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Only the Strong

Originaltitel: Only the Strong__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1993__Regie: Sheldon Lettich__Darsteller: Mark Dacascos, Stacey Travis, Geoffrey Lewis, Todd Susman, Richard Coca, Roman Cardwell, Ryan Bollman, Christian Klemash u.a.
Only the Strong

Mark Dacascos in “Only the Strong”

Louis Stevens – Offizier der Green Berets – war relativ lange in Brasilien stationiert und führte einen Krieg gegen die dort ansässigen Drogenkartelle. Nebenbei erlernte er die einheimische Kampfsportart Capoeira. Eines Tages erhält er seine Entlassungspapiere. Er kehrt umgehend in seine Heimatstadt Miami zurück und begibt sich hier auf die Suche nach einem Job, der ihm helfen soll, gut in sein Zivilleben hineinzufinden. Er begibt sich im Rahmen der Jobsuche in ein wahres Kriegsgebiet: Eine Highschool. Hier wendet er sich an Mr. Kerrigan, ein ehemaliger Lehrer von Louis, der ihn allerdings keine großen Hoffnungen auf einen Job machen kann. Doch dann wird er Zeuge, wie Louis, als er gerade den Schulhof verlassen will, in ein Handgemenge mit einem Drogendealer und seinen Schergen verwickelt wird. Mit diesen Kameraden, die die Highschool als Umschlagplatz für ihre Drogen missbrauchen, wischt Louis mir nichts dir nichts den Boden und Mr. Kerrigan kommt eine Idee. Louis soll den Schülern zeigen, dass es auch ein Leben abseits des Drogenirrsinns gibt.

Louis beschließt daraufhin umgehend den Schülern Capoeira beizubringen, um ihnen eine Möglichkeit zu geben, ihre Ängste und Wut zu kanalisieren, stößt damit aber sowohl bei seinen Schülern als auch bei der Lehrerschaft auf viel Gegenwehr. Irgendwann sehen aber alle Parteien ein, dass Louis mit seinen Ansätzen der “Umerziehung” gar nicht so falsch liegt. Alles könnte so schön sein, wenn nicht einer seiner Schüler der Cousin von einem der mächtigsten Drogenbosse Miamis wäre, der seinen Cousin und irgendwann auch Louis in seine Geschäfte hineinzieht … Allerdings soll ihm das gar nicht bekommen, denn Louis schlägt härter zurück, als erwartet …

Capoeira ist eine brasilianische Kampfkunst, deren Wurzeln auf afrikanische Kampfkünste zurückgehen. Die Begründer sind afrikanische Sklaven, die zu Kolonialzeiten von Afrika nach Brasilien verschifft wurden und hier über die Jahre hinweg ihre Stammeskampfkünste weiterentwickelten. Dabei begannen sie ihre Stammeskämpfe vermehrt mit Elementen aus anderen Kampfsportarten wie Ringen, Jiu-Jitsu und Wushu zu durchmischen und begründeten damit die Kampfsportart Capoeira, die sich durch eine unglaublich artistische Flexibilität auszeichnet und eine Vielzahl an Drehkicks und eingesprungenen Tritten in ihrem Repertoire hat. Traditionell spielt man während den Kämpfen Musik, die das rhythmische Element der Capoeirakämpfe betonen. Dabei handelt es sich auch heute noch vor allem um Lieder, die aus der Zeit der Sklaverei stammen. Der Kampf findet inmitten eines Kreises – der Roda – aus “Zuschauern” statt. Diese stellen sowohl die Musikanten als auch die Kämpfer. Die Gründe für diese Anordnung sind historisch nicht wirklich verbürgt, es gibt aber Erklärungsansätze, die davon berichten, dass es den Sklaven unter Strafe verboten war, Kampfsportarten zu erlernen. Also tarnte man den Kampfsport als eine Art Tanz, an dem jeder partizipieren konnte. Die Geschichte des Capoeira ist dabei sehr weitreichend und vor allem in seinen Anfängen kaum belegt. Ein wesentliches Element dieses Sports ist die sogenannte Malícia, die Seele des Capoeira. Übersetzt steht dieser Begriff für Verschlagenheit, was auf den ersten Blick wahrlich sehr negativ klingt. Doch im Zusammenhang mit Capoeira wertet man diesen Begriff eher als Kriegslist. Das wesentlichste Element der Capoeira ist nämlich, dass sich die Kämpfer gegenseitig Fallen stellen. Sie verschleiern zum Beispiel ihr wahres Können, um den Gegner ins offene Messer laufen zu lassen oder führen verschiedene Angriffe nur durch, um von dem letztendlich siegbringenden Angriff abzulenken. Und damit wird auch klar, warum man die Kämpfe im Capoeira “Spiele” nennt. Immerhin ist die Nähe zu Spielen wie beispielsweise dem Schach oder ähnlichen Brettspielen offensichtlich: es geht darum Züge vorauszuahnen, den Gegner richtig einzuschätzen und ihn mit Finten zu ködern.

