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Wer – Das Biest in dir

Originaltitel: Wer__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2013__Regie: William Brent Bell__Darsteller: A.J. Cook, Sebastian Roché, Vik Sahay, Stephanie Lemelin, Brian Scott O’Connor, Oaklee Pendergast, Simon Quarterman, Brian Johnson, Camelia Maxim, Collin Blair u.a.
Wer

Ein Werwolf-Film ohne Werwolf: “Wer”

In Frankreich wird eine Familie auf ihrem Urlaubsausflug von irgendetwas attackiert. Vater und Sohn der Familie werden grausam zerstückelt, nur die Mutter kommt mit entsetzlichen Verletzungen lebend davon. Die ermittelnde Polizei geht lange von einem Tierangriff aus, bis die Aussage der verletzten Frau ziemlich deutlich macht, dass sie meint, von einem – wenngleich stark behaarten – Menschen angegriffen worden zu sein. Wenig später hat die Polizei aufgrund der Beschreibungen der Frau einen riesigen Mann mit unverkennbaren Haarwuchs am ganzen Körper verhaftet. Sein Name: Talan Gwynek

Seine Verteidigung wird der amerikanisch stämmigen, inzwischen aber in Frankreich lebenden Kate Moore anvertraut. Diese scheint von der ersten Begegnung an nicht an die Schuld Talans zu glauben. Vielmehr meint sie beweisen zu können, dass Talan gar nicht in der Lage gewesen sei, einen Menschen zu töten, leide er doch an Porphyrie. Die Krankheit äußert sich in heftigen Anfällen und einer gewissen Knochenschwäche, die den brachialen Angriff auf die Familie vollkommen unmöglich gemacht hätte. Als die örtliche Polizei auch noch einen riesigen Bär in den Wäldern rund um den Tatort erlegt, scheint der Fall klar. Doch Kate will sichergehen und veranlasst einen alles entscheidenden Test…

Bei diesem wird Talan derart gestresst, dass er einen seiner Anfälle bekommt und plötzlich urgewaltig auf die ihn betreuenden Ärzte losgeht. Er richtet ein unbegreifliches Massaker an und entschwindet in die Nacht. Kate und die Polizei eilen ihm nach, um das Schlimmste zu verhindern…

Wer

Achtung bissig!

Bis zu dem erzwungenen Anfall Talans ist „Wer“ ein großartiger Fall gelungenen Spannungsaufbaus. Die via Found Footage Optik dargereichte, den Film eröffnende Attacke auf die Familie lässt zwar für die folgenden 90 Minuten schlimmstes Kameragewackel erwarten, doch direkt nach dem Angriff startet ein überwiegend filmischer Abschnitt, in dem Kate Moore in den Fall eintaucht und versucht, den sanften, sehr in sich zurückgezogenen Riesen Talan aufzu- tauen und zu einer Aussage zu bewegen. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil von Talan viel Faszination ausgeht und das zerbrechlich Zutrauen zwischen Kate und ihm organisch entsteht und nicht übers Knie gebrochen wirkt. Auch bleibt immer in der Schwebe, was nun mit Talan los ist und ob er zu einer solch schrecklichen Bluttat überhaupt fähig ist.

„Wer“ baut in diesem Abschnitt viel Atmosphäre auf und startet auch einen netten Subplot, in dessen Verlauf sich einer der Mitarbeiter von Kate Moore doch deutlich verändert. Auch ein paar sehr fies gesetzte Jump Scares treiben den Puls immer wieder einmal ordentlich nach oben.

Doch dann legt Talan los. Und alles bricht ein Stück weit in sich zusammen. Das Schlimmste ist, dass sich die Figuren ab sofort sehr dämlich verhalten und noch dümmer agieren und dem Film selbst irgendwann keine Begründungen mehr einzufallen scheinen, warum Kate Moore eigentlich immer noch an jedem Set herum hüpfen darf. Atmosphäre und Spannung fallen in der letzten halben Stunde deutlich ab, dafür gehen zum Ausgleich das Tempo und die Gewalttätigkeit richtig steil. „Wer“ wird nun zur munteren Monsterhatz, in deren Verlauf Talan bzw. Special Effects Maestro Robert Hall („Laid to Rest“) so richtig aufdrehen dürfen. Fortan werden Köpfe zermantscht, an Wänden zerschmettert, Gliedmaßen abgerissen und Körper gegen Wände oder auf Fußböden geschleudert, wo sie beinahe zerplatzen. Und wenn ein Kiefer in Großaufnahme herausgerissen wird, dürften so manche Gorehounds ordentlich feiern.

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Talan vor seinem Stresstest…

Mit der zu Beginn aufgebauten Subtilität und Ungewissheit hat das freilich nichts mehr zu tun. „Wer“ geht nun nur noch nach vorne und versucht mit wirklich dummem, pseudowissenschaftlichem Phrasengedresche halbwegs zu erklären, was da auf der Leinwand gerade abgeht. Das hält den Film zwar zusammen, viel darüber nachdenken sollte man aber um der eigenen Unterhaltung willen nicht. Problema- tisch (oder besser: zu überdreht) wird es dann, wenn alles in einem uninspirierten Monster vs. Monster Showdownfight ausklingt, der nicht einmal gut choreografiert ist und in einen bemühten, leicht ungelenk wirkenden Epilog mündet.

