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The Raid 2

Originaltitel: Serbuan Maut 2: Berandal__Herstellungsland: Indonesien/USA__Erscheinungsjahr: 2014__Regie: Gareth Evans__Darsteller: Iko Uwais, Yayan Ruhian, Raiden Integra, Donny Alamsyah, Julie Estelle, Tio Pakusodewo, Ken’ichi Endô, Arifin Putra u.a.
The Raid 2

In der Fortsetzung des Actionkrachers „The Raid“ muss der Held nun verdeckt ermitteln

„The Raid 2“ beginnt mit der Totalen eines Feldes. Am unteren linken Bildrand sehen wir einen Feldweg. Mitten auf diesem Weg steht ein Auto. Davor befindet sich eine ausgehobene Grube. Am Horizont sehen wir Staubwolken aufsteigen. Zwei weitere Autos halten hinter dem bereits parkenden Wagen. Aus dem einen Auto wird ein Typ mit einem Sack über dem Kopf gezerrt. Man schleift ihn zu der Grube, entfernt den Sack und… unterhält sich. Den Schlusspunkt unter das Gespräch setzt ein Schuss aus einer Pumpgun.

Es sind derartige Wechsel zwischen ruhigen und knallharten Momenten, die den Reiz der wesentlich epischer angelegten Fortsetzung zu dem Action-Powerhouse „The Raid“ ausmachen. Kenner des Originals wissen freilich sofort, wer da umgenietet wurde. Und man wird in den folgenden Minuten Zeuge, wie jeglicher vermeintliche Ballast des Vorgängerfilmes um die Ecke gebracht wird oder anderweitig aus dem Film fliegt. Gareth Evans bringt in einem klug montierten und erzählerisch raffinierten Einstieg in seinen neuesten Action-Kracher seine Figuren in Stellung. Die daraus resultierende Story ist ganz sicher nicht neu im Genre, wird aber mit epischem Atem erzählt, ohne in 2,5 Stunden Laufzeit auch nur eine Sekunde zu langweilen.

Wieder folgen wir Rama. Als einer der wenigen Überlebenden des ersten Teils wird er von einer verdeckt operierenden Polizeieinheit gebeten, ihnen zu helfen, korrupte Cops auszuschalten. Dazu soll er eine der mächtigsten Verbrecherorganisationen des Landes infiltrieren und aus ihr heraus offenlegen, wer unter den Gesetzeshütern mit der Organisation sympathisiert. Als man Rama in Aussicht stellt, dass er über diese Arbeit auch den Mörder eines Familienmitgliedes stellen kann, sagt dieser zu und lässt sich auf den neuen Job ein. Dies bringt ihm erst einmal einen dreijährigen Knastaufenthalt ein. Hier soll er sich das Vertrauen des inhaftierten Sohnes eines der größten Gangsterbosse des Landes erarbeiten. Da dieser im Knast immer wieder von Konkurrenten seiner Organisation attackiert wird, ist es ein Leichtes für den kampferprobten Rama, ganz nahe an ihn heranzukommen. Nach seinem Knastaufenthalt wird Rama ohne großes Federlesen in die Organisation aufgenommen und er bewährt sich mehr als einmal bei den knochenharten Jobs, die er zu erfüllen hat.

The Raid 2

Iko Uwais langt als Rama wieder amtlich hin!

In kürzester Zeit steigt er in der Organisation auf und wird in einen harschen Konkurrenzkampf zwischen einheimischen und in Indonesien aufstrebenden japanischen Gangstern hineingezogen. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen kann, ist, dass sein Wegbereiter in die Bande der indonesischen Verbrecher gegen seinen Vater aufbegehrt und mit den Japanern sympathisiert…

So vertraut diese Ansammlung bekannter Story-Ingredienzien auch klingen mag, sie ist der groß und durchaus ziemlich spannend aufgezogene Gegenentwurf zu der Minimalstory des ersten Teils. Dabei legt Evans seinen Fokus überdeutlich auf die Rivalitäten der beiden Gangsterbanden und setzt nicht ein einziges Mal auf das spannungsbringende Motiv, dass Rama ja durchaus auch enttarnt werden könnte. So wird sehr schnell der Sohn des indonesischen Gangsterbosses zum storyantreibenden Element und Rama ist eher zum Zuschauen verdammt. Doch während er in der Story ein wenig zurückgenommen wirkt, macht er freilich in der Action des Filmes wieder brachialst Druck.

