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The 355

Originaltitel: The 355__Herstellungsland: China, USA__Erscheinungsjahr: 2022__Regie: Simon Kinberg__Darsteller: Jessica Chastain, Fan Bingbing, Diane Kruger, Sebastian Stan, Penélope Cruz, Lupita Nyong’o, Edgar Ramírez, Evie Wray, Jason Flemyng, Jason Wong u.a.
The 355 - Fünf Ladys machen James Bond Konkurrenz

In “The 355” machen fünf taffe Ladys James Bond Konkurrenz.

In Kolumbien ist eine Spezialeinheit ausgerückt, um einen vermeintlichen Drogendeal platzen zu lassen. Doch bei dem Deal soll etwas ganz anderes den Besitzer wechseln. Es handelt sich um eine Festplatte, deren Inhalt in der Lage wäre, jedes Computersystem der Welt zu infiltrieren. Zum Beweis der Allmacht des Tools lässt der Verkäufer ein Flugzeug vom Himmel stürzen und die Lichter in Bogota ausgehen. Da stürmt die Spezialeinheit den Ort des Geschehens. Eine infernalische Ballerei später ist nur noch Agent Luis am Leben. Er nimmt das Todeswerkzeug an sich.

Luis beschließt, die Festplatte sofort loszuwerden und er bietet sie dem CIA feil. Drei Millionen fordert er. Die Agenten Mace und Nick werden zur Übergabe nach Paris entsandt. Doch Marie, eine Agentin des BND, stört den Austausch. Eine Hetzjagd später ist die Festplatte verschwunden, Nick tot und Mace on fire. Sie will ihren Partner rächen und die Festplatte wiederbeschaffen. Dazu aktiviert sie eine ehemalige Cyberexpertin des MI6, schließt sich mit Marie zusammen und rekrutiert die kolumbianische Agentin Graciela, die von Luis eine Möglichkeit an die Hand bekommen hat, die Festplatte zu finden.

Eine Hetzjagd beginnt, die bis China führen wird, wo eine weitere schlagkräftige Agentin zu den vier Damen stößt. Gemeinsam versuchen die Ladys, Licht in ein Wirrwarr aus Verrat, Korruption und arglistigen Allianzen zu bringen.

Schaut in den Agentenactioner mit Jessica Chastain hinein

Die vor wenigen Tagen für ihre Rolle in „The Eyes of Tammy Faye“ mit dem Oscar geehrte Jessica Chastain hat schon mit „X-Men: Dark Phoenix“ und „Code Ava“ bewiesen, dass es nicht immer nur die mega anspruchsvollen Rollen sein müssen. Es darf durchaus auch mal schlagkräftiger zugehen. Dementsprechend schloss sie sich mit dem Regisseur ihres unverdient gefloppten „X-Men: Dark Phoenix“, Simon Kinberg, zusammen und brachte als Produzentin „The 355“ auf den Weg. Ein astreiner Agententhriller, der sich bei den transportierten Themen und Motiven großzügig bei den Klischees des Genres bedient.

Internationale Schauplätze, Intrigen, Verrat in den eigenen Reihen, ultramoderne Technik, das misstrauische Beäugen anderer Geheimdienste, Fieswichte mit Allmachtsfantasien und zwischendurch immer wieder actionreiche Momente, in denen die Fäuste und blauen Bohnen fliegen. Wer zuletzt auch nur einen der James-Bond-Filme (die in einem Dialog sogar offensiv reminisziert werden) gesehen hat, wird sich in „The 355“ sofort zuhause fühlen.

Die Geschichte um die gefährliche Festplatte wird schnell angeschoben und die zahlreichen Besitzerwechsel und damit verbundenen aussichtslosen Lagen sorgen für eine nette Grundspannung, die bis zum Showdown problemlos gehalten wird. Sonderlich viel Neues fällt den Drehbuchautoren Theresa Rebeck und Simon Kinberg dabei aber nicht ein. Für frischen Wind sorgen eigentlich nur die taffen weiblichen Hauptfiguren. Deren Zusammenwachsen wird in „The 355“ angenehm organisch und glaubwürdig erzählt und sorgt für einen kurzweiligen Einstieg in den Streifen.