Die Darsteller wirken meines Erachtens nicht nur in dem zweiten Teil des Filmes stark überfordert. Vor allem A.J. Cook („Final Destination 2“) war definitiv nicht die beste Wahl für die Rolle der Kate. Das merkt man spätestens dann, wenn der Talan-Darsteller sie schweigend und bewegungslos mühelos an die Wand spielt. Eine bessere Schauspielerin hätte den ohnehin starken Einstieg sicher noch einmal deutlich aufwerten können. Vom zweiten Teil ganz zu schweigen, denn aufgrund des Handlungsumschwunges kommt Frau Cook vollkommen unter die Räder. Es wirkt weitgehend total unlogisch, dass sie überhaupt noch vor Ort ist. Nicht nachvollziehbare Aussagen und Handlungen erhöhen auch den Nervfaktor ihrer Figur deutlich. Vik Sahay („Chuck“) muss als Wissenschaftler des Teams häufig so tun, als würde er glauben, was er da für einen Kokolores von sich lässt. Ansonsten wird seine Funktion für den Film nie so wirklich deutlich. Simon Quarterman (der schon in dem katastrophal miesen „Devil Inside“ mit dem „Wer“-Regisseur William Brent Bell zusammenarbeitete) hat die interessanteste Rolle abbekommen, da sich seine Figur im Laufe des Filmes wirklich grundsätzlich verändern darf und vom durchaus sympathisch gezeichneten Klischee-Ami zum alles entscheidenden Zünglein an der Waage mutiert. Zunächst sehr faszinierend ist Brian Scott O’Connor als riesiger Talan, den man so überhaupt gar nicht einzuschätzen vermag, bis er am Ende explodiert und auch in der fordernden Action eine gute Figur macht. Wirklich inspirierend ist allerdings keine der Figuren geraten. Und wenn die Hauptfigur nicht einmal ansatzweise mitzubekommen scheint, was mit den Charakteren um sie herum passiert, wird’s ganz ganz peinlich!

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Talan legt los!

Die technische Seite des Filmes ist da- gegen durchaus ansprechend ge- worden. „Wer“ wurde sehr direkt mit nervöser Handkamera eingefangen, die mehr als einmal die Position eines unmittelbaren Beobachters einnimmt und mit harten Schwenks und unvermuteten Zooms arbeitet. Das entstehende hektische Treiben wird immer mal wieder unterbrochen von beständig eingewobenen Aufnahmen von Überwachungs-, Nachrichten-, Verhör- und Helmkameras sowie Found Footage Bildmaterial. Das Ergebnis ist frisch, schnell und durchaus energie- geladenen. Gerade in den actionreichen Momenten aber auch zu energiegeladen und damit der Übersicht abträglich. Von der Musik zum Film ist bei mir so gut wie nichts hängen geblieben. In den Jump Scares funktioniert sie toll, in der Action auch, ansonsten bleibt sie belanglos dudelnd immer hinter den Bildern zurück.

Am Ende bleibt ein überdeutlich zweigeteilter Horror-Ritt, der zunächst mit seiner reizvollen Herangehensweise an sein Sujet punktet. Denn mit seiner „realistisch“ aufgemachten Spurensuche und Herangehensweise an den Fall unterwandert er die Erwartungen des Zuschauers (ein Werwolf-Film ohne Werwolf!) und baut neben einer ordentlichen Atmosphäre auch eine knackige Spannungskurve auf, die er immer wieder mit effektiven Jump Scares aufwertet. In Hälfte zwei opfert er dann diese positiven Seiten und wird seltsam dumpf und dumm. Die Figuren agieren unglaubwürdig und die präsentierten Situationen muten selten logisch an. Dafür punktet „Wer“ in diesem Abschnitt mit einem tollen Tempo und wirklich heftigen Masken-Effekten von Robert Hall, der mit sichtlichem Spaß an der Freude diverse menschliche Körper zerstören lässt. Den seltsamen Monster-Clash gegen Ende muss man dann mögen, um „Wer“ nicht komplett abzuschreiben. Unterm Strich kam ich persönlich mit diesem wilden Mischmasch gut zurecht und würde dem Film definitiv ein ordentliches Unterhaltungsniveau zusprechen. Wäre es ihm aber gelungen, ähnlich interessant auszuklingen wie er eingestiegen ist, „Wer“ hätte definitiv soviel mehr sein können.

Die deutsche DVD/Blu-ray von „Wer“ kommt am 14. Oktober 2014 von Ascot Elite und ist mit einer FSK 18 Freigabe ungeschnitten.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
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Copyright aller Filmbilder/Label: Ascot Elite__FSK Freigabe: ab 18__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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