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Scars of Xavier

Originaltitel: Scars of Xavier__Herstellungsland: Deutschland / Tschechische Republik__Erscheinungsjahr: 2017__Regie: Kai Bogatzki__Darsteller: Marc Engel, Isabelle Aring, Thomas Binder, Frank Freitag, Jelly Francis Gaviria, Lamacra, Angelina Markiefka, Michael Möhlenbruch, Sascha Möhlenbruch, Daniele Rizzo, Dirk Sonnenschein, Annika Strauß u.a.

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Scars of Xavier Cover

Das Mediabook Cover B von “Scars of Xavier”

Elektrische Impulse fräsen sich plötzlich wie kleine Sägeblätter durch das Netz aus neuronalen Verbindungen. Zu viel für die Synapsen; sie versagen den Dienst und entkoppeln die Nervenzellen voneinander. Dies ist der Moment, als der Träger des Gehirns seine Zurechnungsfähigkeit verliert.

Kai Bogatzki steht in seinem Regiedebüt nicht genug Budget zur Verfügung, um diese kurze Computeranimationssequenz so animieren zu lassen, dass sie ansehnlich aussieht. All ihrer handwerklichen Unzulänglichkeit zum Trotz dient sie trotzdem als eine Art Schlüsselmoment; denn sie resümiert zum Abschluss noch einmal die Ambitionen des Regisseurs, tief hinter die Fassade seiner Hauptfigur geblickt zu haben. Um keinen Preis soll das Missverständnis aufkommen, hier handle es sich bloß um einen primitiven Slasher mit einem namenlosen Monster.

Xavier, gespielt von Marc Engel, ist eine fiktive Figur, ein Konglomerat verschiedener populärer Serienkiller, deren Geschichten bei Bogatzki Faszination hinterlassen haben dürften. Jeffrey Dahmer ist es letztlich, auf den die Wahl für das Eröffnungszitat von „Scars of Xavier“ fällt. I don’t know, beteuert Dahmer, der nach seiner Festnahme insgesamt 17 Morde von 1978 bis 1991 gestand, auf die Frage nach seiner Empathiefähigkeit. Aus diesen Worten kann man herauslesen, dass er vergeblich versucht, sein eigenes Handeln zu verstehen, als habe er genau wie Außenstehende keinen Zugriff auf die Ursprünge seiner eigenen Natur.

Xavier ist in dieser Hinsicht ein Bruder Dahmers im Geiste – beides wandelnde Bleischürzen im Dunst psychoanalytischer Röntgenstrahlung. So kommt also dem Filmemacher die anspruchsvolle Aufgabe zu, den Protagonisten zu demaskieren. Es muss darum gehen, sich den Rhythmen des voyeuristischen Horrorfilms zu entsagen, um mit fokussiertem Blick ein Loch in die Genre-Vorgaben zu brennen und auf das Verborgene zu stoßen.

Ein Anliegen, das Bogatzki spürbar unter der Haut brennt. Dabei kann es für einen Filmemacher wie ihn denkbar problematisch sein, ausgerechnet mit einem Werk über einen Serienmörder zu beginnen und dennoch etwas Ambitioniertes vorlegen zu wollen; denn welcher Zuschauer erwartet bei der ersten Regiearbeit des Editors vom „Blood Feast“-Remake mehr als eine stumpfe Schlachtplatte, gerade wenn er sich ein solches Thema aussucht?

Dass Bogatzki andere Vorbilder als Michael Myers und Jason Voorhees studiert hat, macht er schnell deutlich. Formell legt er seine Arbeit im Stil einer psychologischen Studie an – mit einem Augenmerk auf das Detail und volle Konzentration auf situative Momentaufnahmen. Entsprechend fällt auch die visuelle Ausgestaltung des Prologs im nächtlichen Rom aus. Monochrome Beleuchtung, verschwommene Ränder und dazu fokussiert die Kamera auf Close-Ups in der Bewegung. Wir betrachten die Stadt aus der Perspektive des Mörders – und das nicht etwa in Form einer alienesken Monster-Point-of-View, sondern mit einem ausgeprägten Einfühlungsvermögen in sein Denken.

