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Puncture – David gegen Goliath

Originaltitel: Puncture__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2011__Regie: Adam Kassen, Mark Kassen__Darsteller: Chris Evans, Mark Kassen, Michael Biehn, Vinessa Shaw, Kate Burton, Brett Cullen, Jesse L. Martin, Jennifer Blanc, Marshall Bell, Sam Medina, Tess Parker u.a.
Puncture

Chris Evans ist das Zentrum des Films, doch Michael Biehn hat eine wichtige Nebenrolle in „Puncture“

Neben seinen Mainstreamauftritten, oft in Comicverfilmungen und romantischen Komödien, sucht Chris Evans auch immer wieder Filme, in denen er sich schauspielerisch stärker profilieren kann, darunter etwa „The Iceman“ oder dieser Mix aus Justizthriller und Drogendrama.

Die Hauptrolle ist eine dankbare, denn Anwalt Mike Weiss (Chris Evans) ist nicht unbedingt ein typischer Vertreter seines Berufs. Zusammen mit seinem Freund Paul Danziger (Mark Kassen) hat der junge Aufsteiger eine Kanzlei gegründet, die sich vor allem durch Schadenersatzfälle mit Abfindungen konzentriert. Das ist noch gewöhnlich, dass Mike allerdings ein tätowierter Partyboy ist, der seine Auftritte vor Gericht unter Drogen mit Prostituierten und Gangstertypen in schäbigen Motels probt, das nicht mehr. Mike ist ein Junkie, gleich in mehrerlei Hinsicht: Nicht nur Alkohol und bewusstseinserweiternden Substanzen jeder Art spricht er zu, auch das Siegen vor Gericht ist eine Droge für ihn, wenn er rauschhafte Plädoyers hält und nach Höherem strebt.

Die Chance sieht er kommen, als er sich mit der Krankenschwester Vicky Rogers (Vinessa Shaw) unterhält, die sich bei der Arbeit an einer Nadel mit AIDS infiziert hat. Doch Vicky ist nicht auf Schadensersatz aus, sondern will die Krankenhäuser dazu bringen Sicherheitsspritzen zu verwenden, die Jeffrey Dancort (Marshall Bell), ein Freund von ihr, entwickelt hat. Dabei geht der Fall auf einen realen Prozess aus dem Jahre 1998 zurück und man mag kaum glauben, wie leichtfertig noch in den 1990ern Menschenleben durch unsicheres Equipment aufs Spiel gesetzt wurden, was auf Entwicklungsländer mit hoher AIDS-Rate, in denen Spritzen sterilisiert und wiederverwendet wurden, ebenso zutraf wie auf die USA.

Auch wenn es erst einmal nichts zu holen gibt, verbeißt sich Mike in den Fall und findet heraus, dass Absprachen mit Konzernen und Profitstreben die Verwendungen der Sicherheitsspritzen verhindern. Als sie sich mit diesen Wirtschaftsmächten anlegen, spüren Mike, Paul und Jeffrey schnell die Macht der Konzerne…

Puncture

Freunde und Partner: Die Anwälte Paul Danziger (Mark Kassen) und Mike Weiss (Chris Evans)

„Puncture“ ist ein ausgesprochen nüchtern erzählter Film, der in rund 95 Minuten die Stationen des Falles aufzeigt und dementsprechend Abstriche bei vielen, oft nur in angerissenen Subplots macht. Dass der notorische Aufreißer Mike von seiner Gattin verlassen wird, bleibt ebenso eine kaum Eindruck hinterlassende Randnotiz wie andere Frauengeschichten, so wie auch Vicky als Initiatorin des Ganzen nur in wenigen Szenen auftritt, die wirtschaftliche Lage Jeffrey Dancorts nur gestreift wird, und auch das Privatleben Pauls, der im Gegensatz zu seinem Freund Mike gesetzt ist, glücklich verheiratet und ein Kind erwartet, ist eher Hintergrundrauschen für einen Plotstrang, der das Geschehen etwas mehr prägt: Während Paul das Auge auf Sicherheit und Finanzen hat, gerade als Repressionen gegen ihre Kanzlei zu spüren sind, da verfolgt Mike sein Ziel ohne Rücksicht auf Verluste, besessen und berauscht. Allerdings macht der Film die Konsequenzen, die Bedrohung von Existenzen kaum spürbar, behauptet sie eher.

