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The Purge – Die Säuberung

Originaltitel: The Purge__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2013__Regie: James DeMonaco__Produktion: Michael Bay u.a.__Darsteller: Lena Headey, Ethan Hawke, Max Burkholder, Edwin Hodge, Tony Oller, Adelaide Kane, Rhys Wakefield, Tom Yi, Alicia Vela-Bailey, John Weselcouch u.a.
The Purge

Die Michael Bay Produktion “The Purge” punktet mit einer grandiosen Storyprämisse.

Amerika im Jahre 2022. Die Arbeitslosenquote liegt bei 1% und die Kriminalitätsrate noch weit darunter. Kein Wunder, denn wer arbeitet, hat meist keine Zeit für „Dummheiten“. Amerika ist vollends zum Land der Träume geworden. Zumindest bis auf einen Tag. In der Nacht vom 21. März auf den 22. März erlebt die Nation die seit Jahren etablierte „Purge“, die Säuberung. Eine Nacht, in der Recht und Gesetz aufgehoben werden. Nach festen Regeln, etwa dürfen nur bestimmte Waffenklassen eingesetzt werden und bestimmte Personengruppen genießen Immunität, darf der normale Amerikaner allen Druck ablassen, der sich in ihm angestaut hat. Und nichts, was in dieser Nacht passiert, wird irgendwie geahndet. Es hat sich eine regelrechte „Purge-Kultur“ entwickelt. Es steigen „Purge-Shows“ im TV, Streams von Mord und Todschlag auf den Straßen der USA werden versendet und die wohlhabenden und sich in ihren verbarrikadierten Wohnungen sicher fühlenden Amerikaner feiern gar „Purge-Partys“. Derweil geht es vor allem der armen Bevölkerung schlecht. Diese kann sich nämlich keine Sicherheitssysteme leisten. Und so sind vornehmlich sie Opfer marodierender, aufrechter Amerikaner, die das Land und sich selbst von den „verkommenen Subjekten“ befreien wollen. So erklären sich dann freilich auch die paradiesischen Statistiken anno 2022. Doch Vorsicht ist immer geboten, denn wer sagt denn, dass sich nicht einmal irgendwelche Mitarbeiter gegen ihren Chef verschwören?

So denkt auch James Sandin. Er ist Verkäufer der Sicherheitssysteme, die vor allem die wohlhabende Masse der USA in trügerischer Sicherheit wiegen. James ist zu allen nett. Seinen Mitarbeitern, seinen Nachbarn, seiner Familie. Übernett. Doch das nicht ohne Grund. Er hat viel Geld verdient. Und das kann sehr neidisch machen. Dementsprechend sitzt auch er in der „Purge-Nacht“ in seinem gut gesicherten Anwesen. Festen Ritualen folgend bereiten er und seine Familie sich auf die Nacht vor und versuchen, ihre Nervosität und Angst zu überspielen und sich der vermeintlichen Sicherheit hinzugeben. Doch es kommt ganz anders. Da wäre zum einen der Freund von James Tochter Zoey. Diesem wurde der Umgang mit Zoey untersagt, da er zu alt für die Sandin Tochter sei. Mit einer Waffe gedenkt der Junge die Situation klar zu stellen. Gleichzeitig lässt Charlie Sandin, James’ Sohn, einen um Hilfe bittenden Obdachlosen in die Sandin’sche Festung. Es kommt zu einer ersten Eskalation in der Wohnungsfestung, die nur der Anfang einer grausamen Nacht darstellt, denn vor dem Haus braut sich weiteres Ungemach zusammen …

Die Storyprämisse von „The Purge“ ist so zynisch wie brillant. Warum eine Gesellschaft nicht einfach einmal von der Leine lassen, damit sie sich selbst säubert? Für einen Tag alle Menschlichkeit fahren lassen, die Verlierer der Gesellschaft beseitigen, sich selbst mal Luft machen und nicht alles herunterschlucken, den tierischen Wurzeln in uns allen huldigen und dadurch nahezu kathartisch wieder zu uns selbst finden… „The Purge“ nutzt diese Prämisse, um seine Figuren in Stellung zu bringen und das Survival Szenario des Filmes zu etablieren, lässt es aber dann dankenswerterweise nicht vollends fallen, sondern unter der Oberfläche immer mitschwingen. Das gelingt so gut, dass man sich immer wieder fragt, auf welche der Parteien man eigentlich seine Sympathien bündeln soll: Auf die Sandins, die von der Säuberung zehren und sich an ihr bereichern? Auf den Obdachlosen, fraglos ein Opfer des Systems und von „The Purge“. Oder doch auf das System und die in seinem Namen mordenden Amerikaner? Denn vielleicht hat das System ja Recht, immerhin sprechen die Zahlen dafür? Was im Film relativ oberflächlich behandelt wird, nämlich das Chaos zu rechtfertigen, weil es angeblich Ordnung bringe, ist der reizvollste und gleichzeitig die meiste Gesellschaftskritik transportierende Punkt an „The Purge“, der noch lange nach dem Film zu einer Auseinandersetzung mit selbigem verführt.

