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Lost Island vs The Tribe – Eine Idee zwei Filme

Es begab sich, da war ein Studio grenzenlos überzeugt vom Drehbuch eines jungen Deutschen namens Jörg Ihle. Man stampfte ein ordentliches Budget aus dem Boden, suchte sich einen hübschen Schauplatz für den Streifen und dann begann das Chaos. Ihle hatte den Film fast fertig, als er sich mit den Produzenten überwarf. Kreative Differenzen heißt es dann immer so schön. Das Studio engagierte einen 08/15 Auftragsregisseur, der die Dreharbeiten zu Ende brachte, der Film wanderte in die Post Production und verschwand wie die ursprünglich titelgebenden „Forgotten Ones“. Doch wie das im Filmgeschäft so ist, bleibt selten etwas lange verschwunden.

In diesem Fall war es das produzierende Studio, das sich aus irgendeinem Grund in die Grundidee des Giftschrankfilmchens verliebt zu haben schien. Also warb es den niederländischen Regisseur Roel Reine an, schickte ihn an einen hübschen Set, der ein karibisches Eiland doubeln sollte, und kürzte sein Budget aufs Allernötigste zusammen. Ob man dann die Fertigstellung dieses „Primal“ genannten Filmes einfach nicht mehr abwarten konnte, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall riss das Filmstudio seinen Giftschrank auf einmal wieder auf und verkaufte „das Original“ von Ihle als „The Forgotten Ones“ (bei uns „The Tribe“ genannt).

Ein knappes Jahr später kam dann mit „The Lost Tribe“ (bei uns „Lost Island“ genannt) auch schon das Remake, Reboot, whatever von Reine. Und glaubt es oder glaubt es nicht, beide Filme machen, wenn man sich auf sie einlassen kann, durchaus Laune! Beginnen werde ich mit dem – nennen wir es – Original.

The Tribe – Die vergessene Brut

Originaltitel: The Tribe aka The Forgotten Ones__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2009__Regie: Jörg Ihle__Darsteller: Marc Bacher, Justin Baldoni, Jewel Staite, Nikki Griffin, Kellan Lutz u.a.
The Tribe mit Jewel Staite Cover

Jewel Staite zeigt in “The Tribe” fiesen Kreaturen, wo der Bauer den Most holt!

Liz sticht mit ihrem Freund und dessen minderbemittelt erscheinenden Clique auf einer Luxusyacht in See, um einfach mal wieder Spaß zu haben. Schnell kommt man vom Kurs ab und zerschellt an einem Riff. Die Clique kann sich auf eine kleine Insel retten und will auf ihre Bergung warten. Etwas bange wird den Freunden spätestens dann, als ein Freund auf per Funkspruch übertragene Längen- und Breitengrade hin antwortet, dass an dieser Stelle nichts sein dürfe und auch das GPS nichts anzeige. Dennoch verspricht er, Hilfe zu schicken. Doch diese kommt deutlich zu spät, da auf der Insel seltsame Kreaturen hausen, die die Mannschaft um Liz empfindlich ausdünnen. Der Antrieb der Kreaturen: Hunger.

Schaut in “The Tribe” hinein

„The Tribe“ verlegt das Szenario von „Descent“ auf eine tropisch anmutende Insel und ersetzt die klaustrophobische Enge der Höhlengänge durch die Ausweglosigkeit eines räumlich stark eingegrenzten Raumes. Von hier scheint es kein Entkommen zu geben und hier kennen sich die Kreaturen trotz Nachtblindheit zu jeder Tages- und Nachtzeit hervorragend aus. Dabei geht „The Tribe“ den üblichen Weg und serviert nach einem interessanten, aber vernachlässigbaren Prolog das typische Gewese um eine Gruppe charakterlich stark verschiedener Figuren.

