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RPG – Real Playing Game

Originaltitel: Real Playing Game__Herstellungsland: Portugal__Erscheinungsjahr: 2013__Regie: David Rebordão__Darsteller: Rutger Hauer, Alix Wilton Regan, Dafne Fernández, Soraia Chaves, Pedro Granger, Reuben-Henry Biggs, Victória Guerra, Cloudia Swann, Cian Barry, Nik Xhelilaj, Tino Navarro u.a.
RPG - Real Playing Game

Rutger Hauer will das ewige Leben in “RPG – Real Playing Game”

Die nahe Zukunft. Ein futuristischer Jet landet. Ein einziger Passagier steigt aus und wird von einer Dame mit einem cool designten Auto, das ähnlich einem Hoover Craft über der Erde schwebt, abgeholt. Auf der Fahrt startet eine Hologramm-Werbung einer Firma namens RPG. Der Mann bittet die Chauffeurin, die Werbung abzuschalten. Kurz darauf kommen beide am Gebäude ebenjener Firma an. Hier hat der Mann einen Termin mit dem Chef von RPG. Dieser macht ihm ein erstaunliches Angebot. Man könne bei RPG einem todkranken, aber irre reichen Mann wie Steve Battier einen letzten großen Wunsch erfüllen. Man könne sein Hirn für wenige Stunden noch einmal in einen jungen Körper transferieren. Er könne so noch einmal spüren, wie es ist, einen kräftigen, einen jugendlichen, einen gesunden Körper zu haben. Battier zögert dennoch. 500 Millionen für wenige Stunden Jugendlichkeit? Da wird ihm unterbreitet, dass er die zehn Stunden nie wieder vergessen werde, denn ebenjene werde man so aufregend wie irgendmöglich gestalten…

Ich gebe gerne zu, dass ich vorm Einlegen des Filmes „RPG – Real Playing Game“ eher keine großen Erwartungen in die kommenden 90 Minuten gelegt hatte. Das Cover ist zugegeben sehr stylisch, doch Phrasen wie „Surprises At Every Moment“ schreckten eher ab als Zuversicht zu sähen. Doch nach den ersten zehn Minuten war ich unglaublich angetan! Die Special Effects, die sphärische Musik, das extrem coole, ein wenig an Apple gemahnende Produktionsdesign der Räumlichkeiten von RPG und ein sehr souveräner Rutger Hauer machten richtig Staunen! Und die Andeutungen für die kommenden 80 Minuten saßen auch verdammt gut. Selten wurde ein „10 kleine Negerlein“-Streifen besser eingeleitet als „RPG – Real Playing Game“. Das erstaunliche: „RPG“ konnte auch weiterhin das Niveau mühelos halten!

Nachdem nämlich das Gehirn von Battier in einen jugendlichen Körper transferiert wurde, findet er sich in einer Art Ruinenstadt wieder. Allerdings weiß er nicht mehr, dass er bei RPG war und auch der Hirn-Transfer ist ihm nicht mehr bewusst. Nach und nach trifft er auf weitere junge Leute, die allesamt nicht wissen, wie sie an diesen Ort gekommen sind und was sie hier verloren haben. Da erscheint ihnen der Chef von RPG und unterrichtet sie, dass ihre „alten“ Hirne an den Wissensstand des Alters der Körper angepasst worden, welchen sie jetzt „besitzen“. Und dass sie nun zum Teil eines Spieles geworden seien. Das „Real Playing Game“ habe begonnen. Die Regeln:

1. Nur einer wird den Ort, wo alle erwachten, lebend verlassen.
2. Jede Stunde muss einer der insgesamt zehn jungen Leute durch die Hand eines anderen sterben, ansonsten tötet das Spiel zufällig einen Mitspieler.
Für den dritten Punkt lässt der RPG Chef Hologramme erscheinen. Diese bilden die in dem Spiel befindlichen Leute (inklusive einiger wichtiger Informationen zu ihnen) ab, allerdings zu der Zeit, als sie zusagten, ihr Hirn transferieren zu lassen. Das heißt, die jungen Leute mit den ebenfalls verjüngten Hirnen sehen so, wie die eigentlichen Hirnbesitzer im Alter aussehen. Man könnte auch sagen, die jungen Hirne sehen ihre zukünftigen körperlichen Ichs (Ich gebe zu, das klingt alles ein wenig kompliziert). Wichtig für das Spiel ist jedoch, dass jeder, der einen der anderen Mitspieler umgebracht hat, dessen „Hirnspender“ identifizieren und das entsprechende Hologramm berühren muss. Liegt er mit seiner Vermutung falsch und ordnet das „alte“ und das „neue“ Ich seines Opfers falsch zu, wird er ebenfalls von dem Spiel getötet…

Und damit beginnt das „10 kleine Negerlein“-Prinzip des Filmes anzulaufen. Bis zu diesem Moment schwebten diverse philosophische Fragen über dem Film: Etwa die Frage nach der Unsterblichkeit. Oder die Frage, was man tun würde, um noch einmal jung zu sein. Sobald das Spiel allerdings angelaufen ist, wird „RPG“ mehr und mehr zu einem Vexierspiel der Identitäten. Alles dreht sich nun darum, wer wer ist. Falsche Schlussfolgerungen können verheerende Folgen haben. Was freilich noch dadurch erschwert wird, dass manche an dem Spiel Beteiligte als junge Ichs nicht einmal zwingend auf das gleiche Geschlecht zurückgreifen mussten und so auch der Aspekt des Internet-Gender-Switchings immer mitschwingt. Dazu gesellt sich freilich die grundlegende Frage, wer denn überhaupt in der Lage ist, einen anderen Menschen zu töten und wie man einen Menschen triggern muss, um ihn zu einem Mord zu bewegen.

