
Sam Raimi, Bruce Campbell und das gute alte Oldsmobile.

Reines Chaos: Die Kurzfilme von Sam Raimi & Co.
Auf dem Weg nach Hollywood
Während die Mitglieder der „Metropolitan Film Group“ um Sam Raimi, Scott Spiegel, Bruce Campbell & Co. mit der Kamera in der Hand langsam erwachsen wurden, veränderte sich auch der Anspruch an das eigene Schaffen. Der spielerische bis experimentelle Charakter, der die ersten Kurzfilme begleitete, wich Ende der 70er langsam den aufkeimenden Ambitionen, mehr vorauszuplanen und strukturierte Konzepte zu nutzen. Der Boxerfilm „The Final Round“ und schließlich die Krimikomödie „It’s Murder!“, die man aufgrund ihrer mehr als 70 Minuten Laufzeit noch vor dem legendären „Tanz der Teufel“ als Sam Raimis Spielfilmdebüt bezeichnen muss, markiert dahingehend wahrscheinlich den Wendepunkt. Eine wichtige Erfahrung war dieser Film nämlich nicht nur in Bezug auf den Umfang des Projekts, sondern auch in Bezug auf die einfache marktwirtschaftliche Erkenntnis, dass sich Horror schlichtweg besser verkaufen lässt als Komödie.
Die eigenen Einflüsse aus dem Slapstick- und Suspense-Thriller-Bereich wurden trotzdem weiter auf Herz und Nieren erprobt, aber nach und nach stellten sich die Weichen bereits in jene Richtung, die ihnen in den 80ern ihren Erfolg bescheren würde.
Nach unserem ersten Beitrag mit den gesammelten Werken der frühen 70er widmen wir uns nun einer Auswahl weiterer Kurzfilme ab 1978, bevor schließlich die Teufel das Tanzen lernten und eine neue Zeitrechnung anbrach.
Holding It
| Originaltitel: Holding It__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1978__Regie: Josh Becker__Darsteller: Bill Aaron, John Cameron, Bruce Campbell, Bill Kirk, Sam Raimi, Duff Sims, Richard Smith |
Der Toilettendrang als Versinnbildlichung des Suspense-Kinos – was für ein Konzept! „Holding It“ ist ganz und gar den glorreichen, oftmals politisch gefärbten Paranoia-Thrillern der 70er Jahre verschrieben und imitiert konsequent dessen heikle Situationen, die oft mit tickenden Uhren und Schweißperlen gepflastert sind. In der Eröffnung, die fast eher noch einem Beziehungsdrama ähnelt, wird das männliche Bedürfnis des Erleichterns schroff abgewiesen und der Filmtitel gerät zum Befehl. Fortan haben wir es mit einem Protagonisten zu tun, der eigentlich durchgehend unbedingt mal muss, aber nicht kann – weil die Lage Wichtigeres erfordert.
Entsprechend dramatisch peitscht die Musik und entsprechend diszipliniert nimmt sich das zum Klamauk neigende Raimi-Spiegel-Becker-Kollektiv zurück, um ausnahmsweise mal den Ernst der Lage walten zu lassen, obgleich natürlich jederzeit in der Luft zu liegen scheint, dass die Dämme brechen und der Blödsinn wieder regiert. Erst recht, wenn Bruce Campbell mit Schnauzbart höchst verdächtig eine Tasche am Bahnhof stehen lässt.
Die zweite Hälfte besteht im Grunde fast ausschließlich aus Darstellern, die sich die Beine in den Bauch rennen, um Person X zu finden oder Ort Y zu erreichen – das dürfte wohl für einige der Teilnehmer der körperlich anstrengendste Dreh ihrer gesamten pubertären Filmphase gewesen sein.
Der alles in allem etwas zu dünn ausgewalzte Drehbuchteig hätte gerne noch etwas dichter mit Verweisen auf die Genre-Klassiker belegt werden können, aber diese Erleichterung, wenn das Ende kommt, ist einfach eine unbezahlbare Erfahrung. Des besonderen Kicks wegen sei empfohlen, diesen Thrill am besten mit voller Blase zu genießen!
