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Deadpool

Originaltitel: Deadpool__Herstellungsland: USA/Kanada__Erscheinungsjahr: 2016__Regie: Tim Miller__Darsteller: Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, T.J. Miller, Gina Carano, Rachel Sheen, Stefan Kapicic, Stan Lee, Brianna Hildebrand, Taylor Hickson, Jed Rees u.a.
Deadpool

„Deadpool“ ist eine Comicverfilmung, die sich ständig selbst thematisiert und Ryan Reynolds in der Titelrolle von der Leine lässt

Nachdem sein erster Auftritt als Deadpool in „X-Men Origins: Wolverine“ bei Fans wenig ankam, kämpfte Comicfan Ryan Reynolds dennoch lange für einen Solofilm des Mutanten, der sich stark an die Comicvorlagen halten sollte, und schaffte es zusammen mit dem engagierten Filmteam tatsächlich sogar ein R-Rating innerhalb der sonst größtenteils jugendfreundlichen Comicverfilmungsszene durchzusetzen.

Dass sich „Deadpool“ am ruppigen, politisch wenig korrekten Stil der Comicvorlagen orientiert, machen bereits die Credits deutlich: Zu den harmonischen Klängen von „Angel of the Morning“ gleitet die Kamera durch eine eingefrorene Aufnahme eines sich überschlagenden Autos, in dem Deadpool gerade auf rabiate Weise dessen Insassen auseinandernimmt, wobei er weder vorm Einsatz des Zigarettenanzünders noch vom Ziehen an der Unterhose eines Gegners zurückschreckt. Anstelle von Schauspielernamen folgen Einblendungen wie „A Hot Chick“, „A CGI Character“ und „A Sidekick“, als Regieangabe „Directed by Some Asshole“ und die Autoren nennt man nur „The Real Heroes“.

Wenig später wird man diese Szene noch einmal im Film sehen, doch zuerst steht der Weg dorthin an, den Deadpool (Ryan Reynolds) ganz superheldenuntypisch im Taxi bestreitet und schon da mehrfach die vierte Wand durchbricht – sei es durch direktes Ansprechen des Zuschauers oder durch einen auf die Kameralinse geschnippten Kaugummi. Und nicht nur in dieser Hinsicht ist Deadpool ein etwas anderer Superheld (er selbst will gar nicht als einer bezeichnet werden), denn auf der Suche nach Rache macht er aus seinen Gegnern Hackfleisch.

Denn Schurke Ajax (Ed Skrein) ist dafür verantwortlich, dass Deadpool, früher Wade Wilson genannt, durch eine Mutation zwar unglaubliche Selbstheilungskräfte besitzt, aber auch äußerlich entstellt ist. Und letzteres soll Ajax entweder rückgängig machen oder zumindest dafür büßen…

Deadpool

Deadpool mitsamt Mutantenkollegin Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand)

Nach effektiven wie pointierten Trailern und einer schelmischen Werbekampagne war die Frage, ob „Deadpool“ seine Versprechen auch einhalten könnte. Und tatsächlich muss man feststellen, dass das, was in einem Trailer von zwei Minuten Länge funktioniert, sich nicht ganz so einfach auf einen Film von fast zwei Stunden übertragen lässt. Stellenweise bremsen die dauernden Sprüche, Kommentare beiseite und sonstigen Einschübe den Film etwas arg aus, etwa wenn die Actionszene auf der Brücke, aus der auch die erwähnte Creditsequenz stammt, gleich dreimal unterbrochen wird, um in aller Genauigkeit die Vorgeschichte runterzubeten, die der Trailer in kürzester Zeit genauso gut zu vermitteln wusste. Da hilft es dann auch nicht, dass „Deadpool“ im Grunde wenig zu erzählen hat: Der Held will Rache, die Bösen wollen seine Fähigkeiten, während Colossus von den X-Men ihn für die Truppe anwerben will und daher auch mitsamt der Jungmutantin Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) mitmischt. Und Wades große Liebe Vanessa (Morena Baccarin) wird natürlich irgendwann gekidnappt.

Doch auf diesem Gerüst bauen Regisseur und Langfilmdebütant Tim Milller, seine Drehbuchautoren Rhett Reese („Zombieland“) und Paul Wernick („G.I. Joe – Die Abrechnung“) sowie der maßgeblich am Entstehungsprozess beteiligte Star Ryan Reynolds einen postmodernen Superheldenfilm auf, dem es gelingt, das Genre zumindest ein wenig durchzuschütteln. Deadpool ist ein Antiheld, schon als Mensch ein „bad guy paid to fuck up worse guys“ wie er sich selbst bezeichnet, als Mutant schließlich ein gewaltgeiles Großmaul, der wie ein spielendes Kind Gliedmaßen absäbelt, Kopfschüsse verteilt und Knochen bricht, während er pubertäre Sprüche absondert. Das ist rotzig frech, unangepasst und auch ein Rundumschlag, der wirklich alles und jeden verarscht, vor seinem Helden nicht haltmacht und sogar negative Kommentare über die Schauspielkunst Ryan Reynolds einbaut.

