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Kingsman: The Golden Circle

Originaltitel: Kingsman: The Golden Circle__Herstellungsland: USA/Großbritannien__Erscheinungsjahr: 2017__Regie: Matthew Vaughn__Darsteller: Taron Egerton, Julianne Moore, Mark Strong, Colin Firth, Halle Berry, Channing Tatum, Jeff Bridges, Pedro Pascal, Bruce Greenwood, Sophie Cookson, Hanna Alström, Elton John, Edward Holcroft u.a.
Kingsman: The Golden Circle

Auch in „Kingsman: The Golden Circle“ setzt Matthew Vaughn auf comichafte Agentenaction

Ein Déjà-Vu-Erlebnis: Anno 2010 hatte Matthew Vaughn mit „Kick-Ass“ einen frechen Überraschungshit nach Comicvorlage von Mark Millar, drei Jahre später folgte das Sequel. Mit ungefähr drei Jahren Abstand gibt es nun die Fortsetzung vom Überraschungshit „Kingsman“ nach Millar-Vorlage, nur dass dieses Mal im Gegensatz zum umstrittenen „Kick-Ass 2“ der Chef persönlich die Zügel in der Hand behielt und erneut auf dem Regiestuhl platznahm.

Gary ‘Eggsy‘ Unwin (Taron Egerton) hat sich in seine Rolle als Galahad bei den Kingsmen inzwischen eingefunden und lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als mit Charlie (Edward Holcroft) ein Feind aus der Vergangenheit vor der Tür steht. Nach einer kreativen Verfolgungsjagd in und um Eggsys als Taxi getarntes Agentenauto hat Eggsy Charlie besiegt, dessen Roboterarm abgerissen und auch noch dessen Eskorte vernichtet. Im Gegensatz zu den Schlägereien in Autos, die man in Filmen wie „I Saw the Devil“, „The Raid 2“ und „Atomic Blonde“ sah, ist das hier alles mit deutlich mehr CGI-Unterstützung in Szene gesetzt, aber dafür auch übertriebener, wilder und comichafter, womit „Kingsman: The Golden Circle“ dem Stil seines Vorgängers treu bleibt.

Ähnlich treu bleibt man sich bei der Zeichnung des Antagonisten, erneut ein exzentrisch-reiches Mastermind mit eigenem Reich und eigenwilligen Vorstellungen. Hier ist es Drogenzarin Poppy (Julianne Moore), die sich im südamerikanischen Urwald ihre eigene Fifties-Parallelwelt aufgebaut hat, unbrauchbare Henchmen in den Fleischwolf ihres Diners werfen lässt und diese schließlich als Burger serviert. Sie ist Chefin des Golden Circle, dessen Name wohl eine Verballhornung des berühmt-berüchtigten Goldenen Dreiecks sein soll. Mit Robotik hat Poppy ebenfalls einiges am Hut, denn von ihr stammt Charlies Armprothese, die sich als vergiftete Trophäe erweist: Der Arm hackt die Datenbank der Kingsmen und bereitet einen Raketenangriff vor, der fast das gesamte Team auslöscht – lediglich Eggsy und Tüftler Merlin (Mark Strong) haben Glück.

Während Poppy nun eine globale Erpressungsaktion zur Legalisierung sämtlicher Drogen (und damit ihres eigenen Geschäfts startet) startet, finden die verbliebenen Kingsmen in einem Safe einen Verweis auf eine amerikanische Partnerorganisation: Die Statesmen. Bei den als Whiskeyherstellern getarnten Agenten finden sie Unterstützung – und Eggsys tot geglaubten Onkel, den Kingsman Harry Hart (Colin Firth), der aber nach dem Kopfschuss im Vorgänger an Amnesie leidet…

Kingsman: The Golden Circle

Männer im Schnee: Eggsy (Taron Egerton), Harry (Colin Firth) und Whiskey (Pedro Pascal)

„Kingsman 2“ ist einer jener typischen Fälle von Sequel-Krankheit: Alles soll so sein im Vorgänger, aber noch besser, größer, schneller, aufwändiger, dreister usw. In diesem Falle heißt das auch: Länger. Ungefähr 20 Minuten mehr an Laufzeit bietet „Kingsman 2“ im Vergleich zum Vorgänger, kann diese jedoch weitaus weniger gut füllen. Im Grunde genommen ist „Kingsman 2“ eine Ansammlung mal mehr, mal weniger guter Ideen, die alle nebeneinander stehen: Die Statesmen-Organisation, angeführt von Champ (Jeff Bridges), die Topagenten Tequila (Channing Tatum) und Whiskey (Pedro Pascal) in den Reihen, hinter den Kulissen die Tüftlerin Ginger Ale (Halle Berry), getarnt in einer Whiskey-Distille. Poppys Reich, mitsamt Roboterhunden und Robo-Stylistin. Ihr Plan, der vergiftete Drogen und ein Gegenmittel einschließt. Den an Amnesie leidenden Harry, der sich für einen Schmetterlingsforscher hält. Und diverse, mehr schlecht als recht verknüpfte Einsätze der Kings- und Statesmen um Poppy aufzuhalten.