Und das so sehr, dass man mehr als einmal im Sessel des Kinos hockt und bei sich denkt: Wie sollen diese Szenen jemals von irgendeinem anderen Film getoppt werden? Gareth Evans schuf mit „The Raid 2“ sein Opus Magnum des Actionfilmes. Eine Anordnung so wuchtig brachialer Actionszenen, dass es einem den Atem raubt. Voller cooler Ideen, voller brechend brutaler Gewalt und voller fantastischer Choreographien. Schon in seiner ersten Actionszene zeigt Evans sein geniales Gespür für die Inszenierung von Action. Rama hockt dabei auf einem Klo. Es ist vollkommene Ruhe. Schritte nahen. Es scheint sich ein Pulk vor dem Klo gebildet zu haben. Man rüttelt an Ramas Tür. Er ballt die Fäuste, atmet tief durch und er wartet. Wartet bis der richtige Moment gekommen ist. Dann tritt er zu. Die Tür fliegt auf. Zwei Typen drängen herein. Rama deckt sie mit Schlägen ein, schafft es, die Tür wieder zu schließen und nimmt die beiden Angreifer in der engen Kabine auseinander. Die nächsten Angreifer stürmen herein. Rama handelt nach dem selben Muster. Auf engstem Raum können seine Angreifer ihre Übermacht nicht ausspielen. Während sich hinter ihm die zerschmetterten Körper stapeln, strömen immer mehr Angreifer herein. Die Kamera bleibt trotz kaum vorhandenen Platzes immer in Bewegung und bewegt sich wie der Held anmutig auf engstem Raum. Und dann geht Evans aus der Szene raus. Mit einer coolen Kamerafahrt. Das Ergebnis der Prügelei sehen wir wenig später im Essensraum des Knasts. Rama wurde grün und blau geschlagen. Doch der Rest der Insassen sieht nicht besser aus und mustert ihn respektvoll.

The Raid 2

Die Autoverfolgungsjagd ist ein erbarmungsloses Highlight des Streifens.

Was für ein Opener für das kommende Actionfest! Fast schon ein wenig klein skaliert im Vergleich zu dem, was da noch anrollt. Das macht Evans schon in der nächsten Szene klar. Eine gigantische Prügelei auf dem Hof des Gefängnisses. Inmitten eines Infernos aus Schlamm, brechenden Knochen und spritzenden Blutes entfesselt Evans seine Kamera. Zündet hochkomplexe Plansequenzen, die Staunen machen, und gibt einen ungefähren Vorgeschmack auf das, was einen in Sachen Brutalität in den noch folgenden zwei Stunden erwarten wird. Und so türmt Gareth Evans in seinem Geniestreich eine fantastische Actionszene auf die nächste und toppt quasi mit jeder Actioneinlage die zuvor gestiegene.

Und „The Raid 2“ hat einige Actionszenen aufzubieten. Im Vergleich zum Vorgänger sind sie deutlich vielfältiger ausgefallen: Mal sind sie stuntversessener, mal einfach nur brutal, mal wird geballert, mal gekickt, dann kommen diverse Hieb- und Stichwaffen zum Einsatz und eine fantastische, brachial brutale Autoverfolgungsjagd gehört ebenfalls zum Repertoire des Streifens. Und alle, die „The Raid“ für konsequent und brutal hielten, werden sich bei dem Nachfolger die Augen reiben. In diesem werden die Menschen wortwörtlich zerstört und in blutige Massehaufen verwandelt. Abgebrochene Flaschenhälse, Messer, Zimmerwerkshämmer! und Baseballbälle!! halten als Mordwerkzeuge her und über weite Strecken mutet „The Raid 2“ wie eine Feldstudie an, was man mit menschlichen Köpfen alles anfangen kann. Sie werden mit Baseballschlägern zermatscht, auf Kochplatten verbrannt, zerschossen, mit Pumpguns aufgesprengt, zerschlitzt, zerdrückt und zermalmt. Es ist schlichtweg unfassbar. Und hätte Evans diesmal keine Story, aus deren Verdichtung heraus sich diese brachialen Gewalteskalationen entwickeln dürfen und sogar ein wenig abgefedert werden, „The Raid 2“ hätte es nie im Leben ungeschnitten zu uns geschafft.