Deadpool

Bilder aus glücklicheren Tagen: Wade Wilson (Ryan Reynolds) mit seiner großen Liebe Vanessa (Morena Baccarin)

Dabei wird nicht nur fleißig die vierte Wand gebrochen, sondern auch das Superheldengenre allgemein und der Film „Deadpool“ thematisiert. So spricht Deadpool direkt an, dass sich in der aus „X-Men“ bekannten Schule immer nur Colossus und sein jugendlicher Protegé befinden, aber kein anderer Mutant. Dass der gerade laufende Film nicht unbedingt als Date Movie geeignet sei oder dass doch jetzt Musik eingespielt werden solle. In einem Kampf mit zwei Mädels stellt der Held die Frage, ob es sexistischer sei, eine Gegnerin zu hauen oder nicht zu hauen, und auch mit Referenzen gen Comicverfilmungen wird nicht gespart: Natürlich finden sowohl Wolverine als auch Hugh Jackman Erwähnung und wenn man Wade seiner Mutation zum Helden unterzieht, dann ruft er in Anlehnung an Reynolds‘ glücklosen „Green Lantern“-Film noch: „Don’t make the suit green – or animated“.

Bei all den Gags stimmt das Timing auch meist, selbst wenn sich der eine oder andere Abnutzungseffekt in Sachen Rumgewitzel einstellt; doch hinzu kommt noch, dass „Deadpool“ sich immerhin genug um den Unterbau in Sachen Figuren kümmert: Hin und wieder kann Wade alias Deadpool sogar ernst sein, kann vermitteln, warum er all das tut, warum man sich trotzdem für einige der Hauptfiguren interessieren soll, da die Gagparade sonst einfach selbstverliebt am Zuschauer vorbeilaufen würde. Was nicht heißt, dass „Deadpool“ nicht seinen Humor durchweg bewahren würde; so endet der Film mit der (Parodie der) typischen Szene nach dem Abspann, die sich hier vor „Ferris macht blau“ verbeugt.

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Barkeeper Weasel (T.J. Miller) begeht den Fehler Angel Dust (Gina Carano) zu ärgern

So trägt Ryan Reynolds („The Voices“) den Film auch, obwohl er über weite Strecken allein durch seine Stimme unter der Maske präsent ist, besitzt den spitzbübischen Charme um den sprücheklopfenden Gewalttäter zur asozialen Sympathiefigur zu machen. Seinen besten Spielpartner hat er in T.J. Miller („Transformers – Ära des Untergangs“), der als Barkeeper für einige Wortgefechte mit dem Helden und dessen Namensfindung sorgt, während Morena Baccarin („Spy – Susan Cooper Undercover“) glaubwürdig die passende Partnerin für den „Merc with a Mouth“ abgibt. Dagegen fungiert der Rest (inklusive obligatorischem Stan-Lee-Cameo) da eher als Stichwortgeber, sei es nun Brianna Hildebrand („Prism“) als Mutantengirl im Emo-Punk-Look, Ed Skrein („The Transporter: Refueled“) als Oberschurke oder Gina Carano („Bus 657“) als dessen rechte Hand.

In Sachen Fieslinge bekleckert sich „Deadpool“ eh nicht unbedingt mit Ruhm: Ajax besitzt schnelle Reflexe, Angel Dust (Gina Carano) übermenschliche Kräfte, aber wenn die beiden und Deadpool aufeinander einhauen, dann ist kaum ein Unterschied zwischen den drei mehr oder minder unkaputtbaren Mutanten zu erkennen. Die Action ist allgemein solide inszeniert, von dem erfahrenen Stunt Coordinator Philip J Silvera („Run All Night“) brauchbar choreographiert, doch hin und wieder wünscht man sich etwas einprägsamere Set Pieces, vor allem im doch eher Standards erfüllenden Showdown, da mag Negasonic Teenage Warhead noch so viel twittern. Höchst amüsant ist dagegen, trotz aller Unterbrechungen, die Konfrontation auf der Brücke, vor allem jener Part, in dem Deadpool mit seiner Munition im Kampf gegen seine Kontrahenten haushalten muss.

Den Grad zwischen (Comic-)Action und dessen Parodie haben Filme wie „Shoot ‘Em Up“, „Kick-Ass“ und „Guardians of the Galaxy“ schon besser austariert beschritten, doch „Deadpool“ ist ein unangepasster, rotzfrecher und reichlich blutiger Spaß, der das Thema Comicverfilmung mal auf andere Weise angeht und durch das Timing seiner rabenschwarzen Gags ebenso zu gefallen weiß wie durch den Einsatz Ryan Reynolds als treibende Kraft vor und hinter der Kamera. Manchmal bremst das ständige Gewitzel die nicht besonders einfallsreiche Handlung aus, doch daran könnte man in einem Sequel feilen. Der Spaß, den „Deadpool“ macht, würde eine Fortsetzung jedenfalls rechtfertigen.

„Deadpool“ startet am 11. Februar 2016 in den deutschen Kinos, ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: 20th Century Fox__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 11.2.2016 in den deutschen Kinos

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