Schaut in den Trailer

Bestärkt durch diese Herangehensweise gelingen immer wieder intensive Einzelmomente. Die sequentiell aufgebauten, zumeist privat angelegten Situationen zwischen Täter und Opfer geben viel Raum zur psychologischen Einordnung, so dass man nicht einfach nur dem grausamen Handwerk beiwohnt, sondern auch Zeuge einer bizarren Normalität wird, wenn die Regie beispielsweise die Zerstückelung einer Leiche mit der Routine einer allmorgendlichen Session im Bad gleichsetzt. Visuelle Highlights und Spezialeffekte werden dabei zunächst mit Bedacht eingesetzt und erreichen etwa zur Filmmitte ihren Höhepunkt, als ein kunstvoll gefilmter Kehlenschnitt rückwärts in Zeitlupe abgespielt wird und von „Funny Games“ bis „Irreversibel“ die meist diskutierten Gewaltabhandlungen der jüngeren Filmgeschichte referenziert werden.

Je weiter sich das Drehbuch allerdings hinaus ins Unbekannte wagt, desto mehr verwirft es seinen Authentizitätsanspruch und öffnet sich einer stilistischen Vielfalt aus mehreren Dekaden Filmgeschichte. Das beginnt bei der Unterhaltung mit dem Arbeitskollegen aus der Waschstraße, der dem dunklen Humor vieler Coen- und Jarmusch-Werke Tribut zollt. Die als Konzept-Sequenz gemeinte Disco-Szene bedient sich bei diversen Horrorfilmen und Thrillern, in denen sich die vermeintliche Sicherheit eines öffentlichen Platzes als Trugschluss herausstellt (vgl. etwa „Scream 2“ oder „Collateral“). Als zuletzt auch noch die Innenwelt des Killers visualisiert wird mit einem monströs geschminkten Doppelgänger, der metaphorisch durch den Spiegel bricht und sich den „normalen“ Xavier holt, ist sogar die Brücke zu Tarsem Singhs Alptraum-Dekor von „The Cell“ geschlagen.

Das funktioniert zwar, solange man sich innerhalb der jeweiligen Szene befindet; doch setzt man sie zu einem Gesamtbild zusammen, entsteht aus dem angestrebten Unikat am Ende doch nur so etwas wie ein Lexikon der typischsten Verhaltensmuster für Serienkiller. Insbesondere die vielen Rückblenden, in denen der Persönlichkeitsentwicklung Xaviers die Mutterkomplexe eines Ed Gein unterstellt werden, lassen das Charakterprofil unnötig schematisch erscheinen; ebenso wie die eine besondere Frau (Alexia von Wismar), die eben etwas anders ist als die anderen Frauen.

Hauptdarsteller Marc Engel wirkt den sich langsam offenbarenden Mängeln der Figurenzeichnung immerhin mit seiner spröden, im positiven Sinn ausdruckslosen Spielart entgegen. Ob er nun einen lästigen Nachbarn an der Tür abwimmelt oder ein fliehendes Opfer in letzter Sekunde aufhält, ein gestiegener Puls ist ihm zu keiner Zeit anzumerken, sehr wohl jedoch die Machtlosigkeit gegen die eigenen Triebe. Obwohl er nur in ausgewählten Situationen eine weiße Maske trägt, scheint es fast so, als trüge er sie über die gesamte Laufzeit, bis sich langsam Risse in ihr bilden.

Bogatzki hat definitiv den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Er profitiert von der künstlerischen Kontrolle, die er in seiner Funktion als Regisseur, Autor, Produzent und einigen weiteren ausführenden Rollen genießt, wobei erwartungsgemäß gerade sein Cutter-Handwerk positiv hervorsticht. Für ein Erstlingswerk bietet „Scars of Xavier“ eine formell äußerst beachtliche Linie, die in gekonnt herbeigeführten Situationen mündet. In Sachen Psychoanalyse wird aber trotz aller Mühen allenfalls an der Oberfläche gekratzt.

5 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von “Scars of Xavier”

Mediabooks

“Scars of Xavier” erscheint über Rawside Entertainment in drei verschiedenen Mediabook-Varianten

Homecoming

Willkommen zurück daheim! Nachdem Rawside Entertainment mit „Pitchfork“, „México Bárbaro“ und dessen Fortsetzung zuletzt dreimal die Independent-Szene auf dem amerikanischen Kontinent durchforstet hatte, geht es nun wieder zurück nach Deutschland. „Scars of Xavier“ ist eine deutsche Produktion, die allerdings auf Englisch gedreht wurde und außerdem diverse europäische Drehorte zu bieten hat, von Rom über Prag bis hinein in die heimische Provinz.