The Raid 2

Das Hammergirl ist einfach Hammer!

Zumal Evans gerade die brutalen Momente auch sehr genießerisch inszeniert. Highlight ist dahingehend ein Fight im Showdown, bei dem Rama einen Gegner mit dessen eigenen Waffen wortwörtlich filetiert. Diese Szene ist so rasend schnell inszeniert, dass man irgendwann nur noch die Schlitzgeräusche hört. Erst gegen Ende darf Rama dann so richtig loslegen und schneidet seinen Gegner auf, als wolle er ihn ausweiden. Am Ende dieser wirklich wuchtig brutalen Szene geht Evans aus der Szenerie. Zeigt in einer Totalen, was das Geschnetzel für Auswirkungen auf die Umgebung hatte (ein blutroter Raum!) und verweilt in dieser Totalen. Kein schneller Schnitt führt zur nächsten Action. Evans lässt die Szene atmen und plötzlich gab es in meiner Vorstellung Szenenapplaus. Nach dieser wirklich harschen Gewalteinlage. In einem Kino voller Filmkritiker, die den Streifen in der Pressevorführung genossen. Und es war nicht der einzige Szenenapplaus im Film…

Doch Evans inszeniert nicht alle Actionszenen so unmittelbar. Ab und an (die Toilettenszene deutete es an) lässt er auch das Kopfkino des Zuschauers rotieren. Blendet manchmal mitten in Actionszenen weg. Und erst die Folgeszenen zeigen dann, wie die Actioneinlage wohl ausging. Auch gibt er manchen Szenen einen unvermutet poetischen Anstrich. Etwa wenn er eine riesige Prügelei mit klassischen Klängen und einem wunderschönen, im fallenden Schnee steigenden Finish ausklingen lässt. Kurzum: Alleine wie Evans seine Actionszenen in „The Raid 2“ umsetzt, zeigt einfach nur, was für ein Meister seines Faches hier am Wirken ist. Und da sind die fantastischen Kamerafahrten, die genialen Kameratricks (die unglaubliche „Kamera fliegt aus dem einen Auto auf den Beifahrersitz des Verfolgerautos“ Szene), die eleganten 360 Grad Fahrten und der dynamische Schnitt noch gar nicht hinein gerechnet. Evans inszeniert seine Actionszenen nicht, er arrangiert sie mit einem gekonnten Auge für spektakuläre Momente, die ideale Kameraposition und die brachialste Wirkung.

Und das Beste: Die Szenen zwischen den Actionhighlights funktionieren ebenfalls prächtig. Das liegt zum einen daran, dass sich Evans auf seine Darsteller rundweg verlassen kann. Vor allem Iko Uwais („The Raid“, „Man of Tai Chi“) beweist als Rama, dass er sich nicht nur prügeln kann, sondern durchaus auch die leisen Töne beherrscht. Doch auch seine Mitspieler schlagen sich fantastisch und entwerfen ab und an sogar Figuren jenseits der sattsam bekannten Klischees. Als Highlight sei dahingehend der Chef der indonesischen Gang erwähnt, der beinahe buddhistische Züge in seinem Umgang mit den Gegnern offenbart und auch die eine oder andere sehr kluge Dialogzeile zum Besten geben darf.

The Raid 2

Und Bäm!

