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Total Recall

Originaltitel: Total Recall__Herstellungsland: Kanada, USA__Erscheinungsjahr: 2012__Regie: Len Wiseman__Drehbuch: Kurt Wimmer u.a.__Darsteller: Colin Farrell, Kate Beckinsale, Jessica Biel, Bryan Cranston, Bokeem Woodbine, Bill Nighy, John Cho, Will Yun Lee, Milton Barnes, James McGowan u.a.
Total Recall

Kurt Wimmer verbrach das Drehbuch zum “Total Recall” Remake mit Colin Farrell und Kate Beckinsale.

Über den Sinn und Unsinn von Remakes ist schon oft genug gestritten worden. Verdammt von den einen, sehen andere darin die Chance auf Ausbügelung diverser Schwächen der Originale. Bei „Die totale Erinnerung – Total Recall“, dem knalligen Schwarzenegger Vehikel von Paul Verhoeven nach Vorlage von Philip K. Dick, meldeten sich beide Lager wieder vehement zu Wort. Doch selbst die größten Zweifler mussten zugeben, dass diverse Setpieces des Originals (vor allem auf dem Mars) und einige Effekte abseits der großartigen Maskenarbeit Arnies „Die totale Erinnerung – Total Recall“ hier und da in trashigere Gefilde abrutschen ließen. Vor allem aus heutiger Sicht wirkt der originale „Total Recall“ in einigen Momenten unschön gealtert. Zudem verlautbarten die Produzenten des Remakes, man wollte sich bei der Neubearbeitung des Stoffes mehr an der Kurzgeschichtenvorlage des brillanten K. Dick orientieren. Doch die ersten Trailer des Remakes wurden eher verhalten angenommen. Vom Mars war nix mehr zu sehen, Colin Farrells Charakter wirkte doch extrem hemdsärmlig und irgendwie erinnerten viele Szenen an das große Original. Daher erschienen vor allem die Versprechungen, sich deutlich von Verhoevens Vision zu lösen, mal wieder als haltloses PR-Gewäsch und Remakeschöngerede. Irgendwann äußerte Regisseur Len Wiseman auch noch, einen deutlich längeren Extended Cut nachschieben zu wollen. Die Zuversicht bzw. die Erwartungen, einen halbwegs runden Kinobesuch zu erleben, sanken doch deutlich. Nicht ganz zu Unrecht …

Total Recall

Colin Farrell als Douglas Quaid

Douglas Quaid lebt in einer Zeit, in der die Welt dank Kriegen und Umweltverschmutzung fast vollends zerstört ist. Nur zwei Horte menschlichen Lebens gibt es noch: Großbritannien und Australien. Zwischen diesen beiden „Inseln“ existiert eine Verbindung, die geradewegs durch den Erdkern führt und „The Fall“ genannt wird. Mittels jenem pendelt Quaid, der in Australien lebt und in England arbeitet, beständig hin und her und lebt eigentlich ein ganz normales Leben mit seiner wunderschönen Frau. Das einzige, was ihn immer wieder aus seiner normalen Welt reißt, sind einige verstörende Albträume, in denen er als eine Art Agent mit einer anderen Frau als seiner Ehefrau beständig in eine Falle rennt und kurz vor dem scheinbar fatalen Ende aus dem Schlaf schrickt. Beständig und überall flimmernde Werbung von Rekall, einer Firma, die sich auf die Manipulation von Erinnerungen spezialisiert hat, lässt Douglas hoffen, den Gründen für seine Träume auf den Grund gehen zu können. Doch bei der Prozedur geht etwas schief und plötzlich scheint alles und jeder Doug zu verfolgen…

Wer „Die totale Erinnerung – Total Recall“ mit Arnold kennt, wird bei Namen wie Cohaagen und Hauser und diversen Situationen im Film, die in ihren Dialogen teilweise 1:1 aus dem Original übernommen scheinen, mehr als einmal wohlig in sich hineinschmunzeln. Die Anknüpfungen an das Original und vor allem an die Figurenkonstellationen von Verhoevens Version sind Legion. Hier verändert Wiseman so gut wie gar nichts und sieht man eigentlich auch nicht wirklich etwas Neues. Eigentlich, denn das ganze Drumherum hat sich doch massiv verändert! Nicht nur ist der Mars Geschichte (Australien fungiert als eine Art neuer Mars), auch die Ziele des sinistren Bösewichtes Cohaagen sehen nun komplett anders aus. So hat man neben einer Vielzahl Déjà-vu Momente auch erstaunlich viele neue Ansätze, die durchaus gut funktionieren. Wenngleich man unumwunden zugeben muss, dass sich die Armada an Drehbuchautoren um Kurt Wimmer doch recht großzügig bei diversen anderen Filmen neuerer Prägung bedient. Von “I Robot” bis “Minority Report” wird scheinbar jede etwas düsterere Dystopie der letzten Jahre hergenommen und kräftig mit anderen vermengt. Das funktioniert zwar ganz gut, stinkt aber schon filmintern extrem gegen die deutlich spannenderen Elemente ab, die man schlicht und ergreifend originalgetreu aus „Die totale Erinnerung – Total Recall“ übernommen hat.

