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Prisoners

Originaltitel: Prisoners__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2013__Regie: Denis Villeneuve__Produktion: Mark Wahlberg u.a.__Darsteller: Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Maria Bello, Paul Dano, Terrence Howard, Viola Davis, Melissa Leo, Jane McNeill, Len Cariou, Wayne Duvall u.a.
Prisoners

Hugh Jackman und Jake Gyllenhaal machen die Mark Wahlberg Produktion “Prisoners” zum Ereignis

Die Mark Wahlberg Produktion „Prisoners“ ist einer dieser Filme, nach denen man im Kinosessel erleichtert durchschnauft. Nicht, weil der Film schlecht gewesen wäre und man froh ist, dass er vorbei ist, mitnichten. Vielmehr weil einen der Film derart gepackt und in seine düstere Handlung hineingesaugt hat, dass man beinahe froh ist, wenn er einen endlich wieder aus seiner eisernen Umklammerung in die Realität entlässt. Was bei „Prisoners“ noch extremer ausfällt, weil der Film ein wirklich harter Brocken ist, der erst mal durchgestanden werden will. Mich erinnerte er in Ton und Atmosphäre extrem an Ben Afflecks grandioses Regiedebüt „Gone Baby Gone“, der am Ende einen ähnlich verstörenden Eindruck auf mich gemacht hatte.

Die Familien Dover und Birch sind gute Nachbarn und Freunde in einer trostlosen Kleinstadt im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania. Die Familien eint eine gewisse Konservativität. Der Glaube an Gott ist allgegenwärtig. Und der soziale Realismus hat sie längst eingeholt. Die meisten ihrer Gespräche drehen sich ums Geld bzw. die finanzielle Lage. Das Familienoberhaupt der Dovers, Keller Dover, hebt sich von allen durch eine gewisse Übervorsichtigkeit ab. Er bunkert Lebensmittel im hauseigenen Keller, hält Atemschutzmasken für den „Ernstfall“ bereit und ist allgemein gerne vorbereitet. All das hilft ihm und seiner Familie nichts, als beim gemeinsam gefeierten Thanksgiving-Fest plötzlich die jüngsten Kinder beider Familien spurlos verschwinden. Der große Sohn von Keller vermutet sofort, dass ein bestimmter Wohnwagen, der kurz zuvor das Interesse der beiden Kinder bei einem Spaziergang auf sich gezogen hatte, mit dem Verschwinden der beiden Mädchen zu tun haben könnte. Diese erste Spur macht die Kindesentführung zum Fall von Detective Loki, der den Wohnwagen auffindet und den Fahrer stellt. Dieser entpuppt sich als geistig minderbemittelt und scheint vom Intellekt her gar nicht in der Lage, gleich zwei Kinder unbemerkt verschwinden zu lassen.

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Hier ist die Welt der Dovers noch in Ordnung.

Doch Keller zweifelt massiv an dem geistigen Fähigkeiten des jungen Mannes, der in seiner Gegenwart auch extrem verräterische Sätze fallen lässt. Keller ist überzeugt, dass der Wohnwagenbesitzer Alex seine Tochter und die der Birches entführt hat. Ohnmächtig muss er mit ansehen, wie die örtliche Polizei den jungen Mann aus Mangel an Beweisen wieder auf freien Fuß setzt. Keller heftet sich kurzentschlossen an dessen Fersen und fasst einen verzweifelten Entschluss: Er entführt den jungen Mann und kettet ihn im ehemaligen Wohnsitz seines eigenen Vaters im Bad an, gewillt, Alex die Wahrheit über den Verbleib der Kinder aus dem Leib zu prügeln…

Die Folge ist eine Tortur für Alex und Zuschauer, der mit zunehmendem Kloß im Hals mit ansehen muss, wie Keller alle Bedenken über Bord wirft und Alex wortwörtlich zu einer fleischigen Masse prügelt. Zwar installiert „Prisoners“ mit dem männlichen Oberhaupt der Birches einen moralischen Anker für Keller, der dessen Taten beständig hinterfragt und die Richtigkeit seines Tuns anzweifelt, letztlich aber Keller unterstützt, da auch das Leben seiner eigenen Tochter am seidenen Faden hängt. Beständig hinterfragt man fortan die Richtigkeit des Tuns der beiden Männer. Ähnlich den Diskussionen rund um die Richtigkeit von Folter, um bestimmte Informationen zu erhalten. Dabei spielt sich das eigentliche Grauen immer im Kopf des Zuschauers ab, denn der bekommt von der Folter so gut wie nichts zu sehen. Meist reichen schon die dumpfen Schlaggeräusche aus, um die schlimmsten Szenarien vor dem geistigen Auge des Zuschauers zu erzeugen. Und trotzdem verfehlen die immer wieder einmal eingestreuten Ansichten des zu einem blutigen Fleischklumpen geschlagenen Alex ihre Wirkung nicht.

