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Die Farbe aus dem All

Originaltitel: Color Out of Space__Herstellungsland: USA/Portugal/Malaysia__Erscheinungsjahr: 2019__Regie: Richard Stanley__Darsteller: Nicolas Cage, Joely Richardson, Madeleine Arthur, Elliot Knight, Tommy Chong, Brendan Meyer, Julian Hilliard, Josh C. Waller, Q’orianka Kilcher, Melissa Nearman, Amanda Booth u.a.
Die Farbe aus dem All Mediabook

Eines der beiden Cover des Mediabooks von “Die Farbe aus dem All”

Abgesehen von ein paar Kurzfilmprojekten, einem einstündigen Video zu einem Konzeptalbum der Band Marillion und den unrühmlichen „DNA“-Ereignissen (er wurde während der Dreharbeiten gefeuert) ist die letzte Regiearbeit von Richard Stanley, „Dust Devil“, beinahe 30 Jahre alt! Wenn man sieht, mit welcher Leichtigkeit der südafrikanische Filmemacher nun sein Comeback fabrizierte, das weit bis nach dem Herausnehmen aus dem Player nachwirkt, kann man nur hoffen, dass sein nächstes Projekt nicht wieder so lange auf sich warten lassen wird. „Die Farbe aus dem All“ heißt das furiose Comeback von Richard Stanley.

Es erzählt von der Familie Gardner, die vor kurzem aus der Großstadt auf das ländliche Anwesen der Familie von Patriarch Nathan gezogen ist. Diesen Schritt gingen die Gardners vor allem wegen Nathans Frau Theresa. Die soll sich auf dem Land erholen, nachdem der Krebs sie extrem ausgezehrt hatte. Nathan selber widmet sich der Aufzucht von Alpakas, während die drei Kinder versuchen, sich mit der Situation zu arrangieren. Den älteren fällt das eher schwer. So ist der große Sohnemann ständig bekifft und die Tochter übt sich als Hexe. Schlecht jedoch geht es Familie Gardner nicht.

Da kracht eines Abends ein Meteorit auf das Anwesen der Familie und entfesselt ein eigentümliches Licht. Und plötzlich beginnt sich alles zu verändern. Der Vater nimmt beständig einen widerwärtigen Geruch wahr. Die Tochter hört Geräusche. Der jüngste Sohn hört Stimmen. Auch das Anwesen selbst verändert sich. Es wachsen plötzlich überall eigentümliche Blumen. Doch diese vergleichsweise harmlosen Änderungen sind nichts im Vergleich zu dem, was noch kommen wird.

Schaut in den Horrorfilm mit Nicolas Cage hinein

„Die Farbe aus dem All“ beruht auf der Kurzgeschichte “The Colour out of Space” von H. P. Lovecraft. Diese verlagert Richard Stanley in die Jetztzeit, auch wenn er den Zuschauer mit einer ersten Szene dahingehend meisterlich zu „foppen“ versteht, hält sich ansonsten aber stark an die Vorlage. Dabei lässt er sich viel Zeit bei der Ausgestaltung der Story, deren Drehbuchvorlage er gemeinsam mit Scarlett Amaris geschrieben hat. Diese verortet die Figuren trefflich, gibt ihnen ausreichend Motivation für ihre Handlungen mit und macht sie zur tauglichen Identifikationsmasse.

Parallel etabliert Richard Stanley mit Kameramann Steve Annis eine atmosphärisch dichte Bildsprache. Das beginnt direkt zu Beginn mit großartigen, beinahe mystischen Bildern eines Waldes. Den Alltag der Gardners tauchen Regisseur und Kameramann in anheimelnde Bilderwelten. Geht dann der Meteorit auf der Erde nieder, zündet „Die Farbe aus dem All“ die nächste Stufe. Wundervoll magisch magentafarben leuchtet fortan die Nacht. Auch Augen und Wasseroberflächen funkeln in Magenta. Im Wasser wird das Licht in seine Bestandteile aufgebrochen, die sogar in daraus gefertigten Eiswürfeln aufleuchten und verdeutlichen, wie die Familie immer mehr von der außerirdischen Macht „geflutet“ wird. Der ideale Nährboden für totalen Wahnsinn.

