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The Nice Guys

Originaltitel: The Nice Guys__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2016__Regie: Shane Black__Produktion: Joel Silver__Darsteller: Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Yaya DaCosta, Keith David, Margaret Qualley, Kim Basinger, Murielle Telio, Yvonne Zima, Beau Knapp, Jack Kilmer u.a.
The Nice Guys

Für „The Nice Guys“ kooperieren Shane Black und Joel Silver zum wiederholten Male

Mit „Lethal Weapon“, „Last Boy Scout“ und „The Long Kiss Goodnight“ hatte Shane Black das Buddy Cop Movie als Drehbuchautor geprägt, es mit seinem Regiedebüt „Kiss Kiss, Bang Bang“ ironisch aufgearbeitet, ehe nun „The Nice Guys“ Ähnliches versucht – erneut produziert von seinem Weggefährten und Mentor Joel Silver („Stirb langsam“).

Das Drehbuch stammt von Black selbst und einem weiteren alten Freund, Anthony Bagarozzi, dessen erstes verfilmtes Script „The Nice Guys“ darstellt, dem Black aber schon im Abspann von „The Long Kiss Goodnight“ gedankt hatte. Außerdem findet sich die für Black typische Mischung aus Komik und melancholischem Ernst im Film, etwa in der Anfangsszene, die den tödlichen Unfall von Pornostar Misty Mountains (Murielle Telio) zeigt: Einerseits ist es komisch, wenn ein Junge das gerade noch in einem Männermagazin bewunderte Starlet in entsprechender Pose im Wrack ihres Autos findet, andrerseits macht die Geste, wenn er die Nacktheit der Toten mit seinem Pyjama-Oberteil bedeckt, klar, dass hier gerade jemand gestorben ist.

Auch das Buddy-Duo scheint hier diese Qualitäten aufzuteilen. Auf der einen Seite ist da der desillusionierte Mietschläger Jackson Healy (Russell Crowe), der eigentlich Gutes tun will, in erster Linie aber für Geld unliebsame Gestalten aufmischt. Auf der anderen Seite ist da der mäßig kompetente, leicht hysterische Privatdetektiv Holland March (Ryan Gosling), der fast dauernd betrunken ist und sich selbst beim Einschlagen einer Scheibe lebensgefährlich verletzt. Ihre erste Begegnung steht unter keinem guten Stern, da Healy seinem Gegenüber den Arm bricht. Grund dafür ist Marchs Suche nach Amelia Kuttner (Margaret Qualley), hinter der noch mehr Leute her zu sein scheinen.

Als Healy jedoch von zwei Profikillern aufgesucht wird, die ebenfalls nach Amelia fahnden, und diese verschwindet, ahnt er, dass mehr hinter der Sache steckt und er sie finden muss. Also engagiert er March und ermittelt gemeinsam mit ihm, wobei die beiden einer Verschwörung auf die Spur kommen…

The Nice Guys

Ein ungleiches Duo: Privatdetektiv Holland March (Ryan Gosling) und Mietschläger Jackson Healy (Russell Crowe)

Ein Buddy Cop Movie lebt unter anderem von seinen Hauptfiguren und da kann sich „The Nice Guys“ sehen lassen. Bemerkenswert uneitel legt Russell Crowe („Gladiator“) den manchmal an eine etwas ältere, etwas heruntergekommenere Variante seiner „L.A. Confidential“-Rolle erinnernden Healy an: Beleibt, mit normaler und Sonnenbrille übereinander wirkt der Berufsschläger wie ein etwas alltäglicherer, menschlicherer Hard-Boiled-Held, tough und gleichzeitig verwundbar, mit erkennbaren Schwächen. Dagegen darf Ryan Gosling („Gangster Squad“) hier herrlich überdreht das inkompetente Großmaul geben und sich als famoser Komiker beweisen. Kim Basinger („Grudge Match“) schaut dagegen nur für zwei Szenen vorbei, während Matt Bomer („Chuck“), Keith David („The 5th Commandment“) und Beau Kapp („Run All Night“) als Profikiller unterschiedlicher Coleur (und unterschiedlicher Professionalität) markante Nebenrollen innehaben. Eine echte Entdeckung ist Angourie Rice („These Final Hours“) als Tochter Hollands, während Margaret Qualley („The Leftovers“) aufgrund ihrer flüchtigen Rolle nur wenige Szenen hat.

Entdeckten Neo-Noirs der 1970er wie „Chinatown“ und „Farewell, My Lovely“ die 1940er für sich, ist „The Nice Guys“ nach „Inherent Vice“ die nächste Noir-Komödie, welche die 1970er für sich (wieder)entdeckt. Mit beachtlichem Aufwand wird hier das Los Angeles des Jahres 1977 auf die Leinwand gezaubert, funky und dreckig zugleich: Auf der einen Seite abgedrehte Partys, die noch exzentrischer als die Clubszene aus „Kiss Kiss, Bang Bang“ sind, auf der anderen Seite ein von Dreck, Korruption und Pornographie geprägtes Straßenleben der Metropole – in klassischer Noir- wie auch Actiontradition ist beides natürlich verbunden und das auf mehrere Weisen. Natürlich haben auch in klassischer Noir- bzw. Hard-Boiled-Manier scheinbar verschiedene Fälle und Figuren miteinander zu tun, so auch der anscheinende Unfalltod Mistys und das Verschwinden Amelias. Dass die schlussendlich aufgedeckte Verschwörung alle gesellschaftlichen Schichten durchzieht, ist ebenso genretypisch, inklusive Anprangerung gesellschaftlicher Missstände – verschoben in die 1970er, an sich aber auch heute noch topaktuell in vielen Aussagen.

