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Elemental

Originaltitel: Elemental__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2023__Regie: Peter Sohn__Sprecher: Leah Lewis, Mamoudou Athie, Ronnie del Carmen, Shila Ommi, Mason Wertheimer, Wendi McLendon-Covey, Catherine O’Hara, Matthew Yang King, Joe Pera, Wilma Bonet, Ronobir Lahiri u.a.

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Cover

Das Poster von “Elemental”.

Nicht nur die Bewohner von Pixars neuester Welt sind auf das Elementarste reduziert. Das gilt auch für das Zusammenspiel aus Farben und Formen, mit dem die Animationskünstler den Grundbestandteilen des Lebens auf der Spur sind. Es sind längst keine sprechenden Spielzeuge, Autos oder anthropomorphe Tiere mehr, durch welche das Menschliche im Zentrum maskiert wird. Diesen Job übernehmen nun die kleinsten gemeinsamen Nenner aus Naturwissenschaften, Philosophie und Esoterik; Zellkörper auf atomarer Ebene, die den Animatoren als Verpackungsform dienen, um Emotionen zu vermitteln. Man lässt einfach zwei große Augen und einen Mund entstehen in der abstrakten Grundierung aus flüssig/wolkiger Weichheit und erdig/flackernder Härte, und schon ist ist der Betrachter mit sich und seinesgleichen im Reinen. Der Mensch, der in der Realität längst im Begriff ist, seinen eigenen Lebensraum mutwillig zu zerstören, könnte seine tiefe Sehnsucht nach einer innigen Symbiose mit der Erde kaum klarer zum Ausdruck bringen als mit dieser Utopie namens „Elemental“.

So neu ist das alles nicht. Ein architektonisches Kunstwerk wie das majestätische „Elemental City“ gab es schon in „Zoomania“ vom langjährigen Vertragspartner Disney zu bestaunen, das ebenso als futuristisches Zentrum multikultureller Zusammenkunft gedacht war. Erneut wird dabei das Dilemma zwischen Naturverbundenheit und Fortschrittsdrang offengelegt. Aufgelöst werden kann es im Animationsfilm, im Gegensatz zur Realität, durch die Magie der Konzeptdesigner, deren Einfallsreichtum die einzige Ressource ist, die ihnen versiegen könnte; alles Weitere sprudelt im Überfluss. Uralte Architektenträume brechen sich ungehindert auf der Leinwand Bahn, und es ist niemand da, der im Hintergrund den moralischen Zeigefinger heben und davor warnen könnte, dass der Schein der Oberfläche trügt.

Elemental

Ob Erde, Wasser, Feuer oder Luft: Elemental City hat einiges zu bieten.

„Alles steht Kopf“ war 2015 letztlich die Pforte ins Reich der unendlichen Abstraktion der dargestellten Form. Dass 2020 mit „Soul“ ein Film über den Jazz entstand, war nur folgerichtig, denn die Strichführung wird in den Pixar Studios mittlerweile immer avantgardistischer, während der humanistische Kern tief im Konservativen verhaftet bleibt. So entstand bei den genannten Werken trotz visueller Brillanz mitunter der Eindruck einer unnötig verworrenen erzählerischen Linie, die am Ende doch nur auf eine simple Botschaft hinauslief, was bei Kindern im Ansatz für Irritation und bei Erwachsenen im Abgang für Enttäuschung sorgen konnte.

„Elemental“ verhält sich diesbezüglich zumindest ein wenig geschickter. Kinder müssen zwar auch hier zunächst kognitiv etwas mehr leisten als bei „Findet Nemo“ oder „Cars“, stoßen dann aber auf eine Allegorie, die weniger umständlich konstruiert ist als etwa die Seelenwelt aus „Soul“. Es ist eine solche mit Bezug zu Rassismus und Diskriminierung, die aber nicht rein gesellschaftspolitisch aufgearbeitet wird, sondern fließend in Verweise auf ein Leben im Einklang mit der Natur übergeht, so dass zum Beispiel auch der Umweltschutz indirekt zum Thema gemacht wird.

Elemental

Ember und Wade unterscheiden sich sozusagen wie Feuer und Wasser.

Dass Erde und Luft in Form von lehmigen Lebkuchenmännchen und aufgeplusterten Wolken als Nebenfiguren in den Hintergrund verdammt werden, macht aus „Elemental“, wie auch nicht anders zu erwarten, ein reines Feuer-und-Wasser-Duett, dessen Dualität ganz in Tradition der idyllischen Küstendorf-Ode „Luca“ steht und mit diesem auch das für den Plot bestimmende Romeo-und-Julia-Motiv teilt. Alles dreht sich um das Yin und Yang der beiden Elemente, die für das Auge naturgemäß den größten Spektakel-Faktor besitzen und die Grundfarben Rot und Blau in einen permanenten Tango versetzen. Verständlicherweise wird die physikalische Unvereinbarkeit von Feuer und Wasser als dramaturgischer Antrieb genutzt, um auf die ideologische Trennung von Rassen oder wenigstens Familienständen zu verweisen und in der Folge jegliche Mauern zu sprengen. Entsprechend vorhersehbar ist der gesamte Verlauf bis zum unvermeidlichen Finale, geradezu desillusionierend wirkt sich die aalglatte Konsensfähigkeit auf das inhaltliche Konzept aus. Ein wenig taugt diese Erkenntnis natürlich auch als Spiegel einer gleichförmig und spröde gewordenen Gesellschaft, die den Mut für individuelle, hervorstechende Konzepte wie jene von „Toy Story“, „Ratatouille“ oder „Wall-E“ inzwischen einfach nicht mehr aufbringt.

