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Titane

Originaltitel: Titane__Herstellungsland: Frankreich / Belgien__Erscheinungsjahr: 2021__Regie: Julia Ducournau__Darsteller: Vincent Lindon, Agathe Rousselle, Garance Marillier, Laïs Salameh, Dominique Frot, Myriem Akheddiou, Nathalie Boyer, Céline Carrère, Mara Cisse, Lamine Cissokho, Abel Djilali, Anaïs Fabre u.a.

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Titane Poster

Das Poster zu “Titane”

Vroom Vroooom Vrooom. Das Schaltgetriebe dirigiert den Rhythmus des anschwellenden synthetischen Motorklangs, der sich auf der Autobahn seiner Maximalleistung nähert. Im Radio läuft Unterhaltungsmusik, doch das Kind auf dem Rücksitz schert sich nicht ums Radio. Lieber summt es die Gangschaltung nach. Vroom Vroooom Vroooom. Der Vater des Kindes sitzt am Steuer und ist somit Erzeuger der Motorengeräusche, teilt aber nicht die Leidenschaft seiner Tochter. Er schaltet die Musik lauter, sichtbar gestresst von der Situation. Sie summt lauter, um die Musik zu übertönen. Er dreht noch lauter, um das Summen zu übertönen. Es entbrennt ein wortloser Streit. Das Kind tritt gegen den Fahrersitz und löst den Sitzgurt, der Vater greift bei voller Fahrt hinter sich, um es zur Raison zu bringen.

Im embryonalen Stadium des Prologs teilt „Titane“, das Zweitgeborene der französischen Regisseurin-Autorin Julia Ducournau, bereits die Charaktereigenschaften mit dem großen Schwesterchen „Raw“. Es ist wieder ein Autounfall, der eine Coming-of-Age-Erzählung einleitet, diesmal allerdings schiebt sich das Metall dauerhaft unter die Haut, welche im Vorgänger noch als Vorhang zu einer roten Welt kannibalischer Obsessionen diente. Anstelle weicher, undefinierbarer Organe schimmern nun definierte Konturen durch den Vorhang, widerstandsfähig und formvollendet.

Eine Operationssequenz zeigt schonungslos, wie der Schädel des Mädchens, das beim Unfall schwere Kopfverletzungen davontrug, mit einer Titanplatte versehen wird. Die Kopfhaut wird darüber wieder vernäht, doch das Titan bleibt omnipräsent, es ist das neue Element dieses Films. In der Chemie wird es als „Übergangsmetall“ bezeichnet. Als solches begleitet es schließlich die Transformation eines Menschen auf der Suche nach einer Identität, die Ducournau in deformierten, unerträglich schmerzvollen, in jeder einzelnen Einstellung jedoch mit reichhaltigem Subtext aufgeladenen Bildern begleitet.

Titane

Mit ein wenig Titan im Schädel setzt sich ein Dickkopf noch besser durch.

Die Affinität der Regisseurin zum morphologischen Körperhorror, eingebettet in einen extrem sexualisierten ersten Akt und auf eigentümliche Weise verknüpft mit der Welt der Automobilkunst, macht es einem Rezensenten nahezu unmöglich, David Cronenbergs „Crash“ in der Betrachtung auszublenden. Wie bei Cronenberg liegt die Erotik des Metalls nämlich in seiner unverrückbaren Form, die quasi als Anti-Materie des Body Horror auf den Plan tritt: Körperliches Gewebe kann das Metall allenfalls umspülen, es kann daran zerbersten und selbst seine Form an das Metall verlieren, ohne jedoch in gleicher Weise eine Veränderung des Metalls zu erzielen. Anders als ein Juraj Herz, der den Boliden in seiner Skurrilität „Der Autovampir“ stellenweise mit biologischen Modifikationen ausstattete, gibt es unter Ducournau an der Definition des Designs nichts mehr zu rütteln, es ist bereits in Form gegossen. Die fehlende Fähigkeit des Materials zur Formbarkeit führt letztlich auch zum Suspense von „Titane“, denn es ist ein Film, der seine Dramaturgie maßgeblich aus den Stadien einer Schwangerschaft bezieht – resultierend aus einer lustvollen Zusammenkunft zwischen Frau und Auto.

