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Geheimagent Barrett greift ein

Originaltitel: The Satan Bug__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1965__Regie: John Sturges__Darsteller: George Maharis, Richard Baseheart, Anne Francis, Dana Andrews, John Larkin, Richard Bull, Frank Sutton, Ed Asner, Simon Oakland, John Anderson u.a.

Geheimagent Barrett greift einGeheimagent Barrett greift ein

Einen Arbeitskollegen, Blutsverwandten, Schwippschwager oder Bruder im Geiste von James Bond könnte man auf den ersten Blick hinter Agent Barrett vermuten. Ganz wie sein berühmtes Pendant ist er augenscheinlich der Typ Mann, der gerne mal irgendwo beherzt eingreift und sich dementsprechend wohl auch nicht zu schade ist, seinen steifen grauen Anzug zu ruinieren. Prompt hängt der Fan actiongeladener Agententhriller am Haken. Was der deutsche Titel allerdings unterschlägt: Die flott in die Wege geleitete Verfilmung des damals erst drei Jahre alten Romans von Alistair MacLean hält sich überhaupt nicht groß mit (angehendem) Figurenkult auf, sondern stellt in einem einmaligen Sonderauftrag den Auftrag in den Mittelpunkt. Nicht den Ermittler.

So werden in der geschmackvollen Titelsequenz nicht etwa Silhouetten von Frauenkörpern geformt und elegante Schusshaltungen inszeniert, sondern die mit reichlich Suspense gesättigte Prämisse auf ein abstrahiertes und damit vereinfachtes Schaubild heruntergebrochen, das jeder Zuschauer intuitiv versteht: Ein Körper, bestehend aus Zellen, liegt auf dem Boden, infiziert mit einem Virus, das sich im Takt der paranoiden Musik von Jerry Goldsmith auf die Zellen ausbreitet, bis der gesamte Körper abgestorben ist. Sichtbar vom gleichen Studio animiert, das beispielsweise auch den „Pink Panther“ zum Leben erweckte, erfüllt der Vorspann zweierlei Funktion: Erstens legt er die Stimmung fest, die – auch wegen des Zynismus, der zwischen den Zeilen hervorkommt – im Vergleich der wichtigsten Agentenfilme der 60er Jahre ungewöhnlich nihilistisch ausfällt. Zweitens codiert er Form, Farbe und Einstellungsgrößen, die John Sturges anschließend stilsicher mit der versierten Hand eines Mannes kontrolliert, der zu jenem Zeitpunkt bereits Klassiker wie „Gesprengte Ketten“, „Die Glorreichen Sieben“ und „Der alte Mann und das Meer“ geschaffen hatte.

Der Übergang wird mit einer Überblende vom gezeichneten Bild zur Vogelperspektive auf eine reale Landstraße sogar aktiv begleitet. Und kaum beginnen die Kameras real zu drehen, entpuppt sich „Geheimagent Barrett greift ein“ als waschechtes Ausstellungsstück der 60er Jahre. Draußen herrscht die amerikanische Ödnis mit ihren Bergwipfeln und Wüstenflächen in endlosen Blau- und Rot-Paletten. Strommasten teilen die Äcker geometrisch auf; Durch funkelnde Limousinen aufgewirbelte Staubwolken verbleiben als einziges Zeichen von Leben. Der Schauplatz im Nirgendwo ist bereits ein Vorgeschmack auf das Endziel des Villains, der aufgrund seiner irrsinnigen Pläne und ihrer immensen Reichweite ernsthaft Gefahr läuft, noch ein „Super“ als Extra-Titel einzuheimsen. Mitte der 60er Jahre war eine durch den Menschen ausgelöste globale Bedrohung über das sehr reale Kalter-Krieg-Damoklesschwert „Nuklearwaffe“ natürlich längst als Horrorvorstellung etabliert. Dass allerdings ein einzelner Mann im Besitz einer zerbrechlichen Flasche die Macht über das Leben der gesamten Weltbevölkerung erlangen könnte und quasi als wandelnde Zeitbombe durch Kalifornien spazierte, musste man ja zwangsläufig als Ammenmärchen wahrnehmen. Wenn also eine vermeintliche Schwäche des Films im Laufe der Zeit relativiert wurde, dann vielleicht diese; immerhin hat die Vernetzung der Welt in den letzten Jahrzehnten rasant zugenommen und somit auch die potenzielle Macht eines Einzelnen, die Welt ins Chaos zu stürzen. Man kann, muss aber den „Satan Bug“-Virus aus dem Film nicht wörtlich nehmen, um das Szenario gar nicht mehr sooo unwahrscheinlich zu finden… ob man nun von der rasanten Verbreitung von Krankheitserregern ausgeht, irrationalen Entscheidungen geistig umnachteter Regierungsoberhäupter mit zu viel Macht oder digitaler Bedrohung, ihre Lesbarkeit haben Roman wie Verfilmung im Laufe der Zeit vervielfacht.

