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Panik im Tokio-Express

Originaltitel: Shinkansen daibakuha__Herstellungsland: Japan__Erscheinungsjahr: 1975__Regie: Jun’ya Satô__Darsteller: Ken Takakura, Sonny Chiba, Ken Utsui, Eiji Gô, Etsuko Shihomi, Takashi Shimura, Yoshifumi Tajima, Tetsurô Tanba, Fumio Watanabe, Kei Yamamoto u.a.
Panik im Tokio-Express

Der japanische “Panik im Tokio-Express” nimmt gewissermaßen „Speed“ vorweg

Die manchmal geäußerte Ansicht, dass Drehbuchautor Graham Yost seine Ideen für „Speed“ (damals noch im VHS-Zeitalter!) bei dem vergleichsweise unbekannten japanischen Actionthriller „The Bullet Train“ alias „Panik im Tokio-Express“ stahl, ist schwer zu belegen, zumal sich Yost nach eigener Aussage vor allem auf „Runaway Train“ bezog. Aber egal ob bewusst oder unbewusst: Der japanische Film kann als Vorläufer des Hollywoodhits gesehen werden.

Vielleicht ist „The Bullet Train“ auch nur ein Beispiel für filmkulturellen Austausch: 1974 legte Hollywood mit dem Bombenlegerthriller „18 Stunden bis zur Ewigkeit“ und dem Zugentführerfilm „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ zwei mögliche Inspirationen für das japanische Werk vor, drehte nach „The Bullet Train“ dafür eventuell von diesem inspirierte Zugreißer wie „Lawinenexpress“ und „Cassandra Crossing“. Mit „Speed“ teilt sich „The Bullet Train“ jedenfalls die Prämisse: Erpresser platzieren hier eine Bombe an Bord eines Personenzugs, die sich aktiviert, sobald das Vehikel schneller als 80 km/h fährt, und explodiert, sobald diese Geschwindigkeit wieder unterschritten wird. Eine ähnliche Bombe an Bord eines Güterzugs dient als Beweis der Wahrheit ihrer Aussage, wie die Bahnleitung bald feststellen muss.

In der Bahnzentrale schwitzt Fahrleiter Kuramochi (Ken Utsui) bald Blut und Wasser, während Zugführer Aoki (Sonny Chiba) und sein Personal die 1.500 Passagiere über die Probleme im Dunkeln halten müssen. Einige Stunden bleiben bis zum Erreichen der Endhaltestelle, doch (nicht nur dort) droht das automatische Bremssystem der Bahn zu greifen, mal ganz abgesehen davon, dass die Passagiere beim Auslassen der Zwischenstopps und beim Durchsuchen der Bahn Verdacht schöpfen können, womit „The Bullet Train“ schnell eine gewisse Grundspannung aufbaut.

Also fahren Bahnbetrieb und Polizei zweigleisig: Einerseits wird nach Wegen gesucht die Bombe zu entschärfen. Andrerseits geht man auf die Lösegeldforderung in Millionenhöhe ein, die der Erpresser Tetsuo Okita (Ken Takakura) und seine Helfer stellen. Und die Verbrecher sind gut vorbereitet…

Panik im Tokio-Express

Tetsuo Okita (Ken Takakura) wird aus einer Notlage heraus zum Erpresser und Bombenleger

Wer angesichts der Prämisse und der Mitwirkung von Sonny Chiba („Resort to Kill“) ein wüstes, keilereilastiges Actionspektakel erwartet, der dürfte überrascht sein. Der Martial-Arts-Star muss sein Können kein einziges Mal zeigen und hat auch eine eher kleine Rolle als Normalo in einer Extremsituation. Sowieso ist die (mit vielen einheimischen Stars besetzte) Belegschaft oft nur zur Darstellung der Rädchen im System da, sodass in erster Linie nur zwei Akteure hervorstechen: Ken Utsui („Last Drop of Blood“) als gewissenhafter Fahrleiter, der wesentlich ehrenvoller als der Rest der Führungselite vorgeht, und Ken Takakura („Black Rain“), dessen Antagonist kein klassischer Schurke ist, sondern ein facettenreicher Mann in Nöten, der keinen Ausweg außer einer Erpressung sieht, die er aber eigentlich ohne Blutvergießen durchziehen will.

So ist „The Bullet Train“ ein Mix verschiedener Genres: Actionthriller, Katastrophenfilm, Heist Movie und Social-Problem-Drama. Gerade letzteres mag überraschen, aber zumindest in der ungekürzten Zweieinhalbstundenfassung geht der Film von Jun’ya Satô („Yamato: The Last Battle“) ausgesprochen differenziert auf die Beweggründe seiner Erpresser ein. In Mittelpunkt der von der Rezession getroffene Unternehmer und Tüftler Okita, der angesichts seiner Scheidung und drohender Verarmung zum Verbrechen getrieben wird. Seine Kumpane: Arme Tröpfe und gescheiterte Politaktivisten, von denen keiner wirklich böse ist, was die Verbrecher zu tragischen Helden in der Tradition klassischer Gangsterfilme und Film Noirs macht, und gleichzeitig zu den interessantesten Seiten des Films gehört.

