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Kaliber 9

Originaltitel: Calibre 9__Herstellungsland: Frankreich__Erscheinungsjahr: 2011__Regie: Jean-Christian Tassy__Darsteller: Laurent Collombert, Phillippe Burel, Philippe Bussière, Christophe Lafargue, Mory Gueye, Frédéric Menuet, Henri Barre, Jean-Marc Brisset, Elsa Cheikh, Clémentine Decremps u.a.
Kaliber 9

Unkonventionelle Action in schräger Story: “Kaliber 9”

Sarah arbeitet seit Jahren als Prostituierte und hat in ihrem Job schon viel erlebt und noch mehr erleben müssen. Eines Tages klinkt ihr Zuhälter aus und verpasst Sarah eine Kugel. Diese kann ihren Mörder zwar noch mit letzter Kraft und dessen Waffe richten, kann aber nicht mehr gerettet werden. Doch einer ihrer Kunden ist des Voodoos mächtig und schafft es mit einem seltsamen Ritual, den Geist von Sarah in die Mordwaffe zu transferieren! Die Pistole landet daraufhin auf seltsamen Umwegen bei dem Stadtplaner Yann Moreau, der für den höchst korrupten und auf den ersten Blick schwer gestörten Bürgermeister der Stadt arbeitet. Als er für ebenjenen einen Immobiliendeal abwickeln soll, ergreift die Pistole mit Sarahs Geist Besitz von Yanns Körper und stürzt ihn Hals über Kopf in einen wilden Shootout mit einer Söldnertruppe des Vertragspartners vom Bürgermeister. Einen Berg Leichen später versucht Yann zu begreifen, was hier gerade mit ihm passiert. Doch Sarah lässt ihn kaum zur Ruhe kommen und stürzt ihn in einen Kleinkrieg mit dem Bürgermeister und jedwedem korrupten Gesocks der Stadt…

Eine besessene Pistole, die von ihrem Träger Besitz ergreift und ihn unmoralisches Kroppzeug richten lässt. „Kaliber 9“ hat eine sehr schräge Grundprämisse, die einiges an Entegegenkommen vom Zuschauer verlangt. Sobald dieser sich darauf einlassen kann, stürzt ihn „Kaliber 9“ in einen wilden, unkonventionellen Ritt aus Shootouts, einem Sperrfeuer an optischen Spielereien und einer gehörigen Portion Sozialkritik, die sowohl die Dekadenz der Reichen als auch die Verzweiflung der Armen aufgreift und von mild bis satirisch überzeichnet reicht. Dabei legt „Kaliber 9“ schon mit der Vorstellung Sarahs hochtourig los und zeichnet unter dem Vorspann des Filmes mit Hilfe einer rauschhaften Collage ein finsteres Bild von den Perversionen, mit denen die Prostituierte tagtäglich konfrontiert wird. Schon hier läuft das Stilmittelbombardement des Independentstreifens mit höchst niedrigem Budget komplett Amok. Zu harten Farbkontrasten, treibenden Beats und schnell geschnittenen Sequenzen erzählt Sarah aus dem Off von ihrem Alltag. Nach ihrem Ableben legt der Film eine kleine Pause ein und konzentriert sich auf Yann.

Dessen Leben ist bei weitem nicht so wild, wie jenes von Sarah. Dem trägt der Film mittels einer geerdeteren Inszenierung Rechnung und zeichnet das Bild eines vollkommen langweiligen Durchschnittstypen, der inzwischen schon so weit ist, dass er sich selbst langweilt! Doch als die Pistole mit Sarahs Geist in seinen Händen landet, nimmt der Film wieder Tempo auf und stürzt Hals über Kopf in einen wilden Heroic Bloodshed Shootout, bei dem Yann Salti schlagend durch die Luft fliegt und amtlich blaue Bohnen verteilt. Der Brutalitätsgrad geht hier ordentlich nach oben. Es wird in alle Körperteile geschossen und der Film findet eine ausgewogene, durchaus funktionierende Mischung aus platzenden Bloodpacks und CGI Blutfontänen. Selbige passen in ihrer Übertriebenheit allerdings auch gut zum leicht comicesken Ton des Filmes, so dass ihre teils unrealistischen „Formen“ gar nicht weiter stören. Eine misslungene CGI Explosion beendet den Shootout und zeigt noch einmal überdeutlich auf, wie wenig Geld dem Film zur Verfügung gestanden haben wird.