Clockwork
| Originaltitel: Clockwork__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1978__Regie: Sam Raimi__Darsteller: Cheryl Guttridge, Scott Spiegel |
Home Invasion in seiner reinsten Form. Keine Charakterprofile, keine Psychologie, sondern bloßer Affekt. Der Titel „Clockwork“ bezieht sich auf den ominösen Killer, der mechanisch wie ein Spielzeug zum Aufziehen zu Werke geht; der Killer wiederum steht für Sam Raimis Vorgehensweise als Regisseur. Der interessiert sich nämlich weniger für die Frau in Not als vielmehr für einen reibungslosen Ablauf des Terrors. So setzt er auf eine Verkettung von Handlungen, die den Eindringling und sein Opfer schließlich im oberen Bereich des Hauses zusammenführen.
Als Startpunkt braucht es nur die ominöse Silhouette im Vorgarten, dazu ein paar Noten aus „Psycho“, et voilà. Milchtüten kippen um, der häusliche Frieden, auf den es Raimi & Friends ohnehin immer abgesehen hatten, ist gestört. Ein paar nette Kamerafahrten (die Wischbewegung der Frau am Fenster vorbei, während die Silhouette draußen verschwindet; das Absenken der Kameralinse auf den Schlafzimmerboden, während sich die Frau entkleidet) deuten einmal mehr das Interesse des Regisseurs an kreativen visuellen Lösungen an.
Am Ende wartet eine „Shining“-Variation, und es ist einmal mehr die Türschwelle, an der entschieden wird, wer lebt und wer stirbt… eine Idee, die sich kurze Zeit später auch in die sagenumwobene „Evil Dead“-Blaupase „Within the Woods“ vererben würde.
Acting and Reacting
| Originaltitel: Acting and Reacting__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1978__Regie: Josh Becker__Darsteller: Pam Becker, John Cameron, Bruce Campbell, Charlie Campbell, Sam Raimi, Ted Raimi, Debbie Raucher, Scott Spiegel, Ruth Taubman, Matthew Taylor |
Eine Sorte Film, von der man wohl nicht erwartet hätte, dass sie dem Dunstkreis der geistigen Väter von „Evil Dead“ entsteigen könnte. Ein Essayfilm fürwahr, mit einem moderierenden Bruce Campbell, der, man kann es nicht anders sagen, als Showmaster und Entertainer geboren ist. Das ist eine Tatsache, die sich in all seinen anderen Kurzfilmen ebenfalls andeutete, die hier aber erst unleugbar wird, als er den Zuschauer über die vollen zwanzig Minuten hinweg an die Hand nimmt, um ihn über seine Philosophie der menschlichen Interaktion aufzuklären und nebenbei einen semidokumentarischen Abdruck der Jugendkultur der 70er Jahre zu nehmen.
Gemessen an den oft flach stapelnden Slapstick-Nummern der Truppe geht es in den erklärenden Monologen entsprechend auch mal in die Tiefe, auch wenn der Klamauk immer nur eine Wendung entfernt ist. So bietet sich unter anderem die seltene Gelegenheit, Sam Raimis pantomimische Fähigkeiten zu studieren, und auch Campbell trainiert schon mal für die Körperverrenkungen, die ihn später zur Legende machen würden.
Es ist nun nicht gerade Godard, der sich hier auftut, aber vielleicht doch der kleine, freche Bruder, der ihn imitiert und bewundert. Wenn also auch der andere freche kleine Bruder Ted Raimi wieder als kleiner Stöpsel mitmischt und seinen Part absolviert, ist das nur fair.
