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Lady Snowblood

Originaltitel: Shurayuki-hime__Herstellungsland: Japan__Erscheinungsjahr: 1973__Regie: Toshiya Fujita__Darsteller: Meiko Kaji, Toshio Kurosawa, Masaaki Daimon, Miyoko Akaza, Shin’ichi Uchida, Takeo Chii, Noboru Nakaya, Yoshiko Nakada, Akemi Negishi, Kaoru Kusuda u.a.
Lady Snowblood

Der auf Kazuo Koikes Manga basierende Schwertkampfklassiker “Lady Snowblood” beeinflusste unter anderem Quentin Tarantinos „Kill Bill“

Lange Zeit war „Lady Snowblood“ ein im Westen und vor allem in Deutschland wenig bekannter Kultfilm, obwohl er auf einem Manga von Kazuo Koike basiert, der auch die Vorlagen für die „Okami“-Reihe und „Crying Freeman“ schuf. Erst als Quentin Tarantino den Film als wesentliche Inspiration für seinen Rachereißer „Kill Bill“ zitierte, wurden breitere Publikumsschichten auf den Schwertkampfklassiker aufmerksam.

Die Comicwurzeln merkt man „Lady Snowblood“ in mehr als einer Hinsicht an, unter anderem an den extrem durchkomponierten Bildern. Diese sind von Anfang an bestimmend, wenn Yuki Kashima im Gefängnis geboren wird, während draußen der Schnee fällt. Schnee ist ein wiederkehrendes Motiv in dem Film, was angesichts des Titels nicht so sehr verwundert. Comichaft ist allerdings auch der Sinn hinter Yukis Existenz: Ihre an den Folgen der Geburt sterbende Mutter Sayo (Miyoko Akaza) gibt ihr noch mitleidig auf den Weg, dass sie armes Kind ein Kind der Rache sei, lediglich gezeugt und geboren um jene Vergeltung zu üben, die ihr Mutter nicht mehr nehmen kann.

Nach Jahren des harten Trainings bei einem unbarmherzigen Meister ist Yuki (Meiko Kaji) zu einer hervorragenden Killerin geworden, wie ein arroganter Rikscha-Fahrgast und seine Leibwächter in der ersten (natürlich im Schnee stattfindenden) Actionszene erfahren müssen. Diesen hat Yuki jedoch nicht aus reiner Profitgier getötet, sondern um vom Chef einer Bettlerorganisation im Gegenzug die Aufenthaltsorte jener drei Personen zu erfahren, an denen sie ihre Rache vollziehen will. Wie der Zuschauer nämlich erfährt, wurde die Familie ihrer Mutter Sayo nämlich von vier Leuten getötet und sie vergewaltigt. An einem der Übeltäter konnte Sayo noch Rache nehmen, doch dafür kam sie in den Knast.

Nun also soll Yuki als junge Erwachsene das Werk der Vergeltung vollenden, während der Film den Zuschauer mit Rückblenden nach und nach über die Vorgeschichte aufklärt. Bald hat Yuki auch den ersten Übelwicht vor der Schwertspitze…

Lady Snowblood

Yuki Kashima (Meiko Kaji), die titelgebende Lady Snowblood, sucht als Spielleiterin getarnt nach ihrer Zielperson

Wer angesichts des Rufs von „Lady Snowblood“, der wesentlich schnetzellastigeren „Okami“-Filme und der stark von „Lady Snowblood“ inspirierten O-Ren-Ishii-Episoden aus „Kill Bill Vol. 1“ (inklusive ausladendem Kampf gegen die Crazy 88) eine Actionorgie erwartet, der dürfte vom Film eher enttäuscht sein. Nicht nur der Kreis der Zielpersonen ist klein, auch Yukis sonstige Widersachenmengen sind überschaubar, weshalb die Action eher spärlich eingesetzt wird. Gelegentlich verliert Regisseur Toshiya Fujita („Lady Snowblood 2: Love Song of Vengeance“) in den Konfrontationen auch die Übersicht, was verwundert, denn sonst sind die Set-Pieces ähnlich kunstvoll arrangiert wie der Rest vom Film. Diese bieten gelungen choreographierte, wenn auch meist kurze Schwertkampfaction und sprudelnde Blutfontänen, denn Verwundungen setzen hier stets Sturzbäche des roten Lebenssaftes frei.