In den darauffolgenden Szenen kommuniziert Yann viel mit Sarah, bzw. der Pistole und er verstrickt sich immer tiefer in eine Intimfeindschaft mit dem Bürgermeister. In diesem Abschnitt zieht sich „Kaliber 9“ leider ein wenig. Vor allem, weil ihm hier nicht mehr viel einfällt und man doch überdeutlich spürt, dass die schräge Grundprämisse im Leben nicht ausgereicht hat, um den ganzen Film zu tragen. Allerdings steigt in diesem Abschnitt auch die meiste Sozialkritik des Filmes, vermutlich auch, um Yanns Taten in Richtung großen Showdown ein wenig mehr zu legitimieren. Dieser stellt dann die zweite und abschließende große Actionszene des Filmes dar. Erneut liefert sich Yann einen wilden Shootout mit den Bäddies dieser Welt und der Blutzoll geht steil durch die Decke. Den Machern gelingen hier noch einmal richtig coole Actionmomente inklusive steilem Waffenposing und –handling. 10 Minuten später flimmert dann ein hübsches Ende über den Screen und der wilde Ritt findet sein Ende.

„Kaliber 9“ ist ein nettes filmisches Überraschungs-Ei geworden. Die grundlegende Storyidee ist herrlich schräg, gleichzeitig aber auch große Geschmackssache. Hier und da mag zudem die Story nicht so recht zusammenpassen. Warum richtet sich Sarahs Geist plötzlich gegen korrupte Politiker usw.? Was für eine Rolle spielt der todkranke Polizist in der Geschichte? Wie passen hier manche Storyteile wirklich zusammen? Es wirkt hier und da, als ruhe sich der Film zu sehr auf seiner Grundidee aus. Dafür punktet er in seinen zwei langgezogenen Actionszenen mit wilder Optik, brutalen Shootouts, abgehobener Choreografie und coolen Momenten. Und wenn der Bürgermeister am Ende mit Sturmgewehr durch die Straßen „seiner“ Stadt hetzt und wild seine Wähler umnietet, während hinter ihm Wahlplakate hängen, auf denen er smart lächelnd um Stimmen wirbt, kann man sich ein fieses Grinsen nicht verdrücken. Allgemein ist der Humor des Streifens ein gar finsterer. Die Optik dagegen ist voller Verve und Energie! Die Kamera stolpert, wackelt, taumelt, schlägt Purzelbäume, das Bild friert ein, es wird verfremdet und obwohl man mit HD Kameras arbeitete, wirkt das Bild erstaunlich roh, rau und siffig, so dass man nach dem Genuss das Gefühl hat, sich den Film erst einmal vom Körper abwaschen zu müssen. Darstellerisch schwankt der Film leider stark. Guten Performances stehen extrem overactete Momente gegenüber und von den schön melancholischen Momenten zwischen Yann und Sarah hätte man sich definitiv mehr gewünscht. In der Summe seiner mal gelungenen und mal weniger gelungenen Teile macht „Kaliber 9“ im Rahmen seiner Möglichkeiten trotzdem richtig Laune und ist ein gelungen schräges Filmexperiment mit hübsch knalligen Baller-Action-Einlagen.

Die deutsche DVD/Blu-ray kommt von Mad Dimension und ist mit einer FSK 18 Freigabe uncut. Ein paar Extras über die Entstehung des Filmes wären hier sehr wünschenswert gewesen, fehlen aber leider komplett.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Mad Dimension__FSK Freigabe: ab 18__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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