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Halloween Kills

Originaltitel: Halloween Kills__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2021__Regie: David Gordon Green__Darsteller: Anthony Michael Hall, Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Kyle Richards, Andi Matichak, Stephanie McIntyre, Nick Castle, Dylan Arnold, Charles Cyphers, Kadrolsha Ona Carole, Robert Longstreet, Omar J. Dorsey u.a.

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Halloween Kills Poster

Das Poster zu “Halloween Kills”

Wie man es auch dreht und wendet, am Ende führt der Pfad immer zurück ins Jahr 1978. Filmhistorisch gesehen existieren keine Alternativpfade, um die Halloween-Nacht dieses schicksalhaften Jahrs zu umgehen. Was damals auf der Leinwand geschah, lässt sich weder verdrängen noch ignorieren, egal wie sich die Dinge inzwischen entwickelt haben. Michael Myers wurde später verprügelt, elektrifiziert, robzombifiziert, erschossen, geköpft, verbrannt und, das kommt dem wahren Leinwandtod wahrscheinlich am nächsten, einmal sogar ausgetauscht („Halloween III – Season of the Witch“). Aller Widerstände zum Trotz, William Shatners wächsernes Gesicht wurde nun bereits durch satte vier Dekaden spazieren geführt und ist dabei Zeuge der Entstehung unzähliger Leichen geworden, die von seinen toten Augen nach vollendeter Arbeit ungerührt wie eh und je zur Kenntnis genommen wurden. Unauslöschlich bleibt jedoch sein unbeirrter Spaziergang durch den Spätherbst der 70er Jahre, der ihn letztlich bereits im zarten Alter von 21 Jahren unsterblich machte. Es ist Myers’ Frühwerk, das als Foto-Negativ im kollektiven Cineasten-Bewusstsein abgespeichert bleibt: Das Bild einer jungen Jamie Lee Curtis in einer mit Herbstlaub dekorierten Allee von Haddonfield, verfolgt von einem großen maskierten Mann im dunklen Overall.

Kein Zweifel, John Carpenters „Halloween“ IST Halloween, ganz gleich, wie viele Nachfolger noch unter seinem Titel zu morden gedenken. Wer die Quintessenz dieser Franchise sucht, wird bereits hier fündig und muss sich nicht zwangsläufig durch die Fortsetzungen wühlen; anders etwa als bei Konkurrent Jason Voorhees, der erst durch seine Stehaufmännchen-Qualitäten zu dem unzerstörbaren Monster mutierte, als das er jetzt herumspaziert. Und wenn es dessen noch einen Beweis gebraucht hätte: Wer ein Vierteljahrhundert später Busta Rhymes’ Internet des Grauens schadlos überlebt, der ist wohl gegen jedweden Schaden der Zukunft gefeit.

Halloween Kills Michael Myers

Michael Myers in ikonischer Pose.

Michael Myers ist also nicht erst durch den beharrlichen Ausbau seines Bodycounts über die Jahre zum vielzitierten wahrhaftigen Bösen geworden, wie man es uns nun vollmundig als eine der zentralen Thesen von „Halloween Kills“ weismachen möchte. Nein, er verkörperte bereits eine Mythologie des reinen Bösen, als noch Carpenter selbst das Zepter schwang. Hier ging es nie um eine gehänselte arme Seele. Selbst die Fantasy-Horrorgestalt Pinhead aus der „Hellraiser“-Franchise war in ferner Vergangenheit mal mehr Mensch als Myers je gewesen ist. Dr. Loomis musste zwar in Gestalt von Donald Pleasence Überzeugungsarbeit im Stil eines Weltuntergangspropheten leisten, um auch den Rest der Bevölkerung von dieser (nüchtern betrachtet in der Tat wirr klingenden) Erkenntnis zu überzeugen; wir, die Zuschauer, wussten aber schon immer, dass der Psychiater guten Grund für sein Urteil hatte, war er doch durch die Behandlung seines speziellsten Patienten an den äußersten Rand der Psychologie getreten und blickte in die Leere eines tiefen Abgrunds.

