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Mirageman kicks ass

Originaltitel: Mirageman__Herstellungsland: Chile, USA__Erscheinungsjahr: 2007__Regie: Ernesto Díaz Espinoza__Darsteller: Marko Zaror, María Elena Swett, Ariel Mateluna, Mauricio Pesutic, Iván Jara, Jack Arama, Eduardo Castro, Pablo Díaz, Juan Pablo Miranda, Arturo Ruiz Tagle u.a.
Mirageman kicks ass

Dieser Superheld tritt Ärsche: “Mirageman kicks ass”

Schon bei „Kiltro“ hatten Regisseur Ernesto Díaz Espinoza und Hauptdarsteller Marco Zaror bewiesen, dass mit niedrigem Budget und vielen Ideen auch aus einem filmischen Niemandsland wie Chile durchaus unterhaltsame Filme kommen können. Für „Mirageman“ warfen sie kurze Zeit später erneut die gemeinsame Begeisterung für clevere B-Filme in die Waagschale…

In dem geht es um Maco. Bei einem Überfall wurden seine Eltern getötet, sein jüngerer Bruder vergewaltigt und er selbst beinahe totgeschlagen. Seitdem stählt der junge Mann seinen Körper, um nie wieder in eine solche Situation zu geraten. Seine neue Stärke nutzt er, um über die Runden zu kommen, indem er sich als Rausschmeißer einer Edeldisco verdingt. Eines Tages, Maco ist mal wieder am Trainieren, hört er Hilfeschreie. Als er der Geräuschquelle nachgeht, wird er Zeuge, wie drei Lumpen eine Familie drangsalieren und in deren Haus eindringen.

Blitzschnell schaltet Maco die Lumpen aus und flüchtet seinerseits unerkannt. Doch eine der Geretteten arbeitet für das chilenische Fernsehen und will ihren Retter gebührend hochleben lassen. Sie erstellt einen Beitrag über den unbekannten Retter, den auch Maco im TV verfolgt. Und da geschieht etwas Eigenartiges: Er fühlt sich plötzlich gebraucht. Zudem lebt sein Bruder, der sich nach dem Überfall in sich selbst zurückgezogen hat, dank des neuen Superhelden in der Stadt förmlich auf.

Grund genug für Maco, sich selbst eine Superheldenidentität zuzulegen. Seine Schöpfung, der Mirageman, mutiert binnen kürzester Zeit zur Mischung aus gefeiertem Helden und Vollidioten, der nicht ernst genommen wird. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, zumindest bis Mirageman an eine Gang pädophiler Gangster gerät, die ihn beinahe umbringt. Nun muss er beweisen, ob er Manns genug ist, um als Superheld zu bestehen…

„Mirageman“ wurde bei uns in Deutschland erst im Zuge des Hypes um „Kick-Ass“ veröffentlicht. Bei dem deutschen Verleih wollte man wohl schlau sein und den Film enger mit dem Nicolas-Cage-Streifen verzahnen. Eine Konsequenz: Der etwas blöde Titel „Mirageman kicks ass“. Die Folge ist, dass „Mirageman“ wohl von vielen als eine Art Rip-Off des amerikanischen Streifens angesehen wird, zumal „Mirageman“ über wahrhaft weite Strecken wie ein Klon des vermeintlichen Vorbildes wirkt. Doch halt! Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass „Mirageman“ weit vor „Kick-Ass“ entstanden ist! Selbst die Comicvorlage von Mark Millar zu „Kick-Ass“ wurde erst ein Jahr nach Fertigstellung von „Mirageman“ veröffentlicht. Bedenkt man nun die enormen inhaltlichen Überschneidungen, fragt man sich schon, ob hier der chilenische Streifen bzw. SEINE Comicvorlage nicht doch eher umgekehrt überdeutlich Pate für das „Kick-Ass“ Universum standen.

Die grundlegende Gemeinsamkeit ist freilich der eigentliche Plot, in dem ein Real-Life-„Superheld“, der tatsächlich genauso menschlich ist wie du und ich, auf die knallharte Wirklichkeit trifft. Im Grunde also eine Superhelden-Demontage fernab von Parallel-Universen, göttlichen Einmischungen oder Mutationen. Stattdessen ein ganz normaler Typ, der sich berufen fühlt, Gutes zu tun – und dafür von der Realität ordentlich eins verpasst bekommt. Dieser Grundplot gibt dann den gesamten Look des Filmes vor, bei dem man nie so recht weiß, was der Regisseur hier eigentlich angestrebt hat. Mal wirkt „Mirageman“, als sei er eine Art Found-Footage-Geschichte oder gleich eine Dokumentation. Dann trifft sehr rauer Videolook auf eine sparsame Inszenierung, die weder auf ausgefeilte Kamerawinkel, schnelle Schnitte oder besondere Perspektiven setzt. Scheinbar zufällig scheint „Mirageman“ hier durch Bildausschnitte zu laufen oder den Weg von Überwachungskameras zu kreuzen.