Schaut in “Geheimagent Barrett greift ein” hinein

Wir befinden uns aber während des Eingriffs von Geheimagent Barrett mitten in den 60er Jahren, und auch die Innenausstattung verströmt den 60er-Chic noch aus jeder Pore. Bei all den blinkenden Knöpfen, Apparaturen und doppelten Sicherheitstüren glaubt man beinahe, jeden Moment käme Adam West im grauen Strampler um die Ecke geflitzt. Ein wahrhaft merkwürdiges Sehvergnügen, weil Sturges die Situationen gleichzeitig souverän und vorausschauend genug in Szene setzt, um sie nicht zum Kasperletheater geraten zu lassen. Möchte man einen aktuellen Thriller als Vergleich anführen, der ebenfalls die Stille vor dem Sturm anstatt des Sturms zum Handlungskonzept erklärt, böte sich etwa Denis Villeneuves „Sicario“ an – dem anschließend teuer produzierten SciFi-Epos „Blade Runner 2049“ vorausgehend ist dies ebenso wie „Geheimagent Barrett greift ein“ ein eher kleiner Film mit beschränkten Schauwerten. Man merkt alleine anhand der sehenswert fotografierten Schauplätze, dass der Dirigentenstab in beiden Fällen von einem Könner geführt wird.

Anzumerken ist dabei allerdings, dass Sturges seine Arbeit immer ausschließlich in den Dienst des Suspense stellt. Damit gelingen ihm in regelmäßigen Abständen immer wieder beklemmende Momente aus den Dialogen heraus, ohne große Geschütze im visuellen Sinne auffahren zu müssen. Bemüht man hingegen einen Vergleich mit Bond und Artgenossen, bleibt Barrett in nahezu jeder zählenden Kategorie zweiter Sieger. Das Charisma des Hauptdarstellers George Maharis wird durch die Fokussierung auf das große Ganze bewusst klein gehalten. Ein Sean Connery, der im gleichen Jahr in sein viertes 007-Abenteuer startete, war da schon eine ganz andere Hausnummer, gerade in Sachen Publikumsbindung. Denn wieso sollte man mehr von Barrett sehen wollen, wenn Barrett ein blasses Abbild des Primus zu sein scheint, dessen eigener Fall weit futuristischer zu sein scheint als er selbst? Das alleine würde schon als Erklärungsansatz reichen, weshalb sich nie eine Reihe rund um den Agenten entwickelt hat. Auch von Action ist über weite Strecken so gut wie nichts zu sehen; „Schnitzeljagd mit Kreuzworträtsel“ kommt da als Schlüsselbegriff schon eher hin. Das Drehbuch ist geprägt von teils holprigen Schauplatzwechseln, die Barrett vom Labor über ein Hotel an einen Fluss zum verlassenen Haus eines Laborarbeiters auf die Landstraße in ein Auto hin zu einem leeren Baseball-Stadion als klassisches Final-Setpiece führt. Wenn es einem Betrachter nicht gelingt, einfach die stark gefilmten Schauplätze zu genießen, kann er die Schnittkette von einem Ort zum nächsten leicht als ereignis- und spannungslos empfinden.