Within the Woods
| Originaltitel: Within the Woods__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1978__Regie: Sam Raimi__Darsteller: Bruce Campbell, Ellen Sandweiss, Mary Valenti, Scott Spiegel |

Die komprimierte Super-8-Version von „Tanz der Teufel“
Manchmal braucht es nur eine Waldhütte und ein paar Äste, um ein ganzes Universum loszutreten. Heute, da sich Bruce Campbell bereits durch drei Staffeln einer „Evil Dead“-TV-Serie geschnetzelt hat und die eigentliche Kinoreihe inzwischen von Nachwuchsregisseuren gepflegt wird, ist es umso faszinierender, noch einmal einen Blick zurückzuwerfen auf das Szenario, mit dem alles angefangen hat.
Letztlich, das zeigt sich beim Blick auf die hoffnungslos beschädigten Tape-Überreste dieser Aufwärmübung, muss man nur wissen, wie man den Scheinwerfer auszurichten hat, um selbst mit einem winzigen Modell einen gigantischen Schatten zu werfen. Wie sein geistiger Vorläufer „Clockwork“ ist auch „Within the Woods“ vor allem Architektur. Das „Woods“ im Titel steht mehr für „Gehölz“ statt „Wald“, denn Sam Raimi versenkt seine Zähne genüsslich in die Materie, die ihm die Kulisse bietet. Er lässt die Kamera tief am Boden einen ersten Testlauf für den legendären Low-Angle-Shot der rasenden Kamera über Waldboden vollziehen, derweil Blätter und Äste beiseite gefegt werden. Quer stehende Baumstämme werden wie Gefängnisgitter inszeniert; sie öffnen das Tor zur Hölle, nachdem Bruce Campbell und Ellen Sandweiss zu kitschigem, romantischen Gedudel ihre Beschützer-und-Beschützte-Rollen in einem gemeinsamen Picknick haben münden lassen und der Schlaf sie übermannt.
Das Aufwachen entpuppt sich dann als Sprung vom Traum in den Alptraum. Texas-Chainsaw-Massacre-Ästhetik macht sich an der Eingangstür des Hauses breit, auf dessen Veranda einige Zeit zuvor bereits die Holzschaukel zum Einlass geklopft hatte; jetzt ist es ein besessener Bruce Campbell mit gepitchter Dämonenstimme und einem deformierten Schädel, der aussieht wie ein leuchtender Polygonpickel kurz vor dem Platzen. Raimi scheint hier und jetzt live und in Farbe sein Genre-Händchen zu entdecken. Der Innenraum der Hütte trennt sich in Zylinder, Pyramiden und Würfel aus Licht, die das Dunkel zu einer grimmigen Plastik modellieren, die wie das Böse selbst dreinschaut. Da wusste jemand tatschlich, wie man kleine Effekte zu großen Schattenspielen macht.
Dazu breitet sich auf der Tonspur eine Symphonie des Terrors aus. Hier will jemand, dass man sich beim Anschauen maximal unwohl fühlt. Das nicht enden wollende Dröhnen komplementiert die dichte Choreografie von Aktion und Gegenaktion auf dem Bildschirm, die überhaupt erst für das beklemmende Gefühl sorgt, das auch „Evil Dead“ später auszeichnete.
Der Indianer-Mythos, der im einleitenden Akt als Begründung für das heitere Treiben herangezogen wird, ist bei alldem natürlich Mittel zum Zweck. Inhaltlich ist „Within the Woods“ ungefähr so originell wie ein Black-Metal-Video in einem norwegischen Wald; sein Augenmerk legt er darauf, die maximale Illusion mit einfachsten Mitteln zu bewerkstelligen. Und das bei aller Billigheimerei immerhin so effektiv, dass man danach erst mal Luft holen muss.
Night Crew
| Originaltitel: Night Crew__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1979__Regie: Scott Spiegel__Darsteller: Sam Raimi u.a. |
Bei einem Slasherstreifen freut man sich immer über einen hohen Bodycount, aber wenn am Ende nicht einmal das eigentliche Filmmaterial zu den Überlebenden gehört, dann ist das Massaker eindeutig zu derb ausgefallen. Von „Night Crew“, einem ursprünglich rund 20-minütigen Kurzfilm, sind inzwischen nur noch sechseinhalb Minuten übrig. Der Rest gilt heute als verschollen. Um zumindest das verbliebene Material zu retten, verklebte Scott Spiegel es zu einer Art geraffter Super-8-Rolle und unterlegte es mit Musik.
