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Nymph()maniac Vol. I + Vol. II

Originaltitel: Nymphomaniac Vol. I + Vol. II__Herstellungsland: Dänemark / Deutschland / Frankreich / Belgien / UK__Erscheinungsjahr: 2013__Regie: Lars von Trier__Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stacy Martin, Stellan Skarsgård, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, Willem Dafoe, Udo Kier u.a.

Nymph()maniac – Vol. 1

Nymphomaniac - Vol. 1

Nymphomaniac – Vol. 1

Einsamer Mann findet Nymphomanin.
Oberflächliche Polarisationen vermitteln die ersten Eindrücke, die Lars von Triers Abschluss seiner „Depressions-Trilogie“ offenbart. Schon das Auffinden der verbrauchten Sexsüchtigen durch den fromm eingerichteten Einzelgänger im narrativen Rahmen ist eine offensichtliche Polarisation, die sich augenblicklich von jeglichem zwanghaften Realismusdenken frei sagt und symbolisch zu deuten ist. Folgerichtig wird es in Joes Erzählungen später auch zu verblüffenden Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten kommen, deren Glaubwürdigkeit Seligman immer mal wieder in Frage stellt, ohne dabei die Wahrscheinlichkeit seiner eigenen Situation in Frage zu stellen, plötzlich eine verletzte Frau im Bett seiner einsamen Wohnung liegen zu haben.

Als Joe mit ihrer Geschichte beginnt, sieht sich Seligman als aufmerksamer Zuhörer alsbald in der Pflicht, gibt aber auch einem dringlichen Verlangen nach, eigene Exkurse passend zur jeweiligen Stelle einzubringen. Der Theoretiker leert dabei einen Füllkrug mit Bücherwissen nach dem anderen. Mit seinen anfangs einfach zu dechiffrierenden Anglermetaphern eröffnet er den Reigen, so dass von Triers Beweggründe zu Beginn niederer und provokativer Art zu sein scheinen, gerade angesichts der medial heiß diskutierten Hardcore-Porno-Segmente, die in der Rezeption traditionell mehr um Daseinsberechtigung kämpfen müssen als alle anderen stilistischen Mittel des Kunstfilms, auch und vor allem mehr als die Gewalt. Ein bescheidener Mann nimmt eine Nymphomanin bei sich auf und vergleicht ihre Raubzüge im jungen Alter mit dem Angeln? Rechtfertigen derart einfache Bilder etwa in einem Arthaus-Werk erigierte Penisse, die in alle erdenklichen Öffnungen des weiblichen Körpers eindringen?

Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto schillernder erscheinen die Gestaltungswege des Regisseurs. Provokant eröffnet er zwar bereits mit einem Song von Rammstein (und frischt damit Erinnerungen an David Lynch auf), um im Gesamtbild bei aller vermittelten Aggression und Depressivität doch ein erstaunlich nüchternes, ruhiges Werk zu liefern. Uma Thurmans bemerkenswerter Ausbruch der Verzweiflung in Episode 3 bleibt neben den martialischen Rammstein-Riffs ein einsamer Hall, und selbst er beginnt mit emotionaler Unterdrückung und einem erstickenden Guss aus Zynismus.

Jedes der Kapitel folgt einer eigenen Bildsprache, ein Deckbild mit personalisierter Typografie ziert den Auftakt und verspricht, neue Nuancen im Leben Joes zu beleuchten. Indes Charlotte Gainsbourg ihren Facettenreichtum im Rahmen bereits andeutet, wird sie in den Kapiteln von Vol. 1 fast vollständig von Stacy Martin vertreten, die ebenso wie Gainsbourg in Vol. 2 in den Hardcore-Sequenzen zwar gedoubelt wird, allerdings dennoch vollen Körpereinsatz zeigt und tatsächlich über den Körper fast mehr spielen muss als über die Mimik. Der Zeitsprung von etwa 15 Jahren lässt sich an ihrem Äußeren nicht unbedingt ablesen, muss dies aber auch nicht unbedingt, da von Trier seinen Realismusanspruch ja bereits an der Garderobe abgegeben hat und nur an der Stilisierung der jeweiligen Anekdoten interessiert ist sowie an dem, was Seligman dazu an Diskursen einfällt.

Derweil von Trier je nach Kapitel traumhaft schöne Bilder von Herbstwäldern, sepiafarbene Büro-Tristesse oder spannende Schwarzweißkontraste gestaltet und darin gefallene Darsteller (herausragend: Christian Slater) oder unerfahrene (überraschend: Shia LaBeouf) zu guten bis sehr guten Leistungen peitscht, beginnen die Analysen Seligmans langsam ihre Äste in die Synapsen des Zuschauers zu schlagen. Weil er die als Provokationsversuch angelegte Erzählung Joes nicht etwa nur mit Anglerjargon kontert, sondern seinen Wissensteich zunehmend ausbreitet und mit philosophischen Gedanken wie auch Trivia füttert, bekommen die Exzesse der Nymphomanin, deren Gesprächston jederzeit eine Steigerung der Drastik der Ereignisse verspricht, einen fast schon naturalistischen Unterton, mit dem Seligman seiner Besucherin gewissermaßen eine Absolution erteilt – sie könne eben nichts für ihr Handeln, so sei der Lauf der Dinge. Dies wiederum führt zu spannenden Kontroversen im Rahmen selbst, zumal die Erzählerin keineswegs um die Absolution bittet, die man ihr gewährt. Von Trier lässt die prinzipiell sorgfältig befolgte Konvention der Kapitelstrukturierung gerne mal schleifen, um den Debatten zweier Geister beizuwohnen, die miteinander unvereinbar scheinen und die doch gerade durch ihre Gegensätzlichkeit nah beieinander liegen.