The Purge

Vor der heimischen Festung der Sanders baut sich eine ebenso intelligente wie gefährliche Bedrohung auf.

„The Purge“ selbst ist derweil auf pure Effizienz getrimmt. Die Storyprämisse von „The Purge“ wird nebenbei genauer ausgeführt und vor allen an den betrachteten Figuren durchgespielt. Derweil sorgt die Ausgangssituation für ein Terrorszenario sondergleichen: Die Bedrohung lauert sowohl vor dem sicheren Heim als auch darin! Das nutzt Regisseur James DeMonaco, der auch das Drehbuch schrieb, für immer neue, effektive, spannende Storyschlenker. Gegen Ende lässt er seinen Film in eine Art „Assault on Precinct 13“ (für dessen Remake der „The Purge“ Regisseur das Drehbuch schrieb) Situation kippen, in der gesichtslose Übelwichte den Sanders ans Leben wollen. Fortan läuft „The Purge“ konsequent Amok. James Sanders lässt dem Tier in sich freien Lauf und entdeckt ganz nebenbei, wie alle anderen Sanders, was für ein kaputtes System „The Purge“ letztendlich erschaffen hat. Survival of the Fittest ins Extrem verzerrt. Das inszeniert DeMonaco straff, dicht und mit einem Hang zu horroesken Situationen, wie schleichende Kamerafahrten und effektive Jump Scares. Die Spannungsschraube dreht er dabei mal mit dem Holzhammer (eben die Jump Scare Situationen) und mal mit größter Subtilität (etwa wenn ein Gespräch unter Nachbarn plötzlich vollkommen im Ton kippt und einem erst einmal so richtig bewusst wird, wo die Gefahr der hier vorgestellten Säuberung wirklich lauert!) durchgehend auf Anschlag, um nach einem letzten Twist in ein erfreulich atypisches Ende zu münden, das nicht auf Blutgeilheit und Aggressivität getrimmt ist und auch Vorbehalte abschwächt, dass „The Purge“ gegen Ende ein wenig zu sehr zelebriert, was er anprangern will.

Die effektive Inszenierung von „The Purge“ ist zum einen größte Stärke als auch größte Schwäche des Filmes. Dieser hat mit 85 Minuten Laufzeit gefühlt kein einziges Bild zuviel auf den Rippen, was für ein enormes Tempo und einen straighten Storyfluss sorgt. Dabei bleiben aber einige Fragen offen und hier und da reißen auch enorme Logiklöcher auf: Da verschwinden manche Figuren gefühlte Ewigkeiten in dem alles andere als riesigen Haus oder entfesselt Vater Sanders im Erdgeschoss ein mittleres Kriegsszenario, während Mutter Sanders im Stock darüber in einem Schleichszenario „gefangen“ ist. Irgendwann meint man direkt, die Familie sei nicht im selben Haus sondern auf verschiedenste Schauplätze verteilt. Etwas seltsam mutet auch der Moment an, in dem der Tod eines Familienmitgliedes niemanden so recht mitnimmt. Und wenn gegen Ende die Familie gekonnt in immer neue lebensbedrohliche Situationen gebracht wird, um direkt darauf in immer gleicher Manier von irgendeiner willkürlich auftauchenden Figur gerettet zu werden, gerät die Spannungsmaschinerie hinter „The Purge“ arg ins Stottern und was bisher konsequent unvorhersehbar war, wird urplötzlich genau das – vorhersehbar.

The Purge

Lange bleibt diese Bedrohung nicht vor dem Gebäude … Sehr zum Leidwesen von James Sanders.