Da ist es fast ironisch, dass sich die einzige ernstzunehmende Actionszene, ein Irrflug im Helikopter über der Skyline von Los Angeles, beinahe anfühlt wie die Inspiration für die brachiale Auftaktsequenz vom 24. Bond „Spectre“. Hier versuchte Daniel Craig unter höchster Anspannung, einen außer Kontrolle geratenen Heli nicht auf einen mit Menschenmassen gefüllten Marktplatz in Mexico City stürzen zu lassen. Bei Sturges sitzt diese Nummer trotz gewisser Einschränkungen bei der Umsetzung ebenso treffsicher wie die dominierenden Dialogsequenzen mit ihren Spannungs- anstatt Entladungs-Höhepunkten. Und als besonderes Schmankerl zum Abgang setzt sich der Abspann mitten in die ungeklärten Tatsachen. Ein erneuter Bruch mit den Konventionen, der „Geheimagent Barrett greift ein“ zu einem ganz speziellen Stand verhilft. Zwar wird in gewissem Sinne ein abgeschlossenes Ende geboten, ganz sicher kann man sich aber nicht sein, ob alles seinen guten Ausgang nimmt…

Also: Bitte eher keinen reißerischen B-Movie-Bond erwarten, sondern lieber einen actionarmen Dialog-Thriller mit hohen Ansprüchen auf seinem Gebiet bei völligem Desinteresse an anderweitigen Qualitäten wie der Eignung zu einer möglichen Franchise. Die Vorlage wird sorgfältig in einen Agentenplot mit Verschwörungs-, Verwechslungs- und daraus resultierenden Suspense-Elementen gegossen. Je nachdem, wie man den dialoglastigen Ansatz und die damit verbundenen Tempoprobleme im Mittelteil bewertet, fällt das Urteil vermutlich knapp südlich oder nördlich des Mittelwerts aus. Unter Berücksichtigung der filmischen Qualitäten, die sich hier durchaus finden lassen, darf man sich aber gerne in den oberen Wertungsregionen umschauen.

Starke
6 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von “Geheimagent Barrett greift ein”

Geheimagent Barrett greift ein

Mediabook Cover A von “Geheimagent Barrett greift ein”

Die Sechz’ger. Was für den Fußballfan ein Verein aus München ist, ist für den Filmfreund der Anbruch einer neuen Reihe aus dem Hause Anolis. Nachdem die 80er ihren Einstand mit “Mutant – Das Grauen aus dem All” feierten und die 70er anschließend gleich mit dem Doppelpack “Willard” / “Ben” nachlegten, wagt man sich nun ein weiteres Jahrzehnt zurück, um dort die Verlorenen und Vergessenen, die Unterschätzten und vielleicht auch ein paar Unterprivilegierte zu ehren.

Der Auftakt ist mit “Geheimagent Barrett greift ein” sinnvoll gelegt, denn hierbei handelt es sich nicht gerade um ein Highlight aus der ruhmreichen Filmografie von John Sturges, aber sehr wohl um einen Film, der heute wieder neue Anhänger finden könnte und sich zur Wiederentdeckung empfiehlt. Zu dem Schluss kommt auch Mike Siegel in seiner Booklet-Abhandlung. Er scheint selbst kein besonders großer Fan dieses Agententhrillers zu sein; seine Einordnung besteht darin, aufzuzeigen, dass es sich nur um eine Übergangsproduktion auf dem Weg zum hoch budgetierten “Vierzig Wagen westwärts” handelte und dass Sturges im Grunde mit den Gedanken bereits beim Nachfolgeprojekt gewesen sei. Am Ende räumt er aber fairerweise ein, dass inzwischen Stimmen laut werden, die den vermeintlichen Lückenfüller als unterschätzt ansehen und finden, dass er mehr Aufmerksamkeit verdient habe. Hier kann sich nun dank der hervorragenden Veröffentlichung jeder selbst ein Bild machen.

Das Booklet ist 24 Seiten stark, neben Siegels Text prall gefüllt mit Postern und Zusatzinformationen und gedruckt auf angenehm dicken Seiten. Eingeklammert ist es in ein Mediabook, das wie gewohnt in zwei verschiedenen Covermotiven angeboten wird. Cover A zeigt die Hauptfigur im typisch kantigen Posterdesign der 60er Jahre. Das hier vorliegende Cover B setzt auf eine Collage, die haufenweise Schauplätze und abwechslungsreiche Action am laufenden Band suggeriert und somit die Assoziationen zur Bond-Franchise weckt. Dass derartige Erwartungen trügerisch sind, sollte in der Kritik angeklungen sein. Schick sieht’s trotzdem aus. Die Innenseiten samt Disc-Aufdruck verwenden grafische Elemente eines gezeichneten Originalposters als Grundlage, auf dem ein Mann zu sehen ist, der bäuchlings tot in einem Swimmingpool treibt, dargestellt von der Unterseite des Pools. Wenn man da nicht an “Sunset Boulevard” denken muss.

