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Die Schöne und das Biest

Originaltitel: La Belle & la bête__Herstellungsland: Deutschland, Frankreich__Erscheinungsjahr: 2014__Regie: Christophe Gans__Darsteller: Vincent Cassel, Léa Seydoux, André Dussollier, Eduardo Noriega, Myriam Charleins, Sara Giraudeau, Audrey Lamy, Jonathan Demurger, Nicolas Gob,Yvonne Catterfeld, Mike Möller u.a.
Die Schöne und das Biest

“Die Schöne und das Biest” vom “Crying Freeman” Regisseur Christophe Gans.

Kennt ihr das? Ihr schaut eine Quiz-Sendung. Und wieder einmal wird eine Frage gestellt, die sich um Märchen dreht. Nun seid ihr definitiv in der Lage, grob zu überschlagen, worum es in dem angesprochenen Märchen geht, aber die soeben gestellte Detailfrage könnt ihr nicht einmal anhand der vorgegebenen vier Lösungen wirklich sicher beantworten. Irgendwann habt ihr dann eine Eingebung und meint sicher sagen zu können, welche Lösung die richtige sein muss, immerhin habt ihr das so in einem Film gesehen. Am besten noch in einem Disney-Film. Doch derartige Lösungswege können ganz schnell in die Sackgasse führen, denn gerade Disney war bekannt dafür, beliebte Märchenstoffe anderer Kulturen herzunehmen und sie an den amerikanischen Massengeschmack bzw. die heile Disney-Welt anzupassen. Der Fachmann spricht dann von der sogenannten Verdisneyfizierung. Wenn beispielsweise Zwerge plötzlich Namen bekommen oder die Bösewichte von nicht ganz so fiesen Bestrafungen ereilt werden.

Und ich muss sagen, ich war im Vorfeld von „Die Schöne und das Biest“ ebenfalls ein wenig verdisneyfiziert und erwartete irrigerweise singende Kaffeekannen, tanzende Teller und ein Kuschelbiest als Bestie. Kein Wunder, hatte doch Disneys Zeichentrickmeisterwerk über „Die Schöne und das Biest“ meine Wahrnehmung des Stoffes – als der große Animationsfilmfan, der ich nun einmal bin – deutlich beeinflusst. Doch Christophe Gans Verfilmung der Geschichte ist dann doch etwas anders: Seine Herangehensweise ist detailgetreuer, bewahrt diverse Horrorelemente des Ursprungsmärchens und garniert das Ganze mit einer unfassbaren Ladung an Farben, Formen und wunderwunderschönen Bildern…

Frankreich im Jahre 1810: Ein wohlhabender Kaufmann lebt nach dem Tod seiner Frau mit seinen sechs Kindern ein höchst zufriedenes Leben. Der Handel mittels einer kleinen Handelsflotte, die aus drei Schiffen besteht, sichert ihnen ein Leben in Wohlstand. Da kommt es zu einem folgenreichen Zwischenfall. Die Flotte gerät in einen tosenden Sturm und sinkt auf den Meeresboden. Von einem Augenblick auf den nächsten ist die Familie ruiniert und bezieht ein neues Häuschen auf dem Land. Vor allem Belle, die jüngste der drei Kaufmannstöchter, fühlt sich hier bald pudelwohl. Dennoch setzt der Kaufmann alles daran, seinen alten Lebensstandard wieder her zu stellen. Auch um seinen Sohn Maxime vor den Handlangern eines windigen Gauners zu beschützen, schuldet er ihnen doch einen ganzen Batzen Geld. Als der Kaufmann erfährt, dass eines seiner gesunken geglaubten Schiffe doch relativ unversehrt aufgefunden wurde, reist er wieder in seine Heimatstadt, um sein Anrecht auf das Schiff und dessen Ladung anzumelden. Doch er wird ausgebootet. Obendrein haben ihn plötzlich auch die Gauner auf dem Kieker, denen Maxime das Geld schuldet. Mit Ach und Krach kann der Kaufmann fliehen, kommt dabei aber auf dem Heimweg vom Weg ab und findet sich in höchster Not plötzlich in einem Schloss wieder.