Total Recall

Highlight des Remakes: Kate Beckinsale als fiese Verfolgerin von Doug

Und in einigen weiteren Punkten bleibt das Remake weit hinter dem Original zurück. Farrell mag ein guter Schauspieler sein, in diesem physisch orientierten Actioner braucht es das aber zu keiner Sekunde. Es fällt zwar auf, dass sich Colin in den Actionszenen durchaus wohl fühlt, gerade aber gegen die selbstironische Performance von Arnold Schwarzenegger kommt er zu keiner Sekunde an. Das ist auch etwas, was „Total Recall“ vollkommen fehlt: Ironie oder feinste Spuren von Witz. Wisemans Remake setzt vollkommen auf Eskapismus und Schauwerte … und walzt alles andere platt. Dabei gerät nicht nur der Humor unter die Räder, nein, auch die reizvolle Doppelbödigkeit des Verhoeven Streifens, die noch lange nach Filmgenuss rätseln ließ, ob man nun einem Traum folgte oder das Gesehene Realität war, geht vollkommen flöten. So kommen dann Szenen aus dem Original, in dem darauf angespielt wird, Quaid könnte träumen, vollkommen unsubtil daher und werden schon in den ersten Szenen um Rekall als vollkommen obsolet entlarvt. Denn wie soll Quaid träumend bei Rekall hocken, wenn die eigentliche Prozedur an ihm für den Zuschauer weithin sichtbar nie stattfindet? Warum Wiseman dann manch Szene dahingehend auch noch so auswalzt, wie er es tut, bleibt vollends rätselhaft. Genau wie mancher Logikbock, der hier geschossen wird. Alleine die Angaben um „The Fall“ sind ein einziger Kniefall vor den Gesetzen der Physik und wirken nicht für einen Cent glaubwürdig. Gerade das Umkehren der Gravitation ließ mich mehrere Male kehlig lachen. Zumindest nutzt Wiseman diese Logikpatzer (passender wäre Dummheiten) für tolle Bilder und Effekte.

Total Recall

Bleibt leider blass: Jessica Biel als zweite vermeintliche Powerfrau im Cast.

Und hier legt das Remake von „Die totale Erinnerung – Total Recall“ einige Schippen drauf! Ballereien in der Schwerelosigkeit, eine starke Autoverfolgungsjagd mit schwebenden Automobilen, die bei “I Robot” geklauten Robotersoldaten, der Schmelztiegel Australien, in dem die Leinwand vor Eindrücken schier zu bersten droht, und Verfolgungsjagden, die mal in der Horizontalen steigen, um urplötzlich in die Vertikale überzugehen, sind allesamt topp getrickst und sorgen für ordentlich Eyecandy. Wie eigentlich alle Actionszenen und die liefert „Total Recall“ zuhauf. Gegen das Remake wirkt das Original trotz diverser harscher Gewaltausbrüche wie ein Omnibus auf der rechten Spur, während Wiseman mit seinem Dauertempo Action Powerhouse mehrmals links daran vorbeirast. Von Verfolgungsjagden über stark bebilderte und choreografierte Shoot Outs hin zu fettesten Spektakelbildern, in denen die Rechenknechte vor Belastung geächzt haben dürften, wird hier alles aufgefahren, was das moderne Actionkino zu bieten hat. Inklusive dem vollkommenen Fehlen von Druck oder Konsequenz – PG 13 sei Dank. Vor allem das langweilige Abknallen der x-Robotergesellen ist im Vergleich zum bluttriefenden Original einfach nur megöde.

