„American Killing“, in den USA als „The Clairvoyant“ und „The Killing Hour“ bekannt, mischt Serienkillerkrimi, Mysterythriller und dezente Slasher-Vibes. Es geht um einen Killer, der seine Opfer mithilfe von Handschellen umbringt. Eine Kunststudentin zeichnet Visionen der Opfer auf, ein Polizist ermittelt mit ihrer Hilfe und ein Talkshow-Moderator nutzt den Fall für die Quoten seiner Sendung.
| Originaltitel: The Clairvoyant__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1982__Regie: Armand Mastroianni__Darsteller: Perry King, Norman Parker, Elizabeth Kemp, Kenneth McMillan, Jon Polito, Joe Morton, Antone Pagán, Barbara Quinn, Thomas DeCarlo, Lou Bedford, Tom Stechschulte, Louisa Flaningam, Olivia Negron, Steve Beauchamp u.a. |

„American Killing“, auch bekannt als „The Clairvoyant“ und „Killing Hour“, mischt Serienkillerkrimi, Mysterythriller und dezente Slasher-Vibes
Mit „The Clairvoyant“, also die Hellseherin, als Titel, da ließ sich in den horror- und slasherlastigen 1980ern kein Staat machen, dachten sich wohl die Verleiher. Also wurde er später auch in USA als „The Killing Hour“ vertrieben, in Deutschland als „American Killing“ mit entsprechend reißerischem Postermotiv und entsprechend reißerischen Werbesprüchen veröffentlicht.
Dabei sind die ersten Minuten in New York mit das Härteste, was der Film zu bieten hat. Erst wird eine nackte, mit Handschellen gefesselte Frauenleiche aus dem Fluss gefischt, danach geschehen zwei weitere Morde. Ein Mann wird beim Schwimmbadbesuch knapp unterhalb der Wasseroberfläche an eine Ausstiegstreppe gefesselt und ersäuft, an Kanalarbeiter mittels Handschelle an ein Eisenrohr gekettet und danach elektrifiziert. Graphisch ist das alles wenig explizit, gerade im Vergleich zu vielen anderen Filmen der Ära, aber durchaus unangenehm. Gerade Szene im Schwimmbad, in der das Opfer immer wieder verzweifelt zur rettenden Luft kommen möchte, löst eine Beklemmung aus, ist die Mordmethode doch eine perfide. Handschellen sind das verbindende Motiv der drei Taten.
Die Morde verbinden auch die drei Hauptfiguren. Die Kunststudentin Virna Nightbourne (Elizabeth Kemp) hat Visionen und zeichnet Bilder der Taten. Detective Larry Weeks (Norman Paker) arbeitet mit seinen Kollegen Cullum (Kenneth MacMillan), Sporaco (Jon Polito) und Rich (Joe Morton) an dem Fall, auch wenn die These vom Serientäter bloß nicht an die Öffentlichkeit soll. Und dann ist da noch der Talkshow-Moderator Paul ‘Mac‘ McCormack (Perry King), der freundlich mit Weeks verbunden ist und von diesem Informationen zu den Fällen erhält, die er aber tunlichst geheim halten soll. Mit der Cop-Reporter-Verbindung, die nur so semi-gut begründet ist, rüttelt „American Killing“ an der Glaubwürdigkeit, zumal Mac die Infos tatsächlich in der nächsten Sendung postwendend ausplaudert, einer Topquote wegen.
Die Polizei ist deswegen natürlich nicht begeistert. Nicht nur wird die Angst in der Bevölkerung hochgetrieben, lauter Pseudotäter stellen sich und verstopfen die Reviere. Aber auch Virna merkt dadurch auf und erzählt der Polizei von ihren Visionen, während der Mörder weiter umgeht…
Schaut euch den Trailer zu „American Killing“ an
Dass „American Killing“ gern dem Horror- und Slashergenre zugeordnet wird, dürfte wohl an seiner Veröffentlichungszeit, seiner Vermarktung und der Tatsache liegen, dass Regisseur Armand Mastroianni zwei Jahre zuvor mit seinem Regiedebüt, dem „Halloween“-Rip-Off „He Knows You’re Alone“, genau jenes Feld bearbeitet hatte. Schlitzerfreunde dürften allerdings eher enttäuscht reagieren, denn hier wird weder sonderlich viel noch sonderlich blutig gekillt. Meist ist eher die Hilflosigkeit der Opfer erschreckend, die beispielsweise in einem Fahrstuhlschacht oder in einem fahrenden Auto angekettet sind und kaum etwas gegen ihr Schicksal tun können. Die Folgeindizierung wundert da schon etwas, auch wenn eine Rückblende mit sexualisierter Gewalt im letzten Filmdrittel nochmal unangenehm ist. Letzten Endes ist „American Killing“ jedoch eher ein Serienmörderkrimi, der auch nicht allzu krude oder derb daherkommt. Manche Elemente erinnern an die US-Version eines Giallo, aber auch hier ist „American Killing“ wesentlich zahmer als seine Vorbilder.
