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Nobody

Mit „Nobody“ variieren die Macher von „John Wick“ ihr Erfolgsrezept nur leicht. Bob Odenkirk gibt einen scheinbar durchschnittlichen Familienvater, der früher einmal gefürchteter Killer war. Der vermeintliche Niemand legt sich mit der Russenmafia, zu deren Handlangern auch die B-Actionstars Daniel Bernhardt und Alain Moussi gehören. Die schwarzhumorige Version der populären One-Man-Army-Reißer mit ungewöhnlichem Hauptdarsteller.

Originaltitel: Nobody__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2021__Regie: Ilya Naishuller__Darsteller: Bob Odenkirk, Aleksey Serebryakov, Connie Nielsen, Christopher Lloyd, Michael Ironside, Colin Salmon, RZA, Billy MacLellan, Gage Munroe, Paisley Cadorath, Daniel Bernhardt, Alain Moussi u.a.
Nobody

In “Nobody” legt sich Bob Odenkirk mit den Russenmafia an, zu deren Goons auch die B-Actionstars Daniel Bernhardt und Alain Moussi gehören

Für „Nobody“ fanden sich einige der treibenden Kräfte des aktuellen Actionfilms zusammen: Das Drehbuch stammt vom Erfinder und Hauptautor der „John Wick“-Reihe, Derek Kolstad, „John Wick“-Co- und „Atomic Blonde“-Regisseur David Leitch gehört zu den Produzenten und die Regie übernahm „Hardcore Henry“-Macher Ilya Naishuller.

Es geht um Hutch Mansell (Bob Odenkirk), gemäß Filmtitel ein Niemand. In der Firma seines Schwiegervaters Eddie Williams (Michael Ironside) übernimmt er langweilige Buchhaltungsaufgaben, muss sich von seinem aggressiven Schwager Charlie (Billy MacLellan) unterbuttern lassen, daheim ist das Leben mit Ehefrau Becca (Connie Nielsen) und den Kindern Blake (Gage Munroe) und Abby (Paisley Cadorath) zur absoluten Routine geworden. Hutch wirkt trotz regelmäßigem Joggen und Klimmzügen an der Bushaltestellte auf dem Weg zur Arbeit wie ein Waschlappen, aber das Publikum weiß es natürlich besser. Nicht nur durch das Genre des Films, sein Poster oder den Trailer, sondern auch durch die Auftaktszene, in der Hutch von der Polizei verhört wird, zu gewalttätigen Geschehnissen, die im Film noch kommen werden.

Es beginnt mit einem nächtlichen Überfall auf das Eigenheim der Mansells durch zwei Täter, die Hutch nicht aufhält, obwohl er die Chance hat. Für die Polizei, die Nachbarn und vor allem für Blake gilt er nun endgültig als Schlappschwanz. Als sich jedoch der Verdacht regt, dass die Einbrecher Abbys Kätzchen-Armband gestohlen haben könnten, wendet sich die Stimmung, denn er geht auf die Suche nach den Tätern. In dieser Phase wirkt der Film wie eine Mischung aus „A History of Violence“ (ein Gewaltlosigkeit predigender Familienvater ist insgeheim ein Bad Ass) und „Safe – Todsicher“ (die erwartete Explosion und erste Actionszene des Bad Ass werden immer weiter hinausgezögert). Auch als Hutch die Diebe stellt, sieht er von gewalttätigen Handlungen ab, denn es handelt sich dabei um ein Paar von Habenichtsen, die die Krankenhausrechnungen für ihr schwer krankes Baby nicht zahlen können.

Auf dem Heimweg platzt es jedoch auf Hutch heraus, als einige Rowdys im Bus Stunk machen und ein Mädchen belästigen: Er schlägt die ganze Gang krankenhausreif, rettet einen aber auch einen von ihnen via Luftröhrenschnitt vor dem Tod. Dummerweise ist derjenige der Bruder des russischen Mafiabosses Yulian Kuznetsov (Aleksey Serebryakov), der nun seine Schergen auf Hutch ansetzt…

Nobody

Doch kein Niemand: Hutch Mansell (Bob Odenkirk) räumt unter den Schurken auf

Man kann Kolstad sicher vorwerfen, dass er das Grundgerüst seines „John Wick“-Erfolgs nur marginal modifiziert hat: Erneut wird ein im Ruhestand befindlicher Killer, der nur als Normalo leben möchte, in einen Krieg gegen die Russenmafia gezogen, wieder gibt es eine Unterwelt mit eigenen Regeln und Bräuchen (wenngleich etwas weniger extravagant als in der „John Wick“-Reihe), wieder gibt es das Waffenarsenal im Keller und die Verbündeten aus der Vergangenheit. Doch Kolstad und Naishuller drehen trotzdem auf eine Weise an den Stellschrauben, dass sich „Nobody“ nicht wie ein Selbstplagiat anfühlt, indem sie die humoristische Komponente, die auch schon den „John Wick“-Filmen innewohnte, stärker betonen. Die Idee eines absoluten Durchschnittstypen, vor dem eigentlich alle Kriminellen der Stadt zittern, besitzt ja das entsprechende Potential, weshalb die Exposition von „Nobody“ deutlich ausführlicher ist, das vermeintliche Schluffi-Leben des späteren Abräumers mehr herausgestellt wird.

