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Gyo – Der Tod aus dem Meer

Originaltitel: Gyo__Herstellungsland: Japan__Erscheinungsjahr: 2012__Regie: Takayuki Hirao__Darsteller: n/a
Cover

Das Cover der deutschen Blu-ray von „Gyo – Der Tod aus dem Meer“ aus dem Hause I-On / Animaze.

Invasion der Krabbelfische

Auf den ersten Blick ist der mobile Fisch mit seinen Insektenstelzen und seinen Schläuchen, die aus den Kiemen ragen, eine typische Junji-Ito-Absurdität. Eigentlich viel zu unmöglich, um wahr zu sein, normalerweise nicht einmal in der Vorstellungskraft eines Horror-Mangaka. Und doch krabbeln sie schwarz auf weiß über das Papier und berühren etwas Archaisches tief in den Eingeweiden des Lesers. Ein nur allzu bekannter Effekt der Werke dieses Autoren. Etwas ist aber doch anders als sonst. Während nämlich die modifizierten Meeresbewohner die Küstenstadt überrennen, nimmt man eine Art Kollektivwahrnehmung der Ereignisse ein, die neben den Hauptfiguren auch sämtliche Bewohner einbezieht. Der Manga vermittelt, dass diese Parade der Fische, so abwegig sie erscheinen mag, nicht nur ein Hirngespinst ist, sondern tatsächlich in der physikalischen Welt stattzufinden scheint.

Kollektive Wahrnehmung findet zwar auch in vielen anderen Werken Itos statt, nicht zuletzt natürlich in „Uzumaki“, wo der Fluch der Spirale eine ganze Kleinstadt befällt. Dort bleibt der Ursprung der Horrors allerdings in letzter Instanz psychologischer Natur. Was sich an grotesken Strudeln in den Panels von „Uzumaki“ bildet, ist das Resultat einer Art Folie à Plusieurs, eines Massenwahnsinns. Bei „Gyo“ wiederum fühlt sich die Narrative nahezu nüchtern an, könnte man doch beinahe behaupten, die Story sei nach den Regeln technologischer Science Fiction aufgebaut. Ihre Struktur erinnert an wissenschaftlich angetriebene Belletristik wie Frank Schätzings „Der Schwarm“, wo sich messbare Dinge vom Kleinen ins Große ausbreiten.

So gesehen bietet „Gyo“ das, was man auch Schätzings Roman nachsagt: Die perfekte Filmvorlage, fast schon einen Drehbuch-Rohentwurf. Anders als „Tomie“ und „Uzumaki“, die 1998 bzw. 2000 als Realfilme adaptiert wurden, müsste man allerdings schon ein stattliches Budget aufbringen, um die maritimen Alptraumgeschöpfe einigermaßen überzeugend real zu verfilmen; ein Budget letztlich, das vermutlich in keinem Verhältnis zum Einspiel stehen würde. Insofern ist es nur logisch, dass man sich diesmal für den Anime als Realisierungsform entschied. Das Tokioter Studio Ufotable, das unter anderem für die „Garden of Sinners“-Reihe (seit 2007) und „Demon Slayer“ (seit 2019) verantwortlich zeichnet, transformiert das 400-Seiten-Zeichenwerk in einen 70-Minuten-Film… und pendelt dabei auf haarsträubende Weise zwischen Vorlagentreue zum und totaler Entfremdung vom Ursprungsmaterial.

Warum etwas ändern, das funktioniert?

Bedauerlich daran ist, dass die Abweichungen nicht etwa auf die allgemeine Erkenntnis zurückzuführen sind, dass sich nicht immer alles verlustfrei ins filmische Medium übersetzen lässt. Vielmehr scheint es sich um bewusste kreative Entscheidungen zu handeln, mit deren Hilfe der Stoff vereinfacht werden soll, bis zwecks besserer Verdauung nichts als oberflächliche Impulse übrig sind. Die im Manga so eng verwobenen historischen Subtexte, mit denen Ito die Kriegsgeschichte seines Landes als Trauma aufarbeitet und dabei fast zwangsläufig die gleiche Marschroute aus dem Meer aufs Festland beschreitet wie Ishiro Hondas Godzilla, sind zwar nicht völlig verschwunden, einfach weil sie unlösbar mit der Materie verknüpft sind. Sie werden aber spürbar in den Hintergrund verwiesen und ihrer Relevanz beraubt – mit dem Effekt, dass der Anblick der mit technischen Applikationen ausgerüsteten Invasoren aus dem Meer als Allegorie nur noch in abgeschwächter Form funktioniert.

Schaut in den Trailer

Stattdessen fühlte man sich bemüßigt, ohne jede Not am zentralen Figurenrepertoire herumzudoktern. Offensichtlich verkauft sich die Gruppendynamik eines Quartetts mit zwei Jungs, einer sexuell aktiven Männerfresserin und einer molligen Mitläuferin mit besonderem Faible für Essen aller Art besser als die einfache Pärchen-Konstellation aus dem Original. Für die zentrale Fisch-Problematik ist der Austausch ohnehin völlig obsolet, vielmehr dürfte es wohl ganz banal darum gegangen sein, eine populäre Figurenkonstellation zu imitieren, die sich in etlichen anderen Animes und Realfilmen und -Serien als Standard aus der RomCom-Ecke etabliert hat.

Darüber hinaus lässt sich die Regie anhand des Charakters Erika darauf ein, in Ecchi-Anime-Gefilde abzudriften. Da kommt es auch mal zum flotten Dreier, bei der Flucht vor den Angreifern werden nach und nach sämtliche Klamotten verloren und die Kamera erstarrt in aufreizenden Winkeln im höchst auffälligen Male Gaze. Hier wird zusätzliche Würze verteilt, die es ob der anderweitig bereits gut gewürzten Prämisse keineswegs gebraucht hätte.

