Wir zelebrieren Actionfilme, die rocken!

Scream – Schrei!

Originaltitel: Scream__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1996__Regie: Wes Craven__Darsteller: David Arquette, Neve Campbell, Courteney Cox, Skeet Ulrich, Rose McGowan, Matthew Lillard, Jamie Kennedy, W. Earl Brown, Drew Barrymore, Liev Schreiber, Joseph Whipp, Lawrence Hecht, Henry Winkler, Wes Craven, Linda Blair u.a.
Scream - Schrei!

Die Wiederbelebung des Slasherfilms in den 1990ern: Wes Cravens selbstreflexiver “Scream – Schrei!”

Durch Wes Cravens “Scream – Schrei!” erfuhr das Slashergenre in den 1990ern einen Aufschwung, den es bisher nur nach John Carpenters „Halloween – Die Nacht des Grauens“ gegeben hatte.

Mit dem Anfang hat Craven („Nightmare on Elm Street“) sowieso schon Filmgeschichte geschrieben: Casey Becker (Drew Barrymore) bereitet gerade einen Videoabend für sich und ihren Freund vor, als ein mysteriöser Telefonterror startet. Kurz darauf schlägt der Anrufer zu und ermordet sowohl Casey als auch ihren Freund Steve (Kevin Patrick Walls). Diese erste Sequenz ist ein Meisterwerk an Spannung: Geschickt wird die Argumentation des Anrufers immer bedrohlicher (z.B. die Enthüllung der Tatsache, dass er Casey beobachten kann und so ihre Haarfarbe kennt), ohne dass dies gekünstelt wirken würde. Vorbilder wie „A Stranger Calls“ werden zitiert, aber eben gleichzeitig etwas Eigenes auf dieser Basis aufgebaut, sodass “Scream” über den Status eines simplen Rip-Offs hinausgeht.

Gleichzeitig sitzt Sidney Prescott (Neve Campbell) zu Hause, als ihr Freund Billy Loomis (Skeet Ulrich) durchs Fenster in ihr Zimmer einsteigt. Natürlich gibt’s ein wenig Gerede über ihre Beziehung und der nervige Daddy Prescott muss davon abgehalten werden ins Zimmer zu kommen. Hierin liegt eine der Stärken von “Scream”: Die Darstellung der Teens entspricht nicht mehr den dumm-hilflosen Opfern früherer Genrefilme, sondern eher dem toughen wie facettenreicheren Bild, das amerikanische TV-Serien manchmal zeichnen. Und mag sich „Scream“ auch manchmal einen bösen Scherz damit erlauben, dass die angeblich so abgebrühten Teens im Angesicht des Killers doch die Panik bekommen, so beweist er schon mehr Empathie und Mitgefühl – etwa wenn Sidney am nächsten Morgen in der Schule von der Tat erfährt und mit mulmigen Gefühl auf Caseys nun leeren Platz im Klassenzimmer schaut.

Von den brutalen Morden geschockt wollen die Bewohner reagieren: Befragungen der Teenager, eine Ausgangssperre. Für Sidney ist die Nachricht von den Morden eine doppelte Belastung: Vor einem Jahr fiel auch ihre Mutter einem Killer zum Opfer. Während Sidney und ihre Freunde Billy, Tatum Riley (Rose McGovan), Stuart (Matthew Lillard) und Randy Meeks (Jamie Kennedy) noch über die Identität des Killers rätseln, versucht Klatschreporterin Gale Weathers (Courteney Cox) an Informationen zu kommen, indem sie den Polizisten Dwight (David Arquette), der von allen nur Dewey genannt wird und Tatums Bruder ist, umgarnt…

Scream - Schrei!

Der Ghostface-Killer geht um

“Scream” geht einen ganz besonderen Weg im Slashergenre. Denn die Mordszenen sind in den meisten Vertretern dieses Genres die Spannungshöhepunkte, aber das Dazwischen will auch gefüllt werden. Und hierzu nutzt “Scream” sowohl Humor als auch Selbstreflexion. Es finden sich Unmengen von Anspielungen auf andere Horrorfilme (teilweise führen die Figuren sogar richtige Diskussionen darüber) und auch der Humor regt zum Lächeln an. Dabei geht es nicht um große Brüller und laute Schenkelkloper, sondern kleine (Dialog-)Witze, über die man auch noch bei mehrmaligem Ansehen lachen kann. “Scream” ist gleichzeitig eine ironische Dekonstruktion des Slasherfilms und seiner Regeln sowie deren lustvolle Bestätigung. Ein Metafilm, der sein Genre in- und auswendig kennt, den erfahrenen Zuschauer zum lächelnden Mitwisser macht und gleichzeitig auf gewohnte Weise unterhält und den Neulingen einen reizvollen Einstieg in die Welt der blitzenden Messer und schlitzenden Psychopathen liefert.

Immer wieder zeigt “Scream” clever wie manche als formel- oder klischeehaft Versatzstücke des Slasherfilms selbst für das kenntnisreiche potentielle Opfer doch zutreffen können. Etwa wenn Sidney das erste Mal selbst von dem Killer angerufen wird und auf die Frage nach ihrem Lieblingshorrorfilm antwortet, dass diese doch eh immer das Gleiche seien, wenn eine dralle Blondine ohne Schauspieltalent lieber die Treppe hochläuft als zur Vordertür hinaus. Beim folgenden Angriff auf Sidney (weder drall noch blond noch schlecht gespielt) will diese zwar zuerst zur Vordertür hinaus, findet diese jedoch verriegelt vor und muss dann doch die Treppe hochstürmen – eine pfiffige Szene, die Klischees gleichzeitig unterläuft und bestätigt.

