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The Night Manager

Originaltitel: The Night Manager__Herstellungsland: Großbritannien, USA__Erscheinungsjahr: 2016__Regie: Susanne Bier__Darsteller: Olivia Colman, Elizabeth Debicki, David Harewood, Tom Hiddleston, Tom Hollander, Katherine Kelly, Hugh Laurie, Tobias Menzies, Neil Morrissey u.a.
The Night Manager

Ein einfacher Nachtmanager eines Hotels lässt sich als Spion anwerben und jagt einen Waffenhändler: “The Night Manager”.

Der britisch-amerikanischen Co-Produktion „The Night Manager“ wurde eine ganz besondere Ehre zuteil. Die TV-Serie erlebte ihre Premiere auf der Berlinale 2016. Ein Beleg dafür, wie wichtig Serien inzwischen geworden sind… und wie sehr die Grenzen zwischen den Produktionen für Film und Fernsehen verwischen. „The Night Manager“ ist ein Paradebeispiel für diese Entwicklung, fühlt sich die Serie doch eher wie ein knapp sechsstündiger Film an. Was auch daraus resultiert, dass sich die Produktion diversen dramaturgischen Vorgaben von Serien vollkommen entzieht. Als Beispiel sei genannt, dass keine einzige Episode in irgendeiner Form auf einen Cliffhanger hinarbeitet. Das macht die Serie insgesamt nicht zum formvollendeten Suchtprodukt, für spannende und vor allem stilvolle Unterhaltung ist aber in jedem Fall gesorgt.

Wer bist du? Du trittst in unser Leben, störst unser Gleichgewicht, alle fühlen sich zu dir hingezogen. Wer bist du?

Als Jonathan Pine diese Frage gestellt wird, hat er bereits eine lange Reise hinter sich. Diese begann in Ägypten, als ihm, dem kleinen Nachtmanager eines Nobelhotels in Kairo, in den Wirren des arabischen Frühlings von einer jungen Dame namens Sophie Alekan Papiere zugespielt wurden, die auf einen gigantischen Waffendeal hindeuteten. Waffen, mit denen man die weitgehend friedlichen Umbruchsbewegungen hätte niederschlagen können. Am Ende der Ereignisse war die junge Dame tot… und der längst in sie verliebte Jonathan von Rachegedanken beseelt. Um zu vergessen, ging er in die Schweiz.

Hier begegnete er dem vorgeblichen Philanthropen und Multimillionär Richard Roper. Ein Name, der ihm nur zu bekannt vorkam, denn ebenjener tauchte auch auf den Waffendeal-Unterlagen in Kairo auf. Würde Jonathan über Roper an den Mörder seiner Geliebten herankommen? Jonathan ließ sich darum von dem Geheimdienst „International Enforcement Agency“ als Agent anwerben. Fortan infiltrierte er die Organisation Ropers und stieg in deren Strukturen immer weiter auf.

Und er verliebte sich in die Frau, die ihm irgendwann die Eingangsfrage stellt. Pikanterweise ist sie die Frau Ropers. Der ahnt davon gar nichts und macht Jonathan zum Strohmann in einem wichtigen Waffendeal. Dieser führt erneut nach Ägypten. Ist dies die lang herbeigesehnte Möglichkeit, Sophie zu rächen? Kann Jonathan nebenbei auch noch Roper das Handwerk legen? Und inwiefern ahnt dieser, dass seine Organisation unterwandert wurde…

„The Night Manager“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von John le Carré. Der gut zwanzig Jahre alte Roman wurde für die Neuauflage in Serienform natürlich modernisiert und in einen aktuellen Rahmen gegossen: Der arabische Frühling ist insofern genauso Thema wie die aktuelle Flüchtlingskrise rund um die türkisch/syrische Grenze. Die eigentliche Geschichte des Romans blieb freilich unangetastet. Diese setzt Regisseurin Susanne Bier zu Beginn äußerst flott in Bewegung. Jonathan Pine wird kurz verortet und die Story effektiv angeschoben. Schon die ersten 45 Minuten rund um Intrigen, Verrat, Affären und Mord muten an wie ein eigenständiger Film.

Folge zwei schließt daran direkt an. Zwar springt der Film fünf Jahre nach vorn, die Handlung selber bleibt aber straff auf Kurs und zeigt, wie Jonathan vom englischen Geheimdienst angeheuert wird. Doch ausgerechnet jetzt fällt der Film in ein seltsames Loch. Just wenn Susanne Bier Roper ins Spiel bringen will, schmeißt ihre Serie die Bremse rein. Es fühlt sich regelrecht unangenehm an, das sagen zu müssen, aber „The Night Manager“ mutet auf einmal wie ein Rosamunde-Pilcher- oder Nora-Roberts-Film im Spionage-Milieu an.

The Night Manager

Jonathan gerät vom Regen in die Traufe.

Fast erscheinen pittoresk schöne Landschaftsbilder und hemmungslos hin und her geworfene schmachtende Blicke wichtiger als die eigentliche Geschichte. Vor allem die Figur des Roper leidet unter den folgenden zwei Episoden enorm. Zum einen bleibt seine Gefährlichkeit einfach nur Behauptung und zum anderen fragt man sich schon, wie er nicht merken kann, dass Jonathan zum einen seine Frau begehrt und zum anderen ein doppeltes Spiel treibt. Hinzu kommt, dass Bier in den Episoden 3 und 4 keinerlei Spannung aufgebaut bekommt. Für Jonathan geht alles einfach zu glatt. Niemals droht eine Enttarnung. Selbst das zickige Gebaren der rechten Hand Ropers (eigentlich toll gespielt von Tom Hollander („Byzantium“), aber vom Drehbuch alleingelassen) bleibt einfach nur lächerlich erfolglos in Sachen Spannungsgenerierung.