Die Schöne und das Biest

Belle mit ihrem Vater

Hier labt er sich an den bereitstehenden Speisen und findet zu seiner Freude auch Kisten voller Gegenstände, die sich seine verzogenen Töchter von ihm als Reisemitbringsel gewünscht hatten. Zudem lässt er etwas von dem im Schloss überreichlich vorhandenen Reichtum mitgehen. Als er das Schloss gestärkt und frohen Mutes wieder verlässt, erinnert er sich an den Wunsch seiner Tochter Belle. Jene wollte nicht mehr von seiner Reise mitgebracht bekommen als eine Rose. Doch als der Kaufmann ebenjene im Garten des Schlosses pflückt, ist die Geduld des Hausherren wohl ausgereizt und er stellt den Kaufmann zur Rede. Eine Rose für ein Leben, das ist die Forderung des Schlossbesitzers, der sich als bedrohliches Ungetüm erweist. Der Kaufmann habe noch einen Tag, um sich von seiner Familie zu verabschieden, dann müsse er für immer zu ihm ins Schloss kommen. Der Kaufmann akzeptiert sein Schicksal zwar, an seiner statt begibt sich aber seine Tochter Belle in die Hände des Ungetüms, sieht sie den Grund für das Ungemach doch in ihrem einen, winzigen Wunsch. Ganz allmählich beginnt sich die Schöne an ihre neue Umgebung zu gewöhnen, doch das Geheimnis des Schlosses und des Biestes wird sie nicht auf ihren langen Streiftouren durch das Schloss lösen. Vielmehr sind ihre Träume der Schlüssel…

Bei „Die Schöne und das Biest“ handelt es sich um ein französisches Volksmärchen, dass 1740 erstmals in einer Publikation veröffentlicht wurde. Christophe Gans („Crying Freeman“) hält sich vor allem zu Beginn sehr nah an der Ursprungsgeschichte und behält die wichtigsten Figurenkonstellationen bei. Doch ungefähr ab der Hälfte des Filmes geht auch er ganz eigene Wege. Die für das Märchen wichtigen Träume von Belle nutzt er beispielsweise, um die Vorgeschichte des Biestes zu erzählen. Im Märchen dagegen interagiert Belle mit dem ihr in ihren Träumen erscheinenden Prinzen und merkt gar nicht, dass er das Biest ist. Auch der Storystrang um die Gauner, die Belles Bruder Maxime an den Kragen wollen, ist komplett neu und wird von Christophe Gans für ein spektakuläres Finale mit zum Leben erwachenden Steinfiguren genutzt. Genauso dramatisiert Gans die Hintergrundgeschichte des Biestes/Prinzen deutlich und gibt der ganzen grundlegenden Lehre des Stoffes einen ganz neuen Kniff. Im Märchen wird der Prinz wegen seiner Oberflächlichkeit verflucht, im Film nun ist es mangelndes Vertrauen und das Brechen eines Liebesschwures. Im Detail baut Gans freilich noch viele weitere kleine Änderungen ein. Und was soll man sagen: Die Ganse’sche Interpretation der Vorlage funktioniert richtig gut und ist mehr als nur der Kitt, der die Bilderwelten von Gans zusammenhält.

Die Schöne und das Biest

Belle erkundet das Schloss des Biestes.

Das liegt auch und vor allem an den großartigen Darstellern. Vincent Cassel („Der Pakt der Wölfe“) ist unter dem CGI-Kopf der Bestie zwar meistens nicht zu erkennen, verleiht dem Biest aber eine beeindruckende Physis und darf es sehr ungestüm, wild und aufbrausend darstellen, ohne die distinguierten Seiten seines Prinzseins zu vernachlässigen. In den Szenen als Prinz beherrscht er vollends die Szenerie und spielt all seine Mitspieler mit Leichtigkeit an die Wand. Dazu gehört im Übrigen auch die wunderhübsch anzusehende Yvonne Catterfeld, die einen erstaunlich guten Auftritt als schöne Prinzessin hinlegt. Als Belle überzeugt der neue französische Jungstar Lea Seydoux („Blau ist eine warme Farbe“) und darf die gesamte Gefühlsklaviatur von zum Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt ausspielen. Und den Schönheitsaspekt bedient sie ebenfalls spielend. Andre Dussollier („Mathilde“) gibt sehr einnehmend den großherzigen und gutmütigen Kaufmann und Eduardo Noriega („The Last Stand“) überzeugt als Gauner Perducas. Der Film ist bis in die Nebenrollen hinein treffend besetzt (unter anderem hat es auch der deutsche Martial Artist Mike Möller in Perducas’ Bande geschafft), nur die beiden Darstellerinnen der Schwestern von Belle nerven mit ihrem arg überzogenem Spiel.

