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Jolt

Originaltitel: Jolt__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2021__Regie: Tanya Wexler__Darsteller: Kate Beckinsale, Stanley Tucci, Jai Courtney, Laverne Cox, Bobby Cannavale, David Bradley, Christian Brassington, Lili Rich, Ori Pfeffer, Constantine Gregory u.a.
Jolt mit Kate Beckinsale

Kate Beckinsale wütet durch “Jolt”.

„Jolt“ heißt im Deutschen soviel wie „Der Ruck“. Ebenjener Ruck durchfährt Lindy immer dann, wenn sie den Auslöser einer seltsamen Apparatur betätigt, die sie als ihre „Weste“ bezeichnet. Eine Ansammlung von Kontakten, die über ihren ganzen Körper verteilt sind und Strom durch ihren Körper fahren lassen. Diese Elektroschockweste hilft Lindy, ihre Aggressionen unter Kontrolle zu halten. Denn Lindy ist anders als andere Menschen. Alles macht sie wütend. Die kleinsten Kleinigkeiten. Und wenn sie genau deswegen austickt, dann richtig.

Als Kind wurde sie wegen ihrer Ausraster häufiger untersucht und weggesperrt. Niemand fand eine Lösung für Lindys Probleme. Bis Psychiater Dr. Munchin in ihr Leben trat und mit ihm die Weste. Seitdem ist es Lindy möglich, ein halbwegs normales Leben zu führen. Der nächste Schritt, so Dr. Munchin, sei nun, Beziehungen aufzubauen. Denn ebenjene würden Lindy helfen, ihre Gefühle besser in den Griff zu bekommen. Davon ist Lindy alles andere als überzeugt, bis Justin in ihr Leben tritt.

Ein Buchhalter, der Lindy bei weitem nicht so langweilig erscheint, wie es sein Beruf befürchten lässt. Der junge Mann hat Charme, ist witzig und schreckt nicht einmal dann vor Lindy zurück, als er im Eifer des bevorstehenden ersten Beischlafes Lindys Weste unvorhergesehen früh freilegt. Ist Justin Lindys Traummann? Könnte man meinen, doch das Schicksal will es anders. Vor dem dritten gemeinsamen Date wird Justin mit zwei Kugeln im Kopf in einem Müllcontainer gefunden.

Die ermittelnden Cops machen auf Lindy keinen besonders kompetenten Eindruck, weshalb sie auf eigene Faust zu ermitteln beginnt. Und vieles von dem, was sie dabei aufdeckt, macht sie verdammt wütend…

„Manche Leute heulen, manche saufen, manche schreiben scheiß Gedichte. Ich bin gewalttätig. Wird Zeit, das sinnvoll einzusetzen.“

Schaut in den Actioner mit Kate Beckinsale hinein

„Jolt“ erinnert in vielerlei Hinsicht an den grandiosen Filmspaß „Crank“ mit Jason Statham. Nur alles ein wenig zurückgepegelt. Die Optik ist nicht gar so furios, die Story nicht so zynisch, die Gewalt nicht so überspannt und das Tempo nicht so hoch. Dennoch funktioniert „Jolt“ ganz ordentlich und bietet weitgehend solide Unterhaltung.

Dabei schwingt von Anfang an ein angenehm schwarzhumoriger Unterton durch den Film, der „Jolt“ richtig gut steht. So steigt die Handlung ein, als würde eine Oma ihren Enkeln eine kleine Geschichte von einem Wüterich namens Lindy erzählen. Mit schnellen Bildern und ebensolcher Montage wird so das Fundament für den Hauptcharakter gelegt und seine Krankheit ausreichend glaubhaft verankert. Und es deutet sich an, dass die Dialoge des Filmes verdammt spritzig geraten könnten.

Was sich dann auch tatsächlich bewahrheitet, denn Lindy ist eine reichlich direkte Person, die nicht nur in Sachen Aggressionslevel keine Hemmungen kennt. Dahingehend ist vor allem das Kennenlernen von Lindy und Justin äußerst klischeefrei geraten und hält ein paar erfrischend unkitschige Romantik-Momente bereit. Die darauffolgende Story allerdings ist von dem Begriff spritzig so weit entfernt wie irgendwas und gerät so simpel wie egal.

Hier unterliegt „Jolt“ dem alles andere als mit epischem Storytelling aufwartenden „Crank“, weil dieser mit dem furios um sein Leben kämpfenden Chev ein Element bereithielt, das man in dieser Form und Intensität noch nie gesehen hatte. Die Handlung von „Jolt“ hingegen bedient sich einfach nur ausgiebig am Genre des Rachefilmes und kann diesem nichts irgendwie neu Geartetes abringen.

Lindy nimmt die Spur auf, lässt sich von niemandem bremsen, die Cops dilettieren munter vor sich hin, Zufälle spielen Lindy in die Karten, irgendwelche Charaktere helfen ihr und schon ist es an der Zeit für den Showdown. Der steht bereits nach schlanken 70 Minuten Laufzeit ins Haus und hat dann dasselbe Problem wie der Rest von „Jolt“: Er wirkt seltsam gebremst.