So stehen dann auch weniger die Bluttaten als die Hauptfiguren im Vordergrund, die von Norman Parker („Fegefeuer der Eitelkeiten“), Perry King („Die Klasse von 1984“) und Elizabeth Kemp („Visionen des Schreckens“) recht brauchbar verkörpert werden. Parker ist solide als leichtfüßiger Schluffi-Cop, der von einer Karriere als Stand-Up-Comedian träumt und entsprechende Auftritte zum Unmut seiner Vorgesetzten auch in seiner Dienstzeit absolviert. Der Schauspieler spielt ihn als abgebrühten Bullen mit Herz am rechten Fleck, auch wenn er dann schwächelt und etwas soapig agiert, wenn er mal größere, lautere Emotionen zeigen soll. Das gleiche Problem hat auch Kemp in der Rolle der leicht traumatisierten Hellseherin. King hingegen gibt den Talkmaster als Charmeur, der umwerfend und verständnisvoll sein kann, diese Qualitäten aber knallhart zu seinem eigenen Vorteil einsetzen kann. In den Nebenrollen setzen die Cop-Kollegen noch kleine Akzente: Kenneth MacMillan („Runaway Train“) ist der resignierte Griesgram mit Leitungsfunktion, Jon Polito („Gangster Squad“) der umsichtige Kumpel von Weeks und Joe Morton („Zack Snyder’s Justice League“) der eher intellektuelle Ermittler, womit jeder der Polizisten genug eigenes Profil besitzt.
Allerdings setzt sich „American Killing“ am Ende des Tages zu sehr zwischen alle Genrestühle, um an einer Stelle so wirklich abzuholen. Als Horrorfilm oder Serienkillerthriller ist er eher zahm und wenig gruselig, zumal es wenige Szenen gibt, in denen Figuren akut in Gefahr geraten. Als Copkrimi sind die Ermittlungsarbeiten dann zu oberflächlich gehandhabt, auch wenn der Film ein paar rote Heringe auslegt, gerade wenn es zu Figuren geht, die man zu dem Zeitpunkt noch nicht einordnen kann. Als kritische Auseinandersetzung mit Verantwortung in der Medienwelt á la „Network“ bleibt er zu sehr bei Mac: Der nutzt den Fall knallhart für seine eigenen Vorteil, aber er bleibt auch nur eine Einzelfigur, wenn auch eine ambivalente. So wirkt es durchaus glaubwürdig, dass Virna seinem Charme zu erliegen droht, obwohl auch Weeks an ihr interessiert ist. Vielleicht ist das „Annie Hall“-Poster in der Wohnung des Cops da schon ein Hinweis auf die Ambitionen von Regisseur Mastroianni und Drehbuchautor B. Jonathan Ringkamp, die in der zweiten Filmhälfte viel Zeit auf das Werben der beiden männlichen Hauptfiguren um die Gunst der adretten Seherin verwenden, was aber leider wenig aufregend ist und das Tempo des Films eher verschleppt.
Das ist schade, denn Mastroiannis Film hat auch seine Vorzüge. Da ist der Whodunit-Aspekt, der dem Publikum zwar wenig zum Mitraten gibt, aber immerhin verdächtige Figuren überzeugend in die Story einbaut und bisweilen überraschend wieder entfernt, ehe das Ganze am Ende in einer unerwarteten, aber doch ziemlich durchdachten Auflösung mündet. Die dünn gesäten Spannungs- und Mordmomente sind durchaus kompetent gemacht und die Figuren besitzen genug Eigenleben, um nicht bloß Pappkameraden zu sein. Schade nur, dass „American Killing“ sich immer wieder von seinem Serienkillerplot entfernt und dafür lieber ausgiebig Auftritte in Comedy-Clubs zeigt oder Virna ausführlich über die Herkunft ihrer Gabe reden lässt, ohne dass der Film es in dieser Länge brauchen würde. Der hellseherische Aspekt, der an „Die Augen der Laura Mars“ erinnert, gibt dem Film ein übernatürliches Mystery-Element, was ihn etwas mehr in Richtung Horror rückt, obwohl die Zeichen sonst eher auf Großstadtthriller stehen.
So bleibt „American Killing“ dann bloß kompetent gemachtes Mittelmaß, mit recht gelungen geschriebenen und recht brauchbar gespielten Hauptfiguren, einer soliden, wenn auch manchmal etwas biederen Inszenierung, einer starken Auflösung und einer ungewöhnlichen Mordmethode. Schade nur, dass der Film seinen Serienkillerplot oft für Nebenhandlungen, vor allem die Buhlerei von Cop und Moderator um die Zeugin, vernachlässigt, auch wenn der Mix aus Copkrimi, Mysterythriller, US-Giallo und dezentem Horror immerhin nicht nur stupide bekanntes Genreterrain beackert.
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In Deutschland erschien „American Killing“ bei VCL/Screentime als ungeprüfte VHS. Diese entsprach der R-Rated-Fassung und war lediglich in Vollbild. Offiziell erschien der Film in Deutschland bisher nicht auf DVD, nur als Bootleg. Die US-DVD von Blue Underground unter dem Titel „The Killing Hour“ bietet ihn im Originalformat WS 1,85:1, mit einem Audiokommentar des Regisseurs, Deleted Scenes und dem Trailer als Bonus. Es handelt sich auch um die Unrated-Fassung, in der allerdings nur eine Szene in Rückblende alternatives Bildmaterial verwendet, was man an der Bildqualität auch erkennt.
© Nils Bothmann (McClane)
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