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Doctor Strange

Originaltitel: Doctor Strange__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2016__Regie: Scott Derrickson__Darsteller: Benedict Cumberbatch, Mads Mikkelsen, Tilda Swinton, Chiwetel Ejiofor, Rachel McAdams, Benedict Wong, Scott Adkins, Michael Stuhlbarg, Benjamin Bratt u.a.
Doctor Strange

Der titelgebende Magierheld von „Doctor Strange“ bekommt es mit Schurken zu tun, zu denen Mads Mikkelsen und Scott Adkins gehören

Marvel hatte in den letzten Jahren ein glückliches Händchen bei den Filmdebüts unbekannterer Helden bewiesen, seien es die Weltraumabenteurer aus „Guardians of the Galaxy“ oder der Meisterdieb aus „Ant-Man“. Anno 2016 tritt nun mit Doctor Strange ein weiterer, außerhalb der Comicfanzirkel weniger populärer Held an den Start.

Dabei ist Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) mit seinem Alliterationsnamen fast schon prädestiniert für eine Laufbahn als Superheld, man denke an Peter Parker oder Bruce Banner. Doch erst mal begnügt er sich mit einer Karriere als begnadeter Hirnchirurg, die jedoch vorbei zu sein droht, als der von sich überzeugte Mediziner beim Telefonieren im Auto (natürlich bei Höchstgeschwindigkeit) einen Unfall baut und seine infolgedessen zerschmetterten Hände nicht mehr einsetzen kann. Das ist ein harter Schlag für Strange, hat der Film ihn bis dato doch explizit als Karrieremenschen gezeigt, der andere Ärzte herablassend behandelt und die Beziehung zu der Kollegin Christine Palmer (Rachel McAdams) durch sein Verhalten sabotierte.

Nachdem jede Behandlung fehlschlägt, klammert sich Strange an die Geschichte des Mechanikers Jonathan Pangborn (Benjamin Bratt), der nach einer Fraktur der Wirbelsäule wieder laufen lernte. Pangborn berichtet von einer spirituellen Heilung im Kamar-Taj in Nepal. Rationalist Strange bleibt skeptisch, macht sich aber trotz aller Zweifel auf in den Orient. Im Gegensatz zum Zuschauer hat er ja auch nicht die Auftaktsequenz gesehen, in der The Ancient One (Tilda Swinton) und die Schergen des fiesen Magiers Kaecilius (Mads Mikkelsen) sich in der sogenannten Siegeldimension bekriegen und in der zum einen ansatzweise gezeigt wird, was alles hinter der Alltagsrealität liegt, zum anderen bereits die ersten Prinzipien der Zauberei in „Doctor Strange“ angeteasert werden.

Im Bruce-Wayne-in-„Batman Begins“-Gedächtnislook schleppt sich Strange also in die Berge Asiens und wird tatsächlich aufgenommen im Kamar-Taj. Während er langsam, aber verbissen versucht Magie zu erlernen, erfährt er über den Krieg der Zauberer, da Kaecilius, ein ehemaliger Schüler von The Ancient One, als Preis für ewiges Leben die Welt der Menschen an eine finstere Wesenheit aus einer anderen Dimension verschenken will…

Doctor Strange

Doctor Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) verteidigt die Welt der Menschen gegen magische Strolche und Eindringlinge aus anderen Dimensionen

Nach technisch und genetisch gepimpten Helden wie Iron Man, Captain America und Ant-Man soll „Doctor Strange“ nun Magie in das Marvel-Universum einführen, was allerdings schon teilweise Komponente der beiden „Thor“-Filme war. Doch große Abwechslung im Comicgenre darf man leider nicht erwarten, denn trotz veränderter Hintergründe ist „Doctor Strange“ in erster Linie eine Origin Story. Und keine beschleunigte wie etwa „Ant-Man“, sondern eine, die sich viel Zeit für die Etablierung des Helden und der Magierwelt lässt, die man hier zu Gesicht bekommt. Das mag teilweise zumindest nötig sein um die Spielregeln der Paralleldimensionen zu erklären, Stranges Weg ist allerdings kalter Kaffee: Wie ein Tony Stark im ersten „Iron Man“ gibt er den arrogant-sarkastischen Sack, der erst Demut lernt und dann zum Helden im Kampf für die Allgemeinheit wird, doch leider ohne die Persönlichkeit und ohne den Background eines Tony Stark. Mehr als ein brillanter Mediziner, der ein berühmter brillanter Mediziner werden will, ist Stephen Strange über weite Strecken nicht, seine komplizierte Beziehung zu Christine wird in wenigen Szenen abgefrühstückt und die einzige (mäßig spannende) Frage ist die, ob er die Magie zur Heilung seiner Hände oder später doch für Größeres bestimmt wird – die Antwort fällt wenig überraschend aus.

