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Spetters – knallhart und romantisch

Originaltitel: Spetters__Herstellungsland: Niederlande__Erscheinungsjahr: 1980__Regie: Paul Verhoeven__Darsteller: Hans van Tongeren, Renée Soutendijk, Toon Agterberg, Maarten Spanjer, Rutger Hauer, Marianne Boyer, Peter Tuinman, Saskia Ten Batenburg, Yvonne Valkenburg, Ab Abspoel, Rudi Falkenhagen, Hans Veerman, Ben Aerden u.a.
Spetters

Paul Verhoevens “Spetters”

Rien, Hans und Eef sind beste Freunde und haben nur Party, Frauen und Sex im Kopf. Also all die Sachen, die ihnen ihre puritanischen Eltern tagtäglich verbieten. Und aus diesem spießigen Muff wollen sie endlich raus! Am liebsten mittels des von ihnen geliebten Motorsports. Während Rien und Hans ihr Glück als Fahrer versuchen, ist Eef ein begnadeter Schrauber. Als die Imbissbudenbesitzerin Fientje in ihr Leben tritt, verändert sich für die jungen Kerle alles.

Denn Fientje, die die sexuellen Begehr- lichkeiten aller drei Freunde weckt, erkennt schnell, dass der talentierte Rien zum Meister im Motocross berufen ist. Also hängt sie sich an ihn, wirkt auf ihn ein und sorgt so dafür, dass dieser noch mehr Ehrgeiz entwickelt und tatsächlich unvermutet immer weiter aufsteigt. Doch dann kommt es zu einem folgenschweren Unfall… Hans und Eef verlieren sich in der Folge immer mehr aus den Augen und Fientje ist zwischen beiden hin und hergerissen…

Paul Verhoevens in Holland gedrehte Filme hatten in seinem Heimatland immer wieder für Aufruhr gesorgt. „Spetters“ (Der Begriff steht zum einen für die Schlammspritzer auf den Motocross-Maschinen der Hauptfiguren und zum anderen umschreibt der Begriff besonders tolle, gutaussehende Jungs.) trieb die Ablehnung der Arbeit des streitbaren Regisseurs durch die niederländische Journalie in ganz neue Höhen. Der offenherzige Film wurde als brutal, pornografisch, frauen- und schwulenfeindlich gebrandmarkt. Mit der „NASA“ – Niederländische-Anti-Spetters-Aktion – entstand gar ein offizielles Aktionsbündnis gegen den Film, das sowohl Regisseur als auch Darsteller attackierte, wo es nur ging. Ein Skandalfilm war geboren. Einer mit Ansage obendrein…

Spetters

Als Motocross-Champion dabei: Rutger Hauer.

Denn Paul Verhoeven war schon während der Produktion des Filmes bewusst auf Konfrontationskurs gegangen. So legte er den finan- zierenden Organen nur abgeschwächte Drehbuchentwürfe vor, während er am Set mit dem ungeschönten, direkt aus dem Leben gegriffenen Drehbuch von Gerard Soeteman arbeitete. Dabei war „Spetters“ das erste Originaldrehbuch, das Verhoeven verfilmen wollte. Vorher wurden ihm nur Roman- und Buch-Verfilmungen bewilligt. Und dieses Drehbuch schöpfte wahrlich aus den Vollen. Zunächst einmal wurde es zur Vorlage für einen der ersten Filme Hollands, der die Jugendlichen der niederländischen Arbeiterklasse zu seinen Helden machte sowie deren Träume und Wünsche in den Mittelpunkt rückte. Aber eben auch deren soziales Umfeld, das geprägt war von puritanischen Ansichten und überholten Ritualen. Doch auch die damals grassierenden Übergriffe auf Schwule thematisiert Verhoeven. Kurzum: Er tauchte tief ein in die damalige Jugendkultur und vertraute gemeinsam mit seinem Drehbuchautor nicht etwa auf seine Fantasie bei der Ausgestaltung der Geschichte, sondern recherchierte in Nachrichtensendungen und Zeitungen.

Freilich beließ er es aber nicht nur bei der Bebilderung damaliger Realitäten, sondern er stellte seinen Film über weite Strecken schon bewusst provozierend auf. Für damalige Verhältnisse war der Film schon enorm freizügig. Und selbst heute sind explizite, schwule Fellatioszenen, steife Schwänze und eine gleich dreifache anale Vergewaltigung eines Mannes alles andere als Mainstreamthemen im Kino.

Spetters

Nackte Haut, ein beliebtes Motiv von Paul Verhoeven.

Ansonsten betrachtet der Film einen ganz speziellen Ausschnitt aus dem Leben dreier junger Männer, deren Leben unvermittelt auf den Kopf gestellt wird. Gespielt werden die drei Hauptfiguren von den sehr talentierten Jungdarstellern Hans van Tongeren, der nur ein Jahr nach „Spetters“ den Freitod wählte und als Rien eine sehr intensive Leistung abliefert, Toon Agterberg, der als Eef im Laufe der Handlung seine wahre sexuelle Identität erst noch entdecken muss und diesen Wandel seiner Figur sehr feinfühlig herausarbeitet, auch wenn der Weg zu seinem Coming Out alles andere als feinfühlig ist, und Maarten Spanjer, dessen arg naiver Hans vor allem für den humorigen Unterton des Filmes verantwortlich zeichnet. Die Dynamik zwischen den drei Freunden wird von Renée Soutendijk („Eve 8 – Außer Kontrolle“) als Fientje gewaltig verändert. Und Fientje ist allgemein eine der reizvollsten Figuren des Filmes, die ihm eine beinahe prophetische Note verleiht…