Zweifellos hat man sich hier einen Film geangelt, dessen Macher mit Herzblut daran gearbeitet haben. Dies ist eine dieser Veröffentlichungen, bei denen man als Rezensent froh ist, sich mit der Aufmachung und dem Bonusmaterial erst nach Fertigstellung der Kritik beschäftigt zu haben; anderenfalls hätte Gefahr bestanden, den neutralen Blick auf das fertige Werk zu verlieren, weil man nun weiß, wie viel Mühe und Leidenschaft aller Beteiligten darin steckt.

Die Verpackung

„Scars of Xavier“ kommt in drei Mediabooks und einer recht kleinen Gesamtauflage: Je Covervariante wurden lediglich 222 Einheiten produziert. Wer im Wicked-Vision-Shop bestellt, hat die Gelegenheit, eine Autogrammkarte des Regisseurs zu ergattern, sofern man zu den ersten 200 Bestellern gehört. Cover A zeigt die Titelfigur mit ausgemergeltem Rücken dem Betrachter zugewandt, in der rechten Hand einen Hammer haltend und vor einer Mauer stehend, die mit Polaroids seiner Opfer verziert ist. Auf dem hier besprochenen Cover B bildet dieselbe Wand die Kulisse, doch diesmal blickt uns Hauptdarsteller Marc Engel durch ein Loch in seiner Rorschach-Maske an. Wüsste man es nicht besser, könnte man übrigens glauben, man betrachte da Robert Downey Jr., der in einem noch metallfreien Iron-Man-Prototypen steckt… Cover C ist das einzige gezeichnete Motiv und beeindruckt gerade in der Nahaufnahme mit unheimlich feinen Details. Die Collage stützt sich auf die im Film sehr markanten Impressionen der realen Schauplätze und verknüpft sie mit dem Auftritt der Spezialeinheiten im Prolog, während Xavier über alldem richterlich die Axt schwingt. Trotz des hohen Detailgrads wird das Portrait der tatsächlichen Präsenz von Marc Engels im Film allerdings nicht ganz gerecht; auch das Stadtbild im unteren Bereich versprüht eine eher offene Stimmung, die sich nicht ganz mit den teils klaustrophobischen Innenaufnahmen verträgt, die letztlich im fertigen Film die Atmosphäre bestimmen.

FearNYC

Kai Bogatzki nimmt die Auszeichnung auf dem FearNYC Festival in New York entgegen.

Das Booklet

Zwischen den links und rechts eingeklammerten Datenträgern (eine Blu-ray und eine DVD mit jeweils identischem Inhalt) wartet wie gewohnt ein 24-seitiges Booklet. „Dead Ends“-Herausgeber Mike Blankenburg nimmt darin ein Gespräch mit dem Regisseur zur Grundlage, um „Scars of Xavier“ in die Riege der wichtigsten Filme zum Thema „Serienkiller“ einzuordnen, wozu er bis zu Hitchcocks „Psycho“ zurückgeht. Jedoch versteckt er sich nicht hinter den Klassikern, sondern geht auch äußerst detailliert auf den Hauptfilm ein, der in allen Details seziert wird. Dementsprechend sollte der Text natürlich, falls nicht ohnehin selbsterklärend, idealerweise erst nach Sichtung gelesen werden.

Bild und Ton

Der Film wird im breiten 2,35:1-Format gezeigt, wodurch die vielen kahlen Wände und Tapetenmuster die Isolation der Hauptfigur besonders gut betonen. Die Bildgestaltung wird geprägt durch die freudlose Perspektive des Täters, was mit fahlen Farbpaletten und verschwommenen Bildrändern ausgedrückt wird. Diese weichen in besonderen Momenten allerdings kristallklaren Kompositionen, insbesondere in der Slow-Motion-Sequenz und bei der Tauchfahrt ins Unterbewusstsein des Killers.

Bei den Audiokanälen ist es normalerweise üblich, den O-Ton zu empfehlen. Diesmal kann unter Umständen darauf verzichtet werden. Der auf Englisch gedrehte, jedoch überwiegend von deutschen Darstellern eingesprochene Film wirkt in der Originalspur durch die Präsenz des deutschen Akzents äußerst gewöhnungsbedürftig. Da die Synchronisation sauber umgesetzt wurde (obwohl sich die meisten Akteure selber synchronisieren, was erfahrungsgemäß nicht immer zu einem guten Ergebnis führt), spricht grundsätzlich nicht viel dagegen, auf Deutsch zu wechseln. Beide Spuren liegen in DTS-HD Master Audio 5.1 vor. Die große Stärke des Tons ist sicherlich der Soundtrack in Verbindung mit der Ambient-Untermalung und dem übrigen Sounddesign – eine Kulisse, die das Innenleben des Killers durchaus spürbar macht.

