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Venom: Let There Be Carnage

Originaltitel: Venom: Let There Be Carnage__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2021__Regie: Andy Serkis__Darsteller: Tom Hardy, Woody Harrelson, Michelle Williams, Naomie Harris, Stephen Graham, Reid Scott, Peggy Lu, Little Simz u.a.
Venom: Let There Be Carnage

Im Sequel “Venom: Let There Be Carnage” tritt der Symbiont gegen einen seiner beliebtesten Gegner an

Venom“ bezog 2018 zwar mächtig Prügel bei der Kritik, schlug an der Kasse dafür aber ordentlich ein: Platz 8 in der weltweiten Jahresbestenliste war für das Spin-Off der „Spider-Man“-Reihe um den titelgebenden Schurken drin. Also war das Sequel „Venom: Let There Be Carnage“ schnell beschlossene Sache.

Den Grundstein hatte ja bereits die Mid-Credit-Sequenz des Erstlings gelegt, in der Protagonist Eddie Brock (Tom Hardy) den Serienkiller Cletus Kasady (Woody Harrelson) im Gefängnis interviewte – den späteren Wirtskörper von Carnage, wie Comicfans bereits wussten. So beginnt der neue Film auch mit seinem Schurken, der angesichts der Besetzung mit Harrelson Assoziationen zu „Natural Born Killers“ hervorruft. Und wo Mickey Knox seine Mallory hatte, da hat Cletus seine große Liebe Frances Barrison (Naomie Harris). Die sitzt in der gleichen Anstalt wie er ein und hat übernatürliche Kräfte, aufgrund derer sie bansheeartige Schreie ausstoßen kann. Das sehen die Bewacher nicht gern und bringen sie in der 1996 spielenden Eingangsszene fort, in eine besonders gesicherte Einrichtung, was Cletus umso wütender macht.

In der Gegenwart muss Journalist Eddie mit der Präsenz des Symbionten Venom und der argwöhnischen Überwachung durch die Polizei leben – nach den Geschehnissen des Erstlings sind Detective Mulligan (Stephen Graham) und seine Kollegen skeptisch, dass Brock immer nur zufällig am Ort des Geschehens von Mord und Totschlag gewesen sein will. Also hält Eddie Venoms Hirn-Hunger mit Schokolade und Hühnerhirnen als Ersatz im Zaum, auch wenn der Symbiont protestiert. Seine aktuelle „Daily Bugle“-Story über Cletus soll gleichzeitig die Karriere in Schwung bringen und mithilfe von Venoms photographischem Gedächtnis kann Eddie aus Zeichnungen des Killers das Leichenversteck des Wahnsinnigen ausfindig machen.

Cletus soll aufgrund dieses Funds exekutiert wird und will vor seinem Dahinscheiden noch ein Interview geben. Als er im Zuge dessen Eddie beißt, übertragen sich Teile des Symbionten auf ihn. In der Todeskammer mutiert der Killer zu Carnage, kann ausbrechen und hat nur zwei Gedanken: Seine geliebte Frances wiederfinden – und Rache…

Falls nach der Kritikerschelte eine gründliche Fehleranalyse des Erstlings stattfand, dann hat man im Hause Sony sämtliche Erkenntnisse für das Sequel ignoriert. Immer noch beißt sich die Geschichte eines Köpfe wegschnabulierenden Schurken und der dualen Natur seines unwilligen Wirtes mit dem Slapstickton des Films, nur dass „Venom: Let There Be Carnage“ die düsteren Seiten des Vorgängers noch weiter in den Wind schlägt und noch mehr auf alberne Witzchen setzt. Dass das ungleiche Gespann aus Eddie und Venom eine Art Beziehungskrise hat, bei der man sich den gleichen Körper teilt, ist anfangs noch ganz reizvoll und witzig, wird aber so schnell überstrapaziert, dass es bald nervt. Und wenn Venom mit seinen Auswüchsen an Eddie rumzupft, ein Frühstück zubereitet und dabei ein Riesenchaos hinterlässt oder bei Wutanfällen die halbe Wohnung demoliert, dann fühlt sich das Ganze eher nach der dezent bösen Version von „Flubber“ als nach der Geschichte eines Superschurken an.

Venom: Let There Be Carnage

Eddie Brock (Tom Hardy) mit seiner Ex Anne Weying (Michelle Williams)

Auch das PG-13-Rating übernahm man vom Vorgänger, weshalb der Untertitel „Let There Be Carnage“ sich mehr auf den überpräsenten Antagonisten als auf das Leinwandgeschehen bezieht. Wo der Erstling lange brauchte, bis Eddie Brock endlich Venom in sich aufnahm, haut das Sequel jede Menge Spielzeit auf den Kopf, ehe Cletus dann tatsächlich zu Carnage wird. Was danach passiert, ist dann als Plot reichlich dünn: Carnage befreit erste seine Holde, danach will das Trio aus Serienkillern und Symbiont Rache an Eddie, Venom und Mulligan üben und kurz darauf kommt es zum Showdown. Dass Venom und Eddie zwischenzeitlich getrennte Wege gehen, ist dann auch eher ein Comedy-Intermezzo (inklusive Venoms Besuch eines Open-Air-Kostümfests mit Motivationsrede) als wirklich spannungsfördernd, denn Normalo-Eddie wird nie groß von den Bösewichten bedroht. Zumal das Ganze auch nur aus dem Vorgänger wiedergekäut ist, inklusive der Wiedervereinigung von Symbiont und Wirt für den Kampf gegen den Obermotz und der Tatsache, dass Eddies Ex-Verlobte Anne Weying (Michelle Williams) als Botin und kurzzeitige She-Venom fungieren muss.