Denn die Figur der Fientje, die beim Herauskommen des Filmes stark in die Kritik geriet und dem Film diverse Vorwürfe der Frauenfeindlichkeit einbrachte, ist eine höchst opportunistische Figur. Eine Frau, die sich aggressiv nimmt, was sie möchte. Und die den Sex zum Mittel zum Zweck macht. Damals wurde die Figur als Hure verunglimpft, heute würde man sie wohl eher als einen Ausblick auf die ich-bezogenen, selbstverliebten 80er sehen. Denn während Holland zur Zeit der Premiere von „Spetters“ noch die Nachwehen der sexuellen Revolution verarbeitete, in deren Verlauf der Sex zu etwas Normalem und Schönem unter Liebenden erklärt wurde, war unvorstellbar, dass man Sex auch nutzen könnte, um Menschen zu manipulieren. Doch in den 80ern wurde genau diese Einstellung immer salonfähiger. Die Menschen verkauften sich allesamt so teuer, wie sie konnten und um aufzusteigen, gehörte es fast zum guten Ton, sich der Wirkung der eigenen Sexualität zu befleißigen… mal mehr, mal weniger aggressiv. In den späten 80ern war die Welt sozusagen in der Realität von „Spetters“ angekommen. Renée Soutendijk bringt diese Seite ihrer Figur sehr gut herüber und darf als leicht pausbäckige Lolita alle Trümpfe der Verführung ziehen. Dafür wird sie von Verhoeven in Optik und Auftreten aber auch gewaltig sexualisiert.

In kleinen Nebenrollen erleben wir die Verhoeven-Regulars Jeroen Krabbé („The Punisher“) als Sportreporter und Rutger Hauer („Hobo with a Shotgun“) als Gerrit Witkamp, der Champ aller Motocross-Fahrer, dem Rien und Co. begeistert nacheifern. Dabei kommt Rutger Hauer auf vielleicht 10 Minuten Screentime, macht als voll im Saft stehender Sportler aber eine hervorragende Figur und legt einige sehr ambivalente Verhaltensweisen an den Tag, bei denen man nie weiß, ob sein Gerrit nun ein arrogantes Arschloch oder doch ein ganz normaler Mann aus dem Volk ist.

Spetters

Eine der kontroverseren Szenen: Die drei Freunde “klatschen” ein paar Schwule auf.

Als Rennfahrer Gerrit ist Hauer fast durchgehend Teil der actionreicheren Momente des Filmes. Die Motocross-Rennen werden von Jost Vacano (neben Jan de Bont der Stamm- kameramann Verhoevens, etwa kam er bei „Robocop“ oder „Total Recall“ zum Einsatz) äußerst dynamisch und verblüffend rasant in Szene gesetzt. Auch abseits der Action überzeugt die Kameraarbeit des Deutschen, der wenig später mit seinen Kamerafahrten durch „Das Boot“ die Welt verblüffen sollte. Als Produzent agierte Joop van den Ende, der später Endemol mitbegründen sollte. Den treibenden Soundtrack erstellte Ton Scherpenzeel, der nach „Spetters“ leider nicht mehr aus dem TV Sumpf herauskam.

Am Ende von „Spetters“ haben sich die Leben einiger Figuren des Filmes grundsätzlich verändert. Der Weg dahin ist ein sehr unterhaltsamer, der im Ton zwischen Coming of Age, purer Provokation, humorigen Passagen und beklemmenden Momenten behände hin und her tänzelt. Getragen von starken Darstellern entwirft Verhoeven ein ungeschöntes Bild des holländischen Alltags wie er ihn einst empfunden und erfahren hat. Die darauf folgende Kontroverse nahm er im Grunde schon im Vorfeld in Kauf, war von der eigentlichen Reaktion aber dennoch ziemlich überrascht. Nicht umsonst ging er bereits im Premierenjahr des Filmes aufgrund der diversen Konfrontationen mit den Kritikern und angesäuerten Zuschauern mit dem Plan schwanger, in Richtung USA auszuwandern und dort einen Film zu produzieren. „Der vierte Mann“ wurde dann zu seinem Abschiedsgeschenk an Holland. „Spetters“ selbst wurde erst Jahrzehnte später von der holländischen Kritik rehabilitiert. Man hatte erkannt, dass Verhoevens Film seiner Zeit schlichtweg voraus war und sowohl diverse wunde Punkte holländischer Befindlichkeiten zielgenau traf als auch erstaunlich wahrhaftig bei der Zeichnung des Alltags holländischer Jugendlicher war. Dem holländischen Publikum waren indes all die Querelen um den Film egal. Sie machten „Spetters“ zu einem wohlverdienten Erfolg…

Am 14. August 2014 kommt „Spetters“ von KochMedia auf DVD und Blu-ray in den deutschen Handel. Die DVD und die Blu-ray halten neben dem Film einen sehr lebendigen Audiokommentar von Verhoeven bereit und begeistern vor allem in den Tagesszenen mit einem großartigen Bild. In den wenigen Nachtszenen rauscht das Bild dann zwar gewaltig, im Großen und Ganzen ist das Bild für einen Film dieses Alters aber bombig. Das Highlight bildet die 3-Disc-Special Edition im Mediabook. Diese enthält die DVD und Blu-ray mit dem Film plus eine zusätzliche DVD voller retrospektiver Extras. Darunter Interviews mit Paul Verhoeven, dem Autor des Filmes und Jost Vacano, der über eine Stunde seine Arbeit mit Paul Verhoeven Revue passieren lässt.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: KochMedia__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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