Jessica Chastain und Sebastian Stan im Agententhriller

Nick und Mace sind mehr als nur Partner im Agentengame.

Haben sich die Charaktere dann gefunden, sorgt die starke Besetzung dafür, dass die Chemie der Figuren untereinander nicht langweilig wird. Vor allem Jessica Chastain als Mace und Diane Kruger („Special Forces“) als Marie machen als störrische Alphatiere eine Menge Spaß und hätten sich gegenseitig sehr gerne noch länger argwöhnisch beschnuppern dürfen. Lupita Nyong’o („Wir“) ist als Computernerd und ehemalige MI6-Agentin Khadijah ebenfalls absolut glaubwürdig und spielt stark auf.

Interessant ist Graciela, die von Penelope Cruz („Corellis Mandoline“) gespielte Figur, weil sie eine echte Wandlung durchmacht und von der gar nicht in die Agentenriege passenden, immer perfekt aussehenden Psychologin mehr und mehr zur taffen Geheimwaffe mutieren darf. Nur Fan Bingbing („Air Strike“) kommt als chinesische Agentin nie so wirklich im Film an. Der chinesische Star wird vom Drehbuch erst spät in die Handlung geworfen und hält den Zuschauer dann mit kaltem und unnahbarem Spiel komplett auf Abstand.

Die Männer im Cast stellen bei der Ausrichtung des Streifens natürlich die Bösewichter und/oder spielen nur eine kleine Rolle. Ohne zu verraten, wer hier nun der wahre Bösewicht ist, seien Edgar Ramirez („Point Break“), Sebastian Stan („The Return of the First Avenger“) und Jason Flemyng („Iron Mask“) stellvertretend für die Co-Stars genannt. Die Darsteller spielen ordentlich auf, bekommen aber nicht wirklich viel Material zum Glänzen – von guten Motiven ganz zu schweigen.

The 355 mit Diane Kruger, Jessica Chastain und Lupita Nyong'o

Diane Kruger, Jessica Chastain und Lupita Nyong’o beherrschen die martialischen Posen.

Infolgedessen fühlen sich vor allem die Fieswichte im Film nie so wirklich bedrohlich an. Um einen wird ein arg vorhersehbarer Twist lanciert und der andere darf nie wirklich böse sein. Das schadet „The 355“ durchaus, weil das Kroppzeug, mit dem sich unsere Heldinnen stattdessen herumschlagen, sehr gesichtslos und egal gerät.

Erst gegen Ende spendiert das Drehbuch einem Fieswicht eine Szenenfolge, die in ihrer Kompromisslosigkeit durchaus packt und für einige Hauptfiguren schreckliche Entwicklungen bereithält. Entwicklungen, die, und da ist „The 355“ leider doch „nur“ typisches Agentenkino, unsere Heldinnen kaum aus der Bahn werfen und sich letztlich unangenehm banal anfühlen. Was vor allem auch deshalb schade ist, weil „The 355“ sich immer mal wieder Mühe gibt, die emotionalere Ausrichtung seiner Heldinnen zu betonen und als etwas Besonderes herauszustellen.

Kurzum: Erzählerisch lässt „The 355“ durchaus einige Körner liegen, bietet aber dennoch straff durchgezogenes Agentenkino, das niemals langweilig gerät oder den Unterhaltungsfaktor aus den Augen verliert. Actiontechnisch gibt es aber leider weitaus mehr zu kritisieren. Zunächst möchte ich festhalten, dass Regisseur Kinberg beziehungsweise dessen Second Unit die Action durchweg sauber in Szene gesetzt hat. Die Action wird nicht verwackelt, man hat nicht ein einziges Mal das Gefühl, den Überblick zu verlieren, und manche Fightszene darf auch mal in längeren Einstellungen atmen. Absolut positiv muss zudem hervorgehoben werden, wie ordentlich die Action über den Film verteilt wurde. Immer wieder bekommen unsere Heldinnen dementsprechend Gelegenheit, zu ballern oder Fressbretter einzuschlagen.