Dabei zieht man auch den Level an Geschmacklosigkeiten an, vom fröhlichen Kannibalismusburger über ein auf der Vagina-Schleimhaut zu platzierendes Abhörgerät bis hin zu einem Flachwitz über die Verdauung von Senioren ist da so einiges dabei, doch all das wirkt kalkuliert und gewollt, ist aber nie so dreist, dass es in den Zeiten von Tarantino und „Deadpool“ noch wirklich einen Tabubruch darstellen würde. Humoristisch ist „Kingsman 2“ sowieso eher Miss als Hit, denn eine platte Slapsticksequenz, in der Eggsy bei den Schwiegereltern in spe zum Dinner eingeladen ist – inzwischen ist er mit Prinzessin Tilde (Hanna Alström), die er im Erstling rettete, fest zusammen – und gleichzeitig via Brille mit Kollegen kommuniziert, was später zu Verwirrungen führt, ist reichlich unbeholfen. Den besten Gag, mit einiger Schärfe, beweist „Kingsman 2“ bei der Enthüllung von Poppys Plan gegenüber den US-Präsidenten (Bruce Greenwood): Was anfangs noch als Satire auf „Legalize It“-Bewegungen erscheint, wird bald zur noch viel böseren Satire auf derbe Law-and-Order-Phantasien im Kampf gegen Drogen. Leider fehlt es „Kingsman 2“ sonst an derartigen Spitzen.

Kingsman: The Golden Circle

Amerikanische Unterstützung: Tequila (Channing Tatum) und Ginger Ale (Halle Berry)

Darüber hinaus gibt es massig Verweise auf den Vorgänger, inklusive unter veränderten Vorzeichen wiederholten Momenten. Auch hier gibt es wieder eine Kneipenschlägerei, bei der anstelle des Kingsman-Regenschirms ein Lasso und eine Peitsche aus dem Hause Statesman zum Einsatz kommen. Dies ist auch eines der vier unterschiedlich gelungenen Action-Set-Pieces des Films. Neben der knalligen Auftaktsequenz und der okayen, aber wenig Neues bietenden Kneipenwemmserei gibt es zum einen noch einen Einsatz in den italienischen Bergen. Doch anstatt auf eine Ski-Hatz nach Bond-Vorbild zu setzen, verliert sich „Kingsman 2“ in einem CGI-verseuchten und dementsprechend spannungsarmen Gehampel in und um eine Seilbahnkabine, gefolgt von einer soliden Ballerei im Schnee. Erst im Finale läuft der Film dann noch einmal zur Form auf, wenn die Helden als schnelle Eingreiftruppe in bewährter Manier das Schurkenversteck stürmen, diverse namenlose Henchmen und wichtige Handlanger Poppys plattmachen, wobei „Kingsman 2“ wie sein Vorgänger auf diverse Plansequenzen setzt, welche der Action einen besonderen Kick geben, unsichtbare Schnitte hin oder her. Dabei kommen reichlich Kingsman-Gadgets zum Einsatz, die für ein Comicflair und Alleinstellungsmerkmale sorgen, es den Helden an ein oder zwei Stellen aber zu einfach machen (Stichwort Uhr).

Doch insgesamt macht „Kingsman 2“ in Sachen Action nur Weniges schwächer als der Erstling. Schlechter sieht es dann bei allem zwischen den Actionszenen aus: Rasante, manchmal fast schon übereilte Passagen wechseln sich mit komplett verlaberten Strecken ab, welche von der löblichen Idee geleitet werden den Zuschauern die Figuren näher zu bringen. An sich kein verkehrter Gedanke, doch dafür müssten diese grellen Comiccharaktere so etwas wie Tiefe besitzen, doch die meisten haben es nicht. Man hat Tilde schon im Vorgänger nicht kennengelernt und erfährt hier wenig mehr von ihr, der Beziehung von Eggsy und Harry wird nichts hinzugefügt, allenfalls die absehbare Heilung Harrys weiter hinausgezögert, während Tequilas Bad-Boy-Image und Suchtverhalten gerade mal für einen kleinen Plotpoint herhalten dürfen. Noch dazu kommt Tequila kaum im Film vor, damit Channing Tatum als Lockmittel für einen angedeuteten dritten Teil herhalten darf, auf den die Lust nach dieser lieblosen Fortsetzung aber schnell sinkt.