Des Weiteren fällt auf, dass Evans gerade in den Handlungsszenen tempomäßig gewaltig auf die Bremse geht, sein Film aber dennoch keine Sekunde zu lang wirkt. Im Grunde bekommt Evans nur im Mittelteil seines Filmes kleinere Probleme, weil er einem seiner langjährigen Begleiter erneut eine Rolle in einem seiner Filme geben wollte. Und so hat Yayan Ruhian als Prakoso einen etwas verwirrenden Auftritt in „The Raid 2“. Verwirrend jedenfalls für Fans von „The Raid“, wo er als Mad Dog für einige echte Highlights des Filmes gesorgt hatte. Man weiß nun permanent nicht, ob die von Ruhian verkörperte Figur Mad Dog ist. Soll Rama plötzlich doch enttarnt werden? Wäre das dann nicht einfacher und weniger verwirrend zu bewerkstelligen gewesen? Doch wie das manchmal in einem Epos so ist, werden auch Figuren eingeführt, die man schlicht und ergreifend nur als Katalysator für weitere Vorgänge braucht und so verschwindet Prakoso auch wieder schnell aus dem Film. Doch ein wenig Schaden hat er gefühlt für den wissenden Zuschauer verursacht. Derartige Aussetzer leistet sich Evans aber keine weiter. Klar, es mutet schon unfreiwillig komisch an, wenn Rama aus dem Job raus will und er anmerkt, er habe Beweise für Mord, Geldwäsche, Drogenhandel und Co., man ihm die Bitte aber verwehrt, weil er keine Hinweise auf Korruption gefunden habe, aber geschenkt. Die Story von „The Raid 2“ funktioniert. Sie hält den Film zusammen. Sie bildet in ihrer ruhigen Inszenierung einen reizvollen Gegenpol zu der fetten Action und hält gegen Ende auch wieder kleinere Überraschungen bereit.

Es fällt schwer, als Actionfan von „The Raid 2“ nicht begeistert zu sein. Man geht bei diesem Film wirklich aus dem Kino und hat das Gefühl, Zeuge von etwas geworden zu sein, was man so noch nie gesehen hat. Wenn beispielsweise das Hammergirl in „The Raid 2“ loslegt, färbt sich die gesamte Leinwand blutrot. Und das Gebotene tut sogar beim Zusehen weh. Das fiese Sounddesign, das ebenso fiese Handling der Handwerkzeuge, das permanente Durchziehen der eingeschlagenen Waffen und die daraus folgenden Blutschwälle sind definitiv nichts für schwache Nerven. Zudem wird das Gebotene auch kaum ironisch gebrochen – etwa durch einen Oneliner. Evans zieht seine Action heftigst durch. Und er inszeniert sie auf einem selten gesehenen qualitativen Level. Da stimmt einfach alles: Tempo, Rhythmus, die unfassbar düstere musikalische Untermalung, die Kameratechniken, der unbedingte Stilwille. Irre! Ebenso großartig ist, mit welchem Gespür Evans die Action auskostet! Wie ein Stand-Up Comedian scheint er genau zu wissen, wann er kleine Pausen machen muss, um den Zuschauer begreifen zu lassen, was er da gerade zu sehen bekommen hat. Will man der Action wirklich etwas ankreiden, werden vor allem Kampfsportfans monieren, dass das Silat anscheinend kaum wirklich spektakuläre Moves zu bieten hat. Gleichzeitig hätten wilde Sprünge auch nicht zum Ton des Filmes gepasst. Und wenn Iko Uwais seine Schnelligkeit ausspielt und selbst die fliegenden Fäuste von Kenpo-Experte Jeff Speakman dagegen langsam wirken, verstummen die Kritiker vollends. Wirklich monieren kann man eigentlich nur, dass die Story des Filmes nicht wirklich neu ist, doch zum einen schlägt sie den Vorgänger um Längen, zum anderen ist sie mehr als spannend genug, um den wirklich langen Film durchgehend am Laufen zu halten. Für mich ergibt das ein echtes Meisterwerk im Genre, an dem sich alle zukünftigen Actioner messen lassen müssen. Und vor allem dem weichgespülten, kassenorientierten Actionkino der Amerikaner streckt dieser Film so brachial den Mittelfinger ins Gesicht, dass es nur so knallt! Iko Uwais und Gareth Evans spielen in einer vollkommen anderen, einer neuen Liga. Sie sind die neue Generation des Actionfilmes!

In diesem Sinne:
freeman


……


2011 wurde „The Raid“ zum Festivalhit, der sich mit DVD-Veröffentlichungen und Kinoreleases anno 2012 komplett die Gunst des Actionpublikums sicherte, Regisseur Gareth Evans größere Popularität verschaffte und gleichzeitig die Gelegenheit gab eine üppiger budgetierte Fortsetzung zu drehen.

