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The Coldest City vs. Atomic Blonde

Atomic Blonde mit Charlize Theron

Atomic Blonde ab sofort auf auf DVD/Blu-ray © Universal Pictures Home Entertainment

The Coldest City die Vorlage von Atomic Blonde

Die Graphic Novel “The Coldest City” © Cross Cult

Es wäre müßig, zu versuchen, erst die Graphic Novel “The Coldest City” zu rezensieren, um danach zu analysieren, was von dieser Comic-Vorlage in deren Verfilmung “Atomic Blonde” hinübergerettet wurde. Denn, und das fällt bereits in den ersten neongrellbunten Minuten des Filmes sofort auf: Comic und Film verfolgen jeweils eigenständige künstlerische Visionen, die außer Grundzügen in der Story nicht wirklich etwas gemein haben.

Das beginnt schon direkt bei dem, was wir auf den ersten Blick sehen: Auf der einen Seite ist da der nüchterne Schwarz-Weiß-Look der Graphic Novel, der beinahe zu rudimentär und reduziert seine Figuren und Schauplätze nur umreißt und in klar aufgeteilten Panels arbeitend irgendwie genauso stocksteif wirkt, wie die meisten der in diesen Panels agierenden Figuren. Dagegen ist “Atomic Blonde” der pure, filmgewordene Punk! Knallig bunt und angetrieben von einem starken 80s Soundtrack ist der Film mehr Comic als es die Graphic Novel jemals sein könnte. Laut, rotzig und tief in die Eingeweide Berlins eintauchend transportiert der Film zudem viel besser die damalige Umbruchstimmung, die der Graphic Novel nicht wirklich wichtig war.

Atomic Blonde mit Charlize Theron und James McAvoy

Die Figuren aus “The Coldest City” wurden für “Atomic Blonde” deutlich verändert. © Universal Picture Home Entertainment

Die erzählt stattdessen konzentriert eine Agentengeschichte von altem Schrot und Korn. Im Berlin des Jahres 1989, wo der Kalte Krieg seinem Ende zusteuert. Es geht um Spionage und Gegenspionage. Um Irrungen und Wirrungen. Um Finten und falsche Identitäten. Und um Agenten, die seit Jahren die Schnauze voll haben von ihrem Job und sich noch ein letztes Mal aufbäumen müssen, um ein vermeintlich wichtiges MacGuffin zu finden. Dabei handelt es sich um eine Liste mit noch aktiven Spionen des MI-6, die natürlich niemandem in die Hände fallen darf. Schon gar nicht den in Berlin in Hundertschaften durch die Straßen flanierenden russischen Spionen. Darum wird Lorraine Broughton, hochrangige Agentin des MI-6, entsandt, um dieser Liste habhaft zu werden.

Die Grundzüge dieser Story und auch den grundlegenden erzählerischen Aufbau in Form einer langen Rückblende, die von einem Verhör eingeklammert wird, übernimmt “Atomic Blonde”, dynamisiert das alles aber stark und wandelt die Handlung von “The Coldest City” in einigen Punkten deutlich ab.

So spielt ein im Film sehr früh zur Sprache gebrachter Doppelagent für den Comic erst spät eine wichtige Rolle und wird infolgedessen im Vorfeld auch gar nicht weiter erwähnt. Zudem wird die nette Pointe des Comics im Film deutlich abgewandelt und um einen weiteren Clou erweitert. Derweil spart sich der Film ein Element, das beim Lesen des Comics für einen echten Aha-Effekt sorgt. Dort wird nämlich angedeutet, dass eine der Hauptfiguren neben ihrer Agententätigkeit auch noch privat einen Ring von Profikillern befehlige.

Beim Lesen schrillen hier sofort die Alarmglocken, denn diese Idee geht doch deutlich von der bisher alles andere als neuen Agentenstory und deren Klischees weg. Leider macht Autor Antony Johnston überhaupt nichts aus dieser Eingebung. Vollkommen ziellos versandet die Information zwischen den Panels und wird nicht einmal für das Ende der Graphic Novel wichtig. In der Folge machte David Leitch bei “Atomic Blonde” das einzige Richtige: Er erwähnt die Killerorganisation mit keinem einzigen Wort. Und tut gut daran.

The Coldest City Artwork

Ein Blick in das Artwork von “The Coldest City” © Cross Cult

Die krassesten Veränderungen machten aber sicherlich die Figuren durch. In “The Coldest City” wirken alle handelnden Figuren stocksteif und mausgrau. Die unauffällig in der Masse untertauchen können und als Jedermann niemals irgendwo auffallen würden. Sie sind eben Agenten durch und durch! Für die es kaum etwas Schlimmeres geben könnte, als aufzufallen und dann gegebenenfalls enttarnt zu werden.

