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Mission: Impossible – Fallout

Originaltitel: Mission: Impossible – Fallout__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2018__Regie: Christopher McQuarrie__Darsteller: Tom Cruise, Rebecca Ferguson, Henry Cavill, Simon Pegg, Vanessa Kirby, Alec Baldwin, Sean Harris, Angela Bassett, Ving Rhames, Michelle Monaghan, Wes Bentley
Mission: Impossible - Fallout mit Tom Cruise

Ethan Hunt ist zurück: “Mission: Impossible – Fallout”.

Seit nun bereits mehr als einem halben Jahrhundert brennt die Lunte als Markenzeichen der „Mission: Impossible“-Franchise und verkörpert symbolisch das Kausalverhältnis von Spannung und Knalleffekt. Alleine zwei Drittel davon verteilen sich auf der Kinoleinwand, stets begleitet von der unverwechselbaren Titelmusik, deren „Stealth-Jazz“ in variierter, im Kern aber unveränderter Form auf jedes neue Abenteuer einstimmt. Tom Cruise, seit 1996 alleinige Verkörperung des tollkühnen Bond-Gegenentwurfs Ethan Hunt, hat vier verschiedene Regisseure in vier Kinoabenteuern kommen und gehen sehen. Der fünfte, Christopher McQuarrie, begleitet den ausdauernden Hauptdarsteller nun erstmals in ein zweites Abenteuer und bezieht sich dabei so deutlich auf den selbst inszenierten Vorgänger, dass man von einer direkten Fortsetzung sprechen muss. Eine Zeitenwende?

Dass jeder neue Regisseur mit seiner eigenen Handschrift der etablierten Reihe einen Stempel aufdrücken konnte, hatte zumindest den speziellen Reiz der Autarkie, der mit der neuen Ausrichtung natürlich verloren geht. Gerade die Anfänge profitierten klar von diesem Konzept. Schon der erste Kino-Einsatz von Brian De Palma (1996) war in doppelter Hinsicht auf dem Prinzip des Neustarts aufgebaut: Einmal in Bezug darauf, wie (oder ob) der Sprung vom Serien- ins Filmformat wohl gelingen würde. Dann, wie der eigentlich eher auf Suspense-Thriller spezialisierte De Palma wohl mit der unausweichlichen Action umginge, die es zu drehen galt. Noch deutlicher war die 2000er-Fortsetzung „M:I-2“ als Spielwiese für einen Regisseur mit besonderen Markenzeichen ausgelegt. John Woo hinterließ mit Abstand die protzigste Signatur. Er deutete die Agentenserie nach eigenem Gutdünken komplett um, reduzierte sie auf ein Ballett der Formen und erschuf damit eher eine Liebeserklärung an die Ästhetik des Actionfilms im Allgemeinen. Erst J.J. Abrams, ein Regisseur ohne allzu prägnante Handschrift (vielleicht ist gerade die fehlende Prägnanz seine Handschrift), lenkte die Aufmerksamkeit 2006 wieder stärker auf Story und schließlich Kontinuität. Eine handfeste Liebesbeziehung wurde eingeführt, das Kernteam um Simon Pegg vergrößert, Persönliches zwischen Hunt und seinen damaligen Gegner (Philip Seymour Hoffman) platziert. Brad Bird war im vierten Teil (2011) noch einmal eine sehr ungewöhnliche Wahl für den Regiestuhl, er schuf vor allem mehr Raum für den Humor und vergrößerte somit das Ventil zur Entladung der Anspannung. Schließlich übernahm McQuarrie (2015) – und verließ anders als seine Kollegen seinen Platz nicht direkt wieder.

Dabei beschränkt sich der Rückbezug auf vergangene Einträge nicht auf den unmittelbaren Vorgänger, sondern streut sich über die komplette Kinoreihe. Schon im Prolog, einer Traumsequenz, mit der Cruise aka Hunt die turbulenten Geschehnisse von „Rogue Nation“ verarbeitet, vermischen sich frische Erlebnisse mit der Rückkehr eines alten Geistes. In diesem Fall ist das Michelle Monaghan, die zuletzt in „M:I-3“ mit von der Partie war. Die Szene dient nicht nur als böses Omen für die folgenden Ereignisse, sondern macht gleichzeitig schon früh deutlich, dass man inzwischen bereit ist, die Einzel-Abenteuer zum systematisch verlinkten Rückblick aus dem Leben eines Geheimagenten zu machen – so, wie normale Leute die Fotos ihrer verschiedenen Urlaube in einem Fotobuch zusammenführen. Und da Hunt selten Schirmchendrinks am Strand schlürft, gilt die Zusammenführung der größten Momente in den folgenden zweieinhalb Stunden hauptsächlich für die aufgefahrene Action: Es werden Hubschrauber geflogen so furios wie in Nr. 1 und Nr. 3, es wird an Klippen gehangen wie in der Einführung von Nr. 2, es wird gesprungen und gerannt wie in Nr. 4, und ja, das Motorradfahren hat der Tausendsassa auch noch nicht verlernt.