Die gehen einem schnell auf den Zünder und sind dementsprechend auch nur da, um im weiteren Verlauf schnellstmöglich und effizient ins Gras zu beißen. Das machen sie dann auch. Und zwar so beliebig, dass einem Angst und Bange um den Film wird. Im Off oder bei seltsamen Kletterausflügen lässt einer nach dem anderen (darunter auch Kellan Lutz („The Expendables 3“))sein Leben und so ist Liz nach ungelogen 40 vollkommen spannungsbefreiten Minuten vollkommen allein mit den Kreaturen und muss sich nun durchschlagen. Und auf einmal beginnt „The Tribe“ tatsächlich zu funktionieren!

Vollkommen dialogfrei wuchtet sich die aparte und wirklich extrem niedliche „Firefly“-Maschinenbraut Jewel Staite („Kleinstadtorgien“) fortan alleine durch den Dschungel und zieht so mancher Kreatur im Alleingang einen Scheitel. Dabei mutiert sie niemals zu einem Arnold Schwarzenegger oder einer ähnlichen Heldenfigur, sondern sie bleibt immer hochgradig verletzlich und nutzt lieber die Dunkelheit des Dschungels, um sich zu verstecken, anstelle zu kämpfen.

Dabei entstehen einige wunderbar creepy Spannungsmomente, etwa wenn die Kreaturen förmlich auf Nasenlänge vor ihr stehen und sie suchen und man als Zuschauer hervorragende Möglichkeiten bekommt, das gelungene Kreaturen-Design zu genießen. Dies ist eine weitere Stärke des Filmes, funktionieren doch die Man-in-a-Suit-Effekte auf den Punkt und wurde allgemein auf CGI Mumpitz verzichtet.

Leider fehlt dem Film ein wenig Wucht in Form von herberen Splattereffekten. Zwar ist „The Tribe“ offensichtlich niemals auf Guts’n’Gore ausgelegt gewesen, aber ein paar herbere Effekte der mit messerscharfen Klauen bewehrten Allesfresser hätten die bedrohliche Atmosphäre noch deutlich pushen können. Optisch macht der in breitem Widescreen erstrahlende Streifen einen ordentlichen Eindruck und setzt sowohl die Urlaubsbilder von der Insel genauso gelungen um wie das fast vollkommen bei Nacht spielende, eindrucksvoll ausgeleuchtete Finale. Auch der wirklich gelungene Score trägt vor allem in der zweiten Filmhälfte viel zum guten Gesamteindruck bei.

“The Tribe” gewinnt nach durchwachsenem Beginn an Zugkraft

Was bleibt, ist ein Film, der mit zunehmender Laufzeit an Spannung, Atmosphäre und Zugkraft gewinnt und nach dem Beseitigen der blassen Nebendarsteller scheinbar befreit aufatmet und seine eigentliche Geschichte erzählt. Wegen dem schwachen Einstieg und den wenig beleuchteten Kreaturen, bei denen man nicht einmal eine Ahnung bekommt, warum sie nachtblind sind, warum sie auf dem Weg zur Menschwerdung irgendwo hängen blieben und wieso sie nun ausgerechnet auf dieser Insel hausen, bleiben „The Tribe“ höhere Weihen vorenthalten.

Das Potential für ein richtig straffes und gelungenes Creature Feature war definitiv da und wird eigentlich nur in der zweiten Filmhälfte richtig ausgespielt. Wegen der stark und intensiv aufspielenden Jewel Staite kann man den Film als gelungenen Zeitvertreib durchaus gelten lassen.

5 von 10

Die deutsche DVD / Blu-ray von „The Tribe“ erschien von Splendid und ist mit einer FSK 18 uncut. Im Übrigen ist der eigentliche Hauptfilm ab 16 freigegeben.

Copyright aller Filmbilder/Label: Splendid Film__Freigabe: FSK 18__Geschnitten: Nein__ Blu-ray/DVD: Ja/Ja

Und damit zum “Remake” des Streifens…

Lost Island

Originaltitel: The Lost Tribe aka Primal__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2009__Regie: Roel Reinè__Darsteller: Emily Foxler, Ryan Alosio, Marc Bacher, Lance Henriksen, Maxine Bahns, Justin Baldoni, Helena Barrett, Brianna Brown, Dan Brown, Barney Burman, Caleb Campbell, Daniel Case, Shane Denil u.a.
Lost Island von Roel Reine DVD Cover

Lance Henriksen und Roel Reine waren an “Lost Island” beteiligt.

