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Mord, wie er im Buche steht

Originaltitel: El club de los lectores criminales__Herstellungsland: Spanien__Erscheinungsjahr: 2023__Regie: Carlos Alonso Ojea__Darsteller: Veki Velilla, Iván Pellicer, Álvaro Mel, Priscilla Delgado, Hamza Zaidi, María Cerezuela, Ane Rot, Carlos Alcaide, Daniel Grao, Carmela Lloret u.a.
Mord wie er im Buche steht

Mit der Netflix-Produktion „Mord wie er im Buche steht“ liefert Carlos Alonso Ojea einen spanischen Campus-Slasher ab

Mit Filmen wie „The Nameless“ von Jaume Balagueró oder „Tesis“ von Alejandro Amenábar besitzt das spanische Horrorkino zwar einige Vorzeigewerke der 1990er, doch es war eher US-amerikanische Slasherfilm jener Ära, der Regisseur Carlos Alonso Ojea bei der Netflix-Produktion „Mord, wie er im Buche steht“ inspirierte.

Nach einer kurzen Auftaktsequenz um ein mörderisches Standoff zwischen einer Mutter und Tochter, deren Hintergrund sich dem Publikum natürlich erst diverse Filmminuten und Erklärungen später erschließt, springt der Film sechs Jahre in die Zukunft und an die Uni. Hier bekommt man das Figureninventar rund um Protagonistin Ángela (Veki Velilla) schnell mit Namenseinblendung vorgestellt. Da ist ihr Freund Nando (Iván Pellicer), der als einziger nicht studiert, sowie sechs weitere Mitstudierende, die gemeinsam einen Buchclub gegründet haben. Viele Eigenschaften verbergen sich hinter den Namen nicht, da sind eine Beauty, ihr Macho-Freund, eine Bibliothekarin, ein Bookfluencer, ein Streber und eine junge Studentin mit Fan-Fiction-Faible. Mit ähnlichen Labels werden sie auch später ganz offen innerhalb des Films bzw. der Dialoge belegt.

Ansonsten greift „Mord, wie er im Buche steht“ auf die beliebte Slasherformel vom schiefgegangenen Streich zurück. Dazu kommt es, als Ángela vom Professor in dessen Sprechstunde sexuell bedrängt wird und gerade noch fliehen kann. Da die Gruppe zuletzt einen Roman über Mörderclowns gelesen und besprochen hat, locken sie dem Grabbelakademiker spät abends in sein Büro, überfallen ihn in entsprechender Verkleidung und wollen ihn ordentlich erschrecken. Dummerweise segelt er dabei über die Brüstung und wird dabei literaturgerecht von der Lanze einer Don-Quichote-Statue aufgespießt. Natürlich wird die Tat vertuscht, natürlich gibt einen Schweigepakt der Marke „The House on Sorority Row“ oder „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ unter den Studis.

Da der Prof schwer alkoholisiert war und frisch geschieden ist, glaubt die Polizei auch an einen Unfall oder Selbstmord. Doch innerhalb der Chatgruppe des Lesezirkels meldet sich ein Unbekannter, der sich als Mörderclown ausgibt und ein Romankapitel veröffentlicht, in dem er die Ereignisse jener Nacht beschreibt. Er will seinen Roman fortsetzen und dabei den Buchclub dezimieren…

Schaut euch den Trailer zu „Mord, wie er im Buche steht“ an

Rein von der Prämisse her hätte „Mord, wie er im Buche steht“ eine Art „Scream“ mit Leseratten anstelle von Filmnerds werden können, doch leider ist Regisseur Carlos Alonso Ojea kein Wes Craven und Drehbuchautor Carlos García Miranda kein Kevin Williamson. So handelt es sich bei den Figuren zwar um begeisterte Leser und/oder Möchtegern-Schriftsteller, nur dass der Film kaum auf Genreregeln oder deren Vertrautheit mit dem Sujet eingeht. Ein paar Gespräche darüber, dass der Täter wahrscheinlich viel Horrorliteratur aus der Bücherei ausgeliehen hat oder die bei „Scream“ entliehen Frage, ob eine Frau die Taten auch begangen haben könnte, sowie Ángelas literarische Vergangenheit bleiben da dezente Verweise, ehe das Thema im Finale nochmal stärker zur Sprache kommt. Auch Verweise auf Don Quichote oder den Killerclown John Wayne Gacy sind einfach nur hineingeworfen, ohne tiefere Bedeutung. Gacy stellt immerhin eine Verbindung zum Mörderclown-Kostüm her, das alsbald auch der Killer anzieht. Das bewusst harmlos gehaltene Masken-Antlitz erinnert an Vorbilder wie den Babyface-Mörder aus „Happy Deathday“, als Waffe führt er einen Hammer mit angespitztem Stil mit sich herum.

