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Violent Night

Originaltitel: Violent Night__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2022__Regie: Tommy Wirkola__Darsteller: David Harbour, John Leguizamo, Beverly D’Angelo, Leah Brady, Alex Hassell, Alexis Louder, Edi Patterson, Cam Gigandet, Brendan Fletcher, Mike Dopud, Alexander Elliot, André Eriksen u.a.
Violent Night

In Tommy Wirkolas schwarzhumorigem “Violent Night” gibt David Harbour als Weihnachtsmann Gangstern Saures

Anno 2013 hatte Regisseur Tommy Wirkola bereits das Geschwisterpaar aus Grimms Märchen in „Hänsel & Gretel – Hexenjäger“ zu Actionhelden gemacht, neun Jahre später lässt der norwegische Genreregisseur dem Weihnachtsmann mit „Violent Night“ eine ähnliche Behandlung zukommen.

Santa Claus (David Harbour) ist zu Beginn des Films allerdings kein allzu vergnügter Zeitgenosse: Immer weniger Menschen glauben an ihn, die Kinder wünschen sich nur noch Cash und Videospiele, wenn nicht sowieso Amazon die Geschenke bringt. Dementsprechend lässt der gute Mann sich auf dem Weg zur Arbeit auch mal volllaufen und erledigt Teile der Geschenkeroute im Suff. Doch wie die ähnlich gelagerte Weihnachtsmann-Inkarnation in „Fatman“ ist auch dieser Santa unter seiner rauen Schale von einem Pflichtgefühl angetrieben, was ihn seinen Job immer noch mit Sorgfalt und Professionalität erledigen lässt.

Mit ganz anderen Profis bekommt es dagegen die schwerreiche Familie Lightstone am Heiligabend zu tun. Matriarchin Gertrude (Beverly D’Angelo) hat zur Feier geladen, der beide Kinder Folge leisten. Sohn Jason (Alex Hassell) mit seiner entfremdeten Ehefrau Linda (Alexis Louder) und der gemeinsamen Tochter Trudy (Leah Brady), Tochter Alva (Edi Patterson) nebst Social-Media-verrücktem Sohnemann Bert (Alexander Elliot) und ihrem tumben Angeber-Ehemann, dem Actionstar Morgan (Cam Gigandet). Dummerweise besteht das angeheuerte Servierpersonal aus Söldnern, die sowohl mit den Wachleuten als auch allen anderen Angestellten des Hauses kurzen Prozess machen – eine rabiate feindliche Übernahme, die an diverse Actionfilme der 1980er und 1990er wie z.B. „Alarmstufe: Rot“ erinnert, denen „Violent Night“ ja auch Tribut zollen möchte.

Die Schurken mit weihnachtlichen Codenamen unter der Führung von Scrooge (John Leguizamo) wollen an ein Vermögen, das im Tresor der Lightstones lagert. Allerdings starten sie ihre Geiselnahme in dem Moment, in dem gerade Santa vor Ort ist, um Geschenke abzuliefern. Der besitzt die Fähigkeiten eines Kriegers und setzt diese ein, um den Gangstern einzuheizen…

Schaut euch den Trailer zu „Violent Night“ an

Violent Night

Eigentlich will Santa Claus (David Harbour) an diesem Heiligabend nur arbeiten wie üblich

Stirb langsam“ mit einem echten Santa Claus – diese Anmerkung erhielt Tommy Wirkola („What Happened to Monday?“) mit Pat Caseys und Josh Millers Script, das ihm von David Leitchs Produktionsfirma 87North zugeschickt wurde, die derzeit stetig für knallige, möglichst handgemachte Mid-Budget-Actionware wie „Nobody“, „Bullet Train“ und „Kate“ sorgt. Tatsächlich sind die Parallelen zu dem genredefinierenden Klassiker „Stirb langsam“ mit der Geiselnahme und dem Knacken des Tresors unübersehbar, aber „Violent Night“ stellt diese sogar noch heraus, etwa indem er das Vorbild an einer Stelle kurz erwähnt. Auch der Soundtrack von Dominic Lewis („The King’s Man“) zitiert Michael Kamens „Stirb langsam“-Musik in einigen Passagen dezent. Die Weihnachtsfilmzitate gehen aber noch weiter: Trudy erzählt begeistert von „Kevin – Allein zu Haus“ und baut in Kevin-Tradition Fallen für die Schurken, deren Folgen allerdings wesentlich realistischer dargestellt werden, an „Stirb langsam 2“ erinnert unter anderem eine Actionsequenz auf Schneemobilen im letzten Drittel, während man als Lightstone-Familienoberhaupt jene Schauspielerin castete, welche schon in „Schöne Bescherung“ (und weiteren Griswold-Filmen) eine Hauptrolle als Mutter spielte. Weihnachtliche Codenamen wie Scrooge, Krampus oder Gingerbread und teilweise auch Kostüme tragen die Schurken, während das Treiben auf dem festlich geschmückten Anwesen der Lightstones stattfindet.