„The Raid 2“ schließt auch passgenau den Erstling an, bricht aber gleichzeitig mit vielen dort angelegten Fortsetzungsansätzen: Andi (Donny Alamsyah), Bruder des Helden Rama (Iko Uwais), wird gleich zu Beginn von dem Gangster Bejo (Alex Abbad) und seinen Handlangern kaltgemacht und verbuddelt, während der Leiter der Undercovereinheit der Polizei Ramas Teilnahme am titelgebenden Raid des Erstlings vertuscht und den gefangenen Gangsterboss gleich direkt exekutiert. All diese Handlungsschnippsel der Exposition werden parallel mit einer Aufnahme Ramas montiert, der auf einem schäbigen Klo wartet, während eine Horde aufgebrachter Angreifer an die Türe bollert. Evans steigert die Anspannung, auf Figuren- wie auf Zuschauerseite, denn zum einen wartet man auf die Entladung des Ganzen in einer Schlägerei, zum anderen will man erfahren, wie Rama dorthin kommt.

The Raid 2

Rama (Iko Uwais) trifft auf verschiedene harte Gegner

Im weiteren Verlauf der Montage stellt sich heraus, das Rama nun ebenfalls als Undercoverermittler arbeitet und nicht nur die Mörder seines Bruder überführen will, sondern auch dem Drogenhandel einen schweren Schlag verpassen, der zwischen zwei Gangs, eine einheimisch, eine japanisch, aufgeteilt ist. Deshalb lässt er sich ins Gefängnis verfrachten, indem einen korrupten Politikersohn vertrimmt. Auf der Gefängnistoilette wartet er nun auf Schläger, die dem neuen Insassen erstmal Respekt einflößen wollen, was schließlich zu ersten Actionsequenz des Films führt, in der Rama im Hand-to-Hand-Combat den begrenzten Raum der Toilette effektiv zu nutzen weiß, aber dennoch Prügel bezieht.

Diese und andere Aktionen im Knast bringen ihm allerdings erst den Respekt und später das Vertrauen von Uco (Arifin Putra), dem ebenfalls einsitzenden Sohn des indonesischen Gangleaders Bangun (Tio Pakusodewo), ein. Nach zweijähriger Haftstrafe nehmen diese Rama in ihre Truppe auf, womit dessen Undercovertätigkeit erst richtig beginnt…

Sequels schwanken stets zwischen Wiederholung und Variation, doch selten waren manche Akzente, bei aller Kontinuität, so unterschiedlich gesetzt wie bei „The Raid“ und „The Raid 2“: War der Erstling noch ein kompakter rund 90minütiger Reißer, so ist das Sequel eine zweieinhalbstündige Martial-Arts-Undercover-Story, wo der Erstling vertikal in einem Hochhaus spielte, da verlagert „The Raid 2“ sein Geschehen horizontal auf die gesamte Stadt mit verschiedenen Handlungsorten. Und doch tut „The Raid 2“ es im Kern seinem Vorgänger gleich, immer noch ist es eine ökonomisch erzählte Actiongeschichte, deren einzelne Versatzstücke vor allem im Dienste der Spektakeldramaturgie stehen: Ähnlich wie bei den Exekutionswellen am Ende von den „Der Pate“-Filmen gibt es auch im letzten Drittel von „The Raid 2“ eine parallel montierte Sequenz, in der Gangkiller an verschiedenen Orten Mitglieder der Rivalen umnieten. Anstatt dies jedoch als epischen Schlusspunkt zu nehmen, wie die „Der Pate“-Trilogie, dient diese Sequenz in „The Raid 2“ vor allem der Vorstellung von drei besonders perfiden Martial-Arts-Meistern, denen sich Rama später stellen muss.

The Raid 2

Auch Uco (Arifin Putra) muss manchmal einstecken

Insofern wird auch bei einer Laufzeit von rund 150 Minuten aus „The Raid 2“ kein Epos, sondern in erster Linie ein langer Martial-Arts-Actionfilm, wenn auch ein wirklich toller. Doch der Film steht eben ganz im Zeichen seiner Actiondramaturgie, weshalb andere Aspekte eher kurz kommen: Dass Rama jeweils an seiner Mission zweifelt, sich zu eng mit seinen Zielpersonen anfreundet oder ernsthaft droht aufzufliegen, so wie die Protagonisten von klassischen Spitzelthrillern wie „Prince of the City“ oder „Donnie Brasco“ oder auch die Helden von Actionfilmen wie „Point Break“ oder „The Fast and the Furious“, das passiert in „The Raid 2“ nie. Keine großen Gefühle, wenig Thematisierung von Loyalität und Bruderschaft unter Gangstern. Auch Ramas Familie schwebt zwar potentiell in Gefahr, aber mehr als paar Dialogzeilen in der Hinsicht sind nicht drin, während auch die Gefahr von Ramas Auffliegen bestenfalls hin und wieder für einen Spannungsmoment gut ist.