Trotz der deutlich sichtbaren Handlungssprünge ist offensichtlich, dass wir es mit einer Generalprobe für den späteren Langfilm „Intruder“ zu tun haben. Schon „James Bombed in Here Today… Gun Tomorrow“ hatte eine Supermarktszene zu bieten, aber erst hier wird das Setting in den Horror-Kontext überführt, für den die Sippe um Spiegel, Campbell und die Raimi-Brüder bekannt werden sollte.
Vom Buhmann, der offenbar hinter der Hauptdarstellerin her ist, die zu ihrer ersten Nachtschicht in einem Supermarkt antritt, ist am Anfang aufgrund des schlecht erhaltenen Filmmaterials nichts als Schwärze zu sehen, im erleuchteten Laden zwischen Dosensuppe und Cornflakes-Packungen entpuppt sie sich aber als eine Leatherface-Variation mit ein paar Pfund weniger auf den Knochen, aber dem gleichen Wahnsinn hinter der Maske. In Sachen Splatter wird immerhin ein Kopf geboten, der durch eine Metzger-Bandsäge geschoben wird, sowie eine am Haken baumelnde Leiche, die die Texas-Chainsaw-Massacre-Anleihen endgültig rund macht.
Schade, dass der Rest verloren gegangen ist, aber als Entschädigung gibt es ja einen gewissen 90-Minüter aus dem Jahr 1989.
Attack of the Helping Hand
| Originaltitel: Attack of the Helping Hand__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1979__Regie: Scott Spiegel__Darsteller: Linda Quiroz, Bruce Campbell, Sam Raimi |
Der kleine Küchenhelfer mit dem großen Namen eines XXL-Monsterfilms. Scott Spiegel hat mal wieder die Supermarktregale durchwühlt und zieht eine Packung „Hamburger Helper“ heraus, ein 1970 erstmals vorgestelltes Instant-Produkt, das amerikanischer kaum sein könnte. Das Verpackungsmaskottchen, ein weißer Handschuh mit Kochlöffel, macht seit jeher den Anschein, als habe es sich endlich von Mickey Mouse losgesagt, um sein eigenes Geschäft aufzuziehen. Hier springt es nun als rastlose Handpuppe mit putzigem Schiebfach-Mäulchen durch die Küche von Hauptdarstellerin Linda Quiroz und macht ihr geordnetes Hausfrauenleben zur Hölle, denn Cartoon-Humor kennt nur einen Zustand, den Endgegner einer jeden Hausfrau: Totales Chaos.
Wer immer mal die Vorlage der legendären „Bruce Campbell vs. Hand“-Szene aus „Evil Dead 2“ kennenlernen wollte, kommt um diese 6 Minuten vogelwilder Slapstick nicht herum. Es ist wahrlich keine schlechte Zeitinvestition: Das angestaubte Gesellschaftsbild der 50er wird spielerisch in das Format eines Werbeclips jener Zeit gegossen und mit schrillen Quietschstimmen der Marke „Silly Symphonies“ überzeichnet. Sam Raimi hat einen bemerkenswert einfältigen Gastauftritt als Werbesprech-Milchmann, sogar die Duschszene aus „Psycho“ wird anhand des ins Spülbecken gegossenen pürierten Inhalts eines Mixers – mitsamt geklautem Bernard-Hermann-Soundtrack! – nachgestellt, auch wenn Kameramann Bruce Campbell wohl irgendwie vergessen hat, einen Shot auf den im Abfluss versickernden Brei einzufangen.