Scream - Schrei!

Der Mörder ruft auch bei Sidney Prescott (Neve Campbell) und Tatum Riley (Rose McGowan) an

Doch “Scream” ist nicht einfach nur ein Vehikel für postmoderne Witzeleien, denn die Story bleibt trotz aller Reflexionen spannend und im Genrerahmen recht hintergründig. Eine komplexe Hintergrundgeschichte wie die von Sidney ist im Horrorgenre eher selten zu finden und macht den Film nur noch reizvoller. Gleichzeitig ist “Scream” auch ein Film, der sich über die Motive des Killers Gedanken macht – auch hier ist das Werk von Wes Craven und Drehbuchautor Kevin Willamson („The Faculty“) vielschichtiger und nachvollziehbarer als vieles von der Konkurrenz, obwohl gewisse Grundkomponenten erhalten bleiben (so lässt sich das Motiv eines jeden Horrorkillers fast immer auf Rachegedanken, eine psychische Störung oder eine Kombination aus beidem reduzieren – ein Topos, den “Scream” eher modifiziert als vollkommen umstößt).

Auch wenn die anderen Mordsequenzen die Genialität des Anfangs nicht erreichen, so sind die Übergriffe des Killers doch sehr spannend gemacht und man weiß im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern des Genres nie so genau, ob das potentielle Opfer nicht vielleicht doch entkommt. Denn die Teenager hier sind einfach nur schreiende Dumpfnasen, sondern leisten mit Faustschlägen und Flaschenwürfen Gegenwehr bei ihrer Flucht. In der zweiten Hälfte werden Setting und Figuren reduziert: Größtenteils während einer Hausparty spielend treffen dort vor allem die handlungsrelevanten Charaktere, inklusive aller Verdächtiger, ehe in einem überraschenden Twist die Identität des Ghostface-Killers offengelegt wird, wobei sich der Film verdichtet, Tempo und Spannung angezogen werden.

Scream - Schrei!

Die Clique: Billy (Skeet Ulrich), Sidney, Stuart (Matthew Lillard), Tatum und Randy (Jamie Kennedy)

Das Team vor und hinter der Kamera leistet dabei großartige Arbeit. Das Script von Kevin Williamson ist pointiert und hervorragend im Spannungsaufbau; Wes Craven setzt es meisterhaft um und gönnt sich einen Cameo als Hausmeister Fred im rot-grün-gestreiften Pulli – eine Referenz auf den Slasherfilm und das eigene Schaffen. Die Schauspieler können ebenfalls punkten, vor allem Neve Campbell („Wild Things“) überzeugt im Gegensatz zu anderen Scream Queens nicht nur durch Aussehen und Schreien, sondern auch durch Schauspieltalent – ähnliches kennt man fast nur von Jamie Lee Curtis. Von den anderen, hervorragenden Schauspielern wachsen dem Zuschauer vor allem die beiden Sympathen Jamie Kennedy („Der Staatsfeind Nr. 1“) und David Arquette („Bone Tomahawk“) ans Herz. Kennedy und sein Kollege Matthew Lillard („Schwerter des Königs – Dungeon Siege“) mögen zwar etwas exaltiert spielen, treffen aber damit immer noch einen richtigen Ton als popkulturaffine Spaßmacher der 1990er, die herumalbern und sich vor und für ihre Clique aufspielen, sodass ihre Performances nie gekünstelt oder gestelzt erscheinen.

Mit “Scream” haben Wes Craven und Kevin Williamson eine Slasheroffenbarung geschaffen, die klar zu den besten Werken des Genres zählt und durch Spannung, Story und Humor voll und ganz überzeugt. Ein Film, der kenntnisreich zitiert und pointiert Genremechanismen offenlegt, gleichzeitig aber auch als erfrischend nuanciert wie spannende Serienmörderstory funktioniert. Nicht zuletzt aufgrund seiner zahlreichen Anspielungen und cleveren Konstruktion ein Film, der auch bei mehrmaligen Ansehen nichts von seinem Charme verliert.

“Scream” war jahrelang in der amerikanischen ungekürzten R-Rated-Fassung auf VHS und DVD erhältlich, während die Unrated-Version Seltenheitswert hatte. Im Jahr 2005 veröffentlichte Kinowelt hierzulande die ungekürzte Unrated-Version ungeprüft auf DVD. Im Jahr 2011 wurde “Scream” neu geprüft und ist inzwischen in der Unrated ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben. Auf Blu-Ray kam bisher aber nur die R-Rated heraus bei Kinowelt und dessen Nachfolgelabel StudioCanal heraus. Alle Auflagen des Labels bieten sehenswertes Bonusmaterial, darunter einen Audiokommentar von Wes Craven und Kevin Williamson, Behind-the-Scenes-Material und Fragen an Cast & Crew.

© Nils Bothmann (McClane)

Was hältst du von dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Kinowelt/StudioCanal__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja (R-Rated)/Ja (Unrated)

Tagged as: , , , , , , , , , , , , ,

Wie Viele Actionnerds gibt es?

  • Keine Sorge, du bist mit deiner Vorliebe nicht allein! Uns besuchten bereits 5585881 andere Actionnerds