Das Kunststück dabei ist jedoch, dass „The Raid 2“ nie redundant oder langatmig wirkt. Stattdessen spannt Gareth Evans klassische Cop-, Gangster- und Undercovermotive, von korrupten Cops über verstohlene Telefonate von Ermittler und Boss bis hin zu opferreichen Gangsterfehden, für seine Actionstory ein, was „The Raid 2“ ein Flair verpasst, das den Film über generische Maße hinweg aufpeppt. Hin und wieder blitzen komplexere Momente auf, etwa die tragische Geschichte eines als Penner lebenden Auftragskillers, der in erster Linie für seinen Sohn sorgen will, oder der Tod eines Undercoverermittlers, der sich im Sterben Rama offenbart, aber es bleiben doch eher Einzelmomente. Auch die eine oder andere Frage an die interne Filmlogik lässt man besser ungestellt, etwa warum Rama an einer Stelle unmotiviert von Polizisten angegriffen wird, obwohl die Handlung kaum Gründe dafür liefert (etwa, dass alle Mitglieder von Banguns Gang gerade von Cops in zivil angegangen werden).

Der Plot wirkt aber als famose Verbindung der ausladenden Actionszenen des Films, die wie der Vorgänger als Hauptaugenmerk auf Martial Arts legen. Ein wenig Schusswaffengebrauch ist zu sehen, hinzu kommt eine dynamische Autoverfolgungsjagd im letzten Drittel, doch meist werden Meinungsverschiedenheiten hier im Nahkampf geregelt. Exotische Kämpferfiguren wie eine Taubstumme, die Zimmermannshämmer schwingt, oder ein Killer mit Baseballfetisch sorgen für Abwechslung, ebenso die große Auswahl von (teilweise improvisierten) Nahkampfwaffen. Die Choreographie ist erste Sahne, der Härtegrad recht hoch (auch außerhalb der Actionszenen), doch auch inszenatorisch haben sich Evans und seine Stunttruppe einiges einfallen lassen: Sei es die Art, in der die Spannung vor einem Scharmützel immer wieder auf den Höhepunkt getrieben wird, dass man immer wieder auf die Entladung wartet (am eindrucksvollsten sich in der beschriebenen Eingangssequenz) oder der Finalkampf, in dem der Soundtrack erst langsam und leise einsetzt, im Verlauf des Showdowns aber immer präsenter und druckvoller wird. Auch für Abwechslung wird gesorgt: Sowohl Massenschlägereien als auch Einzelduelle besonders starker Kämpfer gibt es, in engen Autos und auf rutschigen Höfen voller Schlamm wird gekämpft, mal kurz und dreckig, mal wahrhaft ausladend.

The Raid 2

Stop, Hammertime: Manche Killer wählen ungewöhnliche Waffen

Die Darsteller sind also eher körperlich gefragt, doch liefern auch bei den schauspielerischen Performances durchaus akzeptable Leistungen. Iko Uwais spielt schon etwas nuancierter als im ersten Teil, Arifin Putra kann als launischen Gangstersohn durchaus auftrumpfen, während Alex Abbad als Fiesling zwar das totale Klischee gibt, das aber schön hassenswert. Was beim Cast auffällt, ist die hohe personelle Kontinuität: Die meisten Darsteller haben bereits bei anderen Evans-Projekten wie „The Raid“, seiner „V/H/S 2“-Episode oder „Merantau“ mitgespielt und/oder sind zudem für den von ihm geschriebenen und produzierten „The Night Comes for Us“ besetzt.

Wie schon sein Vorgänger ist auch „The Raid 2“, trotz epischer Länge, ein auf seine grandiose Kampfchoreographie bedachter Actionreißer für Martial-Arts-Fans, dessen Cop-, Gangster- und Undercoverelemente in erster Linie für Flair sorgen sollen – was sie auch tun. Hinter dem Ganzen steckt eine hervorragend getaktete Dramaturgie, der über 150 Minuten nicht die Puste ausgeht, die für mangelnde Komplexität und den einen oder anderen logischen Patzer in der Geschichte mehr als entschädigt.