Der eigentliche Star des Filmes ist aber sein Regisseur selbst. Dieser erschafft zum wiederholten Male einen formvollendeten Rausch der Bilder und inszeniert mit aller Kraft ein pompöses Bildgedicht. Seine entfesselte Kamera fliegt auf Personen zu und von ihnen weg, sie taucht auf und ab und traut sich auch ungewohnte Perspektiven zu. Dabei entstehen unentwegt Bilder, die man sich rahmen möchte…apropos: Gans nutzt für seinen Film eine erzählerische Klammer. Eine Mutter erzählt hier das Märchen von „Die Schöne und das Biest“ ihren Kindern. Dabei taucht die Kamera wiederholt in die Illustrationen des Buches ein, aus dem die Mutter vorliest, und lässt die Bilder mehr und mehr lebendig werden. Und andersherum genauso: Da erstarren die Szenerien plötzlich, die Kamera taucht aus den Bildern auf und plötzlich sind da diese Illustrationen in dem Buch. Zugegeben, das ist kein neues Stilmittel, aber es wird hier perfekt umgesetzt. Allgemein stehen derartige Spielereien immer im Dienst der Story. Die Effekte sind wohldosiert und abgesehen von einem misslungenen CGI Reh absolut top. Die Ausstattung und Kostümabteilung setzen derweil auf starke Kontraste und eine unfassbare Detailfülle und der Soundtrack von Pierre Adenot umschmeichelt die wunderschönen Bilder. Gedreht wurde der Film weitgehend in den Babelsberger Studios, weshalb Gans auch die Lichtsetzung vollumfänglich im Griff hatte. Das Ergebnis ist ein perfekter, leicht unwirklicher Look, der hervorragend zu der Märchenvorlage passt.

Die Schöne und das Biest

Tolle Bilderwelten… das Markenzeichen von Christophe Gans.

Was bleibt, ist ein Film, den man in Sachen Quiz-Show ebenfalls lieber nicht als Lieferant für Antworten auf Detailfragen sehen sollte. Dazu geht Regisseur Christophe Gans irgendwann zu sehr eigene Wege und interpretiert das Märchen auf angenehme Art und Weise neu. Dabei will allerdings nicht alles gelingen. Manche Entscheidungen, etwa das Einbinden seltsamer Wesen, die das Schloss des Biestes bevölkern, bleiben folgenlos für den gesamten Film und verpuffen wirkungslos. Auch die Liebe zwischen Belle und dem Biest will nicht wirklich greifbar werden, dazu ist Belle viel zu oft alleine unterwegs und sind die Interaktionen mit dem Biest viel zu spärlich gesät. Obendrein scheint sich Belle mehr in das Traumbild des Prinzen/Biestes zu verlieben, als in das Biest selbst. All das verhindert zwar das Aufkommen von zu viel Kitsch, lässt aber auch den Showdown wenig emotional wirken und fast zu einer Art Karikatur verkommen. Und abschließend sei erwähnt, dass Gans bei seinem neuesten Film teilweise gehörige Tempoeinbrüche zu verzeichnen hat. Langweilig wird das Treiben zwar nie, der Eindruck, dass der Film hier und da aber auf der Stelle tritt, stellt sich allerdings schon ein. Derartige Unzulänglichkeiten konterkariert Gans mit der geballten Kraft der ihm zur Verfügung stehenden Bildgewalt. Dabei entstehen wieder einmal Bilderwelten, die man aufgrund des geringen Outputs des Regisseurs einfach viel zu selten zu sehen bekommt. Zudem gesteht Gans seinem Film auch milde Horroraspekte zu und haut er im Showdown mit amtlicher Effektgewalt und netter Action noch einmal ordentlich auf den Putz. Und das stark genug, um dem angegrauten Stoff den Staub aus den Klamotten zu pusten…

Der Film ist ab 1. Mai 2014 in den deutschen Kinos zu sehen und kommt von dem Label Concorde Filmverleih. Inzwischen ist der Film auch auf DVD und Blu-ray im deutschen Handel erhältlich und freilich uncut!

In diesem Sinne:
freeman

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