Ein wichtiger Unterschied zu den Vorgängern der Reihe ist schnell ausgemacht: Neben der Blu-ray befindet sich diesmal eine DVD auf der anderen Seite des Trays. Diese enthält allerdings nicht, wie von vielen anderen Anbietern gewöhnt, den selben Inhalt noch einmal, sondern eine “Grindhouse”-Fassung des Hauptfilms mit unbearbeitetem, verschmutzten Bild. Das Besondere daran: Der Film startet nicht einfach so, sondern er beginnt mit den Innenaufnahmen aus einem Kino. Sobald der Vorhang zurückgeschoben wird, erfolgt der Schnitt zentral auf die Leinwand und die Vorstellung geht los – angeführt von reichlich Bonus-Trailern, inklusive “Bitte nicht rauchen”-Hinweis und “Jever Pilsener” Werbung. Wenn das mal nicht wahres Grindhouse-Feeling aufkommen lässt.

Geheimagent Barrett greift ein

Mediabook Cover B von “Geheimagent Barrett greift ein”

Wer sich dann doch dafür entscheidet, auf Blu-ray die restaurierte Fassung des Hauptfilms zu begutachten, der wird seine Entscheidung wahrlich nicht bereuen. Das im Panorama-Format 2,35:1 dargestellte Bild ist als brillant zu bezeichnen. Es strahlt vor Leuchtkraft, bietet ein ausladendes Spektrum an Farben, wimmelt von Details und ist messerscharf. Es sind nur sehr wenige Einzelszenen (mir ist direkt nur eine aufgefallen), in denen die Bildschärfe spürbar zurückgeht. Die oft sehr langgezogenen Einstellungen, mit denen Sturges arbeitete, profitieren sehr von dieser Qualität, denn so kann man die im Ausschnitt verstecken Details komplett auskosten.

Beim Ton darf man selbstverständlich wählen zwischen deutscher Synchronisation und englischem Original; für letztere liegen auch Untertitel vor. Als dritte Tonspur lässt sich ein Audiokommentar von Dr. Marcus Stiglegger abrufen, aus dem sich wie immer viele Hintergrundinformationen ziehen lassen. Dies bleibt leider das einzige Extra, mit dem man mehr Inhaltliches erfährt. Auf der DVD gibt es zwar neben der Grindhouse-Fassung noch eine 50-seitige Texttafel mit Bio- und Filmografie des Regisseurs, auf der Haupt-Disc beschränken sich die Zusatz-Features hingegen auf das klassische Paket aus Trailern, Radiospots, Filmprogramm und Bildergalerie.

Unter dem Strich ein spannender Auftakt für die 60er mit einem sehr interessanten Film in hervorragender Umsetzung, garniert mit einigen interessanten Extras in einem sehr schönen Mediabook. Mal sehen, was die 60er noch so zu bieten haben.

Sascha Ganser (Vince)

Bildergalerie von “Geheimagent Barrett greift ein”

Geheimagent Barrett greift ein

Kopf-in-Kiste-Effekt mal anders.

Geheimagent Barrett greift ein

Gitterzäune? Lachhaftes Hindernis für jemanden, der vorhat, die Erdbevölkerung auszulöschen.

Geheimagent Barrett greift ein

Piept der Vogel nicht mehr, dann hört’s beim Mann im Anzug auch bald auf zu piepen.

Geheimagent Barrett greift ein

Es gibt wahrlich viel zu besprechen in diesem doch sehr dialoglastigen Suspense-Thriller…

Geheimagent Barrett greift ein

…ob Face-to-Face oder per Wählscheibe.

Geheimagent Barrett greift ein

Agent Barrett behält bei seinen Holmes’schen Schlussfolgerungen im kühlen Bach ein kühles Köpfchen.

Geheimagent Barrett greift ein

Geheimagenten-Windschutzscheiben führen bekanntermaßen ein gefährliches Leben.

Geheimagent Barrett greift ein

“The Satan Bug” verleiht Flüüüügel!

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