Dann wieder durchbricht der Regisseur diesen Ansatz, liefert Color-Key-Aufnahmen, bei denen er alle Farben bis auf eine Schlüsselfarbe aus dem Film saugt, nutzt Split-Screen-Techniken und karikiert in wilden Zooms – unterlegt mit eigenartigen Sounds – das Kung-Fu-Kino der frühen 70er und 80er Jahre. Jegliche Willkür der Stilmittel lässt „Mirageman“ dann in den Szenen fahren, für die offensichtlich Marco Zaror als Martial-Arts-Choreograf zuständig war. Hier wirkt dann gar nichts mehr zufällig, wird auf Mätzchen verzichtet und steht die Kamera immer ganz GENAU da, wo sie zu stehen hat, um den Fight-Sequenzen den notwendigen Druck zu geben.

Diese steigern sich im Verlauf des Filmes deutlich, huldigen aber auch dem realistischen Ansatz des Filmes. Dementsprechend langt Zaror sehr effektiv hin und normalerweise reicht ein heftiger Schlag oder hoher Kick, um den Gegner zu fällen. Darum laufen diese auch immer in Gruppenstärke auf. Auf dem Höhepunkt klöppelt sich Mirageman durch gefühlte 50 Bäddies und zündet dann auch ein paar High-Fly-Aktionen, in denen sich Zaror durch die Lüfte schraubt. Diese Kampfszenen bewahren sich aber immer einen sehr luftigen Ton, wirken locker und leicht und niemals, als würde hier bis zu letzter Konsequenz gekämpft. Das ändert sich, als die pädophile Gangsterbande ins Spiel kommt…

Ab diesem Moment ändert „Mirageman“ komplett seinen Ton. Aus dem Abenteuer „Superheld“ wird krass brutaler Ernst. Mirageman muss lernen, dass er allein nichts reißen kann, Verbündete braucht und dass er seine Naivität ablegen muss. In diesen Momenten wird dann auch offenbar, dass der bisher leicht tumb aufspielende Marco Zaror („Fist of God / Redeemer“) schauspielerisch deutlich mehr drauf hat, als man bis dahin vermutet hätte. Überzeugte er bisher durch enorme Körperbeherrschung und daran gekoppeltes Slapstick-Potential, stimmt ab jetzt jeder Blick und jede Geste. Das geht soweit, dass man in dem erstaunlich brutalen Showdown, in dem Zarors Maco plötzlich ultrabrutal durch die Reihen der Gangster pflügt, fast ein wenig den Bezug zu dem Charakter verliert, da dieser mit der vertraut gewordenen Figur nicht mehr gemein zu haben scheint als seinen unverbesserlichen Idealismus.

So harsch und heftig „Mirageman“ auch ausklingen mag, hat er doch bis zum großen Showdown auch einen wundervollen Humor an Bord, der teils noch deutlich weiter geht, als jener in „Kick-Ass“. So wird die Suche nach dem geeigneten Kostüm deutlich konsequenter zu Ende gedacht und mit immer wieder wahrlich köstlichen, teils minutenlangen Szenen kombiniert, in denen Maco aus seinen Alltagsklamotten springt, um in seine Heldenkluft zu steigen. Von Miragemans sehr eigenem Gang und Auftreten ganz zu schweigen. Der etwas seltsame Sidekick „Quasi Robin“ sollte in dem Zusammenhang ebenfalls erwähnt werden.

Auch Medienkritik wird anhand der einzigen wichtigen Frauenfigur im Film ganz offensichtlich geübt. Ging es in „Kick-Ass“ mehr um die neuen Medien, richtet sich „Mirageman“ gegen die mediale Sensationslust im Allgemeinen und schafft es gleichzeitig anhand der Frauenfigur diverse Klischees des Genres aufzubrechen. Denn man vermutet schnell, dass aus Maco und der Reporterin ein Liebespaar entstehen müsse. Doch „Mirageman“ scheint auf derartige Storypfade keinerlei Lust gehabt zu haben.

Was bleibt ist im Grunde „Kick-Ass 1.0“ und damit ein Film, der ungeheuer viele Ideen des erfrischend unkonventionellen Hollywood-Hits vorwegnahm, nur eben alles eine Nummer kleiner. Der damit verbundene Look wird von vielen Zuschauern vermutlich als billig abgetan werden, passt aber, wenn man ein wenig über die Grundidee des Filmes nachdenkt, hervorragend zum eigentlichen Ansatz des Streifens und wirkt in sich sogar schlüssiger, als der Hochglanzlook in „Kick-Ass“. Weitere Pluspunkte von „Mirageman“ sind der sympathisch und wirklich einnehmend aufspielende Marco Zaror, der wundervoll verschrobene, ab und an hart an der Grenze zum Klamauk lavierende, aber immer die Kurve kriegende Humor und die in kürzester Folge auf den Zuschauer niedergehenden Zelebrierungen der Kampfsportfähigkeiten Marko Zarors. Unterlegt wird das Ganze mit einem irre funky Soundtrack. Arrangieren muss man sich mit eher schwachen Nebendarstellern, gegen Ende heftigen Stimmungsschwankungen und hier und da etwas zu abseitigen Humorelementen. Ansonsten gilt im Grunde genau das, was der deutsche Verleih mit seinem billigen Titelwirrwarr vermutlich eher unbewusst zu Protokoll gab: Mirageman kicks ass!

„Mirageman kicks ass“ kommt von Schröder Media, ist mit einer FSK 16 uncut und zeigt vor allem im Making Of, wie viel Sorgfalt bei der Inszenierung der Martial-Arts-Szenen an den Tag gelegt wurde.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Schröder Media__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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