Wovon „Doctor Strange“ umso mehr berichtet, das ist der Zusammenprall zweier Welten: Stranges komplett rationale, an Daten und Fakten orientierte Sicht trifft auf den schwer erklärbaren Mystizismus von The Ancient One und ihren Leuten. Das ist auf der Erzählebene mehr als einmal Thema und wird in einer Szene sogar ziemlich gewitzt verdeutlicht: Während Mediziner mit moderner Technik um Stranges Leben ringen, liefert der sich in einer Paralleldimension einen Kampf mit Kaecilius‘ Schergen Lucian (Scott Adkins) – gewinnen muss Strange beide Überlebenskämpfe. Leider ist die schwere Vereinbarkeit mehrerer Welten nicht nur intradiegetisch Thema, sondern lässt sich auch auf den Film an sich anwenden, wo derartige Konflikte weniger gut vereint werden innerhalb der Story.

Doctor Strange

Bilder aus glücklicheren Tagen: Strange und Kollegin Christine Palmer (Rachel McAdams)

Da wäre zum einen die Inszenierung der Spektakelszenen. Diese sind mit einem hervorragenden 3D in Szene gesetzt und liefern eindrucksvolle Bilder, die sich zwar hin und wieder bei Christopher Nolan (vor allem dem Falten der Stadt in „Inception“) bedienen, aber trotzdem einen bleibenden Eindruck hinterlassen und von einem einnehmenden visuellen Konzept zeugen, bei dem sich Böden auflösen, Fenster und Türen blitzschnell Verbindungen zwischen geographisch meilenweit entfernten Orten schaffen und sich parallele Dimensionen überschneiden. Immer wieder werden diese Hintergründe auch für ansprechende Actionszenen genutzt, gerade wenn Strange und sein Mitstreiter Mordo (Chiwetel Ejiofor) vor ihren Feinden durch eine sich verbiegende Stadt fliehen oder wenn Strange in seiner Szene die (erst angehaltene) Zeit rückwärts dreht und alle Beteiligten den Auswirkungen dieses Zurückspulens ausweichen müssen.

Kommt es jedoch zum Nahkampf, dann verliert sich der visuelle Reiz, da die Kampfszenen leider oft zu schnell geschnitten sind um im 3D-Format ihren vollen Reiz zu entfalten. Mit der Mischung aus Magie und Martial Arts bewegt sich „Doctor Strange“ in Richtung asiatischer Wire-Fu-Filme, was ja durchaus thematisch passt, bekommt den Spagat zwischen körperlicher Haue und astraler Magie selten hin. Immerhin: Der erwähnte Kampf Strange vs. Lucian gibt Actionstar Scott Adkins („Hard Target 2“) wenigstens etwas Raum seine Körperbeherrschung zu zeigen, doch die restliche Action verschenkt oft Potential durch mangelnde Übersicht und fehlende Körperlichkeit. Auch der Showdown will eine Absage an die zuletzt oft kritisierten Massenschlachten des Superheldenfilms darstellen, scheitert jedoch an dem Versuch einer Visualisierung des Metaphysischen: Das Finale von „Doctor Strange“ wirkt somit leider nicht erfrischend anders, sondern bemüht und verlabert.