Wenn „Elemental“ leuchtet, dann in der Animation selbst, die eine unbändige Begeisterung für die Grundbausteine des Lebens offenbart. Was zu Anfangszeiten des Computeranimationsfilms noch exponentiell auf Kurs zum Fotorealismus ausgerichtet war, wendet sich längst wieder dem abstrahierten Zeichentrickfilm zu, auch wenn der Motor der Animation weiterhin der Computer bleibt und längst nicht mehr der Stift des Zeichners. Mit den dicken, geschwungenen Konturen scheinen die Silhouetten der Feuerelemente von der Kunst der Kalligraphie beseelt, während die sich stetig kräuselnde, permanent in Bewegung befindliche und das Licht reflektierende Oberfläche der Wasserelemente manchmal wie aus Hokusais Holzschnitt „Die große Welle vor Kanagawa“ entsprungen scheinen. Die Umgebung mit ihren Wasserpfützen, Wasserbahnen und Stränden wird permanent genutzt, um physikalische Gags zu platzieren. Nur wenige Millimeter dicke Fugen zwischen Hauswänden und Abflussrohre werden als Transportwege genutzt, Sand wird zu Glas geschmolzen, im U-Bahn-Gedränge und im Stadion fangen die Wasserelemente an zu brodeln, wenn ihnen ein Feuerelement zu nahe kommt. Ein pubertärer Erdjunge versucht seine angebetete Feuerflamme mit der ersten gewachsenen Blume in der Achselhöhle zu beeindrucken und das lokale Wolken-Sportteam trägt ein niedliches Geschwindigkeitsspuren-Logo auf dem Trikot, wie aus einem uralten Roadrunner-Cartoon. Den Naturgesetzen folgen diese Einschübe nicht immer konsequent, sondern eher, wenn es der Situation dient, es gelingt aber doch eine spielerische Annäherung an die Grundlagen der Chemie und der ihr innewohnenden Kausalität, auch wenn die anthropomorphen Verbindungen nicht immer nahtlos gelingen: Wo endet beispielsweise das Wasserwesen und wo beginnt das Wasser selbst, und wieso wird das Wesen von seinem Element überhaupt gesondert dargestellt?

Elemental

Wer die Chili-Probe beim Schwiegervater meistert, erweist sich als würdig.

Dessen ungeachtet wirkt die Animation jederzeit mühelos und unverkrampft, so dass selbst die obligatorischen Action-Momente mit Achterbahn-Ästhetik nie dem reinen Selbstzweck gehorchen, sondern organisch wie die Elemente selbst durch die Adern des Plots fließen. Dementsprechend leicht fällt es, sich auf die Figuren einzulassen, auch wenn diese im Grunde aus kaum mehr als Stereotypen bestehen, wie sie in romantischen Komödien stets aufs Neue paraphrasiert werden. Es sind auch weniger sie, sondern eher die äußeren Umstände, die „Elemental“ speziell zum Ende hin so rührselig werden lassen. Regisseur Peter Sohn (Regie “Arlo & Spot”, Synchronsprecher u.a. bei “Lightyear“) vermag eben sogar den Postkartenkitsch einer untergehenden Sonne, die an der Linie des Horizonts auf das Meer trifft, in eine universelle Botschaft zu transkribieren und mit dem Schicksal der Hauptcharaktere zu verschmelzen.

Die Zeiten der großen Meisterwerke um „Ratatouille“ und „Wall-E“ sind natürlich schon lange vorbei. Während es bei ihnen lediglich die Verkleidung ist, die analog zur rasanten Weiterentwicklung der Animationstechnologie rostet, altern viele später entstandene Werke aus dem Hause Pixar bereits jetzt im Kern. „Elemental“ wird da vermutlich mittelfristig keine Ausnahme bilden, bleibt die Geschichte um zwei sich liebende Feuer- und Wasserteilchen doch im wahrsten Sinne zu elementar, um wahrhaftig zu Herzen zu gehen wie ein einzelnes, ein ganz besonderes Schicksal, das eben nicht auf jeden einzelnen Zuschauer zutreffen mag und von diesem somit ein wenig Empathie fordert. Bei den Sturzbächen von Krokodilstränen aus „Elemental“ wird man am Ende vielleicht sogar selbst ein Gefühl der Traurigkeit in sich auflodern spüren. Wenn dem so ist, rührt es aber wohl eher vom magischen Strich der Animation her… und von der im Vergleich mit „Soul“ und „Alles steht Kopf“ nicht ganz so verkopften thematischen Annäherung, die einen leichteren Zugang zum emotionalen Zentrum erlaubt. Immerhin reicht das nach „Coco“ und „Luca“ für die womöglich drittbeste Pixar-Arbeit der letzten zehn Jahre.

7 von 10

Informationen zur Veröffentlichung

Schaut in den Trailer

„Elemental“ startete am 22. Juni 2023 in den deutschen Kinos. Als Disney-Pixar-Produktion ist der Animationsfilm inzwischen auch im Programm des Streaming-Portals Disney+ gelandet. Ab 20. Oktober folgt die Auswertung auf DVD und Blu-ray über Leonine. Auf verschiedenen VoD-Portalen kann man den Film gegen einen Obulus auch streamen.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Disney+/Leonine__FSK Freigabe: ab 0__Geschnitten: Nein (Deutschland)__Blu Ray/DVD: Ja/Ja (ab Oktober 2023)

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