Letzten Endes sollten Loomis’ Predigten keine Hirngespinste eines armen Irren bleiben, sie haben Früchte getragen. Der Glauben an das Böse hat nun schließlich, so viele Fortsetzungen später, die gesamte Gemeinschaft durchtränkt. „Halloween Kills“ dreht sich im Wesentlichen um Überlebende der vergangenen Massaker und zeigt eine Kleinstadt, die mit fast schon religiösen Eifer kollektive Vergangenheitsbewältigung betreibt, indem sie den Teufel in Menschengestalt heraufbeschwört und anschließend niederzuringen versucht. Zeitgenossen, die vom Boogeyman im Mechaniker-Dress völlig überrumpelt werden, sind nicht mehr viele übrig, die meisten von ihnen wissen, dass sie Besuch vom Sensenmann haben, wenn sie seine weiße Maske in der Nacht leuchten sehen. Nachdem David Gordon Green in seinem ersten „Halloween“ aus dem Jahr 2018 hauptsächlich damit beschäftigt war, akribisch dem schnörkellosen Carpenter-Original nachzueifern, öffnet er mit der für die Reihe ungewöhnlichen Verlagerung des Erzählrahmens von der Einzelgruppe hin zur städtischen Gemeinde nun die Box der Pandora. Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt völlig unmöglich, vorauszusagen, was er damit entfesselt hat.

Haddonfield ist somit zu einem Schauplatz mutiert, der erstaunlich viele Gemeinsamkeiten mit den Stephen-King-Universen vom Format Derry oder Castle Rock teilt. Es gibt eine – gerade für einen Slasher-Streifen – beachtliche Fülle an Nebenfiguren und Subplots, die Haupthandlung sieht sich einer Dezentralisierung ausgesetzt und Querverweise kreuzen sich im Mondlicht bürgerlicher Halloween-Treffpunkte, wie etwa Bars, Parks und öffentliche Gebäude. Die Intimität, die Green selbst im Vorgänger noch durch die Reaktivierung von Jamie Lee Curtis (“Prom Night“) heraufbeschwor, mündend in einem sehr persönlichen Finale, dessen Konzept ein Jahr später auch der fünfte Teil von „Rambo“ für sich nutzen sollte, wird vollständig aufgegeben, der Fokus auf die Entwicklung einzelner Charaktere wird zugunsten des Portraits eines ganzen Ortes außer Acht gelassen. Schließlich war es auch bei King stets das Böse in Person, das gleich eine ganze Kleinstadt in die Farben des Horrors tauchte; ob nun in Gestalt eines furchterregenden Clowns oder eines freundlichen, alten Antiquitätenhändlers.

Diese Formel nun auf Michael Myers anzuwenden, klingt nach einer tiefgreifenden Persönlichkeitsveränderung, die sie aber bei genauer Betrachtung gar nicht ist. Indem Green die Killer-Ikone in eine solche Ahnenreihe des Übernatürlichen stellt, bleibt er im Grunde sogar ihrem ursprünglichen Charakter treu. Problematisch ist allenfalls, dass die Charakterisierung als Ergebnis einer eigenen Studie verkauft und damit Erkenntnisse geteilt werden, die man schon aus dem Ursprungsmaterial lesen konnte. Die Schlussfolgerung, das Böse basiere auf der Genese einer endlos laufenden Slasher-Reihe, ist damit zumindest in dieser Reihe falsch gedacht.

Halloween Kills mit Jamie Lee Curtis und Judy Greer

Jamie Lee Curtis und Judy Greer sind bereit, Michael Myers einen Einlauf zu verpassen.

Obwohl Carpenters trippelnder Synthesizer-Score zu brennenden Kürbisköpfen wieder stilecht einen humorlosen Slasherfilm untermalt, der wie der Vorgänger in gewisser Weise kompatibel mit dem Erbe von „Halloween“ ist, beschreitet Green neue Wege, indem er die Entität des Bösen aus der Gefangenschaft im Körper eines 2-Meter-Hünen befreit und sie in die Gedanken der Bürger Haddonfields injiziert. Dies tut er zweifelsohne nicht, ohne damit einen Kommentar zur gesellschaftlichen Lage abzugeben: Als sich etwa in den Hallen des Memorial Hospital ein Lynchmob versammelt, ähnelt die Szene frappierend den Bildern, die um die Welt gingen, als im Frühjahr 2021 das Washingtoner Kapitol gestürmt wurde. Auch wenn dieses Geschehnis während der Dreharbeiten 2019 noch nicht stattgefunden hatte, so verdichtete sich die Wahrscheinlichkeit einer solchen Eskalation während Trumps Präsidentschaft in brodelnden Unruhen bereits seit Jahren, was insbesondere das Horror-Genre in den letzten Jahren unmittelbar inspirierte.