Da spielt auch das Casting eine Rolle. Bei einem Keanu Reeves ist schon durch die Besetzung klar, dass der Protagonist wahrscheinlich Actionqualitäten hat. Anders hier: Bob Odenkirk kennt man hauptsächlich als Komiker („Take Me Home Tonight“), manchmal auch als Charakterdarsteller („Die Verlegerin“), aber nicht als Mann der Tat. Er sieht deutlich durchschnittlicher als der gewöhnliche Actiondarsteller aus, aber nicht so unfit, dass man ihm den Ex-Auftragsmörder nicht abkaufen würde. Und so spielt Odenkirk diesen Nobody auch als Typen, dem sein neues Durchschnittsleben so wichtig ist, dass er lange jede Demütigung erträgt, bis es Zeit ist die Sau rauszulassen. Dabei profitiert „Nobody“ von Odenkirks Facettenreichtum, denn der Schauspieler kann die verschiedenen Identitäten des Protagonisten verkörpern, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken. Connie Nielsen („Zack Snyder’s Justice League“) hat als Ehefrau dagegen die eher undankbare Rolle nur fassungslos dabei zuzusehen wie die andere Seite ihres Mannes hervorkommt. Aleksey Serebryakov („Leviathan“) legt dagegen eine launige Schurkenperformance als Mafiaboss mit Faible für Gesangs- und Gewalteinlagen aufs Parkett, während Michael Ironside („Turbo Kid“) und Billy MacLellan („The Silence“) als Hutchs angeheiratete Verwandtschaft in kleinen, aber prägnanten Parts glänzen können. Ähnlich geht es Christopher Lloyd („Falsches Spiel mit Roger Rabbit“) und RZA („The Man with the Iron Fists“) als Vater und Bruder des Nobodys. Bei der Kampfszene im Bus mischen mit Alain Moussi („Jiu Jitsu“) und David-Leitch-Regular David Bernhardt („Fast & Furious: Hobbs & Shaw“) auch noch zwei B-Actionstars mit – letzterer zudem in der Funktion als Co-Fight-Coordinator.

Nobody

Alain Moussi und Daniel Bernhardt sind Teil der russischen Schlägertruppe im Busfight

Trotz seiner ironischeren und komödiantischeren Ausrichtung ist „Nobody“ allerdings immer noch ein Actionreißer. Nach dem One-Man-Army-Schema von „John Wick“ und Co., in dem ein einziger Superkiller ganze Gegnerhorden durch geschickte Taktik und gut choreographierte Moves besiegt, hier etwas bodenständiger und ironischer als in Kolstads bekanntestem Werk: Hutch muss in der Busschlägerei auch mächtig einstecken, gibt aber das Stehaufmännchen, im Finale hat er nicht nur Hilfe, sondern kann sich auch auf Fallen der Marke Eigenbau verlassen, was an den Showdown von „The Equalizer“ erinnert. Neben der Mischung aus Gunplay und Nahkampf gibt es noch die eine oder andere Explosion sowie eine ziemlich fetzige Autojagd kurz vor dem Showdown. Die Actiondichte ist allerdings nicht ganz so hoch, da der Film sich Zeit lässt mit der Exposition und zudem ein Gefecht nur ausschnittsweise in einer Montage gezeigt wird, die man konterkarierend mit „You’ll Never Walk Alone“ von Gerry & The Pacemakers unterlegt hat.

Nun ist der Witz, dass man Action- und Gewaltszenen mit theoretisch unpassender Musik untermalt, nicht neu, ebenso wenig die Schadenfreude, wenn vermeintlich wehrlose Familienväter oder Rentner im Altenheim immer noch fit genug sind, um deutlich jüngere Killer umzunieten. Aber trotz seines komödiantischen Charakters, trotz aller Ironie begibt sich „Nobody“ nicht auf das ausladend komödiantische Terrain von artverwandten Filmen wie „The Big Hit“ oder „R.E.D.“, sondern behält noch eine gewisse Grimmigkeit, die Naishuller auch stilistisch auffängt: Die Optik ist ein wenig körnig, es dominieren dunkle und gedeckte Farben, zumal große Teile des Films bei Nacht spielen – und tagsüber sieht die Welt von „Nobody“ auch nicht fröhlicher aus. So nimmt der Film eine selten genutzte Zwischenposition zwischen den ernsten, nur gelegentlich von Onelinern gebrochenen One-Man-Army-Filmen und den komplett überzeichneten Actionkomödien ein, was ihn frisch wirken lässt. Weniger frisch dagegen sind dagegen der Handlungsverlauf mit Aktion und Reaktion, wenn sich der Privatkrieg zwischen Ex-Killer und Russenmafia hochschaukelt, und das Ende, das schon mal deutlich das Fortsetzungspotential anklingen lässt, falls der Kassenerfolg entsprechend ausfällt.

Einen ähnlichen Adrenalinschock wie mit „John Wick“ verpasst Kolstadt dem Actiongenre dieses Mal also nicht, da „Nobody“ trotz seines etwas anderen Tons und der ungewöhnlich gecasteten Hauptfigur dann doch eher den Trends folgt anstatt sie zu setzen. Naishullers stilsicher inszenierter Actionreißer hat jedoch Tempo und mit rund 92 Minuten auch kein überflüssiges Fett auf den Rippen, Odenkirk macht sich hervorragend in der Hauptrolle und die rabiaten Fights, Shoot-Outs und Verfolgungsjagden manchen ähnlichen Spaß wie die Gags. Fetzige Genreunterhaltung, aber noch ohne den letzten Kick zur herausragenden Größe.

Universal bringt „Nobody“ am 1. Juli 2021 in die deutschen Kinos, freigegeben ab 16 Jahren.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Universal__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 1.7.2021 in den deutschen Kinos

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