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Heaven’s Gate – Das Tor zum Himmel

Originaltitel: Heaven’s Gate__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1980__Regie: Michael Cimino__Darsteller: Kris Kristofferson, Christopher Walken, John Hurt, Sam Waterston, Brad Dourif, Isabelle Huppert, Joseph Cotten, Mickey Rourke, Jeff Bridges, Ronnie Hawkins, Paul Koslo, Geoffrey Lewis u.a.
Heaven's Gate Mediabook Cover

“Heaven’s Gate” entwickelt einen pessimistischen Blick auf ein Stück Zeitgeschichte.

Es gibt Filme, die von ihrer eigenen Geschichte überschattet werden. Auf kaum ein Werk der Filmgeschichte trifft dies so zu wie auf den Spätwestern “Heaven’s Gate”, der 1980 in die Kinos kam und alle Vorzeichen für einen Hit aufwies. Mit Kris Kristofferson, John Hurt und Christopher Walken schmückten drei große, beliebte Namen die Hauptrollen, und dann saß auch noch ein gewisser Michael Cimino auf dem Regiestuhl.

Cimino hatte erst zwei Jahre zuvor mit “Die durch die Hölle gehen” einen der wohl besten Kriegsfilme aller Zeiten gedreht, auch bei den Oscars gab es insgesamt fünf Goldjungen für sein Werk – darunter die Auszeichnung als Bester Film. Mit “Heaven’s Gate” sollte er also gleich sein nächstes Meisterwerk nachschieben, ein Epos um die Besiedlungsmythen Amerikas, als europäische Einwanderer und einheimische Rinderbarone erbitterte Kämpfe führten. Doch es kam anders…

Cimino überzog das Budget so arg, dass der Film am Ende doppelt so teuer für das Produktionsstudio United Artists wurde und den Verantwortlichen manches graue Haar gekostet haben mag. Nicht nur das: Mit dem kommerziellen Scheitern von “Heaven’s Gate” verpasste der ambitionierte Regisseur der auslaufenden Ära des New Hollywood endgültig den Sargnagel und wurde selbst im Filmgeschäft zur Persona non grata.

Die Plattitüde, ob der Film all das letztlich wert gewesen ist, soll an anderer Stelle erörtert werden. doch ist zumindest auffallend, wie passend sich “Heaven’s Gate” als Endpunkt des New Hollywood historisch eignet, ist dieser dreieinhalb Stunden lange mythische Western schließlich nicht mehr oder weniger als ein in monumentaler Länge aufgezogener Schwanengesang, der in die tiefsten Hinterkammern der US-amerikanischen Identität vordringt und ein geschickt verdrängtes Trauma nach außen kehrt.

Schaut in den Western mit Mickey Rourke hinein

Da Michael Cimino (“Im Jahr des Drachen“) sein Mammutwerk als Epos und nicht nur als Western verstanden wissen will, bettet er seine komplexe Geschichte in den historischen Kontext des Johnson-County Krieges. Damals, 1892 um genau zu sein, kam es in Wyoming zur blutigen Auseinandersetzung, als Rinderzüchter einen martialischen Krieg mit Kleinbauern begonnen, und eine Todesliste mit über 70 Namen herausgaben, auf der unter anderem auch Gesetzeshüter sich wieder fanden.

Was andere Filmemacher als klassischen Stoff für eine große, reizvolle Abenteuergeschichte mit Suspense und Pathos genutzt hätten, wird unter Cimino zum Monumentalfilm, dessen Konflikte sich schwelend im Hintergrund ankündigen. “Heaven’s Gate” macht es dem Zuschauer nicht leicht, gestaltet sich sperrig, fängt absolut Genre-untypisch an. Der Beginn des Films, ein beinahe halbstündiger Prolog, zeigt zwei Harvard-Absolventen im Jahr 1870 bei den Abschlussfeierlichkeiten, ausgelassen tanzend, den Frauen nachschauend.

Cimino eröffnet seinen Film so, weil er auch in den folgenden drei Stunden oft eher darauf bedacht ist, im Moment zu verweilen, als ein Narrativ zu fördern. Wenn es in den Westen geht, erinnert die Einführung des Antagonisten, von Christopher Walken (“King of New York“) auf dem Höhepunkt seiner beachtenswerten Karriere gespielt, an den ersten Auftritt klassischer Schurken des Genres, doch schon hier deutet sich Ciminos fatalistischer Nihilismus an: Durch ein Einschussloch betrachtet der Revolverheld sein so eben tödlich verwundetes Opfer, welches im Schlamm vor ihm sein Leben aushaucht, die Eingeweide aus dem Körper quellend, von der schreienden Witwe durch das Himmelstor begleitet.

Heaven's Gate mit Kris Kristofferson

Marshall James Averill stellt sich auf die Seite der Osteuropäer.

In der Welt, in der “Heaven’s Gate” spielt, sind Freude, Glück oder gar Frieden nicht mehr oder weniger als Augenblicke, die stets von dem Damoklesschwert des Hasses und der Xenophobie überschattet werden. Wann immer in den 219 Minuten eine Figur lächelt oder gar lacht, bleibt die traurige Gewissheit, dass das Schicksal es mit niemandem in diesem Film gut meinen wird.