Auch die Figuren leiden unter dem hohen Tempo. Die Kinder der Sanders bleiben langweilige Abziehbildchen echter Figuren. Charlie ist ein seltsamer Sonderling mit Faible für Technik, gut zu erkennen am Haarschnitt und seinen Erfindungen. Davon abgesehen ist er mal schlau (was seine Fragen zu „The Purge“ angeht) und mal seltsam unbedarft (er scheint die Situation, in der seine Familie wegen IHM steckt, gar nicht zu erfassen!), eben wie es das Drehbuch gerade braucht. Davon ist Charlie Darsteller Max Burkholder heillos überfordert, weshalb seine Figur auch massiv nervt. Seine Schwester Zoey geht noch zur Schule. Gut zu erkennen an der Schuluniform, die sie auch zu Hause trägt. Ansonsten stolpert sie immer mal durchs Bild und verhält sich seltsam irrational. Das reicht auch Zoey Darstellerin Adelaide Kane nicht aus, um damit arbeiten zu können, weshalb sie ihrer Figur nicht ein Mal Leben einzuhauchen versteht. Die Elterndarsteller Ethan Hawke („Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest“) und Lena Headey („Dredd“) kommen da deutlich besser mit ihren allerdings auch deutlich besser gezeichneten Figuren zurecht. Einzig einige Wandlungen ihrer Figuren wirken unrund und zu gewollt. Die restlichen Darsteller bleiben durchweg Staffage. Nur Rhys Wakefield kann als wankelmütiger und „höflicher“ Fremder im Gedächtnis bleibende, starke Akzente setzen.

Inszenatorisch ist vor allem zu erwähnen, dass das Haus der Sanders der einzige Schauplatz des Filmes ist. Die Außenwelt bekommen die Sanders und der Zuschauer nur über die Videokameras des Sicherheitssystems mit, was freilich stark an die „Paranormal Activity“ Streifen des Produzenten Jason Blum erinnert. Den Höhepunkt bilden dabei gleich zu Beginn die Szenen aus verschiedenen „Purge-Streams“, die, mit Debussys „Clair de Lune“ unterlegt, vollkommen entrückt wirken und eine ganz eigene, verstörende Wirkung entfalten. Im Gebäude selber liefert Jacques Jouffret auf engstem Raum beeindruckende Bilder und ist vor allem mit der Steadycam immer nah dran am Geschehen. Die gebotene Action, vor allem wenn James gegen die Eindringlinge vorgeht, ist rau, direkt und brutal inszeniert, ohne sich in allzu blutigen Schauwerten zu verlieren. Dennoch sind die gebotenen Brutalitäten nicht ohne und tragen zur dichten Atmosphäre bei. Das gilt auch für den passenden, leider aber nicht sonderlich erinnerungswürdigen Soundtrack von Nathan Whitehead.

The Purge

Sie wollen garantiert nicht nur spielen …

Was bleibt, ist ein Film, der vor allem aufgrund seiner grandiosen Storyprämisse und dem daraus resultierenden Terrorszenario zu begeistern versteht und eine irre Spannungskurve erzeugt, die die Michael Bay Produktion mit immer neuen Bedrohungsszenarios in immer neue Höhen schraubt. Dabei ist das Tempo enorm hoch, die Atmosphäre dicht, die Inszenierung auf der Höhe der Zeit und wirkt „The Purge“ durchgehend, als sei er auf allerhöchste Effizienz getrimmt wurden. Gerade wegen einiger Ungereimtheiten, die auch und vor allem aus dem hohen Tempo resultieren, wirkt „The Purge“ aber letztlich nicht ganz so rund, wie man es sich vielleicht wünschen würde. Auch fehlt dem Film irgendwie der letzte Biss und wirkt nicht konsequent genug zu Ende gedacht! Rein auf den Unterhaltungswert reduziert ist „The Purge“ aber ein ultraspannender Thriller, der es garantiert schaffen wird, im Nachhinein einige interessante Diskussionen anzustoßen. Dazu ist die Idee hinter „The Purge“ einfach zu interessant und zu sehr auf die zunehmende Verrohung unserer Gesellschaft fokussiert.

„The Purge“ ist ab 13. Juni 2013 in den deutschen Kinos zu sehen.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Universal Pictures__FSK Freigabe: ab 18__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 13. Juni in den deutschen Kinos

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Categorised in: Psychohorror, Reviews

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