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Finch

Originaltitel: Finch__Herstellungsland: Großbritannien / USA__Erscheinungsjahr: 2021__Regie: Miguel Sapochnik__Darsteller: Tom Hanks, Caleb Landry Jones, Lora Martinez-Cunningham, Andrea Good, Oscar Avila, Madeleine Dennis u.a.

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“Finch” erschien exklusiv über Apple TV+.

Inzwischen lacht keiner mehr über den Mann mit dem Volleyball. Die Kommunikation mit anorganischen Objekten hat im Laufe der Zivilisation einen radikalen Statuswandel erlebt. Was früher noch in Zeichen von Geisteskrankheit war, ist heute so selbstverständlich in den Alltag eingebettet, dass man kaum mehr Notiz davon nimmt. Digitale Assistenten, integriert in Smartphones, Smart-Home-Geräte oder Auto-Cockpits, haben permanent ein offenes Ohr für die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Besitzer. Insbesondere in den letzten zehn oder zwanzig Jahren hat sich der Alltag diesbezüglich radikal verändert. Als Tom Hanks („Fegefeuer der Eitelkeiten“) sich im Jahr 2000 in „Cast Away“ ein Gesicht auf einen Volleyball malte, um mit ihm sprechen zu können, konnte er ja nicht ahnen, dass sein Gepaddel in der Südsee auf dem Festland eine Welle auslösen würde…

Nun ist ein Android natürlich kein Volleyball, aber „Finch“ ist, auch durch den Einfluss von „Cast Away“, ein absolut klassischer, auf angenehme Weise berechenbarer Tom-Hanks-Film, der ganz bewusst auf dessen vergangene Rollen verweist. Die Titelfigur ist nur allzu dankbares Material für die lebende Schauspiellegende, die schon unzählige solcher Charaktere gespielt hat; verloren, bedröppelt, mit zunehmendem Alter am Rande ihrer Kräfte, aber immer bereit, den Kampf gegen die Widerstände aufzunehmen. „Wie machen wir das Beste daraus – Der Film“. Schon wieder. Noch immer. Für immer, womöglich. Wer einen solchen Star hat, muss seinen Film lediglich wie einen Rahmen um ihn herum maßschneidern. Keine Co-Stars auf Augenhöhe in der menschenleeren Ödnis, die hat ein Hanks eigentlich ohnehin nie gebraucht. In „Neues aus der Welt“ reichte ein Kind, das ihm die Bälle zuspielte. Nun hat er Goodyear, seinen Hund. Und dann eben noch Jeff. Einen Roboter.

Wie gesagt: ein Jeff ist kein Wilson. Das von Craig Luck und Ivor Powell geschriebene Drehbuch, das zwischenzeitlich auf der Black List der besten unverfilmten Drehbücher Hollywoods stand, denkt weit über die menschliche Psychologie hinaus. Es befasst sich mit soziologischen Mustern, aber auch mit dem Fade-In und Fade-Out von Lebenslinien auf dem großen Strom der Zeit. Letztlich geht es also um den Wert aller Lebensformen, bei weitem nicht nur den menschlichen.

Eine Sonneneruption hat die Erde in diesem Skript nämlich für alles und jeden nahezu unbewohnbar gemacht. Das Ozonloch, ein Schreckgespenst der 90er eigentlich, ist als Bösewicht zurück. Hohe Temperaturen, verlassene Städte. Stürme. Nachtaktive Plünderer. Miguel Sapochnik bebildert diese Standards der Science Fiction nur am Rande, er verzichtet ganz bewusst darauf, sie allzu stark als Wendepunkte in die Dramaturgie einzubinden. Jeder echte Blockbuster hätte den Ingenieur und seinen Begleiter beim Durchsuchen einer Gebäudeanlage wohl von Angesicht zu Angesicht mit Widersachern konfrontiert, doch hier bleibt lediglich das dumpfe Gefühl zurück, dass es womöglich hätte passieren können. Die Gefahr lauert im Schatten, doch sie springt nicht aus ihm heraus.

Herzstück des Films ist zweifellos die einzigartig in Bild und Ton gefasste Konstellation zwischen Finch, Goodyear und Jeff. Gleichermaßen einfach im Aufbau und doch ausgesprochen komplex in der Implikation, stützt sie sich nicht umsonst auf Asimovs Robotergesetze, liefert sie doch letztlich ein ausgeklügeltes Modell derselben, wobei dessen Funktionsweisen auf den ersten Blick noch gar nicht vollständig zu durchschauen sind. Vielleicht war es diesmal eine gute Entscheidung, bei den Eigenschaften des Ingenieurs auf die anfangs angedachten Graustufen zugunsten des etablierten Saubermann-Images von Hanks zu verzichten, denn nur so kommt die besondere Schlichtheit des Konstrukts erst zum Tragen. Wie sich ein Menschenleben gegenüber dem eines Hundes aufmisst, wie viel Mensch in einer künstlichen Intelligenz steckt, inwiefern Identität vererbt werden kann und ob sich Empathie und Vernunft mit Lehrwissen vermitteln lassen, sind nur einige Fragen, die in kurzen, präzisen, universell verständlichen Kommunikationsbahnen zwischen drei völlig ungleichen Lebensformen ausgetauscht werden, welche in einer schlussendlich perfekten Symmetrie ein lebensfähiges Modell in einer lebensfeindlichen Umwelt entwickelt haben. In diesem Kern steckt die ganze Seele dieses Films, all seine Mühe und all sein Feinschliff.