In technischer Hinsicht unterliegt der Score von Harry Gregson-Williams dem starken Jerry Goldsmith Score in jedweder Hinsicht. In Sachen Kameraarbeit sollte man keine Abneigung gegen Lens Flare Effekte haben, die hier teils ganze Gesichter überstrahlen, obwohl nirgends eine zugehörige Lichtquelle auszumachen ist, denn Wiseman setzt sie fast schon inflationär oft ein. Davon abgesehen inszeniert Wiseman seinen Streifen mittels einer hübsch düsteren Farbpalette und geht weg von den von ihm sonst gewohnten monochromen Bilderwelten. Dynamische Kamerafahrten und sehr stylisch bebilderte Actionszenen weisen Wiseman erneut als versierten Genreregisseur aus.

Total Recall

Mit Action und Tempo satt rumpelt man über diverse Probleme hinweg. Mal mit Erfolg, mal ohne …

Schauspielerisch herrscht insgesamt der pure Durchschnitt vor. Colin Farrell macht einen guten Job, kann Arnie aber nie das Wasser reichen. Jessica Biel scheitert wie ehedem Rachel Ticotin an ihrer extrem blassen Rolle, die zwar als kämpferische Amazone angelegt ist, letztlich aber doch nur dazu da ist, um Douglas Quaid schöne Augen zu machen. Bill Nighy findet im Film als Walter gar nicht statt und muss sich definitiv fragen lassen, wieso er sich für den Film verpflichten ließ. Bryan Cranston steht für ein weiteres großes Problem des Filmes: Sein Cohaagen taucht ungelogen erst im Showdown des Filmes richtig auf. Hier wird dann auch erst so wirklich etabliert, um was es „Total Recall“ eigentlich gehen soll. Bis dahin ist der Film eine einzige, recht ziellose Verfolgungsjagd, die ihre Spannung nur daraus zieht, ob Quaid nun gefasst wird oder nicht. Die Etablierung eines echten Antipoden (man denke an die herrlich schmierlappigen Auftritte von Ronny Cox als Cohaagen im Original und den fiesen Michael Ironside als Quaids Dauerfolger Richter) hätte dem Film einiges an wirklicher Spannung bescheren können, die frühere Vorstellung der Bösewichtpläne sowieso. Wenn der Showdown im Remake anrollt, meint man auf einmal fast einen anderen Film zu sehen. Und auf einmal kommen sogar Momente auf, die nur aus sich heraus spannend sind – und bisher absolute Mangelware waren. Hier wird wirklich ohne Hemmungen Potential verschleudert. Cranston selber darf dann freilich nur im überdrehten Bad Ass Modus agieren und overacted sich um Kopf und Kragen. Der einzige echte Pluspunkt des Filme, der ihn förmlich überragt, ist die großartige Kate Beckinsale. Diese vereint in ihrer Rolle Elemente von Sharon Stones Figur Lori und Michael Ironsides Richter, darf dementsprechend viel länger im Film wirbeln und tut dies mit einer Verve, die ihresgleichen sucht! Ballernd, fluchend und prügelnd wuchtet sie sich durch den Film ihres Ehemannes und der weiß genau, wie er sexy Kate in Szene setzen muss. Fast wünscht man sich, Wiseman hätte Kate die Rolle des Quaid auf den Leib geschneidert… man(n) wird ja noch träumen dürfen.

Original oder Remake, das ist hier die Frage: Der pure Wille zu reinem, übersteigertem Eskapismus tropft dem Remake aus jeder filmischen Pore. Dabei geraten Subtilität, Ironie und Doppelbödigkeit des Originals vollkommen unter die Räder der Tempowalze, die zwar für zwei „Hirn raus und Film ab“ Stunden durchaus gut rockend unterhält, dem Original abgesehen von den technischen Werten aber in wirklich allen wesentlichen Punkten unterlegen ist und damit als Remake ziemlich versagt. Davon kündet auch der vollkommen lustlos eingebundene Crowd Pleaser um die dreimoppige Nutte. Kann man irgendwie das Original ausblenden, was dank der doch deutlich anderen Rahmenhandlung durchaus gelingen könnte, wird man von der weithin zusammengeklaubten Chose ganz nett unterhalten. Nur eine größere Vorlagentreue kann man hinter diesem Zitathaufen auch nicht erkennen … Vollkommen vergessen kann man das Remake also nicht (das geht schon wegen lecker Kate nicht), wirklich positiv daran erinnern wird man sich aber auf lange Sicht auch nicht.

„Total Recall” läuft seit 23. August in den deutschen Kinos und entspricht mit einer FSK 12 Freigabe der PG 13 Fassung. Auf Blu-ray erschien auch ein Extended Cut des Streifens. Dieser ist dann ab 16 freigegeben.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Sony Pictures Releasing GmbH__FSK Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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