Doch beim reinen Naturalismus bleibt es nicht; alsbald gesellen sich religiöse Motive in die Erzählung selbst wie in ihren Rahmen, interpretiert allerdings aus agnostischer bis atheistischer Perspektive. Die Komplexität der Darstellung der Nymphomanie sorgt im Rückblick für eine urteilsfreie, allgemeingültige Akzeptanz, was angesichts der Niederträchtigkeit der Hauptfigur in mancher Episode ein wahrhaft großer Wurf ist.

Dass nach knapp zweieinhalb Stunden – wieder zu Rammstein – der Abspann einsetzt und einen (in der Montage recht verstörenden) Clip zu Vol. 2 nachsetzt, kann keine künstlerischen Gründe haben, sondern bestenfalls mediale; so, wie man eine Schallplatte umdrehen muss, um die B-Seite zu hören. So ist nun Stacy Martin das Gesicht von Vol.1. Sie verkörpert die kühlen, distanzierten Jugendjahre von Joe, die der dänische Kunstfilmer aber nicht immer ohne Humor inszeniert. Längen sind je nach Betrachtungsweise natürlich dennoch einzuräumen (wobei derart gestellte Fragen immer auf die Frage hinauslaufen, wie weit Kunst ausholen darf; und diese Frage ist obsolet, wenn man davon ausgeht, dass Kunst ohne Grenzen bleiben muss), auch die Nachvollziehbarkeit des künstlerischen Standpunktes mag sich nicht ohne weiteres erschließen. In jedem Fall aber ist „Vol. 1“ ein ästhetisch inspirierendes Portrait, das ebenso wie das Gemälde in Seligmans Raum ohne Vol.2 eben nur zur Hälfte sichtbar ist.


……


Nymph()maniac – Vol. 2

Nymphomaniac_Vol2

Nymphomaniac_Vol2

Ein wenig muss man an Ingmar Bergman und „Fanny und Alexander“ denken, die in der TV-Fassung fünfeinhalb Stunden lange Abrechnung mit dem eigenen Gesamtwerk, das sich bei dem schwedischen Regisseur stets um existenzialistische Themen bewegte. Hier wie dort wird Vergangenes in schillernde Rahmen gesetzt. Fragmente wiederholen sich wie ein Déjà-Vu, indem bereits gezeigte Szenen nochmals ins Bild gelegt werden wie Gedankenfetzen, die unwillkürlich immer wiederkehren und ein seltsam desorientierendes Gefühl zwischen Unbehagen, Komik und Distanz bereiten.

Gerade durch jene Momente in der Leidensgeschichte Joes, die schier Unglaubliches zu Tage fördern, wird der Surrealismus wiedererweckt, der einen Bergman über viele Filme begleitete. Allerdings fehlt „Nymphomaniac“ auch nach seiner Vollendung mit ebenfalls fünfeinhalb Stunden die immanente Dramaturgie. Durch Joes Leben zu streichen ist nicht wie eine Achterbahnfahrt, sondern eher so, wie in einer Galerie an einer Reihe von zusammenhängenden Bildern entlang zu gehen, ohne den Künstler persönlich zu kennen. Beim Anblick eines Bildes sieht man plötzlich vorher gesichtete Bilder vor dem geistigen Auge aufblitzen und versteht zwar die Verknüpfungen, um idealerweise ihre Faszination zu begreifen; tauchte man jedoch in die bei „Fanny und Alexander“ geschilderte Kindheit geradewegs ein, bleibt Joe in all ihren Lebensphasen ein Enigma.