So interessant die Diskurse sind, die mit der Idee einhergehen, die Düsternis des Michael Myers auf jene zu übertragen, die unter seinen Taten leiden, so fällt die Umsetzung doch nur halbherzig, teilweise sogar widersprüchlich aus. So geht es dem Regisseur einerseits darum, aufzuzeigen, wie der Mythos von Michael Myers das Denken der Menschen vergiftet, die geblendet von ihrer protektionistischen Geisteshaltung die grauen Zwischentöne nicht mehr zu erkennen vermögen. Andererseits wird jedoch keine Sekunde damit gezögert, sich auf die Seite des Mobs mit Fackeln und Mistgabeln zu stellen, sofern es aus dramaturgischen Gründen Sinn ergibt. Aufputschende „Evil Dies Tonight“-Reden werden jedenfalls einige geschwungen, meist zelebriert mit dem motivierenden Pathos eines Konterschlags aus einem Rocky-Boxkampf.

Anthony Michael Hall (“Into the Sun“) fungiert in diesem Teil der Handlung als Dreh- und Angelpunkt in der Rolle des Tommy Doyle, einer Figur, die in „Halloween 6“ bereits von Paul Rudd gespielt wurde. Aufgedunsen, kahlgeschoren und Baseballschläger wie Parolen schwingend, symbolisiert Hall die amerikanische Sehnsucht nach der einfachen Lösung, während sich ein menschliches Drama in seinen müden, traurigen Augen abspielt, als Wut und Verzweiflung Hand in Hand gehen. Es ist eine im Kern nicht uninteressante Figur, die aber leider einfach nach Bedarf der jeweiligen Situation völlig willkürlich eingesetzt wird und von der man nicht weiß, ob sie zur Identifikation gedacht ist oder als das genaue Gegenteil – ein Defizit, das sie mit den meisten anderen Figuren des Films verbindet.

Schaut in den Trailer von “Halloween Kills”

Das eigentliche Problem wird aber mit dem Vorgänger geteilt: „Halloween Kills“ ist schlichtweg kein besonders effektiver Horrorfilm. David Gordon Green startete seine Karriere mit stimmungsvollen Dramen und ging dann, das alleine ist schon kurios genug, ins Fach der albernen Kiffer- und Nerd-Komödien über. Dass er nun offenbar zum Erneuerer traditionsreicher Horror-Franchises aufgebaut werden soll (nach Vollendung der Halloween-Trilogie folgt die Wiederbelebung der „Exorzist“-Reihe und ein Engagement bei der geplanten „Hellraiser“-Serie), ist mit Blick auf seine Stärken und Schwächen als Regisseur fachlich gesehen nicht unbedingt naheliegend. In Sachen Perspektive, Beleuchtung und Schnitt werden immer wieder sehr eigenwillige Entscheidungen getroffen, die jeden Anflug von Beklemmung im Keim ersticken.

Exemplarisch dafür steht schon die Eröffnungssequenz, in der eine Rückblende ins Jahr 1978 höchst umständlich mit der Gegenwart verknüpft wird. Dunkle Gasse, Schnitt, Junge hängt mit aufgespießtem Kiefer auf einem Zaun, Schnitt, Polizist liegt am Boden, Rückblende, jüngere Version des Polizisten jagt Myers und verliert seinen Partner, ein (durchaus überzeugendes, weil ohne CGI realisiertes) Double von Donald Pleasence steht an der Treppe und schaut nach oben. Fragmente aus atmosphärischen Eindrücken, blutigen Effekten, nostalgischen Erinnerungen und neuen Handlungselementen prasseln ungestüm und ohne jede Reihenfolge auf den Betrachter ein – wie soll bei dieser desorientierenden Mischung so etwas wie Spannung und Thrill entstehen? Wenn man sich in Erinnerung beruft, welchen Terror Carpenter im Original mit einfachsten Montagen zu entfesseln vermochte und wie effektiv sogar ein Steve Miner diese Mittel 20 Jahre später in „H20“ zu kopieren wusste, bleibt Green im direkten Vergleich weit abgeschlagen.

Halloween Kills mit Andi Matichak

Allyson holt den großen Prügel raus!

Selbstverständlich hängt das auch mit dem Umstand zusammen, dass mehrere Handlungsstränge miteinander verflochten werden müssen. Während sich Carpenter viel Zeit nehmen konnte, an den Nerven des Zuschauers zu zerren, muss Green permanent zwischen Schauplätzen wechseln und Spannungsspitzen abwürgen, bevor sie überhaupt entstehen können. Dementsprechend setzt er vornehmlich auf den Surprise-Effekt (wenn auch zum Glück nicht immer in Form offensichtlicher Jump Scares), weniger auf lange Verfolgungssituationen, doch selbst die Buh-Momente verfehlen meist ihre Wirkung, zumal man keine Gelegenheit bekommt, Bezug zu den Opfern aufzubauen. Wenn eigens Figuren eingeführt werden, um sie bald darauf wieder dahinzumeucheln, ohne dass sie auch nur den geringsten Einfluss auf den Main Plot ausüben, wirkt das wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für einen gelangweilten Profikiller, im besten Fall noch wie eine Satire auf die moderne Fleischindustrie.