Doctor Strange

Kaecilius (Mads Mikkelsen) sammelt seine Schergen, darunter auch Lucian (Scott Adkins)

Auch die Mischung aus Pomp und ironischer Auflockerung gelingt „Doctor Strange“ nur stellenweise. Schon der Held ist zu Beginn weniger sarkastisch und dreist als Tony Stark, wandelt sich schneller zum Grübler, hat aber immerhin seine amüsanten Momente – gerade wenn er Kollegen auflaufen lässt oder die Belegschaft des Kamar-Taj mit Popmusikreferenzen auflaufen lässt, die diese nicht verstehen. Doch wenn es dann zum Kampf um das Überleben der Menschheit geht, dann wirkt manche coole Spruch und mancher Sidegag weniger angebracht als bei den Avengers, da sich „Doctor Strange“ als pompöser, als majestätischer und als dramatischer präsentiert, womit die Jokes und der achso schwere Kampf um die Rettung der Menschheit sich in der zweiten Filmhälfte öfter beißen.

Der Schurke mit seiner ansatzweise nachvollziehbaren, aber wenig ausgearbeiteten Motivation bleibt blass, vielleicht auch, weil man die Mär vom Magier, der bei der Erforschung ungeahnter Kräfte von dunklen Mächten korrumpiert wird, von „Harry Potter“ über „Herr der Ringe“ bis „Warcraft“ schon zur Genüge gesehen hat. Wesentlich besser funktioniert da das Zusammenspiel der positiven Figuren: Strange interagiert mit seiner geheimnisvollen Lehrmeisterin, dem Bibliothekar Wong (Benedict Wong) und Mordo auf mal witzige, mal dramatische Weise, wodurch der Film unterschiedliche Attitüden zur Zauberei diskutiert und gleichzeitig für lebendige Figuren sorgt. Mordos dunkle Vergangenheit wird angedeutet, aber nicht ausgearbeitet, doch der Film insgesamt legt wenig Spuren für weitere Filme oder sonstigen Anschluss ins MCU, zumindest bis der Abspann läuft: Die Midcreditsequenz teast den nächsten „Thor“, die Postcreditsequenz Stoff für eine „Doctor Strange“-Fortsetzung an. Davor wird lediglich verklausuliert auf die Ereignisse auf „Civil War“ hingewiesen (wenn Strange am Telefon von einem Verletzten in einer experimentellen Rüstung hört) und kurz erklärt, dass die Avengers für die Abwehr irdischer und außerirdischer Schurken da sind, während sich The Ancient One und ihre Magier um Bedrohungen aus anderen Dimensionen kümmern und man sich deshalb nicht über den Weg läuft.

Natürlich wird Doctor Strange in Zukunft eine verzahntere Rolle im MCU innehaben und da macht es Freude, dass Benedict Cumberbatch („Star Trek: Into Darkness“) den Magier mit Charisma und Überzeugungskraft gibt und der Figur damit mehr Leben einzuhauchen vermag als das Drehbuch. Ein weiterer Gewinn ist Tilda Swinton („Snowpiercer“), die ja oft wie nicht ganz von dieser Welt wirkt und dementsprechend in der Rolle der geheimnisvollen Magieranführerin aufgeht. Ein echter Scene-Stealer ist Benedict Wong („Redemption“) als Bibliothekar, während Chiwetel Ejiofor („Vier Brüder“) Brauchbares leistet, aber man hat ihn schon überzeugender gesehen. Rachel McAdams („Southpaw“) als potentielles Love Interest kommt leider kaum zum Zuge, Michael Stuhlbarg („Arrival“) als Hirnchirurgenkollege noch weniger und Mads Mikkelsen („Hannibal“) kann die blasse Schurkenrolle kaum zum Leben erwecken – eine ärgerliche Verschwendung des charismatischen Dänen.

So bleibt „Doctor Strange“ höchst mittelmäßiges Malen nach Zahlen, das selten wirklich schlecht, sondern eigentlich nur okay bis egal ist. Regisseur Scott Derrickson („Erlöse uns von dem Bösen“) überzeugt in der Visualisierung der Paralleldimensionen, doch das von ihm mitverfasste Drehbuch liefert nur hinlänglich bekannte Origin-Story-Routine, einige Vorhersehbarkeiten und einen blassen Bösewicht. Da helfen dann auch einige gut aufgelegte Darsteller nur wenig, sodass „Doctor Strange“ im allenfalls visuell interessanten Genredurchschnitt versandet.

„Doctor Strange“ startet am 27. Oktober 2016 in den deutschen Kinos.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Walt Disney__FSK Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 27.10.2016 in den deutschen Kinos

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