Es bleibt also durchgehend spannend, denn der Film wählte schon früh einen interessanten Ansatz für sein weiteres Fortschreiten. Er zeigte uns nämlich nur Battier und dessen Wahl seines jungen Körpers. Die Folge ist: Der Zuschauer weiß wie Battier überhaupt nicht, welcher alte Mensch, der von einem der Hologramme repräsentiert wird, in dem jeweiligen jugendlichen Körper steckt. Er hat also den gleichen Kenntnisstand wie die Hauptfigur. Leider hält der Film sich über die anderen Charaktere so sehr mit Informationen zurück, dass man nicht wirklich mitraten kann, einfach weil man gar nicht weiß, was das nun eigentlich für Charaktere sind, die da in den jungen Körpern stecken sollen. Der Film ködert den Zuschauer zwar mit kurzen Informationen (Schauspieler, russischer Mörder, Lesbe,…), das reicht aber leider nicht aus, um den Zuschauer vollkommen in das Ratespiel zu involvieren. Es muss also reichen, sich ein Stück weit überraschen zu lassen. Da der Film aber – der Werbespruch hatte tatsächlich mal recht! – einige Haken schlägt und mit den Erwartungen der Zuschauer spielt, um sie mal punktgenau zu erfüllen und mal gekonnt zu unterwandern, hält er die Spannungskurve immer auf einem gekonnt hohen Level… Und das bis zum Finale, wo noch einmal ein schöner Twist lauert.

Einzig das Tempo stimmt in diesem Abschnitt hier und da nicht vollends. Dazu kommen ein zwei Dialoge, die arg bemüht wirken und so manche Situation wirkt arg hingebogen. Auch kleinere logische Nachlässigkeiten tauchen auf. So fragt man sich schon, wo etwa die jungen Körper für die alten Hirne herkommen? Zumal angedeutet wird, dass die jungen Körper das gesamte Procedere gleich mal gar nicht überleben werden. Andere Momente wirken hingegen nur unlogisch (etwa wenn manche vorgeben, nicht zu wissen, wer sie sind), machen aber im Rahmen der Grundsituation und dem Spiel mit dem Thema der Identitäten absolut Sinn (Identitätsdiebstahl sei genannt, um so einen anderen „reinzureiten“).

Die Darsteller schlagen sich weitgehend sehr ordentlich. Der Souverän Rutger Hauer („Surviving the Game“) ist leider nur zu Beginn und gegen Ende zu sehen, macht dabei aber einen tollen Job und kommt sehr cool rüber. Als sein junges Alter Ego agiert Cian Barry, der zwar optisch nicht auf Rutger Hauer passt, aber von der Präsenz des „in ihm steckenden Hauers“ zehrt und ein zwei Manierismen Rutgers gut imitiert. Die restlichen Darsteller rekrutieren sich aus ausnehmend jungen und attraktiven Menschen aller möglicher Nationalitäten. Warum das? Weil man so freilich auch mit Erwartungen spielen kann. Steckt der afroamerikanische Staatsmann im Körper eines schwarzen Spielers? Nun ist der einzige schwarze Spieler eine Frau. Wollte der Staatsmann mal die Seiten tauschen? Kurzum: „RPG“ nutzt alle Möglichkeiten, um seine Zuschauer in die Irre zu führen.

Inszenatorisch kann man dem Film keinerlei Vorwürfe machen. Highlight ist freilich der Designtraum der ersten und letzten Minuten des Filmes. Doch auch den verfallenen Schauplatz in Portugal rücken die Regisseure Tino Navarro und David Rebordão ins rechte, sehr farbsatte und vornehmlich mit Handkameras inszenierte Licht. Vom Soundtrack tönen mal melancholische, mal sphärische und mal spannungsfördernde Töne, den Schlusspunkt setzt ein großartig arrangierter Abspannsong, der jedem Bondfilm gut stehen würde und noch einmal die Frage aufwirft, was der Mensch bereit wäre, zu geben, um sich seine Jugendlichkeit zu erhalten. In Sachen „10 kleine Negerlein“-Spiel kann man festhalten, dass der Film lieber über seine grundlegenden Ideen als über Splatter satt funktionieren will. Sobald es aber hart wird, hat das schon seine Wirkung, zumal auf dem „Spielfeld“ keine Waffen im eigentlichen Sinne vorhanden sind. Ergo werden Kehlen mit scharfkantigen Steinen und Flaschenhälsen aufgeschnitten, Stöcke in Augen getrieben und Menschen von hohen Mauern gestoßen, um am Boden brachial zu zerplatzen. Gorehounds werden hier aber dennoch nicht fündig.

Unterm Strich bleibt ein höchst gelungener Genrebeitrag aus Portugal, der mal eine wirklich interessante Grundprämisse präsentiert, um eine Handvoll junger Leute mit tödlicher Konsequenz aufeinander zu hetzen. Die wertige Umsetzung, die twistreiche Inszenierung, das spannende Spiel mit den Identitäten und die Frage um das ewige menschliche Lieblingsthema rund um den Jungbrunnen und dessen Wirkung auf uns lässt problemlos darüber hinwegsehen, dass längst nicht alle Fragen zufriedenstellend beantwortet werden und das Tempo ein zwei Mal empfindlich einbricht.

Über eine Veröffentlichung in Deutschland ist mir bisher nichts bekannt. Dem Review lag die britische Scheibe von dem Label Kaleidoscope zugrunde. Diese hat neben dem Trailer zum Film einen Audiokommentar an Bord. Mit einer Freigabe ab 18 ist der Film uncut.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
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Copyright aller Filmbilder/Label der UK Ausgabe: Kaleidoscope__Freigabe: ab 18__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Ja

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