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Arrival

Originaltitel: Arrival__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2016__Regie: Denis Villeneuve__Darsteller: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker, Michael Stuhlbarg, Tzi Ma u.a.
Arrival

Denis Villeneuves “Arrival”.

Denis Villeneuve ist längst in Hollywood angekommen und somit nicht mehr in der Position, intime kleine Psychothriller drehen zu können; von “Prisoners” über “Sicario” hat sich die Spannweite des Erzählrahmens sukzessive erhöht. Allerdings bleibt er ein Meister der subtilen Metaphorik. Auch “The Arrival” unterwandert das Blockbustertum mit subversiven Bildern, deren fast unlösbare Aufgabe darin liegt, vor allem Nichtdarstellbares abzubilden, in diesem Fall das von kosmischer Größe geprägte Gebiet der universalen Kommunikation im Spannungsfeld von Kulturbildung, kognitiver Wissenschaft und Psycholinguistik.

Wo Spinnenglieder durch Nebelfelder pflügen, mag sich das Mainstream-Publikum vielleicht an die Facehugger aus “Alien” erinnert fühlen oder allenfalls noch an die Monolithen aus “Der Nebel”, tatsächlich knüpft Villeneuve ästhetisch aber an “Enemy” an, den er selbst vor drei Jahren drehte. Hier stapfte ein überdimensionaler Weberknecht über die Skyline von Toronto hinweg. Weiterhin verweist eine kurze Traumszene, die ein gigantisches Wesen auf engen Raum sperrt, auf die berüchtigte Schlussequenz von “Enemy”, die in ihrer bizarr-komischen Abruptheit Anlass zu wilder Interpretation war.

Ansonsten jedoch lässt es der Regisseur in Bezug auf vordergründige Symbolik inzwischen gemächlicher angehen. Mit gehobenen Realisierungsmöglichkeiten kann er nun edle Planfahrten für sich sprechen lassen, die sich mit Helikopterperspektive bei der Zubewegung auf das geometrische Raumschiff-Konvex viel Zeit nehmen. Verhangene Landschaften von ähnlicher Schönheit wie jene, die Ridley Scott in der Eröffnungssequenz von “Prometheus” lieferte, darf das Publikum sattsam auf sich einwirken lassen. Paranoia-Maßnahmen des klassischen Invasionsfilms (Kontaminierung, Abhörung, Waffen- und sprengstoffaffines Militär) werden zwar thematisiert, von der Regie jedoch zur Bedeutungslosigkeit verdammt; weder deuten Anzeichen auf Strahlung noch auf echte Gefahr, was für den Menschen bekanntermaßen erst recht ein Grund zum Argwohn ist.

Was der Film aus dieser Prioritätenverlagerung gewinnt, ist eine innere Ruhe, die für größere Filme eher ungewöhnlich ist. Sehen diese sich normalerweise stets im Zugzwang ihres ewigen Dämonen der Unterhaltung, drängt ein Forest Whitaker in seiner einerseits klischeehaften, andererseits durchaus mit einem Augenzwinkern versehenen Rolle vergeblich auf schnelle Fortschritte bei der Beantwortung der dringlichsten Fragen: Wer seid ihr und was wollt ihr hier? Sie wird ihm nicht mit Tentakel-Attacken oder Fluggefechten beantwortet, nicht mit Bioangriffen und globaler Zerstörung, sondern mit der strategischen Analyse und Interpretation von Kommunikationsversuchen. Ebenso wie die unebene, schwarze Materie, aus der die ovale Landeeinheit besteht, prägen die kreisförmigen Zeichen den naturgebundenen Look des Films. Viel Zeit wird darauf verwendet, die Aliens zunächst überhaupt zur Kommunikation zu bewegen und diese dann sprachwissenschaftlich zu erklären.

Arrival

Amy Adams und Jeremy Renner interagieren in “Arrival” mit außerirdischen Besuchern.

Dabei streift Villeneuve immer die Gefahr, sich zu tief in den wissenschaftlichen Ansätzen zu verheddern und darüber hinaus das Funktionieren im cinematografischen Rahmen zu vergessen, doch “The Arrival” besticht mit einer schier urtümlichen Faszination für das Entdecken. Als man nach vielen Andeutungen und etwas Theorie endlich im Inneren des Raumschiffs steht (und zuvor bereits eine – wiederum symbolisch zu verstehende – Schwelle in die Schwerelosigkeit überschritten hat), ist die Spannung angesichts der baldigen Begegnung mit den Unbekannten schwer in der Luft, ungeachtet des Umstands, dass dieser Schlüsselmoment der ersten Begegnung längst ein Filmklischee darstellt. Effektiv präsentiert über das minimalistische Setdesign, mit dem das enge 2:35:1 noch weiter in die Breite gezerrt wird, um das eingangs angesprochene Nichtdarstellbare angemessen abbilden zu können. Unterstützt vom minimalistischen Ambient-Soundtrack, der unaufdringlich markante Widerhaken in die verschiedenen Themen setzt, gelingt die Manifestation von fremdartigen Zeichen auf dem weißen Blatt Papier auf jeder Ebene – wenngleich man natürlich immer diskutieren kann, ob die Wirkung nicht noch größer gewesen wäre, hätte man noch mehr im Verborgenen gelassen.

Als etwas hollywoodgerechter erweist sich der Subplot um den privaten Hintergrund der Hauptfigur (Amy Adams mit einer ihrer besten Leistungen) sowie ihre Beziehung zum Arbeitskollegen (Jeremy Renner), auch wenn die zwischen den Zeilen für den Schluss aufbereiteten Szenen schließlich zu einer ambitionierten metaphysischen Betrachtung von Zeitschleifen führen und damit zu einem Sujet, das wieder weniger massentauglich ist. Dennoch erweist sich die vielbehandelte Liebe in diesen Momenten als antreibender Motor, wenngleich “Arrival” im Kern eigentlich ein Film über Missverständnisse zwischen Kulturen und deren grausame Konsequenzen ist.

Arrival

Geht nicht ins Licht…

Villeneuve mag also seit “Enemy” an Kanten eingebüßt haben, seinen Geschmack hat er seither allerdings nicht verloren: Mit “Arrival” rezitiert er gekonnt seine Wurzeln und pflegt sie in eine Alien-Invasionsvariante mit wissenschaftlichem Anspruch, melancholischer Trübung, aber auch einem durchaus kulturoptimistischen Ausblick.

Der Film kann seit dem 24. November in Deutschlands Kinos bewundert werden. Er ist ab 12 freigegeben und kommt von Sony Pictures.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Sony Pictures Releasing__FSK Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein / Nein, seit dem  24.11.2016 in den deutschen Kinos

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