Der Audiokommentar

Deutsch und Englisch gibt es übrigens noch einmal auf der Disc, und zwar im doppelten Audiokommentar, der noch nicht einmal auf dem Backcover erwähnt ist. Schon alleine daran, dass sich Regisseur Kai Bogatzki, Hauptdarsteller Marc Engel und ausführender Produzent Sascha Goldbach (und ein paar Donuts) gleich zweimal zusammensetzen, um die eigene Arbeit in Deutsch und in Englisch zu kommentieren, zeigt bereits auf, wie stolz man auf das Ergebnis ist. Der Zuhörer wird entlohnt mit reichlich Einblicken in die Produktion und vielen Hinweisen zum Film, die einem womöglich bei der Erstsichtung entgangen sind.

Die Extras

Kernstück der Video-Extras ist ein über 40 Minuten langes Making Of, das weitere Einblicke in die Entstehungsgeschichte gibt. Unter anderem bekommt man hier auch einige Bilder von einem Filmfestival in New York zu sehen. Die Einladung nach Übersee nahmen Bogatzki und Engel prompt an. Mit leeren Händen flogen sie nicht zurück; den Preis für den besten Film des Events konnten sie im Handgepäck mit in die Heimat nehmen. Nebenher erfährt man viel über die Realisation der Effekte, über den Schnitt und die Musik. Produziert wurde das Feature von den Machern selbst, so dass die Euphorie den Betrachter selbstverständlich ungezügelt erreicht.

Threshold

Ausschnitt aus dem Kurzfilm “Threshold”

Begleitend gibt es die vollständigen Interviews, die teilweise in das Making-Of eingebunden wurden, noch einmal separat zu sehen. Hier kommt man auf eine weitere gute halbe Stunde Laufzeit.

Und dann wäre da noch das Making of zur Synchronisation. Dieses besteht hauptsächlich aus unkommentierten Aufnahmeschnipseln, bei denen man die Arbeit im Synchronstudio parallel zum Filmausschnitt begutachten kann.

Nicht zu vergessen die Deleted Scenes. Die zusätzlichen drei Minuten vertiefen ein wenig die Charakterzeichnung der Kellnerin, die sich mit einem Kunden anlegt und deswegen von ihrem Chef gerügt wird; außerdem gibt es zusätzliches Flashback-Material mit der Mutter (Constanze Wetzel).

Ferner gibt es das Musikvideo „Disruption“ der Metaller von Backfired Hate, die anscheinend vor Bandgründung eine Menge Mnemic gehört haben. Nicht nur beinhaltet das Video Szenen aus „Scars of Xavier“, auch hat Bogatzki Regie geführt und den Schnitt angefertigt.

Abgerundet wird das Paket durch den dreiminütigen Experimental-Kurzfilm „Threshold“, den Teaser, den Trailer und eine Bildergalerie.

Bildergalerie

Scars of Xavier Screenshot 1

Schon im Prolog wird Xavier von der italienischen Spezialeinheit ordentlich eingeheizt.

Scars of Xavier Screenshot 2

Der öde Job in der Autowaschanlage eignet sich hervorragend dazu, unsichtbar zu bleiben.

Scars of Xavier Screenshot 3

In Rückblenden mit POV-Shots wird das ungesunde Verhältnis zur Mutter aufgearbeitet.

Scars of Xavier Screenshot 4

Wenn Xavier Party macht, entspricht das nicht immer der üblichen Bedeutung des Begriffs.

Scars of Xavier Screenshot 5

Den filmischen Höhepunkt setzt Bogatzki mit einem rückwärts ablaufenden Kehlenschnitt in Zeitlupe.

Scars of Xavier Screenshot 6

Die eine Frau, die mehr werden könnte als ein toter Körper in Xaviers Badewanne…

Scars of Xavier Screenshot 7

Zum Grande Finale statten wir Xavier einen Besuch direkt in seinem Oberstübchen ab.

Scars of Xavier Screenshot 8

Oppasse, Kölle!

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Rawside Entertainment / Wicked Vision__FSK Freigabe: ungeprüft__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja / Ja

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