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Anna

Originaltitel: Anna__Herstellungsland: Frankreich__Erscheinungsjahr: 2019__Regie: Luc Besson__Darsteller: Sasha Luss, Helen Mirren, Cillian Murphy, Luke Evans, Pauline Hoarau, Sand Van Roy, Eric Godon, Jess Liaudin, Eric Lampaert, Christophe Tek, Réginal Kudiwu u.a.
Anna deutsches Plakat Luc Besson

Luc Besson meldet sich mit “Anna” an der Actionthriller-Front zurück.

Mit dem exorbitant teuren „Valerian“ hatte Luc Besson zuletzt eine heftige Bauchlandung hingelegt. Obschon die Bilder fremder Welten überzeugten, konnten Story und Darsteller nicht Schritt halten. Für sein Comeback nach dem Niederschlag wollte es Besson geerdeter angehen. Ihm schwebte ein Film im Stil von „Atomic Blonde“ oder „Red Sparrow“ vor. Der aufgrund einer starken weiblichen Heldin auch eine Menge „Nikita“- und „Lucy“-Geist atmen sollte. Besson schnappte sich Model Sasha Luss, das er schon in einer Nebenrolle in „Valerian“ ätherisch schön inszeniert hatte, und brachte „Anna“ auf den Weg.

Dieser folgt einer jungen Dame, die auf einem Wochenmarkt in Moskau von einem Model-Scout entdeckt wird. Der verfrachtet die Schönheit in einen Flieger nach Paris, wo sie als Anna M. einen kometenhaften Aufstieg hinlegt. Eines Tages lernt sie einen der Partner ihrer Model-Agentur kennen und verliebt sich. Lange Zeit geben sich die beiden ihrem Glück hin, als er ihr eines Tages als Liebesbeweis verrät, womit er wirklich sein Geld verdient. Da zieht Anna eine Waffe und bläst ihm das Gehirn weg.

Schaut in den neuen Film von Luc Besson hinein

Was folgt, ist eine nicht chronologisch dargereichte Erklärung, wie es zu diesem Mord kommen konnte und wie es danach für Anna weitergeht. Die genannten Vorbilder „Red Sparrow“ und „Atomic Blonde“ deuten bereits an, dass es hier in Richtung Agentenfilm geht. Sich alles um Spionage und Gegenspionage dreht. Um aufrechte Agenten und umgedrehte Agenten. Um KGB und CIA. Und um den Kalten Krieg. Nicht umsonst spielt „Anna“ zur Zeit des Falls des Eisernen Vorhanges. Viel Neues fällt Luc Besson zu diesem Topos allerdings nicht ein. Ganz im Gegenteil.

Frank und frei zelebriert er alle hinlänglich bekannten Klischees des Genres. Das Ergebnis ist bei weitem nicht so gewitzt wie „Atomic Blonde“. Es ist aber auch nicht solch Gaga-Trash wie „Red Sparrow“. „Anna“ macht es sich irgendwo zwischen beiden Filmen bequem. Und versucht sich an einer komplexeren Darreichungsform seiner dünnen Geschichte. Dazu springt er beständig in der Zeit. Wann auch immer in „Anna“ etwas Aufsehenerregendes passiert, kann man sicher sein, dass ein Zeitsprung erfolgen wird, der in der Folge erklären soll, wie es zu diesem Ereignis kommen konnte.

Anna mit Sasha Luss von Luc Besson

Sasha Luss ist als Anna hinreißend anzuschauen.

Diese Art der Erzählung wirkt zu Beginn von „Anna“ durchaus noch gewitzt, verkommt aber schnell zum krass vorhersehbaren Selbstzweck. Zudem streckt das erzählerische Stilmittel den Film doch enorm, der mit 120 Minuten mindestens 20 zu lang geraten ist. „Anna“ fehlt zudem ein wirklicher Bösewicht, der die auf Sparflamme köchelnde Spannung immer mal wieder hätte hochkochen lassen können. Doch Luc Besson ist zu verschossen in Sasha Luss, als dass er neben ihr eine andere Figur so richtig zur Entfaltung kommen lassen würde – bis auf eine Ausnahme.

Das bekommen vor allem Luke Evans („Die drei Musketiere“) und Cillian Murphy („Free Fire“) zu spüren. Luke Evans kommt nach einem coolen ersten Auftritt über die männliche Entsprechung des Love Interests der Hauptfigur niemals hinaus. Cillian Murphy hingegen darf sich selbst zu Beginn des Filmes als wichtig anteasen, um hernach für 70 Minuten aus „Anna“ zu verschwinden. Dann spielt er tatsächlich eine Rolle für den Plot, wirkt aber wie Luke Evans total unterfordert und durchaus auch gelangweilt.

Sasha Luss hingegen ist Bessons Star. Und das Model schlägt sich wirklich wacker. Gegen die Stars der Vorbilder, Charlize Theron und Jennifer Lawrence, macht sie freilich keinen Stich. Aber Sasha Luss ist apart anzusehen, spielt weitgehend beachtlich präsent auf und lässt eigentlich nur in den Nuancen schauspielerische Treffsicherheit missen. So ist ihre vorgebliche Lesbo-Affäre mit einer Model-Kollegin so kalt und lieblos geraten, dass sie immer nur eine sinnlose Scharade bleibt, die zudem das hübsche Gegenstück der lesbischen Beziehung – Lera Abova als Maud – reichlich verheizt.