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Brilliert auf ganzer Linie: Hugh Jackman

Spätestens wenn der Film eine falsche Fährte lanciert, weiß man, dass Keller einen Weg eingeschlagen hat, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Was soll er machen, wenn Alex unschuldig ist? Soll er ihn einfach freilassen und so tun, als wäre nichts gewesen? Wie unrealistisch. Also behält Keller den jungen Mann tatsächlich unter Verschluss. Immer noch vermutend, im Recht zu sein. Spätestens wenn die falsche Fährte als ebenjene enttarnt wird und trotzdem zum großen Ganzen des Filmes entscheidende Puzzleteile hinzufügt, wird klar, wie konzentriert und stringent Regisseur Denis Villeneuve mit Drehbuchautor Aaron Guzikowski die Story entwickelte. Und so hat der Zuschauer trotz 2,5 Stunden Laufzeit niemals das Gefühl, der Film könnte auch nur eine Sekunde zu lang sein. Alle kleinen Details sind am Ende wichtig, um die Grausamkeit des hier dargereichten Verbrechens vollumfänglich zu verstehen.

Den größten Anteil am Gelingen des Filmes haben seine Darsteller. Allen voran ein unfassbar genial aufspielender Hugh Jackman („Wolverine – Weg des Kriegers“)! Wenn sein Keller urplötzlich explodiert und mit Wucht, Wut und schier unbremsbarer Entschlossenheit lospoltert, läuft es dem Zuschauer eiskalt den Rücken herunter. Vor allem eine Szene um einen Hammer und ein Waschbecken wird dahingehend jedem Zuseher nachhaltig in Erinnerung bleiben. In seinen Wutmomenten, die ziemlich oft Jake Gyllenhaals Charakter Loki abbekommt, wütet Jackman wie eine Naturgewalt alles und jeden an die Wand. Und dennoch verkommt sein Charakter nie zum Folterknecht. Denn man spürt zunehmend, dass die Entschlossenheit in seinem Tun immer mehr einem gewissen Zweifel weicht. Dazu gesellen sich mehr und mehr Verzweiflung und Trauer, da ihm bewusst wird, dass jede Minute, die ohne ein Geständnis von Alex verstreicht, seine Tochter näher an den Tod heranführt.

Prisoners

Der ruhige Gegenpol zu Jackmans Figur: Detective Loki, der so manch seltsamen Tick hat.

Jake Gyllenhaal („Prince of Persia“) ist die zweite große Bank von „Prisoners“. Gyllenhaal spielt auf den Punkt. Agiert im Vergleich zu Jackman deutlich zurückhaltender. Er wird mehr und mehr zum Ruhepol des Filmes, bei dem man aber auch nie so recht weiß, was man wirklich von ihm halten soll. Denn wenn er den besorgten Keller in dessen Abwesenheit als Wichser und Arschloch beschimpft, entwickelt seine Figur eigenartige Ecken und Kanten, die man niemals so recht zuordnen kann. Flankiert werden die beiden Hauptdarsteller von tollen Leistungen von Maria Bello („Atemlos“) als Kellers Frau, Terrence Howard („Dead Man Down“) als moralische Instanz Franklin Brich, Viola Davis („The Help“) als dessen Ehefrau, Paul Dano („Looper“) als Alex und Melissa Leo („Olympus has fallen“) als Alex’ Tante.

Regisseur Villeneuve taucht seinen Film mithilfe der großartigen Kameraarbeit von Roger A. Deakins in eine ausweglose, triste wie kalte Optik, die eine ganz eigene, drückend schwere, unbequeme Atmosphäre erzeugt, die zum ohnehin hohen Spannungsniveau noch einiges beizutragen versteht. Regisseur und Kameramann lassen keinerlei Hoffnungsschimmer zu und wollen den Zuschauer spürbar nicht freilassen. Es gibt in „Prisoners“ kaum Lichtblicke. Irgendwann ist der Film so depressiv, dass selbst gute Nachrichten keinerlei Euphorie aufkommen lassen. Bei den Figuren nicht und beim Zuschauer erst recht nicht. Der elegische Score von Johann Johannsson unterstreicht dies gar trefflich.

Am Ende, wenn der Film ein erneut sehr eindrückliches Bild für seinen Titel findet, hat der Film einen eigenwilligen Moment. Die Auflösung wird so erstaunlich unaufgeregt präsentiert, dass fast ein wenig Enttäuschung aufkommt. Im Nachhinein betrachtet ist aber genau das der richtige Weg gewesen, denn ein Knalleffekt oder ein Twist hätten dem Film wohl ziemlich geschadet. So entstand ein großartig gespielter, trotz niedrigem Erzähltempo ungeheuer konzentrierter und mordsspannender Streifen, der stilvoll bebildert einen entlarvenden Blick in die tiefsten Abgründe des Menschen wirft und mit unangenehmen Erkenntnissen zurückkehrt…

Der Film ist ab 10. Oktober 2013 in den deutschen Kinos zu sehen, kommt von Tobis Film und hat ungeschnitten eine FSK 16 Freigabe erhalten.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: TOBIS Film__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu-ray/DVD: Nein/Nein, ab 10. Oktober 2013 in den deutschen Kinos

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