„The Raid 2“ startet am 24. Juli 2014 in den deutschen Kinos und wird dort mit einer Freigabe ab 18 Jahren ungekürzt zu sehen sein.

© Nils Bothmann (McClane)


……

Was für ein einmaliges Szenario: Wir haben hier mit Gareth Evans einen Action-Inszenator, der sich mit einem rauen, kleinen Prügler Brötchen für etwas Größeres verdient hat, das er jetzt nachliefert. Dabei war der kleine Prügler schon so etwas wie der Phoenix in einem Berg aus Asche. Alles, was in den letzten Jahren in Sachen Action zu sehen war, selbst “The Raid”, wird nun in den Hintergrund gedrängt, denn jetzt gibt es ja “The Raid 2”.

Eine komplexere Story, mehr Action und Gewalt, eine massive Überlänge, vielschichtigere Charaktere, kurz, mehr von allem. Eigentlich macht Gareth Evans genau das, was schon so vielen Regisseuren von Fortsetzungen das Genick gebrochen hat, er scheint das Original übertreffen zu wollen und rennt damit in die hohe Wahrscheinlichkeit, es zu unterbieten. Die Angriffsflächen sind offensichtlich: Analysiert man “The Raid”, kommt man immerhin zu dem Schluss, dass seine Stärken in der ungewöhnlich hohen Actiondichte und dem reduzierten Raum liegen. Stärken also, die “The Raid 2” in zweieinhalb Stunden an der frischen Luft kaum liefern können wird.

Allerdings befindet sich Evans in der komfortablen Situation, sein Pulver mit dem ersten Teil noch nicht verschossen, seine eigentlichen Gedanken überhaupt noch nicht ausformuliert zu haben. Dies holt er jetzt nach; bei weitem nicht mit einem der besten Filme generell gesprochen, aber doch einem der besten Actionfilme mindestens der letzten Dekade. Angesichts des dünn gesäten Bodens der 00er und 10er Jahre womöglich sogar noch mehr.

Denn dieser Fortsetzung gelingt das faszinierende Kunststück, puristisches Actionkino zu sein und doch all die eingerosteten Regeln des Genres aufzusprengen und in neue Dimensionen zu befördern. Der Aufbau gleicht längst nicht den 90-Minuten-Krawallorgien, wie die Oldies sie nach wie vor abliefern, allerdings auch nicht den aufgeblasenen 3-Stunden-Exzessen von Bay und seiner Gefolgschaft. Vielmehr erinnert er an all die Gangster-Epen von de Palma, Coppola und Scorsese. Zöge man deren Filme tatsächlich als Vergleichsobjekt heran, könnte Evans’ Vision natürlich nicht mithalten; Plot und Charakterzeichnung, obwohl in Panorama-Vision ausgebreitet, bleiben viel zu simpel, um ernsthaft in einer Liga mit dem “Paten” oder “Scarface” zu spielen.

Doch gerade darum geht es ja: Evans macht sich fremdes Terrain zu eigen, um auf dem neu erkundeten “Spielplatz” nach Belieben eigene Genreträume wahr werden zu lassen. Anstatt beispielsweise die Gefängnissequenz primär als Handlungsknoten zu verwenden, wie die Großen es vormachen, verwandelt der Regisseur den Gefängnishof in eine Arena aus Schlamm und brechenden Knochen, um eine groß angelegte Nahkampf-Plansequenz bei fallendem Regen und Zeitlupe unter dem Einsatz anschwellender Musik wahr werden zu lassen. Die dabei eingesetzten Kameratechniken gleichen denen großer Momente des Suspense- und Thriller-Kinos, jedoch werden sie diesmal vor allem in Hinblick auf die nachfolgende Choreografie eingesetzt: Eine Schnittfolge etwa, die den bedeutungsvollen Blicken der Insassen nachgeht. Oder ein Wechsel der Schärfentiefe, als im Hintergrund plötzlich eine Bewegung registriert wird. Das Ich-Empfinden in diesem Abschnitt wird mit solchen alten, aber effektiven Tricks stark intensiviert, während viele andere Actionfilme plump mit einer Explosion beginnen würden, frei nach dem Motto „erst schießen, dann fragen“.