Trotz der knappen Laufzeit gelingt es Spiegel, seine visuellen Gags mehrfach so aufzubauen, dass sie die Erwartungen an den Ausgang untergraben und eine unerwartete Richtung nehmen. Dadurch, dass am Ende der Kette mit dem Stop-Motion-animierten „Pillsbury Doughboy“ gleich das nächste Marken-Maskottchen bereitsteht, gerät die Handlung schließlich zur potenziell endlosen Ellipse, die sich ähnlich wie die laufenden Hintergründe in einem Hanna-Barbera-Cartoon selbst in den Schwanz beißt. Mehr als eine Spielerei mit den Möglichkeiten filmischer Manipulation ist „Attack of the Helping Hand“ schon aufgrund der begrenzten Spielzeit nicht, aber wer hier nur kindischen Blödsinn erkennt, schaut nicht genau genug hin.
The Blind Waiter
| Originaltitel: The Blind Waiter__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1980__Regie: Josh Becker, Scott Spiegel__Darsteller: Bruce Campbell, Scott Spiegel, Sam Raimi, Timothy Patrick Quill, John Cameron, Jayne Violassi, Rob Tapert, Julie Orman, Bart Pierce, Liz Dennison |

Bruce Campbell als Kellner? Da kann man sich ja schon denken, wohin das führt…
Es ist nur recht und billig, dass in Scott Spiegels Kurzfilmsammlung auch eine der unbestrittenen Königsdisziplinen der Slapstick-Komödie zu finden ist: Das ewige Missverständnis zwischen Gast und Kellner.
Das Mikrouniversum, das sich seit jeher zwischen Küche, Schwingtür und Speisesaal erstreckt, gehört schließlich nicht nur in jedes gute Restaurant, sondern seit Buster Keaton und Fatty Arbuckle („The Waiters‘ Ball“, 1916; „The Cook“, 1917) auch zur Grundausstattung in den Kinosälen. Die Marx Brothers („A Night at the Opera“, 1935; „Room Service“, 1938) haben diese Fußstapfen dann vertieft. Derartige physische Konzept-Comedy, deren Ursprung im performativen Jahrmarktkino der Jahrhundertwende liegt, dürfte das Verständnis des Regisseurs und seiner kreativen Mitdenker entscheidend geprägt haben. Zu ihren Einflüssen gehören darüber hinaus natürlich auch Animation Shorts wie „Porky’s Café“ (1942), spiegeln sich die physikalischen Unmöglichkeiten gezeichneten Gestolpers doch nicht zum letzten Mal in der entgleisenden Mimik des Bruce Campbell.
Mit 17 Minuten Spielzeit wird ihm eine relativ große Bühne gegeben, um sein Programm voll auszuspielen. Da wird ohne Unterlass mit Tellern jongliert und mit Kunden argumentiert, mit Töpfen gescheppert und mit Geschirr geklirrt, damit es auch bloß nicht zum erfolgreichen Vollzug des Service kommt. Manchmal stimmt das Timing bei der Imitation bestimmter Gesichtsausdrücke oder in der mündlichen Artikulation noch nicht hundertprozentig, aber es ist schon jetzt offensichtlich, dass Campbell diese Art der Performance schlicht und ergreifend in die Wiege gelegt wurde. Scott Spiegel und Sam Raimi stehen dem offensichtlichen Star seiner Disziplin als Assistenten zur Verfügung und machen ebenfalls keine schlechte Figur, wenn sie sich als Leitern missbrauchen oder über den Haufen rennen lassen. Dazu ertönt in der zweiten Hälfte Boots Randolphs „Yakety Sax“ in Dauerschleife. Was auch sonst, möchte man da sagen.
Bevor die Gäste endlich ihr Essen auf dem Teller haben, hat der unfähigste Kellner in ganz Michigan längst ein derartiges Tohuwabohu veranstaltet, dass man sich nicht einmal mehr sicher sein kann, ob die Kontinuitätsfehler (etwa ein „No Smoking“-Schild, von dem ein rauchender Gast das „No“ entfernt, das aber in der nächsten Szene wie von Zauberhand wieder da ist) nicht sogar Teil des Plans sind. Die Krönung ist dann die geradezu unverschämte Pointe zum Abgang. „The Blind Waiter“ ist vielleicht selbst kein „Classic“ geworden, aber weiß die echten ziemlich gekonnt abzubilden.