Richard Stanleys Comeback macht auch vor dem Jüngsten nicht Halt

Die außerirdischen Einflüsse machen auch vor dem jüngsten Gardner nicht Halt.

In Richtung Showdown wird es dann richtiggehend halluzinogen. Die psychedelischen Farben explodieren förmlich auf dem Bildschirm. Formen verwischen. Körper scheinen sich aufzulösen, zu schmelzen, hinterlassen nach Bewegungen Schlieren. Die großartige Musik von Colin Stetson rundet die trippigen Bilder perfekt ab und ist auch im Vorfeld des großen Showdowns der Farben und Formen eine echte Wohltat.

Im Showdown haben dann auch die Special-Effects-Künstler Schwerstarbeit zu verrichten. Äußern sich die Mutationen auf dem Gardnerschen Anwesen zunächst noch in wunderschön seltsamen Blumen, folgen dem gigantische Früchte und eigentümliche Insekten nach. Im Finale dann biegt „Die Farbe aus dem All“ in Richtung „Das Ding aus einer anderen Welt“ ab. Die Hauptfiguren ändern sich nach dem Abgleiten in den Wahnsinn auch äußerlich. Mensch und Tier verschmelzen zu etwas Neuem. Mittendrin Nicolas Cage, der mit einer Schrotflinte für ordentliches Gesplatter sorgt. Alles handgemacht, alles genial anzuschauen.

Die Farbe aus dem All von Richard Stanley

Übt sich als Wicca… Die Tochter von Nathan.

Apropos Nicolas Cage („Primal“). Dem sagt man ja aktuell nur zu gerne eine gewisse Paycheck-Affinität nach, die ihn diversen Schrott drehen lässt. Doch solange er sich noch immer derart in den Dienst eines Filmes zu stellen vermag wie in „Die Farbe aus dem All“, sei ihm jeder Fehlgriff verziehen. Ungefähr ab der Hälfte des Filmes lässt Stanley ihn so richtig von der Kette und Nic dreht total auf. Overacting pur, das aber prächtig zu dem immer mehr um sich greifenden Wahnsinn auf dem Anwesen der Gardners passt.

Da haben die restlichen Darsteller nicht viel entgegenzusetzen. Vor allem Joely Richardson („Maggie“) kommt gegen die Cage-Show nicht an. Dagegen schlagen sich die Kinderdarsteller deutlich besser. Die Hauptdarsteller aber heißen Nicolas Cage und „Die Farbe aus dem All“. Daß sich Stanley hier für Magenta entschied, ist echt interessant, blieb Lovecraft bei seiner Kurzgeschichte doch vage hinsichtlich der Farbe. Stanley nun nutzt mit Magenta eine Farbe, die es im Wellenspektrum gar nicht gibt und die nur vom menschlichen Gehirn aus roten und blauen Farbelementen „zusammengebraut“ wird. Was sie wohl fremdartig genug machte, um sie mal so richtig auf den Leinwänden explodieren zu lassen.

„Die Farbe aus dem All“: trippiges Comeback mit tollen Bildern

„Die Farbe aus dem All“ mutiert mit fortschreitender Laufzeit zu einem irren Bildersturm der überbordenden Farben und der ineinanderfließenden Formen, was das präsentierte Abrutschen der Familie Gardner in den Wahnsinn eindrücklich transportiert. Eine dichte Atmosphäre, ein starker Score, ein genial überdrehender Nicolas Cage und die unterschwellig beständig dräuende Spannung halten den bedächtig erzählten Film mühelos zusammen. Das Finale furioso wird man zudem so schnell nicht wieder vergessen, auch wenn der Film spätestens hier zum überbordenden Style over Substance geworden ist. Darauf muss man stehen, ansonsten wird „Die Farbe aus dem All“ wohl nicht wirklich beim Betrachter zünden.