Anne und ihr neuer Verlobter Dr. Dan Lewis (Reid Scott) wirken phasenweise eh wie Altlasten, die man mehr schlecht als recht in den Film hineinschrieb, was sich erst zum Showdown bessert. Davor ist „Venom: Let There Be Carnage“ ein reichlich richtungsloses Chaos zwischen eher müder Beziehungscomedy und lauter guter Ansätze, die aber nirgendwo hinführen. Das dramatische Vorleben Cletus‘ wird so aufgenommen und fallengelassen, wie es Drehbuchautorin Kelly Marcel („Cruella“) gerade beliebt, weshalb es reichlich bemüht wirkt, wenn im Finale kurzfristig noch eine andere Perspektive auf seine Taten offeriert wird. Ähnlich schwach entwickelt ist die eigentlich reizvolle Idee, dass Frances‘ Kräfte sowohl für Venom als auch für Carnage schädlich sind. Das ist natürlich alles wichtig im Finale, warum Carnage sich aber urplötzlich komplett gegen die Herzensdame seines Wirtes stellt, kann der Film nie so wirklich verklickern. Im Falle eines Erfolgs ist freilich mit weiteren Sequels zu rechnen: Eine der letzten Szenen bereitet eine „Venom“-immanente Fortsetzung vor, eine Mid-Credit-Sequenz schlägt den Bogen zum Ende von „Spider-Man: Far from Home“.

Venom: Let There Be Carnage

Schurke Cletus Kasady (Woody Harrelson) in menschlicher Form…

Für die Second Unit heuerte man dieses Mal nicht Spiro Razatos, aber den ähnlich versierten Brian Smrz („Love and Monsters“) an. Dummerweise bekommen er und Stunt Coordinator James M. Churchman („Captain Marvel“) wesentlich weniger zu tun als Razatos im Erstling, da es kaum handgemachte Action zu sehen gibt. Über weite Strecken sieht man Carnage dabei zu, wie er lauter chancenlose Polizisten und Wärter durch den Wolf dreht (aber jugendfrei), was natürlich mit dickem CGI-Einsatz abläuft. Beim Showdown Venom vs. Carnage ist es nicht anders, auch wenn der Film immerhin mit den Eigenschaften der Symbionten spielt. Zwar werden die Fähigkeiten des Waffenformens weniger genutzt als im Erstling, dafür wirkt das Zusammentreffen in und auf einer Kathedrale wesentlich übersichtlicher und dynamischer als das Finale des Vorgängers. Tatsächlich dürfte diese Szene das große Highlight sein, wenn sich die Symbionten und ihre jeweiligen Verbündeten kloppen, teilweise in parallel montierten Gefechten.

Immerhin scheint die Reihe ihrem Hauptdarsteller ja am Herzen zu liegen, denn Tom Hardy („Mad Max: Fury Road“) schrieb nicht nur an der Story mit, sondern legt sich auch schauspielerisch ins Zeug, was aber leider angesichts der Ausrichtung des Films immer wieder in Richtung billiger Schmierenkomödie geht, wenn auch einer gut gespielten billigen Schmierenkomödie. Noch weiter veredelt Woody Harrelson („Kate“) den Film, dessen launige Schurkenperformance sicherlich das Beste an „Venom: Let There Be Carnage“ ist: Als durchgedrehter Villain, der seine persönlichen Bedürfnisse über das Überleben anderer stellt und gleichzeitig eiskalt und überemotional ist, wertet er den Film unheimlich auf. Auch inszenatorisch schenkt ihm Andy Serkis („Mogli – Legendes des Dschungels“) auf dem Regiestuhl einen herausragenden Moment, wenn Teile seiner Vergangenheit als in den Film gemalte Strichmännchen-Cartoons auftauchen. Naomi Harris („Keine Zeit zu sterben“) als Nebenschurkin Shriek und Stephen Graham („Pirates of the Caribbean – Salazars Rache“) als misstrauischer Detective setzen noch kleine Akzente, während Michelle Williams („Alles Geld der Welt“) reichlich verschenkt ist. Die mehrfach Oscar-nominierte Darstellerin spielt pflichtschuldig und wenig elanvoll ihren Stiefel runter, hinterlässt kaum Eindruck.

Venom: Let There Be Carnage

…und als Carnage

Wer also die Szene im Hummerrestaurant in „Venom“ für den Gipfel der Filmkomik hielt, der kommt in „Venom: Let There Be Carnage“ voll auf seine Kosten, denn das Sequel setzt mehr auf die Slapstick-Comedy im Streit zwischen Symbiont und Wirt. Die düsteren Aspekte und der Anteil handgemachter Action wurden dagegen reduziert, sodass nur die stärkere Schurkenfigur (sowohl in der menschlichen als auch in der mutierten Variante) und der gelungene Showdown dafür sorgen, dass „Venom: Let There Be Carnage“ nur geringfügig und nicht deutlich misslungener als der Erstling ist.

Sony bringt „Venom: Let There Be Carnage“ ab 21. Oktober 2021 in die deutschen Kinos. Die FSK-Freigabe steht bisher noch nicht fest.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Sony__FSK Freigabe: ungeprüft__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 21. Oktober in den deutschen Kinos

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