Man hetzt durch Paris und turnt auf U-Bahngleisen herum, man fightet in einem fischverarbeitenden Betrieb in London, schlitzt und ballert in Marrakesch und zerlegt final eine gewaltige Hotelsuite in Shanghai mit automatischen Waffen. Top! ABER: Abgesehen vom Showdown, der definitiv rockt, fehlt es allen anderen Actionszenen an einem gewissen Aufwand. Spektakuläre Stunts, ausufernde Ballereien oder Autoverfolgungsjagden gibt es hier leider nicht. Und so fehlt dem Film vor dem Showdown ein echtes Highlight.

The 355 mit Penelope Cruz, Jessica Chastain, Lupita Nyong'o und Diane Kruger

All Eyes on us!

Und selbst der Showdown leidet am grundlegendsten Problem der „The 355“-Action: Wir haben es hier mit einem spürbar auf ein PG-13-Rating ausgerichteten Film zu tun. Immer wieder gibt es Tote, bei denen man als leidgeprüfter Fan des Videothekenzeitalters nur „geschnitten“ stöhnen möchte. Zusätzlich gibt es kein Blut zu sehen – und das trotz ordentlichen Bodycounts. Selbst Messer schlitzen blutleer vor sich hin. Die Folge ist ein seltsam unrunder Gesamteindruck, denn prinzipiell gibt sich die Action des Filmes geerdet, ruppig, hart und direkt, sie fühlt sich aber in keinem einzigen Moment so an.

Den Schauspielern kann man dabei keinerlei Vorwurf machen. Ein Blick in die Blu-ray-Extras zeigt, dass sie voll engagiert bei der Sache waren und zahlreiche Stunts selbst durchgezogen haben. Vor allem Jessica Chastain und Diane Kruger machen als Actionladys einen tollen Eindruck. Aber leider fährt am Ende das ganze Unternehmen mit angezogener Handbremse – und das leider spürbar. Spätestens in den Szenen nach dem Showdown, die ich rundweg als misslungen bezeichnen möchte, gerät die mangelnde Konsequenz zur Lachnummer.

Keine Lachnummer ist hingegen die technische Umsetzung des Actionthrillers. Die Schönheit der internationalen Schauplätze wird hinreichend zelebriert, der Hochglanzlook sitzt, die Montage ist flott und der Film fühlt sich immer wertig und aufwändig an. Auch der Soundtrack von Tom Holkenborg (alias Junkie XL) geht amtlich ab, ohne jedoch irgendwie nachzuwirken.

„The 355“ könnten gerne in Serie gehen, aber …

Was am Ende bleibt, ist ein Film, der das Genre des Agententhrillers solide bedient, ihm aber keinerlei neue Seiten oder erzählerischen Kniffe abzutrotzen vermag. Simon Kinberg zieht sein Programm spannend und unterhaltsam durch und kann sich auf sein Starensemble verlassen. Das geht mit vollem Körpereinsatz und äußerst spielfreudig zur Sache. Den Darstellerinnen würde man dementsprechend auch wünschen, dass „The 355“ vielleicht in Serie geht. Sollte das passieren, sollte man sich allerdings um eine eigene Identität Gedanken machen.

Für mich wird „The 355“ nämlich irgendwo zwischen „Bond“ und „Bourne“ aufgerieben. Die weiblichen Agenten reichen nicht, um sich von diesen Vorbildern irgendwie abzuheben. Die Action bleibt sogar komplett zwischen diesen beiden Ansätzen hängen. Gibt sich mal knalliger und aufwändiger und mal geerdet und hart, kann aber beide Ansätze zu keinem echten Höhepunkt führen. Infolgedessen weiß sie leider nie zu packen oder zu begeistern. Und das ist im Vergleich zu den Genre-Primi im Agentenfilm schon enttäuschend.6 von 10

Die deutsche DVD / Blu-ray zum Film erscheint am 08. April 2022 von LEONINE Studios und hat neben dem Film einige nette Extras zu bieten. Neben Interviews mit einigen Beteiligten erlauben Featurettes vor allem Einblicke in die Entstehung der Actionszenen. Freilich kann man den Film auch bei verschiedenen VoD-Diensten erwerben/schauen.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: LEONINE Studios__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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