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Spider-Man: A New Universe

Originaltitel: Spider-Man: Into the Spider-Verse__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2018__Regie: Bob Persichetti, Peter Ramsey, Rodney Rothman__Sprecher: Shameik Moore, Hailee Steinfeld, Mahershala Ali, Liev Schreiber, Jake Johnson, Nicolas Cage, Kimiko Glenn, Lily Tomlin, Luna Lauren Velez, Brian Tyree Henry, Kathryn Hahn, Lake Bell, Chris Pine, Oscar Isaac, Zoë Kravitz, Natalie Morales, Stan Lee u.a.
Spider-Man: A New Universe

Zum prominenten Sprechercast der animierten Comicverfilmung “Spider-Man: A New Universe” gehört auch Nicolas Cage

Filmgucker kennen Comichelden meist nur in ihrer populärsten Inkarnation: Steve Rogers ist Captain America, Bruce Wayne ist Batman, Peter Parker ist Spider-Man etc. Im gezeichneten Vorlagenmaterial ziehen auch immer mal wieder andere die Heldenkostümierung an und auf genau diesem Konzept fußt dann der animierte Meta-Superheldenfilm „Spider-Man: A New Universe“.

So wird der Weg Peter Parkers zu Spider-Man im Schnelldurchlauf abgehakt, ehe man sich einem Teenager zuwendet, der mit seiner neuen Schule hadert und sich dort als Außenseiter fühlt. Nein, nicht Peter, sondern der junge Afroamerikaner Miles Morales, der in den Comics ab 2011 als Black Spider-Man auftrat. Der Sohn eines überfürsorglichen Polizisten geht nun auf eine größtenteils von Weißen besuchten Eliteschule, vermisst das heimische Viertel und geht mit seinem coolen Onkel Aaron auch mal eine Runde sprayen – wobei ihn eine radioaktiv verseuchte Spinne beißt. Moment mal, zwei Spider-Men? Es gibt doch noch Peter Parker, der so eine Art Popstar der innerfilmischen Gegenwart ist und dem man in Meta-Manier auch intradiegetisch Comichefte widmet.

Der nächste Schock folgt auf dem Fuße: Spider-Man stirbt. Also Peter Parker. Als er nämlich den Superschurken Wilson Fisk alias Kingpin von Experimenten mit einem Teilchenbeschleuniger abhalten will. Fisk hat nicht nur eine gewaltige Green-Goblin-Kreatur, sondern auch einen anderen mächtigen Handlanger namens Prowler an seiner Seite, die im Kampf ebenso mitmischen wie Miles, der gerade seine Spider-Fähigkeiten entdeckt. Da Peter ihn kurz vorm Dahinscheiden rettet, fühlt sich Miles schuldig an dessen Tod – und ist umso überraschter, als ihn an Peters Grab ein anderer Peter Parker anspricht. Einer mit Plauze und weniger Selbstwertgefühl. Einer aus einer anderen Dimension, denn Fisks Experimente haben die Toren zwischen verschiedenen Welten aufgerissen.

Gemeinsam versuchen sie weiteres Gewerkel am Raum-Zeit-Kontinuum zu unterbinden, müssen jedoch feststellen, dass insgesamt vier weitere Spider-Man-Inkarnationen durch New York tollen. Und nur vereint können sie Fisk und seinen Schergen die Stirn bieten…

„Spider-Man: A New Universe“ will die Möglichkeiten des Animationsfilms nutzen, nicht nur stilistisch ausreizen, sondern auch verschiedene Stile kombinieren. Wobei das Ergebnis braver ausfällt als man denken mag: Miles, der Peter Parker aus der anderen Dimension sowie Spider-Gwen alias Gwen Stacy sind im gleichen Stil animiert und die klaren Hauptfiguren des Films. Die anderen drei experimentellen Helden sind bloße Sidekicks: Peni Parker, ein Manga-Mädel mit ihrem Spider-Mech SP//dr:, das im Looney-Tunes-/Tex-Avery-Stil animierte Cartoon-Schwein Peter Porker alias Spider-Ham und Spider-Man Noir, im schwarz-weißen 1930er-Stil gezeichneter Film-Noir-Spider-Man. So fällt der stilistische Clash der Welten weniger deutlich aus als erwartet, auch wenn „Spider-Man: A New Universe“ die Möglichkeiten des Animationsfilms ausnutzt: Kreative Überblendungen, Infokästen und Sprechblasen im Bild, rasante Kamerafahrten, nahezu unmögliche Perspektiven und ein Anything-Goes-Actionfinale jenseits von Begrenzungen durch Zeit, Raum und Schwerkraft.