Dabei wird die Deko gerne zweckentfremdet: Nussknacker dienen als Folterinstrumente, ein Schurke wird mit einem Gips-Jesus aus einer Krippenszene niedergeschlagen, während Santa gleich eine ganze Reihe von Weihnachtsinsignien als Waffen benutzt. Aus einer festlichen Girlande wird eine Würgeschlinge, eine spitz gelutschte Zuckerstange dient als Messerersatz, ein Weihnachtsstern landet im Auge eines Kontrahenten. Dabei zeigt sich, dass Wirkola seit seinen „Dead Snow“-Filmen wenig von seinem derben Splatterhumor verloren hat, wenn Santa seine Gegner durch den Wolf dreht. Sie kriegen einen schweren Hammer auf den Kopf, landen in einem Häcksler oder werden auf einem Deko-Stalagmiten aufgespießt. Für den Endfight gibt es sogar noch einen Finishing Move mit einer Santa-Spezialfähigkeit.

Violent Night

Bösewicht Scrooge (John Leguizamo) will den Weihnachtsmann lieber tot sehen

Wirkolas Splattervorlieben treffen dabei auf das Action-Design der 87North-Produktionen, für das hier der erfahrene Jonathan Eusebio („Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“) als Stunt Coordinator und Second-Unit-Regisseur verantwortlich zeichnete. Dementsprechend sauber choreographiert und übersichtlich sind die Fights und Shoot-Outs ausgefallen, auch wenn „Violent Night“ dabei nicht ganz die Klasse von „John Wick“ und „Nobody“ erreicht: Gerade beim Kleinkrieg im Werkzeug- und Gartengerätelager ist der Film etwas dunkler, der Schnitt etwas schneller – vermutlich hat Hauptdarsteller David Harbour nicht das gleiche Maß an Training durchlaufen wie Keanu Reeves und Bob Odenkirk für ihre besagten Rollen. Dafür überzeugen die Fights mit Einfallsreichtum, etwa wenn sich Santa und Scrooge in einem Kampf auf gefrorenem Boden gegenüberstehen, in dem ein Hammer, eine Eishacke und Schuhe mit Spikes wichtige Rollen spielen. Für Stunts sorgen Stürze aus verschiedenen Höhen und die Jagd auf den Schneemobilen, hin und wieder fliegt auch mal was in die Luft und gut über den Film verteilt ist die Action auch.

„Violent Night“ profitiert von seinen markigen Schurken, die trotz grober Pinselstriche ein gewisses Maß an Persönlichkeit haben. Neben Scrooge, der ein persönliches Weihnachtstrauma verarbeiten muss, wird hier vor allem dem Soziopathen Krampus (Brendan Fletcher) Zeit gewidmet, der die Geiseln ihre Geschenke auspacken lässt und dies hämisch kommentiert. Allerdings gibt es auch kleinere Hänger und Fehlschläge zu verzeichnen. Santas Vergangenheit als Wikingerkrieger hätte man entweder etwas ausführlicher beleuchten oder ganz weglassen sollen, denn so bringen die entsprechenden Einschübe den Film nicht weiter. Ob ein paar Gross-Out-Gags, etwa wenn Santa einer ergriffen gen Himmel starrenden Barfrau auf den Kopf kotzt, hätten sein müssen, ist sicherlich Geschmackssache. Obwohl es sich bei Santa Clause um einen mythischen Helden handelt, versucht „Violent Night“ diesen eher in die McClane-Ecke zu rücken: Er schreitet nur widerwillig zur Rettung, möchte erst abdampfen, wird schwer verletzt und muss seine Wunden versorgen, während er immer wieder mit sich und dem, was aus dem Weihnachtsfest geworden ist, hadert.

