besprochenen Filmes. Denn bei „Anarchie“ handelt es sich um eine Verfilmung eines Theaterstückes von William Shakespeare. Dieses hört auf den Titel „Cymbeline“ und wurde von dem Regisseur Michael Almereyda modernisiert und recht storygetreu in unsere Zeit übertragen. Dabei arbeitete er erneut mit Ethan Hawke zusammen, mit dem er bereits „Hamlet“ wenig erfolgreich neu angegangen war.

Ethan Hawke spielt in „Anarchie“ Iachimo. Eine fiese Type, die die Liebe zwischen Imogen und Posthumus heftig auf die Probe stellt. Denn er gibt vor, er habe Imogen verführt und sie sei willig gewesen, sich verführen zu lassen. Posthumus tobt in seinem Exil und beschließt gar, seine Angetraute zu töten. Die hat derweil ganz andere Sorgen, denn Cymbelines Frau will ihr ebenfalls ans Leder. Imogen flieht aus der Stadt, in der obendrein ein Krieg zwischen korrupten Bullen und den Bikern eskaliert, und wird mehr und mehr zum Spielball des Schicksals, das es nicht gut mit ihr zu meinen scheint…

Anarchie

Cymbeline (Ed Harris) befindet sich im Krieg mit korrupten Bullen.

Also eines kann Shakespeare definitiv: Tragödien erzählen. Da macht ihm kaum einer was vor. Und genau das kommt „Anarchie“ definitiv zu gute. Wenn man bei dem etwas zu umfangreich geratenen Figuren-Interieur erst einmal durchgestiegen ist, entwickelt die Story einen netten Sog, der für eine funktionierende Grundspannung garantiert. Das Problem ist, dass „Anarchie“ an dem Modernisierungsansatz scheitert. Dieser wirkt zum einen nicht konsequent genug und zum anderen phasenweise arg unglaubwürdig. So wird nie klar, warum das Umfeld der Handlung eine Biker-Gang sein muss. In Versen sprechende Biker muten zudem einfach seltsam absurd an. Dass die Biker nie beim Biken gezeigt werden und der Film so großräumig sein eigenes Sujet ausblendet, kommt zusätzlich sehr seltsam rüber. Das Beibehalten der Originalnamen und Handlungsorte erweist sich ebenfalls als echter Hemmschuh.

Das Hauptproblem aber ist, dass der Film das Theatralische nie abschütteln kann. Seine Figuren wirken steif und in ihrer Gestik und Mimik immer drüber. In den Dialogen raschelt das Papier. Die Figurenbeziehungen wirken extrem konstruiert und wenn eine Frau nur wegen einem Kurzhaarschnitt nicht mehr als solche erkannt wird, mag das auf dem Papier noch halbwegs glaubwürdig wirken, im Film ist es dann einfach nur extrem bizarr. Der an der Grenze zur Lächerlichkeit lavierende finale Akt, der vor grotesken Situationen und langwierigen Beichten nur so überläuft, lässt einen irgendwann nur noch mit dem Kopf schütteln. Im Grunde wartet man nur darauf, dass sich urplötzlich ein Vorhang über allem schließt und ein Publikum das Klatschen anfängt.

Anarchie

Milla Jovovichs Rolle wirkt sehr zusammengestrichen.

Wobei das hier vermutlich eher ausbleiben dürfte. Denn Begeisterung mag bei „Anarchie“ nie aufkommen. Alles wirkt seltsam willkürlich. Ab und an hat man auch das Gefühl, etwas verpasst zu haben, weil manche Zusammenhänge nie klar werden. Mancher Storykniff wird nicht einmal richtig zu Ende erzählt, so dass man ob der Entwicklungen den Mund teils vor ungläubigem Staunen nicht mehr zu bekommt. Dazu kommt, dass das ach so wichtige Liebespaar schlichtweg nicht funktioniert. Deren Liebe bleibt eine Behauptung des Drehbuchs und mehr noch: Ohne Kenntnis der Vorlage wüsste man gar nicht, dass es hier eigentlich um eine große Liebe gehen soll.

Das Involvement auf Seiten des Zuschauers in Bezug auf die Liebenden tendiert absolut gegen Null. Kein Wunder, werden einem doch Imogen und Posthumus kaum nahe gebracht. Zusätzlich kann man vor allem Posthumus auch aufgrund der schrecklich öden Darbietung von Darsteller Penn Badgley nur als Waschlappen und Vollpfosten begreifen, dem man gar kein gutes Ende wünschen mag. Auch Dakota Johnson, die hier immerhin besser spielt als in „Shades of Grey“, kann ihre Figur bzw. deren Ängste, Sorgen und Nöte nicht zu glaubwürdigem Leben erwecken. Zudem fehlen irgendwie echte Antipoden für das Pärchen. Die Bedrohungen wirken immer nebulös. Vor allem die Ungunst von Milla Jovovichs („Resident Evil: Retribution“) Figur (sie spielt Cymbelines neue Frau) für das Pärchen muss man sich größtenteils denken, da ihre Rolle doch schwer zusammengestrichen wirkt und für den Film keinerlei echte Bedeutung hat.

Anarchie

Ethan Hawke hätte als Fiesling mehr Raum zur Entfaltung verdient.

Darsteller wie Ed Harris („Run all Night“), Bill Pullman („The Equalizer“), Anton Yelchin („Odd Thomas“) oder Ethan Hawke („Getaway“) sorgen zwar für ein paar charismatische Momente, man hat aber immer auch das Gefühl, dass hier ganz viel Potential schlichtweg verpulvert wurde. Gerade Harris wirkt doch sehr gelangweilt von seinem Part. John Leguizamo („Revenge – Eine gefährliche Affäre“) entpuppt sich dagegen als Showstealer im Cast, der wirklich jede seiner Szenen an sich reißt und zumindest motiviert wirkt.

Inszenatorisch reißt sich der Film kein Bein aus. Die Bebilderung wirkt unaufgeregt, viel zu klein skaliert und teilweise beinahe öde. Die wenigen Schauplätze sind zweckmäßig, aber weit entfernt von einer spektakulären Anmutung. Apropos spektakulär: Bei dem Umfeld hätte man sicherlich auch ein paar flottere Einlagen vermutet. Immerhin beharken sich hier Biker und korrupte Cops. Aber: Action hat es in dem Film keine. Ganz im Gegenteil: Die finale große Actionszene bekommt man sogar nur zu hören. Nur ein weiterer Beleg, dass die „Modernisierung“ eher weniger mutig durchgezogen wurde. Am Ende punktet „Anarchie“ nur mit seinem prominenten Cast, seinem elektronischen Score und der spannenden Originalstory vom großen Shakespeare. Warum man deren Titel nicht auch für die deutsche VÖ beibehalten hat, verwundert schon sehr. Denn obschon klar ist, warum der Film mit dem Anarchie-Begriff gelabelt wird (siehe die Bikerserie „Sons of Anarchy“), kommt man nicht umhin, festzustellen, dass der Filmtitel „Anarchie“ in diesem Fall extrem nichtssagend und auch unpassend daherkommt.

Die deutsche DVD/Blu-ray erscheint am 21. September 2015 von NEW KSM im hübschen Pappschuber und ist mit einer FSK 16 Freigabe ungeschnitten. Die Datenträger beinhalten neben dem Film noch Interviews mit Cast und Crew und ein Behind the Scenes zum Film.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: NEW KSM__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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