Wir zelebrieren Actionfilme, die rocken!

Wir

Originaltitel: Us__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2019__Regie: Jordan Peele__Darsteller: Anna Diop, Elisabeth Moss, Lupita Nyong’o, Kara Hayward, Yahya Abdul-Mateen II, Winston Duke, Cali Sheldon, Tim Heidecker, Noelle Sheldon, Shahadi Wright Joseph u.a.
Wir Us deutsches Poster

“Wir” ist das neueste Werk von “Get Out”-Regisseur Jordan Peele.

Adelaide Wilson wurde im Kindesalter bei einem Besuch an einem Strand traumatisiert. In einem Spiegelkabinett an der Strandpromenade traf sie auf ein Mädchen, das ihr bis aufs Haar glich. Seitdem fühlt sich die inzwischen junge Frau permanent verfolgt und hat immer ein ungutes Gefühl in Strandnähe. Da kommt es ihr nicht unbedingt gelegen, dass ihr Ehemann sie mehr oder weniger dazu nötigt, mit ihm und den gemeinsamen Kindern eine Auszeit in einem strandnahen Wochenendhaus zu verbringen.

Doch sie lässt sich breitschlagen. Was folgt, ist der übliche Terror aus nicht hörenden Kindern und einem Kindskopf als Ehemann. Kurzum: Ein ganz normaler Familienurlaub bricht sich Bahn. Doch just in dem Moment, in dem Adelaide auch in der Lage zu sein scheint, loslassen zu können, bemerkt sie vermehrt seltsame Zufälle. Sofort ist sie wieder in permanenter Habachtstellung.

Das wird nicht besser, als in der Auffahrt des Sommerhauses der Familie auf einmal eine andere Familie in roten Overalls auftaucht. Als diese sich nicht verbal vertreiben lässt und Adelaides Mann handgreiflicher zu Werke gehen will, fallen die vier Personen über Adelaides Familie her. Das Verblüffende: Die vier Angreifer sehen exakt aus wie Adelaide, ihr Mann und ihre Kinder. Das Gefährliche: Mit rasiermesserscharfen Scheren wollen sie eine sogenannte „Ablösung“ herbeiführen. Für Adelaide und Co. beginnt der pure Kampf ums Überleben.

Schaut in den genialen Trailer zu “Wir” hinein

„Wir“ steigt mit den Ereignissen ein, die Heldin Adelaide einst traumatisierten. Ohne wirklich zu verraten, was eigentlich passiert ist. Danach erleben wir Adelaide im Hier und Jetzt. Lernen ihre Familie kennen und sind bei den ersten friedlichen Tagen ihres Urlaubes dabei. Dann turnt „Wir“ und wird zum effektiven Home-Invasion-Horror. Und hat mit den Angreifern, die ihren Opfern absolut ähnlich sehen, ein echt creepy Ass im Ärmel. Was durch deren Art, zu kommunizieren, nur noch unterstrichen wird. Hier läuft „Wir“ richtig rund! Ist spannend, hat eine geniale Prämisse, ist fantastisch gespielt, spitze getaktet und bietet infolgedessen mitreißendes Spannungskino.

Dann turnt Regisseur und Drehbuchautor Peele erneut. Verlässt den beengten Schauplatz und wird „größer“. „Wir“ wird zu einer Art Epidemie/Zombie-Thriller. Dazu stellt Peele obendrein die bisherigen Regeln auf den Kopf. Macht aus Adelaides Familie plötzlich selbst Protagonisten, die in ein fremdes Haus eindringen und dort für „Terror“ sorgen. Allerdings noch einmal mit einem Dreh versehen.

Wir Us Doppelgänger Familie

Eine unheimliche Familie in roten Overalls bedroht Adelaide und ihre Lieben.

Leider ist alles, was nun passiert, reichlicher Genre-Standard mit hinlänglich bekannten Genre-Versatzstücken. „Wir“ erlebt einen seltsamen Spannungsabfall und kann auch mit einigen Jump-Scares nicht mehr gegensteuern. Urplötzlich sitzt man nach dem starken Beginn beinahe ein wenig enttäuscht vor „Wir“. Irgendwie hatte man sich nach dem gefeierten „Get Out“ vom gleichen Regisseur mehr erwartet.

Eher fallen jetzt Nebensächlichkeiten positiv auf. Etwa dass „Wir“ immer wieder Anflüge eines rabenschwarzen, aber echt starken Humors (großartig ist beispielsweise das Highscore-Gekabbel der Familie) transportiert, ein feines Tempo hat und vor allem mit seiner technischen Umsetzung zu begeistern weiß. Peele inszeniert in breiten, durchdacht wirkenden Bildern, zelebriert immer wieder schön anzusehende Kamerafahrten, arbeitet gerne mit der Signalfarbe Rot und setzt vor allem auf einen absolut einprägsamen Score und super Soundtrack-Songs wie dem absolut kongenial eingesetzten „Fuck the Police“ von NWA. Und auch die Beach Boys verlieren im Laufe des Filmes ihre musikalische Unschuld. Kurzum: „Wir“ weiß noch zu unterhalten.