Violent Night

Santa wird zum Beschützer der Lightstone-Familie rund um das artigen Mädchen Trudy (Leah Brady)

Denn „Violent Night“ ist auch eine Satire auf die Kommerzialisierung des Weihnachtsfests. Wirkola hat dabei, wie gewohnt, wenig mit Subtilität am Hut, erzeugt aber einige Lacher, etwa wenn Santa an in seinem bodenlosen Geschenksack nach einer Waffe sucht, aber immer nur Videospiele und Blu-Rays hervorzieht. Derbe, aber durchaus witzig und treffend sind die Beschreibung der dysfunktionalen Lightstone-Familie: Gertrude führt noch Heiligabend Geschäftsgespräche, in denen sie die Person am anderen Ende der Leitung mit Beleidigungen überzieht und zur Schnecke macht, Alva versucht sich stetig einzuschleimen, in der Hoffnung als Firmenerbin eingesetzt zu werden. Der geckenhafte Morgan hingegen schenkt Getrude die Finanzierungsoption für einen zweitklassigen Actionfilm mit ihm selbst in der Hauptrolle, während der instagramsüchtige Bert zu jeder Zeit selbstdarstellerische und verlogene Posts ablässt. Dadurch hält sich das Mitleid mit vielen Geiseln in Grenzen, aber im klassischen Sinne spannend will „Violent Night“ ja auch gar nicht sein, sondern lieber eine grelle Achterbahnfahrt im Weihnachtslook. Schließlich lässt sich der eine oder andere Plottwist bei Kenntnis der Vorbilder vorhersehen. Für ein gewisses Maß an Erdung in dem grellen Treiben sorgen Jason, Linda und Trudy, deren Familienleben natürlich im Verlauf dieser gewalttätigen Nacht gekittet wird, was zwar gelegentlich in Richtung Kitsch abdriftet, insgesamt aber doch relativ charmant gemacht ist.

Dass diese Szenen und das Gewese darum, ob man an Santa glaubt oder nicht, funktionieren, liegt auch an Leah Brady („The Umbrella Academy“), die als Kinderdarstellerin erfreulich natürlich und unnervig spielt. Natürlich bleibt sie eine klare Nebenfigur, denn das Zentrum des Films ist ein toll aufgelegter David Harbour („Black Widow“) als zulangender Weihnachtsmann mit abgefuckter Attitüde. Fast genauso stark ist John Leguizamo („Die Wall Street Verschwörung“) als eiskalter Bösewicht, während die die dysfunktionale Lightstone-Familie von Beverly D’Angelo („Hexensabbat“), Cam Gigandet („Blowback – Time for Payback“), Edi Patterson („Knives Out“) und Alexander Elliot („Locke & Key“) mit viel Spielfreude porträtiert wird. Dagegen haben Alex Hassell („Suburbicon“) und Alexis Louder („Copshop“) leider die Langweilerrollen als gute Eltern abbekommen, sodass sie trotz guten Spiels weniger Akzente setzen können. Die Schurken sind charismatisch, wobei vor allem Brendan Fletcher („Rampage: President Down“) als greller Soziopath im Elfenkostüm Eindruck hinterlässt.

„Violent Night“ liefert genau das ab, was die Kombination aus Tommy Wirkola und 87North versprach: Einen lauten, wenig feingeistigen, aber schmissig spaßigen Action-Comedy-Splatter-Weihnachtsreißer. Über einen klassischen Spannungsbogen verfügt der Film weniger, nicht jede Idee sitzt, der Großteil jedoch tut es, sodass eine schwarzhumorige, derbe Achterbahnfahrt mit zahlreichen Weihnachts(film)referenzen dabei herausgekommen ist, bei der David Harbour das Haus rockt. Gegen diese knallige „Stirb langsam“-Version mit Santa kann „Fatman“ einpacken.

Universal bringt „Violent Night” am 1. Dezember 2022 in die deutschen Kinos. Die FSK gab ihn ungekürzt ab 16 Jahren frei.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Universal__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 1.12.2022 in den deutschen Kinos

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