Spider-Man: A New Universe

Miles Morales lernt die verschiedenen Möglichkeiten des Spider-Man-Seins kennen

Mancher Comic-Realfilm (z.B. „Doctor Strange“ oder „Spider-Man: Far from Home“) hatte sich diesen gestalterischen Möglichkeiten immerhin angenähert, aber „Spider-Man: A New Universe“ kann da noch konsequenter sein. Das merkt man auch in den Actionszenen, die weniger auf Bodenhaftung oder physikalische Nachvollziehbarkeit setzen, sondern in erster Linie spielen wollen. Das ist teilweise schon beeindruckend, teilweise aber ein begrenzt nachvollziehbarer Bilderrausch, der für echtes Mitfiebern viel zu abgehoben und andersweltlich ist.

So schlagen dann auch zwei Herzen in der Brust von „Spider-Man: A New Universe“. Auf der einen Seite ist dieser wilde, experimentelle Anything-Goes-Ansatz, der auch bewusst mit den Tropen und Stereotypen des Spider-Verse spielt: In Sachen Doctor Octopus erwartet den Zuschauer eine klare Überraschung, die Einführung der Figuren bietet jedes Mal eine Origin-Story im Schnelldurchlauf, die das Spider-Man-Grundthema in verschiedene Bildkomplexe und Storyzusammenhänge überführt. Auf der anderen Seite will „Spider-Man: Into the Spider-Verse“ dann aber doch die geerdeten Spider-Man-Themen noch zwischen den Rest quetschen: Miles ist ein Außenseiter in der Schule, der mit seinem überfürsorglichen Daddy hadert, welcher wiederum mit Aaron nicht mehr so gut klarkommt. Außerdem muss Miles seinen Platz finden, seinen Status als Held akzeptieren usw. usf. Und manche anderen Spidy-Inkarnationen haben ihre eigenen Probleme, darunter kaputte Ehen, tote Väter und tote beste Freunde. Das ist schon viel Stoff für einen Film, sichtlich zu viel, denn nichts davon kommt so richtig an oder hat Zeit sich emotional zu entfalten. Die Figur des Kingpin steht nahezu sinnbildlich dafür, denn dessen Motive erinnern an die Spidy-Hintergründe: Die ganzen Experimente dienen dazu, dass er seine verstorbene Familie aus einer anderen Dimension holen kann, in der sie noch am Leben ist. Während die Spidys gelernt haben mit Verlust zu leben, beschwört seine Unfähigkeit in jener Beziehung die potentielle Katastrophe herauf. Also eigentlich ein tragischer Schurke, aber all das wird nur angerissen, und so bleibt vom Kingpin eher seine überstilisierte, fast quadratische Form in Erinnerung.

Spider-Man: A New Universe

Die Spider-Men und -Women vereint

Immerhin: Der Voice-Cast hinter dem Ganzen ist enorm prominent. Shameik Moore („Dope“) in der Hauptrolle ist ein eher kleines Licht, aber ansonsten gibt es bekannte Namen und Stimmen noch und nöcher. Der bekennende Comicfan Nicolas Cage („A Score to Settle“) darf Spider-Man Noir vertonen, Nachwuchsstar Hailee Steinfeld („Bumblebee“) ist Gwen Stacy, während die markanten, charismatischen Stimmen von Liev Schreiber („Scream“) und Mahershala Ali („Alita: Battle Angel“) den Kingpin bzw. Onkel Aaron zum Leben erwecken, wobei dieses Quartett noch mal besonders aus dem Cast herausragt. Komiker Jake Johnson („Die Mumie“) gibt es den Midlife-Crisis-Spider-Man, während Leute wie Lake Bell („No Escape“), Chris Pine („Jack Ryan: Shadow Recruit“) oder Oscaar Isaac („Auslöschung“) ihre Stimmen für absolute Bit-Parts zur Verfügung stellen. Das ist schon beeindruckend und von entsprechender Qualität.

Unterm Strich reicht das für ein formell wagemutiges, ziemlich interessantes, aber nur halbwegs geglücktes Experiment: „Spider-Man: Into the Spider-Verse“ changiert immer etwas zwischen dem total enthobenen Wahnsinn (gerade in Sachen Stil und Actionszenen) und der versuchten Bodenhaftung (gerade in Sachen Figurenzeichnung) – ein Wechselspiel, das nur bedingt funktioniert, allem Mut und Stilwillen zum Trotz.

Sony hat den Film auf DVD und Blu-Ray herausgebracht, freigegeben ab 6 Jahren. Auf beiden Medien befinden sich ein Spider-Ham-Kurzfilm, Musikvideos, ein Audiokommentar und Featurettes, wobei die Blu-Ray von letzteren noch ein paar mehr an Bord hat.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Sony__FSK Freigabe: ab 6__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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