Davon abgesehen funktioniert der Film aber als Mix aus Drogendrama, Justizthriller und Biopic, der vor allem von der Figur des Mike Weiss zusammengehalten wird, einem schillernden, facettenreichen und widersprüchlichen Charakter. Einer, der unter Drogen am besten funktioniert, und dessen Sucht ihn wiederum angreifbar macht. Der sich für den Fall sogar auf kalten Entzug begibt, mit dem Paul um nicht bedröhnte Arbeitstage feilschen muss, ebenso brillant wie selbstzerstörerisch. Dabei scheut sich „Puncture“ auch nicht vor drastischen Bildern aus dem Leben des dauernd Drogen einwerfenden Wonderboys ohne dabei übertrieben moralisch zu wirken, sondern schildert beinahe dokumentarisch dessen Werdegang.

Puncture

Wer ist der geheimnisvolle Fremde, den Michael Biehn spielt?

Dabei profitiert der Film von seinem großartig aufgelegten Hauptdarsteller, denn Chris Evans („Captain America: The Winter Soldier“) gibt in der Rolle des Mike Weiss wirklich alles und schafft es die vielen Facetten der Figur glaubwürdig einzufangen ohne dabei eitel auf Awards zu schielen oder auf ein Starimage acht zu geben. Co-Regisseur und Paul-Darsteller Mark Kassen („Before We Go“) als bester Freund ist ebenfalls stark, wie auch Marshall Bell („Nancy Drew: Girl Detective“) als bärbeißiger Erfinder mit schlechten Social Skills. Als zweiter bekannter Name neben Evans schaut Michael Biehn („Art of War“) für wenige Szenen als mysteriöse, aber nicht unwichtige Nebenfigur mit markanten Auftritten herein, während Vinessa Shaw („Stag Night“) als weiteres bekanntes Gesicht in wenigen Szenen gut aufzuspielen versteht. Nur die Darsteller der fieseligen Konzernleute spielen manchmal etwas klischeehaft schmierlappig, was aber zu verzeihen ist.

Denn der hierzulande untertitelgebende „David gegen Goliath“-Kampf wird hier gut vermittelt, wenn die Macht des Geldes Idealismus und gesunden Menschenverstand einfach durch mehr Mittel und längerem Atem zu erdrücken versucht. Trotz gewisser Ähnlichkeiten entfernt sich „Puncture“ von idealistischen Werken wie „Erin Brockovich“ oder diversen Grisham-Adaptionen, in denen Scheitern selten möglich scheint. Zwar ist die Anzahl der Gerichtsszenen und der damit verbundenen, fesselnden Plädoyers etwas gering, ebenso die Menge der Winkelzüge, was aber zu realistischen, erdgebundenen Stimmung des Films passt, der zum Ende mit einer unerwarteten Wende ebenso aufwartet wie mit einer netten Pointe, die allerdings nicht ganz zur sonstigen Stimmung des Films passt. Die wissen die Regisseure, das Brüderpaar Mark und Adam Kassen, nämlich quasi durchweg zu halten, bis zum Abspann, der mit dem famosen, hervorragend passenden „Rusted Wheel“ von Silversun Pickups untermalt ist.

„Puncture“ ist gewiss ein spröder Film, dessen Subplots und Nebenfiguren teilweise etwas unterentwickelt sind, der aber einen wenig bekannten, realen Fall um einen schillernden, faszinierenden Hauptcharakter aufzubauen und in seiner nüchternen, teilweise pessimistischen Mischung aus Justizthriller und Drogendrama zu überzeugen weiß. Etwas ungeschliffen, teilweise verbesserungswürdig, aber stark gespielt und einnehmend.

Auf DVD und Blu-Ray ist der Film hierzulande von dtp entertainment verwertet worden. Die Qualität ist gut, das Bonusmaterial allerdings etwas spärlich: Lediglich ein paar Trailer und eine Bildergalerie.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: dtp entertainment__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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