Meiko Kaji („Sasori – Scorpion“) legt ihre Rächerin als emotional distanzierten Profi an, hinter deren stoischer Fassade doch hin und wieder Gefühle zu bemerken sind – etwa wenn sie bemerkt, dass eines ihrer Opfer eine liebende Tochter hat oder sie einem Mann näherkommt. Doch stets überwiegen Disziplin und die Rachemission, was für kleinere moralische Fragen sorgt: Ist Yuki zu bemitleiden, da sie sich kaum positive Emotionen gönnt? Was bleibt ihr nach vollzogener Rache? Und was ist der Preis? Denn gerade im Finale deutet der Film an, dass Vergeltung weitere Racheakte nach sich ziehen kann.

Lady Snowblood

Der werte Herr muss feststellen, dass er die Lady unterschätzt hat – gleich trifft sein Blut den Schnee

Diese Gedankenanstöße sind Teil eines bemerkenswerten Gesamtkonzepts, das teilweise inhaltlich, aber vor allem formal streng ist: Jede Einstellung ist mit größter Sorgfalt komponiert, egal ob Wanderungen durch die trügerisch idyllische Natur, die das Gefühl von Beengung vermittelnden Szenen im Gefängnis oder die Episode in ein Spielhölle, in die sich Yuki alias Lady Snowblood als Spielleiterin hineinschleicht. Yukis Verkleidungen weisen auf ein zentrales Thema hin: Der Gegensatz von Schein und Sein. Yuki verkleidet sich, versteckt ihre Gefühle auch hinter der Maske des stoischen Gesichtsausdrucks, während der Grund für den Mord an ihrer Familie wiederum ein Täuschungsversuch der vier Halsabschneider war, der aufrecht erhalten werden musste, das Finale findet schließlich auf einem Maskenball statt. Ähnlich wie auch später Yuki zur Legende aufgebaut wird, wenn der Reporter Ryurei Ashio (Toshio Kurosawa) ihre Abenteuer veröffentlicht, wobei gezeichnetes Material aus dem Originalmanga eingesetzt wird. Einerseits ist diese Legendenbildung auch ein Teil des Spiels von Täuschung und dem Aufbau eines (Schein-)Bildes, das Yuki und Ashio in die Welt setzen wollen, andrerseits aber auch ein reflexiver Ansatz – als würde hier gerade die Mangavorlage des Films entstehen.

Bei all diesen bemerkenswerten Ansätzen und der visuellen Kraft des Films muss man aber leider auch festhalten, dass „Lady Snowblood“ dramaturgisch nicht immer rund läuft. Hat die verschachtelte Erzählweise mit Rückblenden und Kapiteln (die eventuell auch eine Inspiration für Tarantino gewesen sein könnte) noch ihren Reiz, wenn man immer neue Puzzleteile in die sonst geradlinige Rachestory eingeworfen bekommt, so hängt der Film im Mittelteil: Nachdem Yuki ihr erstes Opfer erledigt hat, sucht sie extrem lange nach dem zweiten, wodurch „Lady Snowblood“ auf der Stelle tritt und das genau in dem Moment, wo die Rachegeschichte eigentlich Tempo aufnehmen müsste. Das kommt dann erst im Schlussakt wieder so richtig auf, der für manche vorige Länge entschädigt.

Doch mit diesen Hängern muss man ebenso leben können wie mit der eher sparsamen Dosierung der Action. Im Gegenzug wird man mit einem überraschend vielschichtigen, visuell stark durchkomponierten Schwertkampffilm belohnt, der zudem ein frühes Beispiel einer starken Frau in diesem Genre in der Hauptrolle vorweisen kann. Die ein Jahr zuvor gestartete, plottechnisch nicht unähnliche Koike-Adaption „Okami“ ist daneben erzählerisch und figurentechnisch konventioneller, hat aber dank besserer Dramaturgie, mehr Schwertkampfaction und besserer Actioninszenierung dann doch die Nase vorn.

Hierzulande hat Rapid Eye Movies den Film auf DVD und Blu-Ray veröffentlicht, der trotz seiner spritzenden Blutfontänen ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben wurde. Da „Lady Snowblood“ zuvor nicht in Deutschland ausgewertet wurde, besitzen die Veröffentlichungen keine deutsche Synchro, sondern bieten den Film nur im Originalton mit deutschen Untertiteln. Das Bonusmaterial umfasst Trailer, eine Bildergallerie und ein Interview mit Mark Schilling, in dem dieser die Bezüge zwischen „Lady Snowblood“ und „Kill Bill“ anspricht.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Rapid Eye Movies__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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