Evans hingegen schlägt sich im Verlauf der stattlichen 150 Minuten durch eine ganze Reihe dieser sorgfältig aufbereiteten Sequenzen, die sich allesamt aus dem Fluß des zwar simpel gestrickten, aber erstaunlich souverän erzählten Gangsterplots ergeben. Dabei variiert er den Typ der Action über die volle Laufzeit geschickt. Die Autoverfolgungsjagd im Enddrittel des Films zum Beispiel hätte in einem Hollywoodfilm zu diesem Zeitpunkt längst schon ermüdet, weil seither bereits Dutzende Autos in Rauch aufgegangen wären; hier ist es die erste ihrer Art. Der Aufbau von Begegnungen mit „Boss Fight“-Flair, wie sie bereits aus dem Vorgänger bekannt sind, wird ebenfalls erst zum Ende hin arrangiert. Ein weiteres besonderes Merkmal auch dieses “Raid”-Films ist die gnadenlose, jedoch eher medizinisch-präzise statt voyeuristische Art der Brutalität: Evans hält nicht drauf, wenn Köpfe platzen oder Gliedmaßen aufgeschlitzt werden, wendet aber auch nicht ab. Er bezieht keine Position und weist auch Uwais an, kaum Gefühle in seine Kampfhandlungen einzubinden. Jeder Tötungs- oder Verletzungsakt im Film dient lediglich dazu, den Gegner unschädlich zu machen, um sich einen Vorteil im Kampf zu verschaffen. Da wird dann auch mal abgewogen, ob man den Kopf des Gegners nur drei- oder vielleicht auch viermal in den Boden rammt. Viermal wäre sicherer, damit der Gegner sich nicht mehr aufrappelt, doch reicht die Zeit, wenn ein zweiter Gegner bereits anstürmt? Auch solche Fragen werden bei der Konkurrenz nicht gestellt. Antworten in Form von Onelinern scheinen längst alles, was diese noch zustande bringt; diese Erkenntnis blüht erst jetzt so richtig auf, nachdem man endlich mal wieder etwas Anderes gesehen hat.

In der Summierung all dieser unterschiedlichen Actionszenen, jede ihr eigenes kleines Meisterstück, könnte man den Vorwurf geltend machen, der beispielsweise bei den einstmals gefeierten Filmen von Tony Jaa greift: Den Vorwurf, das Filmgerüst sei lediglich ein Vorwand für eine Abfolge von Stunts. Als man aber selbst die x-te Kampfszene immer noch ohne Ermüdungserscheinungen verfolgt, als man bereits auf eine endlose Kette an spektakulären Ereignissen zurückblicken kann, als der Spannungsbogen immer noch nicht abgebrochen ist, bis auch der letzte Bastard sein Fett wegbekommen hat, aber noch bevor der Abspann endgültig eintritt, da kostet man bereits die süße Illusion der Komplexität aus. Die mag nüchtern betrachtet zwar faktisch ausbleiben, aber man hat das Gefühl, einer verschachtelten Geschichte beigewohnt zu haben, die sich zu keiner Zeit auch nur annähernd jene Blöße gibt wie Jaas Suche nach einem Elefanten oder einer Buddha-Statue, oder auch die Suche nach einem beliebigen geometrischen Gegenstand, wie er im großen US-Krawallkino in Mode gekommen ist.
Auch gerade die Darsteller tragen das Ihre zum Gelingen der Operation bei.; Arifin Putra beispielsweise transportiert die brodelnde Gefahr hinter dem bubihaften Äußeren hervorragend, Hauptdarsteller Iko Uwais ist ohnehin schon früh in seiner Karriere auf dem besten Weg, ein neuer Superstar des Actionfilms zu werden.

Als Film ist „The Raid“ sicher auch schon eine gute 7 bis 8 wert, als Genrefilm hingegen, da leistet er Bahnbrechendes, wie man es seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Was das für einen möglichen dritten Teil bedeuten kann, der nicht mehr den Vorteil des Ungesagten auf seiner Seite haben wird, geschweige denn für das geplante US-Remake, das den Verliererstempel schon jetzt auf der Stirn eingebrannt hat, mag man sich gar nicht erst ausmalen…

© Sascha Ganser (Vince)

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