Kingsman: The Golden Circle

Eggsy und Marlin (Mark Strong) suchen die Statesmen in den USA auf

Einzig und allein ein überraschend tiefschürfender Moment kurz vorm Finale ragt heraus, da „Kingsman 2“ hier tatsächlich das einlöst, was er zuvor mehrfach erfolglos versucht. Drumherum gibt es das erwähnte Konglomerat mäßig gelungener Ideen, etwa die Suche nach einem potentiellen Verräter in den Statesmen-Reihen, die auch ein Hirngespinst Harrys sein könnte (und am Ende des Films zum erwartbaren Ergebnis kommt). Doch nicht nur das Drehbuch von Vaughn und seine Stamm-Autorin Jane Goldman („X-Men: First Class“) ist durchwachsen, auch die Inszenierung wechselt Licht mit Schatten ab: Während Vaughn und die Kameracrew um George Richmond („Safe House“) mehrfach eindrucksvoll beweisen was für ausgeklügelte Kamerafahrten mit digitaler Unterstützung möglich, sind so schwächeln andere Effekte (etwa bei der Internierung an vergifteten Drogen Erkrankter) so eindeutig, dass man sich mal wieder fragen muss, warum manche Filme auf aufwändige CGI-Kreationen setzen, wenn sie nicht das nötige Effektbudget haben um mit den großen Jungs mitspielen zu können.

Was „Kingsman 2“ dann über die eine oder andere Länge hinweghilft, ist die Besetzung. Taron Egerton („Legend“) macht sich inzwischen gut als Jungspund-Bond, der hier auch mal das Problem ausdiskutieren muss, was ein gebundener Geheimagent machen soll, wenn er eine Zielperson verführen soll – Probleme, die bei Bond und Co. nie vorkamen. Colin Firth („Die letzte Legion“) schlägt sich wacker, so wenig befriedigend die Amnesie-Geschichte drehbuchtechnisch ist, Mark Strong („Der Spion und sein Bruder“) ist eh wieder eine Freude und Julianne Moore („Non-Stop“) hat sichtlich Spaß an der durchgedrehten Schurkenrolle, der darüber hinwegtröstet, dass Poppy kaum aktiv wird und meist nur in ihrem Hauptquartier hockt. Spaß hat auch der verschenkte Channing Tatum („Hail, Caesar!“), während es bei den Statesmen-Kollegen schwächer aussieht: Jeff Bridges („Männer, die auf Ziegen starren“) reißt zum drölfzigsten Male die Mentorenrolle runter, Halle Berry („Kidnap“) bleibt eine bessere Stichwortgeberin und Pedro Pascal („The Great Wall“) versucht das Beste aus einer Rolle zu machen, die stets zweite bis dritte Geige bleibt. Das gleiche Problem hat auch Hanna Alström („Welcome to Sweden“) als Eggysy Holde, während Bruce Greenwood („Spectral“) in seinen Szenen stets den Film zu klauen droht. In Anlehnung an den Erstling ist dieses Mal wieder ein Promi als Kidnapping-Opfer an Bord: Elton John, dessen Szenen immer zwischen launig-übertrieben und nervig-übertrieben schwanken.

In Sachen Action hat auch „Kingsman 2“ seine Momente, die Besetzung stimmt und gerade die Kameraarbeit ist auf hohem Niveau, ganz im Gegensatz zu den bemüht-pubertären Witzeleien. Verpackt ist das Ganze jedoch in einen überlangen, phasenweise zähen Aufguss des Vorgängers, dessen viele Ideen selten zu seinem stimmigen Konzept zusammengehen und dessen Übertreibungen mit Roboterhunden und gehirnrettenden Nanobots nicht mehr comichaft, sondern nur noch Banane sind. Wenn einige der Darsteller hier aussteigen (und nicht wie Firth die Überraschungswiederkehr im nächsten Teil proben), dann mag das wahlweise der Versuch des Films sein den Überraschungseffekt des Vorgängers zu wiederholen oder Wunsch der Darsteller sich zu verkrümeln bevor es noch schwächer wird.

Knappe:

„Kingsman: The Golden Circle“ startet am 21. September 2017 in den deutschen Kinos und ist wie der Vorgänger mit 16er-Freigabe ungekürzt.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: 20th Century Fox__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 21.9.2017 in den deutschen Kinos

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