Die DNA des Junji Ito

Trotz solcher Verschlimmbesserungen lässt sich Itos verdrehte Gedankenwelt nicht vollends domestizieren und muss zwangsläufig auch unter unkundiger Kreativkontrolle seine Faszination ausspielen. An einem Weißen Hai, der sich im Blitztempo mit Spinnengang durch die engen Flure der schmal gebauten japanischen Behausungen presst, ist eben erst einmal nicht viel kaputtzumachen. Das Artdesign scheint Giger und Lovecraft miteinander verheiraten zu wollen, und als Zuschauer kann man nicht mehr tun als ungläubig auf die Ergebnisse einer Imagination hinabzuschauen, die man wohl nie völlig entschlüsseln können wird. Auch die rasante Entwicklung vom Einzelfall einer biologischen Abnormität hin zur absoluten Mutanten-Apokalypse, die im Manga für ein Hochgeschwindigkeitslesetempo mit Pageturner-Garantie sorgte, wird zumindest ansatzweise spürbar, zumal sich die radikalen Veränderungen auf extrem kurzer Laufzeit ergeben. Kaum ist ein erster Ast von Darwins Evolutionsbaum wie eine Kakerlake fast unbemerkt hinter dem Schreibtisch verendet, ist trotzdem kurz darauf die gesamte Stadt in Stinknebel gehüllt.

Intensives Geruchskino

„The Death-Stench Creeps“, warb ja ohnehin damals schon der Buchdeckel für seinen Inhalt. Der Stoff, das darf man nicht vergessen, ist von einer sehr sensorischen Qualität, die über Auge und Ohr hinausgeht. „Stinklinien – Der Film“ wäre ein durchaus angemessener Alternativtitel. Aus den fließenden Schraffuren des Mangas, mit dem der Gestank der Fische visualisiert werden sollte, hat man im Anime einen Bildfilter gemacht, der gefühlt 60-70 Prozent der Spielzeit über den Animationen liegt und so wirkt, als würden Tausende wimmelnder Maden versuchen, das nicht vorhandene Filmkorn aufzufressen. Nicht nur hier kommt es zur Kollision zwischen handgezeichneter Animation und digitalen Bildelementen. Gerade bei den per Hand vermutlich nicht zu bewältigenden Fischmassen setzt das Studio verstärkt auf Computeranimation, ohne überhaupt zu versuchen, diesen Zustand per Cel-Shading oder anderweitig zu verschleiern.

Die handgezeichneten Elemente wirken gerade bei den Hintergründen und Silhouetten oftmals steif und über die Maßen symmetrisch, das ist aber bei Ito nicht anders. Umso detaillierter sind die Bewegungsabläufe einiger Kreaturen in Schlüsselmomenten animiert, die manchmal noch die Skizze durchscheinen lassen und dem digitalen Look so immerhin etwas Analoges entgegenzusetzen haben. Insgesamt muss man von einer durchwachsenen Hybrid-Animation sprechen, die im Pause-Modus einige Highlights in petto hat, in der Bewegung allerdings nicht immer ganz symbiotisch wirkt.

Ausgerechnet zum Ende hin, als sich der Befall immer stärker auf die Landbevölkerung verlagert, wirkt das Drehbuch zunehmend gehetzt. Nimmt man sich zu Beginn noch Zeit für gewisse Details (wie ein Close-Up eines Fischauges, der direkt aus dem Manga übernommen wurde), wird es bei der strengen Laufzeitvorgabe für solche Feinheiten schließlich zu knapp. Auch hier verflüchtigen sich die Subtexte wieder viel zu einfach, sozusagen gemeinsam mit der Luft, die fortlaufend aus den menschlichen Ballons entweicht. Die epische Breite einiger Schlusseinstellungen wird durch den fragmentierten Aufbau des letzten Akts kaum rechtfertigt.

„Gyo – Der Tod aus dem Meer“: Ein skurriler Anime, aber eine suboptimale Manga-Adaption

Dass das große Krabbeln nun in der laufenden Bewegung vonstatten gehen kann, ist sicherlich der große Mehrwert, den „Gyo“ in animierter Form zu bieten weiß. Fische, Weich- und Krustentiere mit den Fortbewegungsmustern von Insekten über festen Boden wuseln zu sehen, da frohlocken doch zumindest Freunde kruder Mystery-Horror-Absonderlichkeiten. Als Adaption schneidet der Anime allerdings eher mäßig bis enttäuschend ab. Unnötige Änderungen im Handlungsverlauf, wenig Interesse an den Subtexten und gewöhnungsbedürftige Animationen machen aus einer der besten Junji-Ito-Geschichten eine Angelegenheit für Komplettisten, die sich zu sehr auf die Stärke des Materials verlässt und ihr eigentliches Potenzial nicht einmal annähernd ausschöpft.

5 von 10

Informationen zur Veröffentlichung

„Gyo – Der Tod aus dem Meer“ erschien in Deutschland über I-On New Media / Animaze auf DVD und Blu-ray. Neben dem japanischen Originalton, der nur mit festen deutschen Untertiteln abgespielt werden kann, befindet sich auch eine deutsche Synchronisation auf der Scheibe (beide in DTS-HD Master Audio 5.1). Extras sind abgesehen vom Trailer und einer Trailershow mit weiteren Filmen nicht enthalten. Zusätzlich zur Standard-Blu-ray gibt es auch eine weitere Blu-ray-Ausgabe, die neben der 2D-Fassung eine 3D-Konvertierung an Bord hat.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: I-On New Madia / Animaze__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Ultra-HD Blu-ray/Blu Ray/DVD: Nein/Ja/Ja

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