Da ist die in Strapsen durch Berlin stolzierende Charlize Theron mit weißblonden Haaren und einer allgemein megasexy Garderobe schon von einem ganz anderen Schlag. In der Punk-Subkultur des Filmes fällt sie so freilich nicht auf, im Comic würde sie weithin leuchten wie ein weißer Wal auf einem Blatt schwarzem Papier. Sozusagen.

Demgegenüber stehen natürlich auch Darsteller wie Toby Jones und Eddie Marsan, die ihren Comicvorbildern wirklich fast aufs I-Tüpfelchen gleichen und kaum besser gecastet hätten sein können. Doch zumeist weichen die Darsteller des Filmes und deren Interpretationen ihrer Rollen deutlich von der Vorlage ab. Allen voran James McAvoy als David Perceval. Deutlich jünger als sein Comicvorbild wuchtet sich McAvoy mit einer trotzig-rotzigen und wundervoll arroganten Selbstverständlichkeit durch die Szenen, dass es eine wahre Freude ist. Ganz im Gegenteil zu seinem erzkonservativen, brutal langweiligem Comicvorbild, das uninteressanter kaum hätte sein können.

Interessant ist auch, dass es die von Sofia Boutella hinreißend nackt gespielte französische Agentin Delphine im Comic nicht gibt. Beziehungsweise Delphine dort Pierre heißt und ein Franzose ist. David Leitch hat die Figuren also sehr zu seinem Vorteil verändert, ihnen Feuer unterm Hintern gemacht, auch eine Menge neuer Figuren eingeführt (darunter auch Til Schweigers Uhrmacher) und sie seinem optischen Konzept entsprechend ordentlich mit Adrenalin vollgepumpt.

Apropos Adrenalin: In “The Coldest City” gibt es zwei oder drei Schusswechsel. Wenn man das so nennen will. Der im Film so spektakuläre Treppenhausfight zieht sich über 5-6 Panels. Hier kann keiner auch nur ansatzweise das, was die Figuren im Film können – was Charlize Theron beziehungsweise ihre Figur kann. Die Folge für den Filmgucker: Fantastische, knochentrockene, extrem brutale Fightsequenzen und ein wenig Gun-Fu in Superzeitlupe. Und für den Comicfan? Naja, der sollte in dem Punkt definitiv dem Film den Vorzug geben. Da bekommt er wahrlich was zu sehen.

Atomic Blonde mit Charlize Theron in Action

In der Graphic Novel spielt Action keine Rolle, im Film wird teilweise richtig auf die Zwölf gekloppt! © Universal Picture Home Entertainment

So ist die Graphic Novel “The Coldest City” vor allem Fans von Agententhrillern der Marke John le Carré zu empfehlen. In aller Ruhe wird die Geschichte vor dem Auge des Lesers ausgerollt und nimmt von Panel zu Panel an Komplexität zu. So sehr, dass man vor allem gegen Ende, wenn die Story auf ihre Pointe zusteuert, mit dem Zurückblättern in dem Buch kaum noch nachkommt, weil man in dem Wust an nun aufgeführten Namen und Örtlichkeiten irgendwann reichlich verloren ist. Alleine, dass man bereit ist, zu blättern, zeigt aber schon, dass einen die Story spätestens da längst gepackt hat, auch wenn sie zwischenzeitlich ein wenig dröge und zu langsam anmutet.

Genau wegen derartigen Abschnitten würde ich persönlich dem Film den Vorzug vor der Graphic Novel geben. Er hält das Erzähltempo durchgehend auf einem erquickenden Niveau, entwirft ein komplett eigenes optisches Konzept und wagt es auch, die Story an den richtigen Stellen zu entschlacken und die Figuren für seine Zwecke passend zu verändern. Von den richtig fetten Actionszenen habe ich da noch gar nicht zu schwärmen begonnen. Oder von dieser beständigen, unterschwelligen Sexyness, die sich spätestens in einer Lesbenszene auch offensiver Bahn bricht…

Kurzum und um mal im Duktus eines sich immer wieder wiederholenden Motives aus dem Film zu bleiben: “Atomic Blonde” ist so heiß, dass sich die Hauptfigur selbst permanent in Eisbädern abkühlen muss, um nicht zu explodieren. Dem Zuschauer ergeht es da dank sexy Charlize Theron zu weiten Teilen sehr ähnlich. Die Graphic Novel eignet sich dagegen mehr als Lektüre für ein entspanntes Schaumbad.

Atomic Blonde:
8 von 10
The Coldest City:
6 von 10

Alle Informationen zu “Atomic Blonde” und “The Coldest City”

Atomic Blonde:
Produktion: USA 2017
Regie: David Leitch
Darsteller: Charlize Theron, Daniel Bernhardt u.a.
DVD/Blu-ray: Ja/Ja
Verleih: Universal Pictures Home Entertainment
The Coldest City:
Autor: Antony Johnston
Zeichner: Sam Hart
Hardcover: 176 Seiten
Verlag: Cross Cult (mit Leseprobe)
ISBN 978-3959814331
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In diesem Sinne:
freeman

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