Es ist jedoch nicht so, dass man deswegen mit plakativen Sex&Gore-Effekten oder anderen überwiegend visuellen Verweisen auf tiefer liegende Inhalte rechnen sollte, jedenfalls nicht in einem Ausmaß, dass sie den Charakter dieser Regiearbeit bestimmen würden. Es ist kein Werk, das man wie einige seiner Vorbilder der 80er Jahre an den Spezialeffekten oder allgemein an den Schauwerten messen wird. In der Bildsprache ist es einer völlig anderen Welt des Films viel näher, dem tristen Realismus französischer Jugenddramen aus den Banlieues nämlich. Gruppendynamik, Ausgrenzung, Xenophobie und das Gesetz des Stärkeren dominieren in dieser Dimension, die von der Protagonistin durchstreift wird, um darin einen geeigneten Platz für ihre Metamorphose zu finden. Schon deshalb greift der Vergleich mit „Crash“ höchstens in der grundlegenden Motivik und kaum darüber hinaus. Anstatt sich mit einer psychoanalytischen Betrachtung von Mechanophilie zu begnügen, die man ohnehin kaum intensiver als Cronenberg hätte durchleuchten können, interessiert sich Ducournau im Hauptteil vor allem für die sozialen Wechselwirkungen, die im Übergang der Pole von Männlichkeit und Weiblichkeit entstehen.

Titane

Weich trifft auf hart.

Autos und Sex, diese aufbrausend klingende Verknüpfung ist ohnehin lediglich in der ersten Phase der Transformation als auslösende Komponente von Bedeutung. Als die Kamera dem Rücken der Hauptdarstellerin in ein verheißungsvolles Sub-Milieu für Auto-Fetischisten folgt, wird beinahe so etwas wie eine Parodie auf die visuelle Ästhetik der „Fast and the Furious“-Filme freigelegt. Tänzerinnen räkeln sich auf den schrill lackierten Motorhauben aufgemotzter Liebhaberstücke, während Voyeure in Gruppen um diese Spotlights geschart sind und auf ihre Gelegenheit warten, ein Autogramm (oder auch mehr) abzustauben. Die Motoren brüllen auf just in dem Moment, als der Tiger auf der Jacke von Agathe Rousselle sichtbar wird, die ebenfalls bald als Tänzerin auf der Haube liegen wird, während die Kamera lechzend nach der besten Perspektive um den Wagen kreist.

Sexualität zirkuliert hier aber nicht in einem autonomen Schaltkreis, der um seiner selbst Willen aufrecht erhalten wird. Sie wird ihrer ursprünglichen Funktionalität wieder zugeführt und fließt als Bach aus schwarzem Öl in den Schoß der Fruchtbarkeit und von dort in die Mutterschaft. Aber das Muttersein ist nur einer der möglichen Zielzustände, auf die das Drehbuch hinarbeitet. Es ist kein linearer Pfad mit nur einer Lesart, der darin beschritten wird. Der Handlungsablauf beschränkt sich nicht darauf, das Wunder der Entstehung des Lebens mit all seinen Zwischenstationen nachzuzeichnen und als besondere Zutat etwas Metall hinzuzufügen.

Parallel ist „Titane“ das Portrait einer Serienkillerin auf der Suche nach innerer Stille, zugleich aber auch das Portrait einer Heimatlosen auf der Suche nach der eigenen Identität. Alles Erotische wird dem Film im Rahmen der Identitätsfindung schon bald regelrecht aus dem Leib geprügelt. Mit jedem gesplitterten Knochen im Nasenbein, mit jeder hervortretenden Ader auf dem malträtierten Körper, mit jeder weggebundenen Brust unter einem Wunden ins Fleisch schneidenden Verband werden die Formen des Weiblichen ein Stück weit negiert. Rousselle, die auch im Privaten eine non-binäre Identität annimmt, war bislang alles Mögliche, aber nur bedingt (in zwei Kurzfilmen nämlich) eine Schauspielerin. In ihrem Langfilmdebüt wirft sie gleich alles in die Waagschale, sie schwitzt Wasser und blutet Öl. In ihrem Gesicht und an ihrem malträtierten Körper wird unzweifelhaft deutlich, worum es ihrer Regisseurin in erster Linie geht: Nicht etwa um eine blumige Transformation zerfließender Geschlechter, wie ein Bertrand Mandico sie mit fliegender Leichtigkeit in seinen Neon-Träumen gerne zeichnet. Es geht um den Schmerz der Dehnung beim Übergang zwischen zwei Polen.

Titane

Dreimal so männlich wie herkömmliche Männer: Vincent Lindon.