Charlotte Gainsbourg übernimmt nun neben der Rahmenhandlung auch die Rolle der Joe in den späteren Lebensabschnitten der Figur. Einen Unterschied für die Stimmung macht das kaum; die ältere und die jüngere Joe strahlen die gleiche Unnahbarkeit aus, der es auch geschuldet ist, dass die Sexszenen kaum Erotik ausstrahlen, sondern in ihrer Explizitheit vielmehr unterkühlt, roh, klinisch und fleischig erscheinen. Eine hochgradig detailliert dargestellte Abtreibung treibt dies auf die Spitze. So wie überhaupt die Mittel im Alter radikaler werden, mit der Joe gegen das Nachlassen von Gefühlen ankämpft. „Vol. 2“ verabschiedet sich langsam von der spielerischen Metaphorik, mit der Seligman die frühen Eskapaden seines Gastes manchmal regelrecht euphorisch einordnete. Er wird im Sujet ernster, sowohl im narrativen als auch im Meta-Rahmen. Und doch folgt er in der Dialektik zwischen Gegenwart und Vergangenheit weiterhin keiner steigenden Dramaturgie, wenigstens nicht, bis der Film mit einer trockenen Pointe endet, die bei genauer Betrachtung einfach so kommen musste. Auch dass schon bald Skarsgårds Figur Gegenstand des Films werden würde, war vorauszusehen, ebenso wie die zwischenzeitliche Pointe bezüglich seines Lebensstils, da das Szenenbild ihn bereits längst entlarvt hatte, sobald er den Gast in Vol.1 in seine Räumlichkeiten bat. Der Tonfall bleibt weiterhin fast schon herzzerreißend nüchtern, indes Seligman langsam die Argumente ausgehen, die Taten zu rechtfertigen. Er bleibt seiner Position dennoch treu und schiebt etwaige Geschmacklosigkeiten der Story auf den Erzählstil; Joe sehe sich gerne in einem schlechten Licht, beteuert er bitterlich, und damit greift Lars von Trier die persönliche Färbung oraler Medialität nicht zum ersten Mal auf. Er räumt der Art, wie etwas erzählt wird, Vorrang ein gegenüber den reinen Sachverhalten.

Dass die Geschehnisse an Härte gewinnen, heißt nicht, dass der Tonfall nicht doch mal zwischenzeitlich süffisant erscheinen kann. Einem Kapitel verleiht Joe den Untertitel „The Silent Duck“, ein Umstand, der im Laufe der Unterhaltung wieder vergessen wird, bis die Erzählerin plötzlich mit „Ach ja, da war doch was“-Tonfall darauf zurückkommt und eine kurze, prägnante Schilderung nachliefert, die den Zuhörer zu einer Reaktion zwischen Belustigung und Beschämtheit und damit zu einem nahe liegenden Witz führt. In einer Ménage à Trois mit zwei Afrikanern werden die Erwartungen Joes an gemischtrassigen Sex mit trockenem Humor gebrochen, der allerdings wie fast alle Geschehnisse auch tragisch interpretiert werden kann; immerhin lernt Joe hier, dass auch ihre romantischen Vorstellungen kommunikationsloser Sexualität der Spirale ihrer allmählichen Selbstzerstörung zum Opfer fallen. Später zeigt der Regisseur das Bild eines brennenden Autos, in vollem Bewusstsein, die Ikonik eines Hollywood-Films zu verwenden (bevorzugte Genres: Action, Drama oder Romantik). Anstatt den Charakter zu öffnen, um sein Innenleben zu offenbaren, verfremdet von Trier ihn immer wieder, was Seligman, der der Erzählung anfangs als philosophisch betrachtet leeres Gefäß beiwohnte, langsam zu füllen und ihn damit zu brechen scheint.

„Nymphomaniac“ ist rückblickend kein Zweiteiler, sondern, wenn man so will, eine Miniserie in acht ungleichen Kapiteln, deren Dramaturgie einer eher flachen Linie folgt. Mit der gleichen Tristesse belegt, die auch „Antichrist“ und „Melancholia“ schon prägte, ist es nicht immer einfach, von Triers Gedankengänge nachempfinden zu können. In vielerlei Hinsicht unterliegen die Motive des Films privaten Vorgängen, die sich dem Künstler selbst eher erschließen als seinem Publikum – was nicht bedeutet, dass diese fünfeinhalb Stunden nicht zu den geistig anregendesten Momenten des Produktionsjahrs 2013 gehören würden. Rein stilistisch liegt hier ein Meisterwerk vor, dessen Stärken vor allem im Fehlen von Beschränktheiten liegen, was sowohl die ästhetische Gestaltung betrifft – Bildformatwechsel, Farbfilter und Einstellungsgrößen inbegriffen – als auch die inhaltliche Orientierung, bei der weder religiöse, mathematische, naturwissenschaftliche oder soziale Dogmen eingehalten werden. Von Triers größte Leistung liegt daher vielleicht darin, dass er einer Lebensgeschichte, die von der Erzählerin selbst als Hölle der Monotonie empfunden wird, so viele Facetten abgewinnen kann. Indem „Vol.2“ die Ereignisse zum Ende hin zuspitzt und die Düsternis über den leichten Ton siegen lässt, arbeitet er also möglicherweise gegen die größten Stärken seines gehaltvollen Mammutwerks; andererseits ist „Nymphomaniac“ damit ein angemessener Schlusspunkt seiner Trilogie der Depression.

Nachdem zuerst verlautbart wurde, dass lediglich die heruntergekürzte Schnittfassung veröffentlicht werden würde, reagierte Concorde schließlich kunstfreundlich: Der ursprünglich für Oktober geplante Release wurde zwar auf November geschoben, allerdings hat der Käufer nun die Wahl, ob er sich den fünfeinhalb Stunden langen Director’s Cut ins Haus holt oder die 90 Minuten kürzere und weniger explizite Fassung.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Concorde Home Entertainment__FSK Freigabe: ab 16 (Vol. 1) / 18 (Vol. 2)__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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