Kein Vergleich etwa zur legendären Eröffnungssequenz aus „Scream“, in der Drew Barrymore auch nicht viel Zeit hatte, sich mit dem Zuschauer bekannt zu machen, die anders als die meisten Myers-Opfer nicht einmal eine übermäßig sympathische Figur spielte, bei der es aber viel leichter fiel, mitzufiebern, weil Craven damals wesentlich geschickter mit der Situation spielte. Fraglich auch, weshalb die Pärchen so auffällig darauf ausgelegt sind, Minderheiten zu repräsentieren (afroamerikanisch, gemischtrassig, homosexuell), so gut es auch gemeint sein mag, mit ihnen eine Vielfalt aufzuzeigen, die sich inzwischen sogar in die amerikanischen Suburbs hinein verbreitet hat. Nun ist doch quasi vorprogrammiert, dass Mähdrescher Michael, der bekanntermaßen alles killt, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, aufgrund der selektiv wirkenden Auswahl von einer bestimmten Klientel zum homophoben Rassisten uminterpretiert wird.

Wer auf Gore-Süßigkeiten aus ist, der wird immerhin wesentlich satter als zu Halloween anno 2018. Michael verdreht Gelenke, zermatscht Augäpfel und lässt das Messer kreisen, bis der Arzt nicht mehr zu kommen braucht. Es gibt die ein oder andere Situation, in der man fast so etwas wie schwarzen Humor in die Tötungsmethode hineinlesen könnte (man kann ja leider nicht sehen, ob sich Michaels Gesichtszüge entsprechend verändern), unter dem Strich schaut man aber einem sehr, sehr fleißigen Totmacher zu, der sich dafür interessiert, wie Dinge funktionieren, um sie schließlich ohne jedes Interesse für die Wunder des Lebens im wahrsten Sinne des Wortes kaputtzumachen, egal, ob es sich dabei nun um eine Spielzeugdrohne handelt oder einen Menschen. Dazu kommen ein, zwei fotogene Momente vor einem brennenden Haus oder den rot-blau leuchtenden Sirenen eines Polizeiautos, die sich für den Kino-Aushang eignen und die Ikone Michael Myers mit ein wenig frischer Politur versehen. Das sind aber alles nur Oberflächenreize, die an den tiefer sitzenden Problemen nichts mehr ändern.

Halloween Kills Kill am Feuerwehrmann

Dieses Bauchweh kann man nicht mit Wasser löschen.

Dieser Film, so viel ist klar, muss und wird die Gemüter spalten. Lange nicht jeder, der den ersten Teil mochte, wird auch der Fortsetzung etwas abgewinnen können. Umgekehrt gilt das Gleiche. Das Fass, das David Gordon Green aufmacht, ist einfach zu groß, um nicht alles auf den Kopf zu stellen. Das Chaos, das er hinterlässt, kann es durchaus mit demjenigen aufnehmen, das der zweite Teil der „Jurassic World“-Trilogie für den Schlussteil hinterlassen hat. Dabei ist „Halloween Kills“ im Vergleich mit „Halloween“ (2018) durchaus der interessantere Film, weil er sich traut, eigene Schlussfolgerungen aus der Figur Michael Myers zu ziehen, womit er sich von allen bis dato erschienenen Sequels und Remakes abhebt. Interessanter bedeutet gleichwohl nicht besser: Handwerklich spricht recht wenig für einen guten, ja nicht einmal für einen soliden Vertreter des Slasher-Films. Wohin der Weg aber schließlich wirklich führt, darüber kann nächstes Halloween nur das Ende Aufschluss geben.

4 von 10

Informationen zur Veröffentlichung

“Halloween Kills” startet am 21. Oktober 2021 in den deutschen Kinos. Auf dem amerikanischen Markt ist der Slasher-Streifen parallel auch über den Streaminganbieter Peacock zu sehen, der es zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht auf den deutschen Markt geschafft hat. Eine Auswertung auf DVD, Blu-ray und 4K-UHD ist für die erste Hälfte von 2022 angekündigt.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Universal Pictures__FSK Freigabe: ab 18__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein / Nein (voraussichtlich ab 2022)

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