Torro. Torro. Torro!
| Originaltitel: Torro. Torro. Torro!__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1981__Regie: Josh Becker, Scott Spiegel__Darsteller: Scott Spiegel, John, Bruce Jones, John Cameron, Bruce Campbell, Pam Becker, Ted Raimi, Rob Tapert, Matthew Taylor, Bill Kirk, Julie Orman, Bart Pierce, Josh Becker, Kurt Rauf, Aimee Majdi, Alison Reed, Charlie Campbell, Shari Pearl, Theresa Tilly |
Da hat man doch gleich das japanische „Tora! Tora! Tora!“ im Ohr, gemischt mit den Rufen eines Toreros in der Stierkampfarena. Nun sind die Vorgärten amerikanischer Wohngebiete nicht unbedingt Pearl Harbor und auch nicht Pamplona, aber wenn Scott Spiegel und Gang einen Rasenmäher per Stop Motion durchdrehen lassen, ist Krieg vorprogrammiert – Achillesferse um Achillesferse, Haarbüschel um Haarbüschel.
Es ist jedenfalls erstaunlich, wie viele Meter Rasen (und Sonstiges) so ein Mäher in gerade mal fünf Minuten Nettospielzeit kurzgeschoren hat. Damals gab’s ja noch keinen „Braindead“ zum Vergleich. Mit der Frequenz einer Maschinengewehrsalve reiht sich ein physischer Gag an den anderen, nicht selten angelehnt an die Stummfilmzeit, aber durchaus auch aufgepeppt mit zeitgemäßen Popkultur-Referenzen wie „Der Weiße Hai“ und „Night of the Living Dead“. Torten werden dermaßen viele geworfen, dass man fast annehmen muss, dass sie den Löwenanteil der Produktionskosten ausgemacht haben müssen.
Dazu ertönt permanent debile „Dubi-dubi-dumm“-Musik, wenn nicht gerade ein Blasorchester das Zepter übernimmt. Den tapferen kleinen Rasenmäher kümmert das alles nicht; er macht einfach weiter und hat nichts anderes im Schilde, als das Vorstadt-Spießertum so richtig vorzuführen – was ihm vortrefflich gelingt.
Cleveland Smith: Bounty Hunter
| Originaltitel: Cleveland Smith: Bounty Hunter__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1982__Regie: Josh Becker, Scott Spiegel__Darsteller: Bruce Campbell, Cheryl Guttridge, Sam Raimi, Ted Raimi, Scott Spiegel, Rob Tapert, Bridget Hoffman |

Bruce Campbell auf den Spuren von Indiana Jones
Ein wahres Stock-Footage-Fest, gefüllt mit Nazi-Aufmärschen, Eingeborenentänzen und schreienden Urwaldtieren. Mittendrin ein schon jetzt formidabler Bruce Campbell als Harrison-Ford-Klon, der sich nur durch seinen Schnäuzer vom Original abhebt. In voller Montur darf er die besten Momente der Indiana-Jones-Reihe (inklusive Flucht vor der rollenden Steinkugel) nacherleben, wenn er nicht gerade mit der Peitsche an einem Flugzeug hängt und gegen Bäume geschleudert wird oder auf dem Rücken eines Dinosauriers balanciert. Und Sam Raimi in Nazi-Uniform mit deutschem Akzent das Wort „kaputt“ sagen hören, ist auch ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.