Wir Us mit Lupita Nyong'o

Adelaide kämpft um ihre Familie.

Nun folgt das letzte Drittel. Auf einmal beginnt Peele zu erklären. Und erklärt und erklärt und erklärt. Da scheint dann auch die sozialkritische Komponente, die vermutlich jeder von ihm erwartet hat, durch. Die ist auch gar nicht so dumm, kommt aber reichlich schwachbrüstig daher. Zudem hat man mehr und mehr den Eindruck, dass Peele zwar viel erklärt, aber im Grunde auch wieder nicht. Sprich: Die Erklärungen reißen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Und wirklich logisch will das etablierte Erklärungsgerüst auch nicht anmuten. Hier verliert Peele seine Zuschauer beinahe komplett. Alles was er erklärt, beginnt man zu hinterfragen. Und da sieht „Wir“ dann wirklich alt aus. Unvermittelt beginnt man auf dem Kinostuhl herumzurutschen. Hat Peele „Wir“ komplett verbockt?

Wir Us Doppelgänger in Jordan Peeles Film

Die Doppelgänger stellen sich vor…

Doch mitten in diese Phase des Dysfunktionalen wirft Peele dann den genialsten Moment seines ganzen Filmes. Es erklingt die bereits aus dem Trailer bekannte klassische Aufarbeitung des Songs „I got five on it“ von Luniz. Zu diesem verstörend genialen Stück Musik tanzen zwei Figuren einen absolut perfekt choreografierten Tanz des Todes, an dessen Höhepunkt die Soundspur von „Wir“ förmlich Amok läuft und den Bassboxen wirklich alles abverlangt. Mitten in dieser großartigen Szenerie bereitet Peele dann obendrein final den Boden für einen nicht unerwartbaren, aber nach den ziemlich erdenden Minuten im Vorfeld ordentlich einschlagenden Schluss-Clou. Und schon geht man einigermaßen versöhnt mit „Wir“ aus dem Kinosaal raus. Pfuh!

Jordan Peeles neuester Streich bietet solide Horrorkost

Im Großen und Ganzen ist „Wir“ ein ordentliches Stück Horror-Unterhaltung geworden. Dabei begeistert das erste Drittel des Filmes am meisten. Während es schon im zweiten Drittel bergab geht. Interessant ist in jedem Fall, dass sich die Erzählung des Filmes peu a peu öffnet und immer weitere Kreise zieht. So ist das schlussendliche Mysterium so weit weg von dem intimen Einstieg im Sommerhaus von Adelaide und Co. wie es nur sein kann.

Und in genau diesem interessanten Punkt liegt auch das größte Problem von „Wir“. Peele will gefühlt irgendwann einfach zu viel. Viel zu viel. Als habe er sich selbst zu sehr unter Druck gesetzt, noch größer werden zu müssen als mit „Get Out“. Im Endeffekt setzt er so beinahe das gesamte letzte Drittel von „Wir“ komplett in den Sand. Denn das ist in seiner Mischung aus großteils unlogischer Übererklärerei und genialen Momenten in seiner Wirkung gar nicht einordenbar.

Was den Film dennoch problemlos über Standard hebt, ist die irre intensiv aufspielende Lupita Nyong’o („Black Panther“) als Adelaide. Die zieht einerseits als zunehmend kämpferischeres Muttertier den Zuschauer auf ihre Seite, nur um andererseits als beängstigende Anführerin der Doppelgänger-Angreifer-Familie nachhaltig zu verstören. Allgemein liefern alle Darsteller in „Wir“ gelungene Performances in häufig gleich zwei Rollen ab.

Zudem gelingen Jordan Peele immer wieder gelungene Einzelszenen, die auch und vor allem aufgrund ihrer perfekten Melange aus Bildern und Musik lange über den Film hinaus nachhallen. Das mag insgesamt keinen zweiten „Get Out“ ergeben, aber zumindest kann man Jordan Peele nicht vorwerfen, sich nur zu wiederholen und immer wieder denselben Film zu drehen. Ein wenig mehr Fokus für den nächsten Film wäre allerdings wünschenswert.

6 von 10

„Wir“ läuft ab dem 21. März 2019 in den deutschen Kinos, kommt von Universal Pictures und ist mit einer FSK 16 Freigabe ungeschnitten.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Universal Pictures__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__ Blu-ray/DVD: Nein/Nein, ab 21.03.2019 im Kino

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