Only the Strong

Mark Dacascos als Capoeirakämpfer Louis Stevens

Seltsamerweise sind die Versuche, diese hoch interessante und letztendlich wirklich spektakuläre, elegante und ungemein fließende Kampfsportart in Martial Arts Filme zu integrieren, an einer Hand abzählbar. Im Bloodsportfranchise wird man zum Beispiel fündig, allerdings beschränkte man sich dann zumeist auf maximal einen Fighter, der sich dann auch noch arg einschränken musste. Auch in Blockbustern findet man Capoeira selten vor. Eine prominente Ausnahme wäre Vincent Cassel in “Oceans Twelve”, wo er zeigt, was es wirklich heißt, über Körperbeherrschung zu verfügen. Ganz aktuell muss übrigens Tony Jaa in “Revenge of the Warrior” einen Capoeirameister niederknüppeln. Das Ergebnis ist schlichtweg genial. Als echtes Aushängeschild des Sportes fungiert allerdings “Only the Strong”, der einzige Film, der sich ausschließlich dem Capoeira widmet und einige wirklich spektakuläre Einlagen an Bord hat. Dabei lässt er aber die Philosophie und Geschichte des Sportes zugunsten des Tempos außen vor, was man im Grunde auch absolut befürworten muss, gibt es doch andere Quellen, um sich über diesen faszinierenden Sport zu informieren. Dennoch dürfte man in Capoeirakreisen nicht sooooo glücklich über den Film sein. Die Probleme bestehen dabei weniger aus kämpferischer, denn aus filmischer Hinsicht.

Denn gerade im Bereich der Story wird es bei dem Film zappenduster. Das große Vorbild dürfte der ähnlich gelagerte “Principal” gewesen sein, in dem James Belushi ebenfalls in einer Schule anheuerte, deren Schülerinterieur sich vornehmlich aus dem Bodensatz der Gesellschaft rekrutierte. Hier sollte er dann wie Louis für Ruhe und Ordnung sorgen. Die bekannteste Variation der zugrundeliegenden Story dürfte der drei Jahre nach “Only the Strong” entstandene Blockbuster “Dangerous Minds” aus der Bruckheimerschmiede sein und dieser ähnelt “Only the Strong” dann fast aufs Haar, einzig Capoeira wurde durch Bob Dylan Diskurse ersetzt. Und na ja, Geschmack hin oder her, auch “Dangerous Minds” war im Grunde das, was “Only the Strong” auch ist: ein handlungstechnischer Collateralschaden aus diversen Klischeefallen, dummen Dialogen, überzogenem Menschenabschaum, der bekehrt werden musste, und und und. “Only the Strong” erspart uns aber wenigstens das Gangsta’s Paradise . Der Ansatz, mit dem Louis die Ghettokids zu “besseren” Menschen machen will, erntet auch heute noch viel Kritik, allerdings kommt diese meist aus Richtungen, in denen Kampsport noch immer mit dem Ausüben von Gewalttätigkeiten gleichgesetzt wird. Dabei erscheint der Kampfsporterziehungsansatz VIEL realistischer als zum Beispiel das Gefasel über Bob Dylan. Dennoch bleibt “Only the Strong” leider ein wenig geschmäcklerisch, denn freilich bekommt Louis die verzogenen Bengel erst dann zum Mitwirken überredet, als Einer einem Anderen mittels Capoeira eine einschwenken kann. Ab diesem Zeitpunkt funktioniert das Ganze aber ganz ordentlich, auch wenn kaum ein Klischee ausgelassen wird. Einer rebelliert freilich Ewigkeiten und wird irgendwann gebrochen, Louis wärmt alte Liebschaften auf, Böse ist Böse und Gut ist Gut. Wer also eine echte Geschichte will, ist hier definitiv falsch – und wer Bob Dylan hören will sowieso! Doch im Grunde geht es hier nur um EINES: Capoeira! Und zwar vom Feinsten.