The Nice Guys

Gar nicht nett: Profikiller John Boy (Matt Bomer)

Neben den Verweisen auf klassischen Film Noir und den Lokalkolorit (siehe die Filmplakate oder eine Ankündigung eines Stand-Up-Auftritts des damals noch am Anfang seiner Karriere stehenden Tim Allen) gibt es auch kleinere Actionszenen zu bewundern, die – ganz im Stil der Dekade – bodenständig und geerdet wirken. Doch die Schießereien, Autostunts, Explosionen und Old-School-Prügeleien haben rohen Charme und genug Druck, vor allem eine Ballerei, bei welcher der berüchtigte Profikiller John Boy (Matt Bomer) Marchs Haus und die angrenzende Gegend mit einem ganzen Arsenal von Schusswaffen zu Kleinholz verarbeitet. Zimperlich wird dabei nicht vorgegangen, denn Kontrahenten leben auf reichlich blutige wie makabere Weise ab. Das mag alles eine Nummer weniger aufwändig und weniger spektakulär als die von Black verfassten Genreklassiker sein, macht aber dennoch Laune und ist auch nicht das Hauptanliegen des Films.

Der ist nämlich in erster Linie eine schwarzhumorige Komödie und funktioniert vor allem aufgrund seiner Buddy-Paarung. Die Partner haben einen Altersunterschied, der aber nicht so wichtig sind, und sind in Sache Hautfarbe, sozialer Status und Geschlecht auch nicht verschieden, weshalb die Trennung hier eine andere ist, nämlich eine von Kompetenz und Arbeitsethos. March ist ein desinteressierter Betrüger, der Rentner betuppt, Honorare für Bullshit-Aufträge kassiert und in erster Linie daran denkt, wie man aus einem Klienten mehr herauspressen kann, hat als Detektiv aber nur selten lichte Momente. Dem steht Healy gegenüber, der versucht auch als Mietschläger Gutes zu tun, also tatsächlich ein Nice Guy des Filmtitels zu sein. Aus diesem Zusammenspiel entwickeln sich tolle Slapstickeinlagen und pointierte Wortgefechte, die mit manchem absurdem Einfall wie einer durchgedrehten Traumsequenz oder einer abstrusen Protestgruppe aufwarten kann.

The Nice Guys

Auch Staatsanwältin Judith Kuttner (Kim Basinger) hat eine Verbindung zu dem Fall

Die Geschichte ist, noir-typisch, natürlich verworren und verbindet extrem viele Fäden, zeugt dadurch aber auch vom parodistischen Übersteigerungsgestus des Films. Gleichzeitig holt Black die eine oder andere Wendung aus dem Hut, die Genreerwartungen bewusst enttäuscht, mal auf urkomische, mal auf eher tragische Weise. Während die Hauptfiguren diese beiden Pole verkörpern, so tun dies jedoch nicht ausschließlich: Das wimperzuckenfreie Brutalovorgehen Healys ist teilweise schon sehr witzig, während auch der Chaos-Detektiv March ernste Beweggründe für seinen Absturz vorweisen kann. Hinzu kommt seine Tochter Holly (Angourie Rice), ähnlich frühreif wie Joe Hallenbecks Spross in „Last Boy Scout“, aber mit einem ernsteren Einschlag, da die Rollen von Elternteil und Kind in der Beziehung teilweise getauscht sind, sie auf ihren verlotterten Vater achtgeben und ihn an seine Termine erinnern muss.

„The Nice Guys“ erzählt auch vom Wandel der Figuren und vom Heilen vergangener Wunden auf charmante Weise, ist allerdings insgesamt nicht mehr so überraschend wie „Kiss Kiss, Bang Bang“ damals. Seitdem haben Filme wie „Hot Fuzz“, „Die etwas anderen Cops“ und „21 Jump Street“ ebenfalls das Buddy-Cop-Genre seziert und „The Nice Guys“ läuft nicht immer ganz so rund wie sein elf Jahre ältere Bruder im Geiste: Etwa wenn Healy und March aus schwer nachvollziehbaren Gründen eine bereits kaum zu sehende Leiche verstecken wollen, dann bereitet das zwar einen amüsanten Gag vor, macht aber nur begrenzt Sinn in der Handlung.

Doch das ist Meckern auf hohem Niveau, denn auch wenn „The Nice Guys“ als parodistisches Buddy Cop Movie nicht viel Neues zu erzählen hat und sich kleinere Schnitzer erlaubt, so hat der Film doch reichlich Charme, gelungene Actioneinlagen, zackige Wortgefechte und wunderbar getimte Slapstickeinlagen zu bieten. Neben dem charakteristischen Wortwitz finden sich weitere Shane-Black-Trademarks (die letzte Szene etwa hat einen Weihnachtsbezug) – wer eine vergnügliche Noir-Actionkomödie mit einem traumhaften Hauptdarstellerduo sucht, der wird hier auf jeden Fall fündig.

„The Nice Guys“ startet am 2. Juni 2016 in den deutschen Kinos.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Concorde__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 2.6.2016 in den deutschen Kinos

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