Hinzu kommt, dass man sich als Zuschauer sehr schwer tut, die Romanze zwischen Jonathan und Ropers Frau Jed zu akzeptieren. Die beiden haben keinerlei Chemie miteinander. Zudem ist die Chemie zwischen Roper und seiner Frau eine ebensolche Katastrophe. Was aber rundweg an der Darstellerin Elizabeth Debicki („Codename U.N.C.L.E.“) liegt. Diese ist sowohl optisch als auch darstellerisch nicht gemacht für diesen wichtigen Part. In der Folge ist man direkt glücklich, dass die Regisseurin das Klischee umschifft, dass der Spion Jonathan die schöne Frau Jed ausquetscht. Stattdessen erarbeitet der sich nämlich das Vertrauen von Ropers Sohn. Was sehr glaubwürdig rüberkommt, prächtig funktioniert und zumindest das In-Stellung-Bringen der Schachfiguren für den großen Waffendeal gut funktionieren lässt. Leider bleibt Jed in der Folge aber wichtig…

The Night Manager

Eiskalt und unberechenbar: Waffenhändler Roper.

Hat man zumindest die zwei Folgen Leerlauf überstanden, startet „The Night Manager“ wieder deutlich besser durch. Die Verlagerung der Handlung von der wunderschönen Mallorca-Finca Ropers in die Türkei tut der Serie ungemein gut und ist vor allem für die bisher seltsam schwach gezeichnete Figur Roper eine echte Wohltat. Endlich sitzen die fiesen Bonmots des im „Dr. House“-Modus agierenden Hugh Laurie. Die Dialoge sind nun deutlich geschliffener und fieser und vor allem werden die finsteren Seiten der Figur endlich herausgearbeitet. Dahingehend ist vor allem eine von der ebenfalls grandios spielenden Olivia Colman (Chefin der „IEA“) dargebotene Anekdote über Ropers Waffenhändler-Werdung absolut genial verstörend.

Warum nennst du ihn den schlimmsten Mann der Welt?
Weil er Zerstörung verkauft, Schmerz und Tod. Und er lacht dabei…

Ab dem Türkei-Setting funktionieren vor allem Tom Hiddleston („Thor – The Dark Kingdom“) und Hugh Laurie auf den Punkt. Die beiden liefern gemeinsam tolle Szenen ab, bei denen mit zunehmender Laufzeit irgendwann die Grenzen zwischen Jäger und Gejagtem vollends verwischen. Zudem läuft für Jonathan endlich nicht mehr alles so rund. „The Night Manager“ ist nun das, was man die ganze Zeit von ihm erwartet hat: Ein wie ein Uhrwerk laufender Agententhriller, der in Sachen Spannung immer mehr zuzulegen vermag.

The Night Manager

Alle Stars der Miniserie “The Night Manager” (v.l.): Hugh Laurie, Tom Hiddleston, Elizabeth Debicki, Olivia Colman und Tom Hollander

Dabei kommt Regisseurin Bier durchgehend ohne Action aus. Die findet vor allem in den Dialogen und kleineren und größeren Finten statt. Zudem darf freilich auch in England ordentlich zwischen der „IEA“ und dem „MI6“ intrigiert werden, wenn irgendwann alle gegen die „International Enforcement Agency“ arbeiten und sich offenbart, wie weit der Einfluss Ropers wirklich reicht. All das bebildert Bier souverän und stilvoll. Vor allem die vielfältig und ansprechend in Szene gesetzten internationalen Schauplätze lassen immer wieder Kinofeeling aufkommen. Ein echtes Schmankerl ist zudem der fantastische Vorspann, in dem Diamanten zu Bomben, abgefeuerte Granatwerfer zu Martini-Gläsern und ein Tee-Service zu einer Minigun mutieren.

Tolle Hauptdarsteller, beeindruckende Produktionswerte, stilvolle Bilder und eine zunehmend besser ins Rollen kommende Handlung machen „The Night Manager“ zu spannender Thrillerkost im XXL-Format. Leider erliegen die Folgen drei und vier ein wenig dem „Glamourfaktor“. Kurze Zeit scheint Style alles und Substanz eher nebensächlich zu sein. Doch die Serie fängt sich vor allem aufgrund des Duells zwischen dem brillant zynischen Hugh Laurie und dem souveränen Tom Hiddleston schnell wieder. Konzentriert sich mehr auf das Wesentliche und macht die Story zum Star. Spätestens dann entwickelt sich auch der berühmt berüchtigte Sog, der einen die nächste Folge herbei fiebern lässt.

Die deutsche DVD/Blu-ray der Serie erschien am 21. April 2016 von Concorde Home Entertainment und ist mit einer FSK 12 Freigabe ungeschnitten. Interviews und ein Special zur Berlinale Premiere – gezeigt wurden hier zwei Folgen – runden die Datenträger ab. Die im Original aus sechs einstündigen Folgen bestehende Serie wurde für den internationalen Markt mal wieder in ihrer Struktur verändert. Acht Folgen a 45 Minuten sind die Folge.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Concorde Home Entertainment__Freigabe: FSK 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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