Der Weg dorthin ist steinig. „Finch“ muss sich ob seiner wenig originellen Gesamterscheinung zunächst mit Vorurteilen auseinandersetzen, was sein Konzept bis hin zum gesamten Produktionsdesign betrifft. All das hat man schon viele Male zuvor gesehen. Die Welt, in der sich der Protagonist wiederfindet, scheint aus Bausteinen zusammengesetzt zu sein, nicht anders als seine Schöpfung. Bausteine aus etlichen, grundsätzlich ebenso originellen Independent-Produktionen, die mit einem Darsteller, einem reduzierten Set und computergenerierten Hintergründen arbeiteten, um Kosten zu sparen. Braucht man da noch einen Tom Hanks, der den letzten i-Punkt auf die Formel setzt?

Doch für das Skript gestaltet sich die Ausgangslage letztlich als vorteilhaft, spiegelt sich die Skepsis des Erschaffers gegenüber seiner Schöpfung doch letztlich in der Erwartungshaltung des Zuschauers an den Film. Jeff, der vor dem eiligen Ausbruch nicht mehr vollständig entwickelt werden konnte, kämpft unentwegt gegen den Argwohn seines Schöpfers an, während er in guter Absicht immer wieder eklatante Fehler begeht, doch es ist nicht nur Finchs Argwohn, der ihn trifft. Das Erwachen künstlicher Intelligenz wurde bereits in allen Variationen ausgespielt, was könnte dieses Exemplar hier schon beitragen? Es gehört dann zum Charme des Films, dass es dem Außenseiter langfristig tatsächlich gelingt, nicht nur Finchs Empathie, sondern auch die des Publikums zu erringen. Die Handlung baut das geschickt auf, indem sie nicht nur zeigt, wie der Roboter Fehler macht, sondern auch, wie er mit ihnen umgeht, wie er aus ihnen lernt, und letztlich, wie er sie wieder gutmacht, während manches Mal wiederum der Instinkt seines menschlichen Begleiters versagt. In dieser Waagschale gefüllt mit Stärken und Schwächen, mit Fehlern und Heldentaten, wird dem Roboter etwas zutiefst Menschliches verliehen, ohne dass die Regie dazu gezwungen wäre, dies bedeutungsvoll auszubuchstabieren. Trotz des relativ kleinen Rahmens fühlt man sich mitunter wie in einem originalen Spielberg-Film. Sapochnik, der mit „Repo Men“ (2010) zuvor lediglich einen weiteren Film gedreht hatte, scheint das Vielschichtige ähnlich leicht von der Hand zu gehen wie dem Großmeister des Blockbuster-Family-Entertainments.

Ein Teil des Kudos für diese Qualitäten geht aber sicherlich auch an Caleb Landry Jones („The Outpost“), der Jeff via Motion Capturing und Stimme jede Menschlichkeit einhaucht. Man meint den schlaksigen Darsteller tatsächlich hinter der metallenen Silhouette zu erahnen, wie er in unsicheren Bewegungen die Koordination durch eine ihm unbekannte Welt zu lernen beginnt und wie er nach und nach auch die Verantwortung für Goodyear übernimmt, der sich so benimmt, wie es die Schöpfungsgeschichte eigentlich vorgesehen hat: Wertneutral den eigenen Instinkten folgend und die Situation so akzeptierend, wie sie eben ist.

Wer spannende Wendungen sucht, wer Action braucht oder das Werk visionärer Weltenbauer bestaunen möchte, ist bei „Finch“ an der falschen Adresse. Man ist besser aufgehoben, wenn man ein intimes Drama vor dezenter SciFi-Kulisse sehen möchte, das seine einfache, geradlinige Geschichte durch kleine Gesten in etwas hochgradig Kompliziertes reifen lässt, ohne dabei banal oder verkopft zu wirken. Vorwürfe, dass Tom Hanks erneut bloß seine Paraderolle spiele oder dass gerade in den letzten Jahren vergleichbare Drehbücher zuhauf verfilmt wurden, lassen sich schwer entkräften. Doch helfen diese Aspekte letztlich bloß, sich auf das Dreieck im Zentrum des Filmes zu konzentrieren, das mit magischer Leichtigkeit alles andere drumherum bedeutungslos macht: Finch, Goodyear und Jeff.

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07 von 10

Informationen zur Veröffentlichung

Gedreht 2019 für eine auf Oktober 2020 angesetzte Kinoauswertung unter dem Titel „BIOS“, wurde „Finch“ wie viele Filme der Zeit zu einem Opfer der Corona-Pandemie. Nach mehrmaliger Verschiebung erwarb schließlich Apple TV+ die Auswertungsrechte. Dort ist er seit November 2021 exklusiv abrufbar.

Sascha Ganser (Vince)

Bildergalerie

Finch

Finch probiert seinen neuen Dosenöffner aus.

Finch

Noch eine Stunde, dann ist Schichtwechsel.

Finch

Warte mal kurz, bei dir sitzt eine Schraube locker.

Finch

Das Plüüündern ist des Roboters’ Lust!

Finch

Auf Achse lernt man viel fürs Leben.

Finch

Da braut sich was zusammen.

Finch

So eine Apokalypse hat auch ihre Vorteile. Mehr Platz für Stöckchenholen zum Beispiel.

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Copyright aller Filmbilder/Label: Apple TV+__FSK Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein

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