Eine Handvoll Yuppies befindet sich auf einem Segeltörn, als sie einen im Wasser treibenden Mann entdecken und diesen an Bord nehmen. Der Mann erweist sich als nicht sonderlich gesprächig und beunruhigt vor allem die Damen der Mannschaft. So beschließt man, ihn ständig von einer Person bewachen zu lassen, während sich der Rest der Mannschaft dem Schlaf widmet.

Doch der Typ entkommt seinem Bewacher, programmiert einen neuen Kurs ein und *zack* läuft die Yacht auf ein Riff auf und wird zerstört. Unsere Yuppies retten sich daraufhin auf eine Insel, nicht ahnend, dass sie hier der pure Terror – oder sagen wir das fehlende Bindeglied zwischen Mensch und Affe – erwartet.

Schaut in Roel Reines “Lost Island” mit Lance Henriksen hinein

Man sieht schon, das Drehbuch des „Originals“ wurde so gut wie gar nicht variiert. Man muss schon mit der Lupe herangehen, um vor allem zu Beginn wirkliche Unterschiede zwischen den Filmen ausmachen zu können. Sogar die Charakterzeichnung mutet an, als sei sie die gleiche. Doch wie schon das „Original“ gibt auch das Remake einen Scheiß auf seine Charaktere und kegelt sie munter und unvermittelt blitzschnell aus dem Film, so dass der Zuschauer die letzten 50 Minuten Zeit hat, sich mit der übrig gebliebenen Figur zu identifizieren und mit ihr die Geheimnisse der unheimlichen Inselwaldschrate zu eruieren.

Dabei – ihr ahnt es – sind die Unterschiede zum Vorbild marginal und maximal im Look der Kameraden zu suchen, die hier erstaunlicherweise trotz geringerem Budget extrem glaubwürdig erscheinen. Zudem steckten in den durchwegs als Man in a Suit umgesetzten Viechern offensichtlich sehr versierte Stuntman, die für ordentlich Druck und erstaunlich behände Auftritte der „Forgotten Ones“ sorgen.

Lost Island mit Lance Henriksen

Wer ist fieser? Lance oder die Kreaturen?

Die Nachtblindheit der Kreaturen aus „The Tribe“ wird durch eine Art Predator-Vision ersetzt, die wie beim Predator durch einen Kniff ausgetrickst werden kann. Auch der Showdown, der schon im Vorbild zu gefallen wusste, geht Regisseur Roel Reine („Hard Target 2“) bei „Lost Island“ stilsicher und wuchtig von der Hand. Und das, wo er seinen Showdown bei Tag spielen lässt! Seine Viecher haben aber einfach wirklich enormen Druck unterm Pony und stechen dahingehend die Kreaturen des „Originals“ aus.

Reine ist eh der Showstealer von „Lost Island“. Wer „The Tribe“ gesehen hat, der weiß, dass sich dieser eines relativ glatten Hochglanzlooks bediente, weshalb aber auch nicht groß Fragen offen blieben, wo denn das Budget hingeflossen ist. Roel Reine hatte nun bedeutend weniger Kohle zur Verfügung und macht absolut das Beste daraus.

Sein Streifen überrascht mit fettestem Scope und erstaunlich farbsatten, hochwertigen Bildern, die keine Sekunde nach DTV oder TV aussehen. Dass das Geld fehlte, sieht man bei leicht hakeligen Kamerafahrten und „unrunden“ Kameraflügen, bei denen das Bild seltsam zittert und springt, was mit zunehmender Laufzeit sogar durchaus als Stilmittel für eine unterschwellig heranbrodelnde Gefahr gesehen werden könnte. Und in manchen Szenen nimmt er dann mit seltsamen Schnitten und irren Kameraeinstellungen dem Zuschauer jedwede Form von Orientierung, was seinem kleinen Horrorstreifen hervorragend steht. So sorgt sein „fehlerhafter“, roherer Hochglanzlook für ordentlich Atmosphäre!