Mit besagtem Werkzeug lässt sich dann auch prima morden, wenngleich nicht allzu variantenreich. Wobei kurzzeitig offen bleibt, ob die behaupteten Taten überhaupt stattfinden oder der Mörderclown seine Opfer nur hinters Licht führt. Doch nach den Regeln des Schlitzerfilms entpuppen sich die durchtrennten Kehlen, durchbohrten Brustkörbe und ausgeschlitzten Bäuche dann als real, womit für einige mehr oder weniger derbe Effekte gesorgt. Handwerklich geht das Gestalke und Geslashe auch in Ordnung, denn der oberflächliche, handwerkliche Spannungsaufbau stimmt, wenn einzelne Mitglieder des Buchclubs beobachtet, verfolgt oder angegriffen werden, inklusive einiger falscher Fährten und Jumpscares. Dabei setzt der Killer in der Tradition von Ghostface auch die modernen Medien ein: Drohungen über WhatsApp, Kapitelveröffentlichungen auf einer Autorenplattform im Internet, Überwachungsvideos mit dem Handy, ehe er dann mit Hammerwerkzeug auf Tuchfühlung mit potentiellen Opfern geht.

Doch beim Opfermaterial liegt dann der Hund begraben, denn das kommt über die Schablonen nicht hinaus, was die Figuren selbst sogar in einer der wenigen Metaszenen des Films anmerken. Darstellerisch geht das okay, mit Veki Velilla („Road to Hell“) als offensichtlichem Final Girl, das vom Killer in seinen Texten auch als Protagonistin bezeichnet wird. Dummerweise bleibt der Rest vom Fest dann doch profillos, was nicht nur das Mitfiebern im Überlebenskampf abdämpft, sondern auch die Subplots auf persönlicher Ebene. Da wäre vor allem die Beziehung Angelas zu ihrem Nicht-Studi-Freund Nando und dem sanften Intellektuellen Sebas (Álvaro Mel), der offensichtlich in sie verschossen ist. Für wen sich die Protagonistin in diesem Liebesdreieck entscheidet, bleibt einem auf der Figurenebene weitestgehend schnurz, auch wenn beide Galane natürlich als Täter in Frage kommen und es für beide Verdachts- und Entlastungsmomente im Filmverlauf gibt. Aber es bleibt dann doch eher Plotmechanik, während es einige der offensichtlichen Vorbilder von „Mord, wie er im Buche steht“ verstanden ihre Figuren zu vollwertigen Charakteren aufzubauen.

Aus den Vorbildern ist dann auch der eine oder andere Plottwist entlehnt – gerade das Finale lässt eine Inspiration klar erkennen. Natürlich ist klar, dass manches Detail (etwa eine Mail, die Ángela angeblich ihren Prof schrieb) später noch wichtig werden wird, aber immerhin ist „Mord, wie er im Buche steht“ dabei recht sauber geplottet, ohne allzu große Inspiration. Nach Zehn-klein-Jägermeister-Prinzip wird die Hauptfiguren- und damit auch Verdächtigengruppe immer kleiner, das Whodunit-Raten funktioniert ganz ordentlich, denn der Film füttert sein Publikum stetig mit Hintergrunddetails. Das ist manchmal konstruiert, aber im Slasher-Kontext nicht allzu sehr, das Ende hat noch eine Unidiskussion zu Bestsellern und Fortsetzungen parat, auf die wohl Ojea im Erfolgsfall spekuliert, womit er aber den zweiten Schritt vor dem ersten macht.

Denn für den Publikumswunsch nach einem Sequel müsste „Mord, wie er im Buche steht“ dann mehr sein als jene routiniert inszenierte, hübsch anzusehende Ansammlung von Slasher-Tropen, mit lauter offensichtlichen Vorbildern aus den 1980ern und 1990ern, die er zwar studiert, aber nicht verinnerlicht hat. Für eine echte Fallhöhe sind die Figuren zu stereotyp und zu egal, der Metaansatz, nach dem die Prämisse eigentlich schreit, wird kaum genutzt. So bleibt „Mord, wie er im Buche steht“ einigermaßen flotte Routine, die zwar recht kurzweilig daherkommt und solide geplottet ist, sich aber wenig inspiriert bei seinen offensichtlichen Vorbildern bedient und mit zu wenig Eigenleben füllt, um allzu lange im Gedächtnis zu bleiben.

Starke:

Als Netflix-Eigenproduktion ist „Mord, wie er im Buche steht“ aktuell nur dort zu sehen und wurde bisher nicht von der FSK geprüft. Der Streamingdienst empfiehlt ihn ab 16 Jahren.

© Nils Bothmann (McClane)

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