Der direkte Übergang vom Harvard-Intro zum Western-Epos macht dies deutlicher als jede vergleichbare Momentaufnahme: Eben noch sah man den jungen, ungestümen James Averill als idealistischen Studenten, mit breiter Brust und Hoffnung in den Taschen, nun sitzt er zwanzig Jahre später desillusioniert in einem düsteren Zugabteil, ist der innerlich zerstörte Sheriff des Ortes Johnson County geworden. Seinen Idealismus hat ihn die vorzivilisatorische Grausamkeit der Welt ausgetrieben, in Johnson County ist kein Platz für Werte, hier stürzt niemand heldenhaft für den anderen in die Bresche.

Heaven's Gate mit Christopher Walken

Christopher Walken killt sich durch die Einwanderer.

Mit dieser unbarmherzigen Sezierung eines vermeintlich vergangenen Amerikas gelingt dem komplexen Drehbuch eine der vernichtendsten und gerade daher auch interessantesten Analysen und Entmythologisierungen der Vereinigten Staaten. Helden gibt es in diesem Land nicht, weil sie in einer so verdorbenen Gesellschaft nicht gedeihen können. An diesem Punkt ähnelt “Heaven’s Gate” einer konsequenten Fortsetzung der Ideen und Themen aus Ciminos “Die durch die Hölle gehen”.

Beide Filme können leicht als Tragödien oder Trauerspiele missverstanden werden, doch bei beiden würde man ihnen damit Unrecht tun, sind ihre Charaktere doch von Vornherein Gefangene in einer derart verkommenen Welt, dass Cimino gar keine Tragödie mehr zu erzählen braucht. Stattdessen lässt er Kameramann Vilmos Zsigmond einfach dabei zusehen, wie sich seine Figuren, allesamt Außenseiter, begegnen und entscheiden müssen, auf welcher Seite sie beim Fressen oder Gefressenwerden stehen möchten.

Fremdenhass ist ein zentrales Thema des Films und wird seitens der Regie als integrales Gründerelement der “unbegrenzten Möglichkeiten” gedeutet, den die USA sich heute auf ihre Flagge schreiben. Alle Figuren hadern auf ihre Weise mit dem Gedanken der Bestimmung, und sie alle sind, ohne es zu wissen, von Beginn der Handlung an miteinander verbunden und spielen ihren entscheidenden Part im Aufbruch und Umsturz, den es hier zu entdecken gilt.

Bis es zum großen Aha-Moment kommt, vergeht eine Menge Zeit, und da Cimino Moment auf Moment folgen lassen wird, ist die Handlungsentwicklung schleppend, gerne auch mal anstrengend. “Heaven’s Gate” ist die Sorte Film, die erarbeitet werden muss, deren Höhepunkt man sich erst verdient, wenn man sich auf das Spiel eingelassen hat und bereitwillig vom langen Atem des Films verschluckt wird.

Kris Kristofferson und Isabelle Huppert im Film von Michael Cimino

Kris Kristofferson und Isabelle Huppert dürfen sich in “Heaven’s Gate” näherkommen.

Einfach macht es einem der Großmeister nicht: Elliptisch sind seine Szenen angeordnet, Handlungselemente wirken willkürlich zusammengesetzt, und die fraglose Weitsichtigkeit des Films vermag an einigen Stellen einzuschüchtern. Michael Cimino ist kein David Lean, und trotz des blutgetränkten Finales auch kein Sam Peckinpah. Er ist kein Geschichtenerzähler, er ist ein Dokumentarist.

Anstelle zu berichten, ist Cimino selbst mit dabei, wenn die Gäule durch ihr Aufstapfen jedes Gefecht in eine Welt aus Staub hüllen. Der Regisseur wird selbst zum Charakter seines Films, ist mit der Kamera mitten im Geschehen, will jeden Aspekt des Gesehenen für zukünftige Generationen festhalten. Später legte ihm die negative zeitgenössische Kritik dies negativ aus, er habe sich mit “Heaven’s Gate” überhoben. Falsch ist das nicht, allerdings auch nicht des Pudels Kern.

“Heaven’s Gate” blickt pessimistisch auf ein Stück Zeitgeschichte

“Heaven’s Gate” ist ein pessimistischer Blick auf ein Stück Zeitgeschichte, ein subjektiv eingefärbtes Stück Erinnerungskultur, das sich zu jedem Zeitpunkt zu seiner Subjektivität bekennt und sich um dramaturgische Muster und den Willen des Publikums nicht zu scheren braucht. Künstlerisch hat der Film seine Bedeutung unlängst wettgemacht, wird mittlerweile für seinen Detailreichtum geschätzt und für seine Bemühungen gelobt.

Ist “Heaven’s Gate” also ein verkanntes Meisterwerk, dessen unrühmlicher fester Platz in der Filmgeschichte es zu überdenken gilt? Michael Cimino ist ein großer Missverstandener, dem sein liebevoller, aufmerksamer Blick an den Kinokassen zum Verhängnis wurde. Virtuos zeigt er seinen ungeschönten Blick auf das Gründungsfundament einer Weltmacht: Eine Nation, die nicht aus Träumen und Hoffnungen, sondern aus dem Dreck geboren und mit Blut erkämpft wurde. Dank ihm wissen wir: Wer durch die Hölle geht, landet am Tor zum Himmel.

09 von 10

Capelight Pictures veröffentlichte den Film im März 2020 in einem Mediabook, das den Film im Director’s Cut und im US-Recut präsentierte. Den Director’s Cut hat Capelight auch als Amaray-Blu-ray aufgelegt. Die Datenträger sind mit einer FSK 16 Freigabe ungeschnitten.

© Michael Hille

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Copyright aller Filmbilder/Label: Capelight Pictures__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__Blu-ray/DVD: Ja/Ja

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