Lost Island von Roel Reine

Auch Roel Reine setzt auf eine starke weibliche Heldin.

Die immer mal wieder eingestreuten Blickwinkel der Kreaturen, unterlegt von ihrer ganz eigenen Sichtweise, sorgen ebenfalls für einige bedrückende Momente. Kurzum: Hier hat Reine erstaunlich viel richtig gemacht. Zudem gibt sich Roel Reines „Lost Island“ ein wenig härter als Ihles „The Tribe“. Reines Kreaturen sind wirklich keineswegs menschlich. Sie jagen ihre Beute, erlegen sie hart und effizient oder spielen mit ihnen, um sie irgendwo als Häppchen zwischendurch einzulagern.

Dazu gibt es ein paar hübsche Splatter-Einlagen und auch eine Gedärme-Fress-Szene darf nicht fehlen. Für wen also Gore-Einlagen ein Argument sind, der greift zu „Lost Island“. Darstellerisch würde ich eher zu „The Tribe“ raten, denn die Darsteller in „Lost Island“ sind zwar durchweg keine Totalausfälle, glaubwürdiger als jene in „The Tribe“ sind sie aber nicht, was vor allem die weibliche Hauptfigur betrifft, die der hübschen Jewel Staite in keinster Weise das Wasser reichen kann. Für ein wenig Extraglanz in der Hütte sorgt Lance Henriksen („Man’s Best Friend“), der in 3-4 prägnanten Kurzauftritten sauertöpfisch alles und jeden an die Wand klatscht, um dann einen sehr herben Abgang zu bekommen.

“Lost Island” weiß ebenfalls gut zu unterhalten

Was bleibt, ist – wie der Verleih es nennt – ein Mix aus „Decent“ und „Lost“, der auf „Predator“ und „The Lost World“ trifft. Und damit wären wir eigentlich beim gleichen Fazit wie bei „The Tribe“. Letztlich ist „Lost Island“ nicht viel mehr als eine 1:1 Kopie von „The Tribe“ mit all dessen Stärken und Schwächen. Die Story ist effizient aufs Wesentlichste reduziert, lässt allerdings auch einige Fragezeichen zurück und diverse Ansätze verhallen ungenutzt. Von einer glaubwürdigen Mythologie für die Kreaturen reden wir lieber erst gar nicht.

Die Figuren sind da, um zu sterben, ihre Charaktere sind egal. Spannung im eigentlichen Sinne kommt erst auf, wenn alle Hauptfiguren bis auf eine verendet sind. So sind auch hier die letzten 50 Minuten die eigentliche Stärke des Filmes. Und diesem sollte man insgesamt dann einfach nicht zu sehr vorhalten, dass man das alles schon x-fach und vor allem besser gesehen hat. Dennoch, gut unterhalten wird man auch hier.

5 von 10

Die deutsche DVD / Blu-ray zu „Lost Island“ erschien von Eurovideo, ist etwas suboptimal synchronisiert (vor allem Lance klingt sehr weichflötig) und mit einer FSK 18 uncut.

Copyright aller Filmbilder/Label: Eurovideo__Freigabe: FSK 18__Geschnitten: Nein__Blu-ray/DVD: Ja/Ja

Welcher Film ist besser? “Lost Island” oder “The Tribe”?

Im Grunde sind die Unterschiede zwischen den beiden Filmen zu marginal, um wirklich sagen zu können, „The Tribe“ sei besser als „Lost Island“ oder andersherum. Was sicher ist, ist, dass es reicht, einen der beiden Filme gesehen zu haben. Und hier könnte man zur Fallunterscheidung greifen. Die garstigeren Kreaturen, einen coolen Lance Henriksen, eine dichtere Atmosphäre und mehr Blut hat „Lost Island“. Die bessere und involvierendere Hauptdarstellerin, die hübschere Optik und ein Spannungsplus vor allem in den letzten 50 Minuten hat „The Tribe“. So, nun ist es an euch

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
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Categorised in: Creature Feature, Reviews

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