Ästhetisch angelehnt an die Serials, die in den 30er Jahren im Kino vor dem Hauptfilm gezeigt wurden, entpuppt sich auch dieses Slapstick-Feuerwerk in tollkühnem Schwarzweiß als eine filmische Rube-Goldberg-Maschine, die eine Gummihose (!) in unzähligen Einzelabschnitten zu ihrer finalen Bestimmung befördert – einer Pointe in Form eines hirnrissigen Wortspiels, mit dem die Spielberg’sche Bundeslade und damit stellvertretend jeder MacGuffin, der je einem Abenteuerfilm zu seinem Antrieb verholfen hat, durch den Kakao gezogen wird.
Technisch erweist sich das Stückwerk als durchaus fruchtbare Übung in Sachen Schnitt und visuelle Effekte. Kombiniert mit den exotischen Schauplätzen wird dadurch mit einfachsten Mitteln ein perfides Spiel mit der Wahrnehmung des Zuschauers getrieben, der weit mehr Abenteuerliches zu sehen glaubt als in Wirklichkeit dahintersteckt. Dass die Effekte bei genauerem Hinsehen schnell entlarvt sind, macht Campbell mit seiner unwiderstehlichen Gesichtsakrobatik schnell wieder vergessen. Prädikat: Fast so unterhaltsam wie das Original!
The Sappy Sap
| Originaltitel: The Sappy Sap__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1985__Regie: Sam Raimi__Darsteller: Bruce Campbell, Cheryl Guttridge, John-Bruce Jones, Scott Spiegel, Rob Tapert |
Sam Raimis letzter Kurzfilm, entstanden vier Jahre nach „Evil Dead“, könnte ebenso gut aus den Tagen seiner ersten Gehversuche stammen. Geworden ist es eine weitere Hommage an die goldene Ära des physischen Stummfilms, der anhand von Zeitraffer-Aufnahmen und expressionistischen Darstellerschnuten auf originalgetreu getrimmt wird. Die Balanceakte eines Buster Keaton oder Charlie Chaplin spiegeln sich in schwankenden Kamerafahrten, die zumindest im Vorspann das Blickfeld eines Betrunkenen imitieren (der dann auf den Bordstein geschrieben die Credits zu lesen bekommt). Die komplette Handlung dreht sich um das Überqueren einer vielbefahrenen Straße. Wenn man so will, haben wir es also mit „Frogger – der Film“ zu tun, nur dass auf der anderen Straßenseite nicht die Freiheit wartet, sondern die Angebetete, die sich die Wartezeit einfach mit Schokolade versüßt – zur Not auch mit einem Giant-Prop-Gag in Form einer überdimensionalen Schokomilch.
Dieses letzte Aufbäumen der Kurzfilmphase wirkt letztlich wie aus der Zeit gefallen, weil sich die Zeiten einfach geändert hatten und nach Neuem verlangten, aber Raimi hat dann ja auch entsprechend geliefert, und zwar in Hollywood-Dimensionen.
Informationen zur Veröffentlichung
Eine vollständige Sammlung aller Kurzfilme Raimis, Beckers und Spiegels aufzutreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. In den USA wurden vor vielen Jahren ausgewählte Kurzfilme als Kollektion auf DVD veröffentlicht. Über die Seite super8shorts.com konnte man zwischen 2017 und 2018 insgesamt drei Volumes mit jeweils elf Kurzfilmen ordern. Inzwischen ist dort auch eine Blu-ray-Ausgabe angekündigt, die alle bisher veröffentlichten Kurzfilme enthalten soll. Ein Veröffentlichungsdatum ist momentan noch nicht bekannt.
In Deutschland findet man zumindest die Kurzfilme James Bombed in ‚Here Today, Gone Tomorrow’“ (1976), „Attack of the Helping Hand“ (1979) , „The Blind Waiter“ (1980), „Torro, Torro, Torro!“ (1981), „Cleveland Smith Bounty Hunter“ (1982), „Night Crew“ (1979, Outtakes) und „Oedipus Rex“ (1975) im Bonusmaterial der 4K-UHD-Premiere von „Bloodnight“ aka „Intruder“ aus dem Hause Wicked Vision.
Sascha Ganser (Vince)
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