Mit Blick auf das, was die 007-Franchise unter Sam Mendes in „Spectre“ machte, könnte man natürlich behaupten: Kalter Kaffee. Haben andere alles schon gemacht. Hunt mag ein verdammt schneller Sprinter sein, doch hier kommt er zu spät. Der Haken an dieser Argumentation ist aber: Was in „Mission: Impossible – Fallout“ alleine schon technisch geleistet wird, lässt nicht nur die letzten Aufträge von 007 alt aussehen, sondern so ziemlich alles, was dieses Jahrzehnt an A-Klasse-Action zu bieten hatte.

Gegenspieler Sean Harris ist einer der Ersten, der von der neuen Konzeption profitiert. War er in „Rogue Nation“ noch ein humorloser Klotz, bis zu einem gewissen Grad in Schablonen gefangen, die man typischerweise Nazis in Antikriegsfilmen auflegt, so mausert er sich hier zum bitteren Erzfeind. Hoffmans Owen Davian, dem einzigen Bestandteil des schlecht gealterten dritten Teils, der nicht mit der Zeit verblasst ist, kann er nahezu das Wasser reichen. In tiefster Seele verletzt durch die demütigenden Umstände seiner Gefangennahme, entwickelt er für seinen zweiten Auftritt neue Charakterzüge, die von dem Bestreben gesteuert werden, Hunt mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, insbesondere mit jenen der Täuschung.

Schaut in “Mission: Impossible – Fallout” hinein

Man könnte zwar nun anbringen, dass das Drehbuch zu diesem Zweck vielleicht das ein oder andere Mal zu oft in die Trickkiste mit gefälschten Personen und Umgebungen greift, zumal dieses Spiel inzwischen auch von den Widersachern beherrscht wird. Zu bedenken ist dabei allerdings, dass Maske & Co. mehr als einfache Gadgets sind, die als solche betrachtet nach ihrem ersten Einsatz 1996 wieder in die Mottenkiste gehört hätten. Sie fungieren darüber hinaus als Freifahrtschein, das Publikum im Rahmen der Regeln eines Agentenfilms aufs Glatteis zu locken. Sie sind die „Lizenz zum Täuschen“. Man wird gelehrt, dass das, was man sieht, nicht zwangsläufig das ist, was der Realität entspricht. Erst dass vertraute Gesichter und Räume wie auf Knopfdruck völlig neue Situationen heraufbeschwören können, macht das Alleinstellungsmerkmal der Reihe aus. Und wenn McQuarrie diese Option auch sehr exzessiv nutzt, so unterstützt er damit einen dramaturgischen Aufbau, der Thrill und Action über weit mehr als zwei Stunden so meisterhaft zu bedienen weiß wie ein Rallye-Champion Lenkrad und Gas beim Hochgeschwindigkeits-Drift im verschlammten Nadelöhr.

Anstatt einer Lunte eignet sich der Dominostein als Metapher vielleicht sogar noch mehr, um die Tour de Force zu beschreiben, die hier von McQuarrie angestoßen wird. Der erste Stein fällt vergleichsweise langsam und unspektakulär, gerade im Vergleich mit dem virtuosen Auftakt von „Rogue Nation“, wo Cruise von außen an einem startenden Flugzeug hing. Diesmal findet zum Einstieg „nur“ ein Atomwaffendeal statt, eigentlich eine große Sache, nur eben aus Action-Perspektive nicht so sehr: Eine Unterführung, Männer mit Koffern und Waffen, Wendungen der Machtverhältnisse, schwierige Entscheidungen und Spiel auf Zeit. Der große Joker wird noch nicht ausgespielt und doch steht die Spannung in der Luft. Passenderweise wird das M:I-Thema in den Pre-Title-Credits anschließend um mehrere Takte in die Länge gezogen, der Thrill also ausgereizt. Lorne Balfes Score mag im folgenden nicht mehr so exotisch-abwechslungsreich sein wie derjenige von Joe Kraemer in „Rogue Nation“, er zieht die Aufregung der turbulenten Abschnitte aber stets elegant in die Dialogsequenzen hinein und sorgt so dafür, dass jeder Dominostein den nächsten trifft. In der ersten größeren Plansequenz, einer auf reine Physis komprimierten Kampfeinlage auf der Herrentoilette eines Clubs, verzichtet er wohlweislich komplett auf musikalische Untermalung und lässt den pumpenden Bass aus dem Tanzsaal seinen eigenen Rhythmus zu den Bewegungen entfalten, die sich in dem unglaublich hart wirkenden Duell von Cruise und Cavill gegen eine erstaunlich wehrhafte Zielperson ergeben. Schon hier beeindrucken Bild, Ton und Bewegung durch hochklassiges Zusammenspiel, das vielleicht nicht allzu originell ausfällt (die Referenzen zu „Miami Vice“ und „True Lies“ sind zum Greifen nahe), sich dafür aber um so tiefer in den Magen gräbt.