Meist sind es auch die Erpresser, die für ein angezogenes Tempo sorgen: Etwa, wenn Versuche der Geldübergabe in der Tradition eines Heist Movies erzählt werden, wobei Polizei und Kriminelle einander mit Manövern und Täuschungsversuchen gegenseitig ausbooten wollen. In diesem Kontext kommt es dann auch zu Actionszenen wie einer dynamischen Verfolgungsjagd mit dramatischem Ende. Dadurch, dass man beiden Seiten irgendwie die Daumen drückt, hält „The Bullet Train“ die Spannung aufrecht, zumal der Regisseur und seine Stuntleute handwerkliche Kompetenz beweisen, wenn es um Stunts und Action geht.

Panik im Tokio-Express

Noch steht der titelgebende Zug sicher im Bahnhof

Auch wenn es für den Zug brenzlig wird, schnellt das Adrenalin nach oben: Entschärfungsversuche der Bombe stehen ebenso an der Tagesordnung wie Notsituationen, in denen etwa zwei Züge aufs selbe Gleis geraten. Für Pyrotechnik ist hin und wieder gesorgt und sei es nur dann, wenn jemand den Zug vor seinem geistigen Auge explodieren sieht. Dabei wird stets gut getrickst, denn neben realen Zügen werden hier auch Modelleisenbahnen eingesetzt, die man manchmal als solche identifizieren kann, die aber eigentlich immer überzeugen. Jedoch ist Action nicht das Hauptaugenmerk des Films, der zudem den Zug über längere Strecken verlässt um sich den Ereignissen in der Fahrzentrale oder bei den Erpressern zu widmen. Noch dazu wird manche Situation an Bord des Zuges, dem deutschen Titel „Panik im Tokio-Express“ zu Trotze, nur angerissen, etwa wenn panische Fahrgäste die Notbremse ziehen wollen, was natürlich den Exitus bedeuten würde.

So besteht dann, trotz aller handwerklicher Kompetenz und aller guter Ansätze, das große Problem des Films darin, dass er reichlich unfokussiert ist. Ähnlich wie „Shin Godzilla“ von 2016 soll wohl der ganze bürokratische Apparat in einer solchen Krisensituation dargestellt werden, was eine Abkehr von den Individualhelden im sonstigen Genrefilm darstellt. Aber genau dadurch kann man sich an kaum einer Figur festhalten, mancher Exkurs und manche Nebenfigur scheinen den Film sogar nur künstlich in die Länge zu ziehen – etwa der dramaturgisch letztendlich unnötige Handlungsstrang um eine schwangere Frau, deren Wehen an Bord des Zuges einsetzen, als dieser nicht anhalten darf. So verschenkt „The Bullet Train“ die Brisanz seiner Prämisse durch einige Längen, zumal Filmgott Zufall gleich zweimal auf fast schon unfreiwillig komische Weise dafür sorgt, dass „The Bullet Train“ nicht zu früh zu Ende geht: Zuerst taucht aus heiterem Himmel eine Gruppe trainierender Judoka am falschen Ort auf, später bricht sogar ein Feuer ohne Begründung aus, nur damit sich die Ereignisse in die Länge ziehen. Das sind nicht die einzigen Pannen, sowohl auf Seiten der Behörden als auch der Erpresser, doch sonst passen diese zum Konzept des Films: Denn wo keine brillanten Oberschurken und unfehlbaren Helden gegeneinander antreten, da passieren manchmal auf Fehler. Wenn das Drehbuch dann aber durch haarsträubende Zufälle für Komplikationen sorgen will, dann fühlt man sich verschaukelt.

Als Geschichtsstunde für Actionfans ist „The Bullet Train“ alias „Panik im Tokio-Express“ dennoch interessant: Eine „Speed“-Prämisse 20 Jahre vor „Speed“ und Sonny Chiba in einer ungewohnten Rolle ohne Kloppereien. Noch dazu ist der Mix aus verschiedenen Genres durch vielschichtigen Antagonisten, seine dosiert eingesetzten Schauwerte und seine Abkehr vom klassischen Heroismus durchaus lohnenswert, aber für den großen Knaller ist das Ganze zu unfokussiert, zumal einige Längen und dumm gescriptete Zufälle den Film plagen.

In seiner ungekürzten Fassung dauert „Panik im Tokio-Express“ rund 150 Minuten, die für eine internationale Version auf 110 Minuten eingedampft wurden. Das war dem Verleiher hierzulande immer noch zu lang, weshalb man den Film schlussendlich auf 90 Minuten runterkürzte. Während die Kinofassung hierzulande zuerst auf DVD erschien und man für eine Uncut-Fassung zu ausländischen Versionen wie der britischen DVD von Optimum greifen musste, schaffte Subkultur mit zwei Mediabooks Ende 2013 Abhilfe: Während auf einer DVD immer noch die deutsche Kinoversion von „Panik im Tokio-Express“ enthalten ist, gibt es auf der Blu-Ray und der zweiten DVD die ungekürzte japanische Langfassung. Das Bonusmaterial umfasst Trailer, eine Bildergalerie und die Super-8-Fassung des Films.

© Nils Bothmann (McClane)

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