Helen Mirren in Luc Bessons Actionthriller

Helen Mirren spielt alle Darsteller von “Anna” an die Wand.

Ein Star klatscht jedoch den Rest des Castes mühelos an die Wand. Da kann Luc Besson noch so sehr auf Frau Luss fokussieren. Helen Mirren („R.E.D. 2“) ist als KGB Agentin Olga das absolute Highlight von „Anna“. Optisch erinnerte sie mich als Animationsfilmfan frappierend an Marry aus „Marry & Max – Oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet“. Nur dass ihr Charakter nichts von der zurückhaltenden Mary hat, sondern früh als störrische und dennoch angenehm geradlinige Mentorin Annas alle Sympathien auf sich zieht.

Was verwundert, ist, wie selten Luc Besson in den Actionmodus schaltet. Final haben es drei größere Actionszenen in den Film geschafft. Zum einen eine Autoverfolgungsjagd durch die Straßen Moskaus. Die kommt wenig spektakulär daher, endet aber zumindest mit einem feinen Crash. Da haben die beiden anderen Actionszenen schon mehr Power. Eine findet in Richtung Showdown statt. Hier darf Sasha Luss, einer feinen Choreographie folgend, eine Art Gun-Kata zelebrieren und munter russische Soldaten umnieten. In dieser Szene erinnert sie frappierend an Charlize Theron, vor allem, wenn sie irgendwann strappsbewehrt Russen umkickt.

Anna mit Sasha Luss und Lera Abova

Anna mit ihrer lesbischen Freundin Maud.

Die beste Szene aber steigt schon früh im Film – und macht gefühlt 50 Prozent des Filmtrailers aus. Die Actionszene in einem Nobelrestaurant ist ein wirkliches Schmuckstück geworden. Angenehm lang, reichlich brutal (mit splattrigen Spitzen) und absolut dynamisch in Szene gesetzt. Egal, ob Anna ihre Gegner beidhändig ballernd um diverse Liter Kunstblut erleichtert (kein CGI!) oder mit Geschirrutensilien brillant choreographiert Körper aufschlitzt, hier sitzt jeder Handgriff. Und die Kamera fängt alles äußerst gewinnbringend ein. Ohne die Action zu verwackeln und unübersichtlich geraten zu lassen.

Auch abseits der Action setzt Luc Besson seinen Film mit Sinn für breite Bilder in Szene. Sein in Frankreich, Russland, Italien, Amerika und einigen Ländern mehr angesiedelter Film erstrahlt in überwiegend angenehm warmen Farben und sein Stammkomponist Eric Serra findet dazu ein paar nette, wenngleich nie sonderlich prägnante Themen.

Vielleicht wird Sasha Luss dank “Anna” zur neuen Actionheldin?

Was am Ende bleibt, ist ein unterhaltsamer Actionthriller, der mit Sasha Luss eine wirklich hübsche Heldin aufzubieten versteht. Die macht vor allem in der Action eine gute Figur und ist auch darstellerisch in keinster Weise ein Ausfall. Dass „Anna“ trotzdem nie so wirklich zündet, ist der reichlich unspannenden Story geschuldet. Die lässt kein bekanntes Agentenfilmklischee aus und findet keinerlei Wege, diese zu brechen oder gar zu ironisieren. Zudem wirkt die nicht chronologische Erzählstruktur irgendwann extrem selbstverliebt und macht den ohnehin arg vorhersehbaren Thriller nur noch vorhersagbarer. Denn im Verlauf des Filmes entwickelt man ein untrügliches Gespür dafür, wann die nächste Rückblende einsetzen wird.

Luc Besson wäre zudem gut beraten gewesen, mehr auf die stark in Szene gesetzte Action zu vertrauen. Vor allem die Actionszene in einem Restaurant ist ein echtes Schmankerl geworden: Unverhältnismäßig brutal, rasant, ausufernd. Des Weiteren lässt Besson viel mehr Potenzial ungenutzt. Luke Evans und Cillian Murphy etwa verschenkt er total. Und warum man von Annas Ausbildung zur Agentin wirklich gar nichts zu sehen bekommt, fragt man sich auch. Zumindest schafft Besson es nicht vollends, den ganzen Film auf Sasha Luss zu münzen, denn eine megstarke Helen Mirren stiehlt in „Anna“ irgendwann allen die Show. Die Frau ist purer Rock’n’Roll in einem ansonsten etwas behäbig vor sich hin schwofenden Thriller.

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„Anna“ läuft seit dem 18. Juli 2019 in den deutschen Kinos. Der Film kommt von Studiocanal und ist mit einer FSK 16 Freigabe ungeschnitten.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Studiocanal__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__ Blu-ray/DVD: Nein/Nein, ab 18.07.2019 in deutschen Kinos

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