Diese Pole heißen Alexia und Adrien. Es sind Rollennamen, die nicht ohne Grund auch in „Raw“ verwendet wurden, damals in Form der Schwester und des homosexuellen Mitbewohners der Hauptfigur. Garance Marillier wiederum, die in „Raw“ die Hauptrolle der Justine spielte, ist auch diesmal wieder in einer Nebenrolle dabei und trägt wieder ihren angetrauten Rollennamen. Die Regisseurin, die für beide Filme auch das Drehbuch schrieb, ist sich des Umstands bewusst, dass sie erneut die Dämonen ruft, die sie vor fünf Jahren bereits beschwor, kurz bevor die Vorbereitungen für ihren neuen Film begannen. Es findet eine Verwandlung statt, die nicht nur für Alexia / Adrien unerträglichen Schmerz bedeutet, sondern auch für den Betrachter. Das Leid, das sie ihren Opfern und sich selbst zufügt, überträgt sich ungeschönt auf den Kinosessel, man windet sich verkrampft in der Sitzschale und hat jederzeit das Notfallschild über dem Ausgang in Blick.

Und obwohl der „Adrien“-Teil der zweiten Filmhälfte noch einmal unerträglicher anzusehen ist, obwohl er Schamgefühl und Empathie wie Folterinstrumente einsetzt, so hält er doch die schönsten Momente bereit. Sie haben viel mit Vincent Lindon (als Vincent) zu tun. Er spielt einen Mann, der die Killerin Alexia auf der Flucht vor der Polizei als Adrien bei sich aufnimmt in der Annahme, es handle sich bei ihr um seinen verschollenen Sohn. Ein gebrochener Mann, der jedoch optisch als Ausbund an Virilität erscheint, was durch seinen Beruf als Leiter einer Feuerwehreinheit noch einmal grellrot mit lodernden Feuersbrünsten unterstrichen wird. Der 62-Jährige hat seinen Körper als Vorbereitung für die Rolle über Monate hinweg zu einem Bündel aus Sehnen und Muskeln antrainiert. Ihn im Zusammenspiel mit der deformierten Rousselle interagieren zu sehen, während seine zerstörte Seele zu heilen beginnt, die im Widerspruch zu seinem gestählten Körper steht, ist zweifellos eine der schönsten Erfahrungen des Kinojahrs. Denn im direkten Vergleich mit der unterkühlten, ja sogar medizinischen Beziehung zu den leiblichen Eltern aus dem ersten Akt wird in der von beiden Seiten freiwillig eingegangenen Vater-Kind-Beziehung eine einleuchtende Erkenntnis offenbar: Motoröl ist dicker als Blut.

Titane

Wie uns Terminator bereits lehrte: Brenne alles nieder und das Metall kommt zum Vorschein.

Natürlich sind all die brutalen Morde an Liebespartnern und Zufallsbekanntschaften, der Sex mit dem Auto, die aggressiven Männlichkeitsrituale der Feuerwehrmänner und der Jugendlichen in der hinteren Busreihe, die gebrochene Nase und die abrasierten Haare, die Versteckspiele, die Outings, das Muskelspiel unter Vincents Haut, die bedingungslose Liebe eines Ziehvaters, die Motoröl-Blutungen, die metallisch schimmernde Kugel unter den Rissen des Babybauchs und nicht zuletzt die Geburt selbst letztlich Metaphern für universelle Dinge, die viel mit der Entscheidungsfreiheit über das eigene Leben zu tun haben.

„Titane“ ist ein höchst unangenehmes Erlebnis der Sinne, das Scheußlichkeiten zeigt und sie zeitgleich auch akustisch erlebbar macht, wie um ihren Realismus zu betonen. Dementsprechend werden auch Body-Horror-Effekte nur in Maßen ausgespielt, oder man könnte auch sagen: Sie werden ganz und gar dem Ausdrucksvermögen von Agathe Rousselle überlassen. Und dies mit Erfolg. Wie schon „Raw“ leidet zwar auch der Nachfolger an gewissen dramaturgischen Problemen, zumal die genutzten Motive auf ganz konkrete Vorbilder und Pioniere zurückzuführen sind: Cronenbergs „Crash“ für das Metall, Alain Robaks „Baby Blood“ vielleicht für die Schwangerschaft. Dennoch hat Julia Ducournau ihr Material inzwischen so gut im Griff, dass sie nicht nur ihren Erstling „Raw“ nachträglich aufwertet, sondern erneut ihre Vorbilder überwindet und eigene Wege zu beschreiten weiß.

8 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von “Titane”

“Titane” erlebte im Juli in Cannes seine Uraufführung. Seit dem 7. Oktober 2021 kann man das kontroverse Drama in den deutschen Kinos erleben. Als Verleiher fungieren Koch Films, von denen mittelfristig wohl auch eine Heimkinoveröffentlichung zu erwarten ist. Ein konkretes Veröffentlichungsdatum steht zum Kinostart jedoch nicht fest.

Schaut in den Trailer von “Titane”

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Koch Films__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein / Nein (voraussichtlich ab 2022)

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