8 von 10

In diesem Sinne:
freeman


……


Die Farbe aus dem All

Richard Stanley verfilmt H.P. Lovecraft: “Die Farbe aus dem All” mit Nicolas Cage

Richard Stanley begann seine Karriere mit Musikvideos und Dokumentationen, ehe er in den 1990ern mit „M.A.R.K. 13 – Hardware“ und „Dust Devil“ zwei Horrorfilme im stilistischen Mix von Videoclip, B-Picture und Horroreinflüssen drehte. Der Megaflop „DNA“, von dessen Set er nach wenigen Tagen gefeuert und durch John Frankenheimer ersetzt wurde, gab seiner Laufbahn einen Knick: Er drehte weiter Dokus und Beiträge zu Anthologien, doch seinen nächsten Spielfilm legte er erst über 20 Jahre später vor: Die Lovecraft-Adaption „Die Farbe aus dem All“.

Ähnlich wie diverse frühere Verfilmungen der gleichnamigen Story (z.B. „The Curse“ aus dem Jahr 1987) überträgt auch die Stanley-Variante die Geschichte in die Gegenwart. Handlungsort ist das ländliche New England, wo die Familie Gardner auf jener Farm wohnt, die Vater Nathan (Nicolas Cage) von seinen Eltern vermacht wurde. Nathan will dort Alpakas züchten, während Mutter Theresa (Joely Richardson) im Home Office für Klienten aus der Wirtschaft arbeitet, aber schwer von Krebs gezeichnet ist. Die Familie komplettieren der älteste Sohn Benny (Brendan Meyer), ein kiffender Slacker, Tochter Lavinia (Madeleine Arthur), die sich für Hexerei und heidnische Rituale interessiert, sowie der jüngste Filius Jack (Julian Hilliard).

Nachdem der Zuschauer die begrenzt funktionale Familie mit ihren Eigenheiten kennengelernt hat, erfolgt das Event, das in der H.P. Lovecrafts Geschichte und allen Verfilmungen zentral ist: Ein Meteor schlägt ein. Dabei etabliert „Die Farbe aus dem All“ klassische Horrortopoi: Die örtliche Polizei und ein zufällig anwesender Experte für Gewässerschutz namens Ward (Elliot Knight) können sich den Einschlagsort ansehen, alle weiteren Behörden sind dagegen viel zu weit entfernt. Und obwohl Stanleys „Die Farbe aus dem All“ in einer Welt der Handys, Computer und Pick-Up-Trucks spielt, so dies natürlich alles Dinge, die der Strahlung aus dem außerirdischen Gesteinsbrocken bald zum Opfer fallen.

Doch die Substanzen, die der Meteorit absondert, haben nicht nur Auswirkungen auf die Technik, sondern auch auf Mensch und Tier. Und so sind die Gardners bald gefangen mit dem Wahnsinn auf ihrem eigenen Anwesen…

Die Farbe aus dem All

Noch ist die Welt von Nathan (Nicolas Cage) und Theresa Gardner (Joely Richardson) in Ordnung

Geht es um Lovecraft-Verfilmungen, dann gibt es immer ein Problem: Da der Mann Kurzgeschichten schrieb, reicht die Story meist nicht allein für einen Film aus. So mag „Re-Animator“ etwa ein besserer Film als „Die Farbe aus dem All“ sein, hat aber wenig mit dem Ausgangsmaterial zu tun. Stanleys Adaption ist trotz der Verlegung in die Gegenwart und diverse Ausschmückungen ziemlich werkgetreu und fokussiert sich auf das zentrale Thema der Geschichte, nämlich das Zuschlagen des Übernatürlichen an einem isolierten Ort, an dem bald Mutationen und Wahnsinn herrschen. Mit Richard Stanley hat man zudem einen Regisseur gefunden, der das andere große Problem bei Lovecraft-Verfilmungen angehen kann: Die Bebilderung des unbeschreibbaren Grauens. Die titelgebende Farbe aus dem All besteht hier vor allem aus Magenta-Tönen, doch in trippigen Bildern macht Stanley schon klar, wie auf dem Gardner-Anwesen normale Kategorien des Verstandes und der Wahrnehmung bald außer Kraft gesetzt sind.

