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Postal

Originaltitel: Postal__Herstellungsland: USA/Deutschland/Kanada__Erscheinungsjahr: 2007__Regie: Uwe Boll__Darsteller: Zack Ward, Dave Foley, Chris Coppola, Jackie Tohn, J.K. Simmons, Ralf Moeller, Verne Troyer, Chris Spencer, Larry Thomas, Michael Paré, Erick Avari, David Huddleston, Seymour Cassel, Uwe Boll, Michael Eklund, Melanie Papalia u.a.
Postal

Zum Schauspielinventar von Uwe Bolls „Postal“ gehören auch die häufiger bei ihm beschäftigten Ralf Möller und Michael Paré

„Postal“ von Uwe Boll („Rampage: President Down“) sollte nicht nur die x-te Videospielverwurstung des Regisseurs sein, sondern vor allem eine hemmungslose Satire – wobei das Genre Satire allerdings eine gewisse Form von Feinsinnigkeit intendiert, die Boll normalerweise abgeht.

Die ersten Minuten wären aber ein wirklich lustiger Kurzfilm: Zwei Taliban steuern ein Flugzeug gen World Trade Center und geraten in einem Streit wie viele Jungfrauen sie nun im Jenseits erwarten. Zur Klärung ruft man Osama Bin Laden an, der schlechte Nachrichten hat (Jungfrauenknappheit), weshalb man die Bahamas ansteuern will – doch da stürmen Ami-Touris das Cockpit und bringen die Maschine zum Abstürzen. Auch das ist bereits Brachialsatire, aber es ist immerhin pointiert, es ist lustig.

Anschließend lernt man den Postal Dude (Zack Ward), die Hauptfigur, kennen. Nach einem unlustigen Intermezzo im heimischen Trailerpark muss er zum Vorstellungsgespräch, was in seiner Überzogenheit ebenfalls satirische Angriffspunkte bietet. Doch danach besteht Boll darauf ein wirres Tohuwabohu um die Sekte des Onkels vom Dude, Taliban und geklaute Puppen abzubrennen…

Postal

Girls and Guns: Der Postal Dude (Zack Ward) mit der Revoluzzerinnentruppe seines Onkels

Leider ist das Treiben, für das der Begriff Handlung wirklich einen Euphemismus darstellt, ziel- und pointenlos, ein Versuch von Tabubruch reiht sich an den nächsten. Boll macht Witze über Nazis und den Holocaust, über 9/11, über erschossene Kinder, überfahrene Babys, über Behinderte usw. Damit begibt sich der gute Mann auf geschmacklich heikles Terrain, aber so lang man einen Tabubruch immer wirkungsvoll inszeniert, hat er durchaus Existenzberechtigung. In „Postal“ bewegt sich der Humor leider auf dem Niveau von Altherrenwitzen, wodurch den meisten Versuchen der Grenzüberschreitung nur das Label der Geschmacksverirrung attestiert werden kann.

Doch selbst wenn Uwe Boll mal nicht versucht irgendwelche Tabus zu brechen, dann bewegt sich der Humor von „Postal“ in tiefsten Niederungen, Fäkalwitze und Humor unterhalb der Gürtellinie prasseln da am laufenden Band auf den Zuschauer ein. Auf jeden ansatzweise lustigen Gag (z.B. das Ausrasten des schwarzen Cops der Chinesin gegenüber) kommen Unmengen von Jokes, für die man selbst bei hinterletzten Fernseh-Humorshow den Hut nehmen müsste (die versauten Senioren sind da quasi Emblem für die Gesamtattitüde des Films).

Postal

Officer John (Ralf Möller) plus Kollege

Inmitten des riesigen Missverständnisses, das Boll als Satire vermarktet, fällt der Kurzauftritt des Regisseurs dann weder groß positiv noch negativ auf. Doch nur weil Boll auf sich selbst rumhackt darf „Postal“ noch lange nichts anderes mehr heilig sein. Wer jetzt allerdings hofft nach Osama Bin Laden beim Führungsseminar, dem Vergnügungspark Little Germany (der Deutschland quasi auf Nazis und Bayern reduziert) und unlustigen Seitenhieben gen Starbucks wenigstens noch eine zünftige Packung sinnloses Geballer zu bekommen (basiert ja immerhin auf einem Ballerspiel), der guckt auch in die Röhre. Sicher, zum Ende hin wird gefeuert bis die Rohre glühen, doch die Film-AG dürfte besser choreographierte Schießereien auf den Markt werfen. Es ist stilloses, uninspiriertes und nach einer Weile ermüdendes Geballer, dessen blutige Einschüsse keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Allenfalls über die Zweckentfremdung einer Katze als Schalldämpfer kann man noch lachen.

Im Gegensatz zu den letzten Boll-Filmen gibt es allerdings wenig Leute, die sich in „Postal“ verirrt haben, obwohl sie den Film gar nicht nötig hätten. J.K. Simmons’ („Terminator – Genisys“) Auftritt irritiert, doch er dauert nicht lange, beim armen Ralf Möller ist dies nur Teil eines stetigen Abstieges, der bereits mit „Hai-Alarm auf Mallorca“ und einem Scooter-Video begann. Von Zack Ward („Transformers“), Dave Foley („Monster Brawl“) und Jackie Tohn („Sisters“), den Hauptdarstellern, dürfte man nach diesem Film berechtigterweise nichts mehr hören, denn besser als Durchschnitt sind sie nicht, und Verne Troyer („Hard Cash“) spielt mittlerweile ja scheinbar überall mit, wo man ihm eine warme Mahlzeit anbietet. Neue Höhen auf der Hass-Skala erreicht allerdings der untalentierte Fettsack Chris Coppola, den Boll prompt als Comedic Sidekick für den noch schlimmer misslungeneren „Far Cry“ anheuern musste. In einer Nebenrolle spielt noch Michael Paré („Abattoir“) mit, hat aber kaum etwas zu vermelden.

Mit der Auftaktsequenz und dem Job-Casting zu Beginn beweist „Postal“, dass man hier vielleicht sogar einen frechen, witzigen Film hätte drehen können. Danach verkommt der Film allerdings zur gigantischen Geschmacksverirrung auf Niveau eines Altherrenwitzes, die zum einen schlurig inszeniert, zum anderen ziel-, stil- und pointenlos daherkommt.

Die DVD-Erstauflagen von Splendid enthalten den Film der Kinofassung und nur mit deutscher Synchro. Später erschien der Director’s Cut auf DVD und Blu-Ray, mit deutscher Synchro und Originalton. In Sachen Extras gibt es auf allen Medien den obligatorischen Boll-Audiokommentar, entfallene Szenen und Featurettes.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Splendid__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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