Only the Strong

Mark Dacascos in Action

Die Inszenierung der Action ist über die Maßen gelungen. Lettich und sein Kameramann Edward Pei finden immer wieder interessante Perspektiven, um das ohnehin spektakuläre Treiben noch interessanter zu gestalten. Insbesondere die Aufnahmen aus halb hohen Positionen und der Froschperspektive wissen über die Maßen zu gefallen. Auch dürfen wir Mark einige Male beim Verrichten seines “Jobs” direkt über die Schultern schauen, was sehr interessante Perspektiven zur Folge hat. Lettich verlässt sich dabei voll und ganz auf das Können seiner Protagonisten. So setzt es hier wenige Schnitte und immer Totalen der Kampfsporteinlagen, die den Genuss der Action eindeutig fördern und die Schönheit des Kampfsportes Capoeira ins rechte Licht rücken. Die Full Contact Action ist dabei vor allem in der zweiten Hälfte des Filmes angesiedelt, bei der Louis Stevens in einem schier nicht enden wollenden Knüppelshowdown alles platt walzt, was ihm in den Weg kommt. Brutalitäten und dergleichen braucht es dabei nicht, dennoch gibt es durchaus ein zwei Härten zu verzeichnen.

Only the Strong

High Fly Action in “Only the Strong”

Dabei ist die Capoeirashow definitiv die Show des Mark Dacascos. Klar, seine Rolle ist eindimensional und in ihrer Gutmensch Attitüde ziemlich albern, dennoch bleibt seine Figur den ganzen Film über absolut sympathisch. Schauspielerisch muss er dabei nicht viel zeigen. Hier ein Lächeln, da ein böser Blick. Das war es dann auch. Doch hier gilt wie kaum bei einem anderen Dacascos Film (außer vielleicht noch in Drive): Kicken soll er und genau das macht er … und wie! Für “Only the Strong” ging er übrigens intensiv in die Lehre bei verschiedenen brasilianischen Capoeira “Mestres”, um der Kampfsportart gerecht werden zu können. Der Rest im Film ist eigentlich nur Staffage. Die Kids rekrutieren sich aus allen erdenklichen ethnischen Gruppen der USA und bilden nur Abziehbilder der Klischees, die man in Bezug auf die jeweilig vertretene ethnische Gruppe kennt. Stacy Travis als Love Interest von Louis Stevens bleibt blass und nichtssagend und ist – genau wie der Liebesschmuhquatsch – vollkommen entbehrlich. Geoffrey Lewis hat als Kerrigan ein besseres Cameo und kann keine Akzente setzen. Dafür rockt der Bad Ass des Streifens ordentlich. Schauspielern kann er zwar nicht, aber seine zur Schau gestellten Machoallüren sind imo spitze. Kampfsporttechnisch wirkt er auch recht beflissen und bildet hierbei ein Beispiel für härtere und zielgerichtetere Einschläge im Capoeira – ganz im Gegensatz zu Dacascos eher verspielter wirkenden Einlagen.

Das Ergebnis ist ein “Dangerous Minds” für Männer – Klischees, alberne Dialoge und ein Nichts an Story inklusive. Das Bob Dylan Geschwafel wird durch geniale Kampfsporteinlagen ersetzt und genau davon lebt “Only the Strong”. Dank der Konzentration auf Capoeira kommt ihm zudem eine Alleinstellung im Kampfsportgenre zu, die er mit spektakulären Kampfeinlagen eindrucksvoll untermauert. Es gibt ganz klar intelligentere Filme, ob die allerdings so unterhaltsam und actionreich geraten wie diese Klischeeparade hier?

Die DVD von MCP ist mit einer FSK 16 uncut und kommt im ordentlichen, extrem farbigen Vollbild und mit passablem Stereoton daher. Leider hat man es nicht für nötig erachtet, ein wenig über Capoeira zu informieren und so kommt die DVD vollkommen bonusfrei. Im Gegenzug gibt es die DVD mittlerweile auch für unter 3 Euronen auf den Grabbeltischen der Bundesrepublik zu erwerben.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Bilder: MCP__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Ja

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