„Die Farbe aus dem All“ ist auch ein dankbarer Stoff für den Regisseur, nicht nur allein aufgrund seiner gewohnten Visualisierung zwischen Arthouse, Acid-Trip und Videoclip. Auch die Personalsituation ist ähnlich wie seinen vorigen Filmen: Ein überschaubares Figureninventar, allein gelassen an einem einsamen Ort. Der Bodycount ist daher niedrig, auch wenn die Reihen der Charaktere überraschend ruppig gelichtet werden und niemand sicher vor dem Tod ist. Diverse Mutationsszenen erinnern an John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ (der ja auch von Lovecraft inspiriert daherkam) und die Effekte sind zwar nicht ganz so zeitlos wie in jenem Carpenter-Klassiker, in ihrer Mischung aus handgemachten Tricks und CGI aber durchaus charmant – auch wenn man das niedrige Budget des Films hin und wieder sieht.

Mehr als Gemetzel und Gore liegt Stanley allerdings die Darstellung eines Abgleitens in den Wahnsinn im Sinn. Jede Figur geht anders mit der Situation um, vom hemdsärmeligen Hantieren mit der Schrotflinte bis zur Beschwörung magischer Schutzformeln. Das ist mit Sinn für Unheimliches in Szene gesetzt und sorgt für Gänsehautmomente, auch wenn die Figuren gelegentlich im Klischee erstarren: Die Gardners entwickeln wenig Profil über ihre anfänglich vorgestellten Eigenheiten und Marotten hinaus. Das ist etwas schade, zumal Stanley durchaus geschickt mit Verweisen auf Lovecrafts weiteres Werk arbeitet: Ward trägt ein Shirt der Miskatonic-Universität, Arkham befindet sich in der Nähe des Anwesens usw.

Die Farbe aus dem All

Langsam verändert der außerirdische Einfluss die Farm im ländlichen New England

Wenn es einen Schauspieler gibt, der das Abgleiten eines Mannes in der Wahnsinn darstellen kann, dann ist das derzeit Nicolas Cage („Kill Chain“): Mit Inbrunst und gelegentlichem Overacting lässt er als Familienvater, der (nicht nur) den Verstand verliert, so richtig die Sau raus. Auch wenn er in mancher ruhigen Szene etwas drüber sein mag, so ist das immer noch eine Schau. Joely Richardson („Snowden“) spielt die creepy Veränderungen der Mutter ebenfalls eingängig und unter den Kinderdarstellern ragt Madeleine Arthur („To All the Boys I’ve Loved Before“) als pubertierende Tochter zwischen kindlichem Wunsch nach Geborgenheit und trotzigen Alleingängen heraus. In einer Gastrolle dabei: Kiffer-Comedy-Veteran Tommy Chong („Tripwire“) als Einsiedler mit Hang zu Rauchwaren.

„Die Farbe aus dem All“ wirbt damit, dass dahinter die Produzenten von „Mandy“ stehen, aber trotz ähnlich trippiger Machart kann Stanleys Film nicht ganz an die Qualitäten von Panos Cosmatos‘ Film anschließen. Eine echte Erfahrung und durchaus gruseliges, erfrischend werkgetreues Lovecraft-Entertainment ist diese Verfilmung allerdings dennoch, trotz simpler Story und unterentwickelter Charaktere. In seiner geradlinigen, ehrlichen Machart ist das wesentlich sympathischer als die verschwurbelte „Die Farbe aus dem All“-Variante „Auslöschung“ von Alex Garland.

Knappe:
7 von 10

„Die Farbe aus dem All“ erhielt von Koch Films am 5. März 2020 einen limitierten Start in den deutschen Kinos, ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben. Ab dem 30. April 2020 bringt Koch Media den Film auf DVD und Blu-ray heraus. Die Amaray-Fassungen haben einige gelöschte Szenen und Making-of-Bilder in der Extraabteilung zu bieten. Das ebenfalls erscheinende Mediabook hat da beispielsweise mit Kurzfilmen Richard Stanleys und einer Featurette deutlich mehr auf der Pfanne.

© Nils Bothmann (McClane)

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