Und der Faden reißt nicht ab. Alleine was in Paris geboten wird, kann man als einen riesigen, nicht enden wollenden Action-Erlebnispark bezeichnen. Nun gibt es ja durchaus weniger verbrauchte Schauplätze als die französische Hauptstadt, gerade wenn man Verfolgungsjagden auf engem Raum inszenieren will. Doch jeder Anspruch auf Originalität verblasst angesichts der reinen Perfektion, mit der die Attraktionen aufgefahren werden. Karussell im Arc de Triomphe gegen den Uhrzeigersinn, Beschleunigungswettbewerbe in der Einkaufspassage mit einer BMW R nineT, riskante Fahrzeugwechsel und unverhoffte Begegnungen mit Polizistinnen zur falschen Zeit am falschen Ort – was der Film zu diesem Zeitpunkt abliefert, ist ein Rausch der Sinne, der so überhaupt erst nur durch den hohen Anteil handgemachter Stunts möglich ist. Spektakuläres in Großstädten ist man durch Blockbuster-Spezialeffekte gewöhnt, doch was diese Reihe liefert, verleiht noch einmal den längst verloren geglaubten Geschmack physikalischer Barrieren. Tom Cruise, immerhin bereits 56 Jahre alt, sieht man dabei keinerlei Ermüdung an, und das ist eigentlich noch viel zu milde ausgedrückt. Während die Kollegen in seinem Alter die Dominosteine vor ihnen längst verfehlen, erwischt dieser Kerl sie selbst dann irgendwie noch, wenn sie zwei Körperlängen von ihm entfernt sind. Wenn man Cruise so mit Höchsttempo über die Dächer rennen sieht, denkt man an eine Supernova, die kurz vor der Explosion steht, ja stehen muss, obwohl es inzwischen beinahe nicht mehr überraschen würde, wenn es ihm in einem siebten Einsatz abermals gelänge, das Geleistete zu übertreffen. Auch wenn es eigentlich längst nicht mehr vorstellbar ist, wie das zu leisten sein sollte.

Nicht stark genug betont werden kann die Wichtigkeit der Kameraarbeit, denn die Immersion, mit der man direkt in die Action gesogen wird, ist zum Großteil Robert Elswit zu verdanken, der schon die letzten beiden Einsätze Hunts in einen Rahmen gefasst hat. Es sind nicht nur die wahnsinnigen Kamerafahrten, mit denen Motorradfahrern auf Höchstgeschwindigkeit über die Schulter geschaut wird, es ist auch die Art, wie jede passierte Säule zur Wischblende wird (hinter der plötzlich ein Passant oder ein anderes Hindernis hervorspringen kann) und doch jeder Pflasterstein im Vorbeirauschen präzise abgefilmt wird. Und trotz der vor lauter Bildinformationen wimmelnden Details und der gar nicht mal so langen Schnittintervalle bleibt das Gebotene in seiner Choreografie stets übersichtlich und nachvollziehbar. Dass zwischen diesen Pulsbeschleunigern auch noch äußerst elegant das Figurennetz gepflegt wird, das nicht gerade klein ausgefallen ist (Cruise, Rhames, Pegg, Ferguson, Monaghan, Cavill, Harris, Baldwin, Kirby, Bassett, sie alle und noch mehr bekommen markante Auftritte zugesprochen), rundet den meisterhaften Mittelteil ab.

Doch es ist nicht so, als sei das Pulver anschließend bereits verschossen. Nach einigen kleineren Einlagen wie dem Dachlauf auf der Londoner Blackfriars Station mag der letzte große Akt in Kashmir nicht mehr ganz so engmaschig gestrickt sein wie die Pariser Setpieces, hat aber trotzdem noch mächtig Wumms geladen und zehrt ansonsten von den spektakulären Außenaufnahmen, die gerade am Bergvorhang ein echtes Gefühl für die Relation von Mensch und Fallhöhe geben.

Es ist am Ende so, dass „Mission: Impossible – Fallout“ trotz des für die Franchise neuartigen Fortsetzungs-Effekts inhaltlich gesehen keine großen neuen Dinge wagt. Wenn aber ein alternder Tom Cruise immer furioser zu werden scheint, wenn das totgefilmte Paris als Action-Achterbahn seinen zweiten Frühling erlebt, wenn alte Figuren (vornehmlich Harris, aber zum Beispiel auch Ferguson oder Pegg, der immer die ideale Prise verzweifelten Galgenhumors findet) besser funktionieren als je zuvor und neue (Henry Cavill – nimm dies, Justice League!) viel Eindruck hinterlassen, ja wenn man spontan nicht einmal sagen könnte, ob in den letzten zehn Jahren überhaupt ein besserer Actionfilm in den USA produziert wurde… dann ist die unmögliche sechste Mission ohne jeden Zweifel geglückt.

9 von 10

“Mission: Impossible – Fallout” läuft seit dem 2. August 2018 in den deutschen Kinos. Diverse Heimkinoauswertungen (DVD, Blu-ray, Blu-ray Steelbook, 4K Blu-ray, 4K Blu-ray Steelbook) sind für den 28. Dezember angekündigt.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Paramount Pictures__Freigabe: FSK12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein (ab Dezember 2018)

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