Nach all der Wut, die sich in Lindy aufgestaut hat, und dem wirklich gelungenen Aufbau der Schurken bekommt man als Zuschauer kaum mehr als eine längere Martial-Arts-Szene, die zwar cool choreografiert ist, aber den Bauch kaum zufriedenzustellen vermag. Eine leider erwartbare Volte nimmt uns auch noch den von David Bradley („Redemption“) bedrohlich angelegten Superboss und dessen mega coole rechte Hand, wirklich eiskalt von Ori Pfeffer („211“) gespielt, wird off-screen aus dem Spiel genommen. Also bitte…

Da hilft auch der finale Big Bang nichts mehr: „Jolt“ versaut es ausgerechnet auf den letzten Metern. Gründlich. Und es ist leider nicht so, dass man vorher mit fetten Actionszenen verwöhnt worden wäre. Im Grunde liefern nur die witzigen „Was wäre wenn?“-Momente, in denen Lindy sich ausmalt, was sie mit dem jeweiligen Vollidioten vor sich machen könnte, würde sie nicht gleich die Weste aktivieren, ab. Alles was sonst nach Action aussehen soll, verläuft seltsam unpointiert. Eine wirklich misslungene Autoverfolgungsjagd sei einmal stellvertretend genannt. Doch man nimmt es hin, weil man auf den Showdown hofft.

Kate Beckinsale („Whiteout“) kann für den unausgewogenen Gesamteindruck des Filmes nichts. Sie ist so ziemlich die einzige, die bei dem Projekt rundweg liefert. Ihr steht das Aggressive ihrer Figur ebenso gut wie die süßen Momente, wenn sie total euphorisch ihre Dates mit Justin feiert. Auch die witzigen Wortwechsler mit ihrem Psychiater, der immer bei ihrem Erscheinen sofort zur Waffe greift, sitzen. Genauso wie ihre sonstigen verbalen Entgleisungen. Und dass Frau Beckinsale Action gut steht, wissen wir seit „Underworld“ – allerdings durfte sie in den Streifen auch wirklich Action machen. Was ihr nicht so steht, ist der blonde Haarschopf und die wirklich bescheuerte Baby-Wurfszene, für die sich alle am Projekt Beteiligten wirklich schämen sollten.

Lindys Psychiater wird mit viel Witz von Stanley Tucci („Transformers: The Last Knight“) gegeben. Lindys Love Interest wird erstaunlich sympathisch von Jai Courtney („Terminator: Genisys“) gespielt, der obendrein eine überraschend gute Chemie mit Kate hat. David Bradley und Ori Pfeffer habe ich für ihre coolen Fieswichte bereits gelobt. Einen kleinen Gastauftritt hat auch Susan Sarandon („Thelma & Louise“), die vor allem die Türen in Richtung Fortsetzung aufstoßen soll. Bobby Cannavale („Motherless Brooklyn“) und Laverne Cox dürfen die depperten Bullen geben, wobei Cannavale die deutlich besseren Momente zugeschanzt bekommt.

In optischer Hinsicht mag „Jolt“ nicht derart dynamisch ausgefallen sein wie „Crank“, bemüht sich aber dennoch um interessante Einstellungen und Blickwinkel, lässt die Kamera um ihre eigene Achse drehen, Kopfstehen und durch die Sets fliegen. Zahlreiche in Komplementärfarben getauchte Schauplätze unterstreichen das Comiceske des Streifens. Da Millennium den Film produziert hat, bekommt man natürlich wieder den hinreichend bekannten Straßenzug einer amerikanischen Großstadt, der in den Boyana-Studios steht, aufs Auge gebrannt. Dieses Set könnte man wirklich langsam mal umgestalten, denn vor allem Actionfans haben es langsam echt über. Großartig ist der Tower der Fieswichter geraten. In dem Setting hätte gerne noch mehr passieren dürfen.

„Jolt“ ruckelt ziemlich

Kurzum: Der Actionfilm von Regisseurin Tanya Wexler punktet mit seiner coolen Hauptfigur und seinen mal wirklich steilen Bösewichtern. Leider können sich beide Parteien nie so recht entfalten, denn irgendwie scheint auch „Jolt“ eine Weste zu tragen, mit der er sich selbst immer wieder einbremst. Die Action kickt nicht, der Showdown enttäuscht, die Story ist von ihrem Hauptcharakter abgesehen beliebiger Standard ohne jedwede Form von Spannung. Das große Vorbild mit Jason Statham eskaliert in seinen ersten 15 Minuten mehr, als „Jolt“ in seinen gesamten 90, immer etwas zu sehr um Coolness bemühten Filmminuten.

Das ist insofern schade, dass sich die Darsteller mühen, Kate Beckinsale richtig gut gefällt, das ganze optisch äußerst ansprechend geraten ist und vor allem der schwarzhumorige Grundton des Filmes ordentlich verfängt und über manchen Moment der filmischen Substanzlosigkeit hinwegtröstet.

4 von 10

„Jolt“ ist seit dem 23. Juli 2021 auf Amazon Prime verfügbar. Den deutschen Vertrieb hat Leonine übernommen, was eine physische Veröffentlichung November 2021 nach sich ziehen wird.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Amazon / Leonine__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja, ab November 2021

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